Freitag, 30. Dezember 2011

"Endstation Dornach"- eine Buchbesprechung

Unabhängig davon, ob diese Besprechung noch in irgend einem Printmedium erscheinen sollte (das muss vielleicht noch, nach dem Skiurlaub, in einer Redaktionskonferenz besprochen werden und, wer weiß, vielleicht findet sich ein freies Eckchen im Maiheft, vielleicht erleidet aber auch ein Redakteur einen allergischen Schock und verlegt die Publikation ins publizistische Irgendwann oder gar in feuerschwertlodernde Nimmermehr! ), stelle ich meine persönliche Buchbesprechung wegen der Aktualität der Diskussionen auch in diesem Blog jetzt einfach mal ins Netz, als PDF- Download. Zur Vor- und Nachgeschichte vielleicht bald noch etwas mehr.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Die Liebeshandlung

Bild: Literaturblog
Ich habe ja schon seit Wochen nicht nur gewartet, sondern meine Familie malträtiert, um klar zu machen, dass das einer meiner dringenden Weihnachtswünsche ist; ja, ich habe meiner Familie aufgenötigt, mir dieses Buch zu schenken. Warum ich es nicht einfach direkt beim Erscheinen erworben habe, weiß ich nicht mehr sicher- vielleicht weil Vorfreude eben doch etwas hat, vielleicht weil ich die Late- Night- Bücher- Talkshows sehen wollte, die nicht selten auf diesen Roman zu sprechen kamen. Die Vorfreude ist auch deshalb groß gewesen, weil Jeffrey Eugenides nur alle paar Jahre etwas publiziert, um es gelinde auszudrücken. Das Erscheinen von "Middlesex" ist rund 8 Jahre her, und die Pause zu "Die Selbstmord- Schwestern" (1993) war fast schon homerisch.

In den letzten Tagen war ich daher schwer erreichbar, denn "Die Liebeshandlung" ist nicht nur wegen der rund 600 Seiten Umfang ein Schwergewicht. Das Buch ist vom ganzen Auftritt her ein Klassiker- der Stil brillant und geschliffen, ohne jemals aufdringlich oder manieriert zu wirken. Die wenigen handelnden Personen sind bis ins Detail hinein präzise gezeichnet- man lebt als Leser mit ihnen mit und man lebt sich in sie hinein; man erlebt sie vielschichtig und geradezu schmerzhaft nahe kommend.

Es geht, wie man so sagt, um eine "Dreiecksbeziehung", ohne dass die Assoziationen, die bei einer derartigen Bezeichnung auftreten, im geringsten berechtigt wären. Eine junge Frau hat zwei (männliche) Freunde, die untereinander nichts verbindet. Sie treffen erst am Ende des Romans aufeinander. Der eine, Mitchell, verehrt und begehrt die Hauptperson, Madeleine, bis zur Selbstaufgabe, ohne dass es je zu einer Art regelrechter Beziehung kommen würde. Madeleine schiebt diesen kuhäugigen Verehrer mit Ausdauer eher etwas verächtlich beiseite. Stattdessen lässt sie sich auf einen jungen Charismatiker ein, der ins Semiotik- Seminar am College stürmt und sämtliche jungen Frauen durch seine Verletzlichkeit und offensichtliche Genialität für sich einnimmt. Während Mitchell sich auf eine Sinnsuche begibt und mit einem schwulen Freund nach Europa und Indien zieht, gehen Madeleine und Leonhard eine Beziehung ein, die allerdings von Anfang an unter keinem guten Stern steht, weil Leonhards geniales Wesen sich als ein Zug heraus stellt, der pathologische Züge hat; Leonhard ist offensichtlich manisch, stürzt aber auch in tiefe, klinisch zu behandelnde Depressionen.

Der Roman begleitet diese junge Ehe, die in besonderem Maß von dieser bipolaren Störung bestimmt ist; das Paar hatte keine Chance, sich in stabilen Phasen zu entdecken und etwas wie ein gemeinsames Leben zu entfalten. Schon auf der Hochzeitsreise eskaliert die Situation in Südfrankreich. In derselben Zeit scheitert Mitchell in seiner Arbeit für Mutter Theresa in Indien am Ekel vor den entstellten Körpern der Sterbenden, die er betreuen soll. Seine spirituelle Sinnsuche hat ihn hier her geführt, aber die romantische Fassade zerbröselt. Er flieht ins heimische New York und begegnet auf einer Party sofort Madeleine, die wiederum und diesmal endgültig ihre Hoffnungen auf ein gemeinsames Leben mit ihrem schwer kranken Mann begraben muss.

Wir haben es in diesem Roman - deshalb ist er von Eugenides, der übrigens Creative Writing in Princeton lehrt, geschrieben worden- mit einer Neubelebung des klassischen Liebesromans zu tun. Das ist ein Kalkül und ein Konstrukt, aber was für eines! Dieses durch und durch strukturierte Werk kommt derartig leichtfüßig daher, dass es ein reines Vergnügen ist, es zu lesen. Trotz der extrem belastenden Situationen, die geschildert werden, geht man in diesen Lebenssituationen auf, ja wird von ihnen absorbiert und als Leser verschluckt. Wer jemals an der Seite von einem schwer psychisch erkrankten Menschen gelebt hat, kann die Präzision von Eugenides´ Schilderung nur zutiefst bewundern. Hier wird nichts beschönigt, nichts romantisiert, nichts übertrieben, aber man versteht die Antriebe, die Impulse und Gefühle der handelnden Personen. Ein schreckliches und zugleich tröstliches Buch. Schließlich geht es ja auch um die Ehe. :-)

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Schrott

Original..









und andere Nuancierung:










"Raumschiff" klingt doch viel abenteuerlicher als "Weltraumschrott". Eine Einladung dazu, munter weiter zu spekulieren und zu konstruieren.

Mittwoch, 21. Dezember 2011

"Endstation Dornach" eingetroffen

Da ist es, das Große Werk, gerade rechtzeitig zur Weihnachtszeit. Wer Oma im anthroposophischen Altersheim etwas Gutes tun will, liegt hier sicher richtig. Ich durfte es sogar als Belegexemplar bekommen, wofür ich mich herzlich bedanke. Das ist bei mir als Blogger nicht gerade der anthroposophische Standard. Ich meine, es gibt sonst nichts.

Bei mir gibt es aber schon etwas, denn das Kapitel aus dem Buch Endstation Dornach, das sich bislang aus Platzgründen im Hintergrund halten musste, ist (oben in der Leiste) wieder da. Bei dem etwas über ein Jahr bestehenden Egoistenblog ist die erste Meldung zum kommenden Erscheinen des Buchs gleich zum Start erschienen und wurde der klare Quotenhit des Jahres- schon weil man sich in endlosen Kommentarschleifen unendlich gestritten hat. Das lesen die Leute heute noch gern. Intern nennen wir so etwas "Saalschlachten", also das heißt fast Jeder, weil hier ja alles intern ist oder nichts. Auf jeden Fall freue ich mich, eine Rezension für das Buch schreiben zu dürfen. Das Buch ist jetzt - Scherz beiseite- tatsächlich im Buchhandel erhältlich.

Für die grimmigen Methusaleme und die kritikresistenten Worteklauber, für die In-den-Wolken-Schwebenden, für die, die eigentlich Buddhisten sind, aber doch schon seit 10 Jahren Steiner lesen, für den Jetsetter, dessen Tochter Bio- Bäuerin in Lyon ist und der selten etwas liest außer Charts, für alle wird es ein Kapitelchen im Buche geben, in dem sie sich finden werden. Frieden sei ihrer Seele.

Na ja. Oma schreit aus dem Gitterbett, ob das Buch wirklich von Steiner ist, aber ich sage, um des Friedens willen, "So was ähnliches." Dann ist Ruhe. Ich glaube, sie hat es geschluckt. Nicht das Buch, meine Notlüge. Morgen werde ich es selber lesen.

Montag, 19. Dezember 2011

Gauckwürdigkeit

..kämpft um Gauck- Würdigkeit (um Glaubwürdigkeit sowieso). Ach nein, er kämpft ja gar nicht, er lässt seine Frau prestigeträchtige Kleider in der "Bunten" und der "Gala" vorführen. Ach nein, er kämpft gar nicht, er lässt eine Anwalts- Kanzlei vor. Ach nein, er kämpft gar nicht, er lässt Frau Angela Merkel ihm ihr "vollstes Vertrauen" aussprechen, was, er sollte es eigentlich wissen, durchaus ein zweischneidiges Schwert sein kann, ja, ein Dolchstoß. Denn wer solche Erklärungen nötig hat, weiss sich selbst offenbar nicht mehr zu helfen. Ja, für wen kämpft dieser Bundespräsident? Für sich selbst offenbar, aber nicht einmal das mit dem notwendigen Einsatz, den notwendigen Worten, dem notwendigen Auftreten. Biblisch gesprochen: Gewogen und für zu leicht befunden.

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Zum Ende des Foto- Wettbewerbs

Hier noch mal der Überblick über alle eingereichten Fotos. Nach Zugriffszahlen hätte übrigens Anonym1 gewonnen, aber bei der Anzahl der "Hits" geht es ja auch um die Teilhabe am Gesprächsverlauf in den Kommentaren, nicht nur um das Foto selbst. Bitte nennt in den Kommentaren hier einfach ein Foto, das Euch nach den Kriterien Originalität, Witz und technischer Qualität am besten gefällt- selbstverständlich ggf. auch Euer eigenes. Einen Preis gibt es leider nicht, nur die Ehre. Es reicht, einfach "Bild x" zu schreiben, aber selbstverständlich könnt Ihr Eure Wahl auch ausführlich begründen :-) Ende der Auszählung: 20.12.2011.

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Die technologische Materialisierung des Ego

Von dem neuen Spracherkennungs- System SIRI habe ich schon vor ein paar Tagen berichtet. Bislang beschränkt sich dieses System auf das iPhone 4s. SIRI ist u.a. verknüpft mit einigen (auch wissenschaftlichen) Datenbanken, reagiert semantisch auf ganze Sätze und "antwortet" auch so. Nach einigen weiteren Entwicklungsschritten wird mit dieser Technik wahrscheinlich das klassische "Googeln" im Internet passe sein- die verbale, direkte Information ist dem Menschen näher, die Technik ist so "intuitiv", wie man es sich nur denken kann. Noch direkter geht es eigentlich nur, wenn man SIRI unter die Kopfhaut verpflanzen würde. Aber Spaß beiseite, die Sache geht ja weiter. Der verstorbene Chef von Apple hat in seiner Biografie verkünden lassen, dass er endlich den optimalen Fernseher entwickelt habe. Es lässt sich annehmen, dass auch dieser mit Sprache gesteuert werden wird. Noch 2012 sind erste Modelle zu erwarten. Vermutlich wird mich dieser Fernseher beim Betreten der Wohnung begrüssen und nach meinen Wünschen fragen. Ich werde um die aktuellen Nachrichten bitten, die der Fernseher laufend aufzeichnet. Er wird mich fragen, ob ich, bis ich umgezogen bin, wie gewohnt eine Bach- Kantate hören möchte. Und er wird mit rauschendem Stereoklang "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig" spielen.

Ja, vermutlich wird es bald so sein. Aber schon heute gilt (DER SPIEGEL Nr 49/5.12.11, "Die fanatischen Vier"): "Das totale Wissen, abrufbar über jeden Internetzugang, ist Alltag geworden, Gewohnheit, Hintergrundrauschen": "Einer Studie der Columbia University zufolge verändern Suchmaschinen wie Google schon heute unser Denken. Unser Gehirn verlernt, sich Dinge zu merken, die wir auch im Internet nachschlagen können. Mit anderen Worten: Wir lagern unser Gedächtnis schon jetzt zum Teil an einen Konzern aus."

Was heißt Gedächtnis? Wir lagern unsere Orientierung auch an Navigationssysteme aus. Wir lagern unsere Selbstdarstellung, unser Ego- Polster an Facebook aus. Wir kommunizieren zunehmend nicht nur durch die neuen technischen Geräte, sondern (siehe SIRI) auch mit ihnen. Und die Geräte - etwa das nagelneue iPhone- sind auch deshalb so kleine Schätze, weil wir in ihnen - in Bildern, Kontakten, Filmen, Terminen, in der Wahl unserer Musik und unserer Apps- ein kleines Stück von uns selbst sehen. Alles, was an uns repräsentiert werden kann, wird technisch ausgelagert und danach von uns vergottet.

So ein iPhone ist nicht einfach ein Gerät, es ist unsere eigene technologische Materialisierung, eine Inkorporation in Spiegelform. Daher- so berichtet DER SPIEGEL- ergeben sich erstaunliche Untersuchungsergebnisse im Hirnscan von iPhone- Besitzern. Man wollte eigentlich wissen, ob die Regionen, die mit Suchtverhalten zusammen hängen, bei der Bedienung unseres iPhones anspringen. Dem war nicht so: "Zu Lindstroms Erstaunen waren jedoch nicht jene Synapsenverbindungen aktiv, die auf zwanghaftes Verhalten hinweisen wie etwa bei Spielsüchtigen. Stattdessen leuchteten Hirnregionen auf, die für Liebe und Zuneigung zuständig sind. Die Gehirne der Probanden reagierten auf das iPhone so wie auf die Präsenz von geliebten Menschen." (dito, S. 74)

Ja und, sagt einer, der neben mir auf der Parkbank sitzt und auf der Tastatur seines Lenovo- Notebooks klappert, das nennt man Outsourcing. Kostet Arbeitsplätze, tut aber nicht weh.
Nein, sage ich und betrachte mir diesen Nerd, tut nicht weh. Aber in diesem Fall outsourcen wir uns selbst. Wir können nur hoffen, dass etwas übrig bleibt.

Niedlich: Vice-President of the European Commission Neelie Kroes & zu Guttenberg

Eine verheerende Resonanz der Bürger hat die Stellungnahme von Kommissarin Kroes zur neuen Causa zu Guttenberg bekommen, denn diese Seite der Europäischen Union ist für Kommentare der Bürger offen. Die Erklärung von Frau Kroes verläuft stereotyp, völlig analog zu den bislang verbreiteten Pressemitteilungen:

"Viele von Ihnen haben, zweitens, Anstoß an den Vorgängen um Karl-Theodors Doktorarbeit genommen. Meine Einladung an ihn bedeutet nicht, dass ich Plagiate guthieße. Zu diesem Thema muss ich ihn selbst sprechen lassen. Ich weiß dass wir alle Fehler machen die wir hinterher bedauern und dass der einzige Weg für Menschen und Gesellschaften darin besteht, Vergangenes aufzuarbeiten und zu vergeben und sich auf die Zukunft zu konzentrieren. Meiner Ansicht nach hat er bereits für seinen Fehler bezahlt, er hat alle seiner Ämter niedergelegt und sein Doktortitel wurde ihm entzogen. Meine Einladung betrifft deshalb was Karl-Theodor für die Menschen in repressiven Staaten tun kann, nicht seine eigene Vergangenheit.
Ein anderer Punkt: Man muss nicht mit allen seinen früheren Aussagen zur Netzpolitik übereinstimmen. Alle ernsthaften Menschen sind sich darin einig, dass Kinderpornographie bekämpft werden muss. Ich weiß sehr gut dass es verschiedene Meinungen darüber gibt, wie dies online am besten zu bewerkstelligen ist. Gerade weil es sich um ein sehr stark emotionalisiertes Thema handelt finde ich es wichtig, diese Debatte ruhig und rational zu führen."

Tatsächlich sind die zahlreichen Bürgerreaktionen relativ sachlich und inhaltlich begründet. Der Trend ist der, dass die Installation des hohlen Selbstdarstellers zu Guttenberg eine Selbstentlarvung der politischen Kaste darstellt- ein weiterer Schritt dorthin, die EU in toto der Lächerlichkeit preis zu geben. Zu Guttenberg ist offensichtlich nicht wie Bundespräsident Wulff von guten und begüterten Freunden abhängig, sondern von einer Bespiegelungen in der Öffentlichkeit. Irgend welche Kompetenzen sind bei ihm nicht erkennbar, schon gar nicht zum Themenbereich Web. Nun ist Kommissarin Kroes in der unangenehmen Lage, dass es politisch kaum möglich sein wird, den Shitstorm, der da losbricht, zu kanalisieren oder gar zu zensieren, da sie ja nun ausgerechnet eine offene Netzpolitik repräsentiert. Man lese die Kommentare, so lange man es noch kann. Ich bin gespannt, wie sie sich da heraus windet. Dass die Kaste sich selbst bedient und die Ihrigen nicht fallen lassen will, ist in diesem Fall einfach zu offensichtlich.


Dienstag, 13. Dezember 2011

Neun Meter


Eine kleine, aber eindrückliche Ausstellung im Basler Unternehmen Mitte: Die "Steiner Line"- einfach alle Ausgaben der Steinerschen Gesamtausgabe nebeneinander in den Raum gehängt- eine tolle Idee von Daniel Häni. Dieses und weitere Fotos auf der Website.

P.S. Diese junge Generation - sagen wir: zwischen 30 und 40, also die "aufstrebenden" Anthroposophen am und um das Goetheanum herum sind sehr Design- orientiert, im Sinne einer zeitgenössischen Ästhetik. Die Ausstellungen, Publikationen und Webauftritte der EinszuEins- Aktiven spricht eine ähnliche Sprache. Das steht in denkbar grösstem Gegensatz zu früherer anthroposophischer Ästhetik, die ich mal "ätherisch- barock" nennen möchte. Walther Roggenkamp war in dieser Linie, die Jahrzehnte lang dominierte, ein typischer Vertreter. Ein ziemlich autistisches Werk- man sieht allerlei bei Google, erinnert aber auch mit Schrecken die Uniformität und Muffigkeit damaliger Publikationen.
Andererseits sind manche der modernen Design- Umsetzungen kaum mehr unterscheidbar vom zeitgenössischen Mainstream. Manchmal erscheint mir der offensichtliche Wunsch, sich in die zeitgenössische Formensprache einzugliedern, auch als etwas krampfhaft. Nicht alles muss wie ein Apple- Produkt oder ein Eames- Sessel aussehen. Aber nett anzuschauen ist es schon.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Zander: Anthroposophie ist ein Gegenentwurf zur traditionellen Religion

In einem lesenswerten Skript zu einer Sendung im SWR finden sich eine Reihe von Zitaten Helmut Zanders, die auch dann, wenn man Zander nicht zustimmen mag, in jedem Fall bedenkenswert sind. Seine Sichtweise, die Anthroposophie zum Objekt macht, deren historische Querbezüge er festmachen möchte, ist sicherlich nicht ganz fair, weil er dabei dieser jede Originalität abspricht. Für Zander war Steiner eine Art Moderator von modischen spirituellen Strömungen und religiösen Bedürfnissen. Eine Art geschickter Vermarkter, der auf das, was er vorfand, lediglich das Etikett Anthroposophie draufklebte. Diese despektierliche Grundhaltung gibt der scheinbaren Objektivität seiner Betrachtungen meist eine gewisse Note, einen Beigeschmack. Dennoch ist der Grundgedanke, Anthroposophie als Gegenentwurf zu den traditionellen Religionen zu nehmen, in meinen Augen nicht falsch, auch wenn ich persönlich Anthroposophie nicht primär im religiösen Raum verorte:

"Steiner wird wie sehr viele Zeitgenossen von der Historischen Kritik bis ins Mark verunsichert. Also, man erfährt, dass die Bibel eine Geschichte hat, dass es unterschiedliche Redaktionsstufen gibt, am Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es dann ganz vehemente Debatten, ob Jesus überhaupt gelebt habe, und auch Steiner kann sich dieser Debatte nicht entziehen, und man kann die gesamte Anthroposophie als ein großes Gegenprogramm zur Historisch-Kritischen Methode lesen. Es gibt von Steiner Äußerungen, wo er sagt, diese Bibel ist eigentlich nur ein schwankender Boden. Durch die historische Kritik ist die Grundlage des Christentums zerstört, und wir können uns auf die Bibel nicht mehr verlassen. Die Alternative ist für Steiner, Erkenntnis jetzt im übersinnlichen Bereich zu suchen, nicht mehr die Bibel zu lesen, sondern durch meditative Techniken höhere Erkenntnis zu erlangen."

Auch das Resümee der Sendung finde ich ganz konstruktiv:

"Die Diskussionen der neunziger Jahre haben in der Anthroposophie tatsächlich eine Wende eingeleitet. Einst war ihr charismatischer Begründer angetreten, dem historischen Denken und der Entzauberung des materialistischen Zeitalters den Kampf anzusagen. Nun werden sein Leben und Werk selbst historisiert, zum Gegenstand der Historiker und, um mit dem Religionssoziologen Max Weber zu sprechen, ebenfalls entzaubert. Wenn diese Entzauberung von Steiners Werk am Ende die kreativen und innovativen Seiten der Waldorfpädagogik verstärkte, könnte dies heute für alle Beteiligten nur von Vorteil sein."

Auch wenn ich die "Entzauberung" nicht im Zanderschen Sinne verstehen möchte, Steiner ein eigenes Werk nur als dubiose Mixtur von allerlei Fernöstlichem zuzugestehen, und das noch aus bloßem Streben nach spiritueller Dominanz:

"Das ist ein Teil spiritueller Machtpolitik. Er holt die asiatische Tradition hinein und kann am Ende sagen, alles läuft auf den Gipfelpunkt der Religionsgeschichte, den Christus zu. Das bedeutet, er hat die gesamte Religionsgeschichte ins Christentum hinein finalisiert, und seine Theosophen hat er dann in die zweite Riege verwiesen."

An diesen Stellen kommt das Schmuddelige bei Zander herein, der in den Bezügen, die er richtig analysiert, gern eine Schmierspur mit hinein mischt; er unterstellt Anderen (in diesem Fall Steiner) offenbar gern unlautere Motive.

Samstag, 10. Dezember 2011

Bloggerpost

Wir bestehen jetzt so ungefähr ein Jahr, hier, in diesem kleinen "Wohnzimmer", wie jemand neulich bemerkte.

Da sind nun fast 120.000 Seiten gelesen worden, wobei es hier eigentlich nur eine Seite gibt, die anderen sind mehr zur Zierde und werden auch fast nie gelesen.Hier steht das reine Bloggen im Vordergrund- im Gegensatz zu den alten Egoisten, die eher den gepflegten Artikel oder ein kleines Foto- Essay bringen wollen.

In der Zeit wurde 5000 Mal von Lesern kommentiert. Zu den von den über 400 Posts am meisten Angeklickten gehören nachdenkliche über Meditation, ironische, flegelhafte und empörte (die Sache mit der brutalst-möglichen Abwicklung des Dornacher Archivs). Ich habe unsere Best-of-Liste mal hier nebenan aufgehängt. Was man sieht, sind nur die expliziten Klicks auf den spezifischen Artikel, die dadurch anfallen, dass man von einer Suchmaschine oder einem verlinkten Artikel oder Hinweis kommt. Die Zahlen umfassen nicht das Lesen des Artikels im normalen Blog.
Die meisten Direktzugriffe kommen/ kamen von Canaillo und von den Uribiern- mehr noch als von Facebook. Ihr werdet doch nicht schwächeln, Leute?

Zum Schluss noch die Länderstatistik. Wen es in Zukunft interessiert: Dieses Blog wird jetzt mit Google Analytics noch sehr viel genauer analysiert; in einigen Monaten davon mehr.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Siri - Die "virtuellen Entitäten" schreiten voran

Seitdem es das neue iPhone 4s von Apple gibt, wird ein neues Spielzeug vielfach erprobt und kommentiert- Siri, das neue Spracherkennungssystem. Im Gegensatz zu den früheren kläglichen Lösungen auf Windows- Basis reagiert dieses System nicht nur auf einzelne Befehle, sondern "versteht" auf semantischer Ebene ganze Sätze und Fragen des Nutzers- und antwortet entweder in Sätzen, oder indem es eine geeignete Reaktion zeigt. Fragt man z.B. nach dem Weg nach X, ruft Siri ein Navigations-App auf, sagt man, dass man dem und dem das und das schreiben möchte, "tippt" Siri das Gesagte in die fertige SMS- Nachricht.
Nun fordert dieses neue Interface - die Möglichkeit, semantisch mit einem Mini- Computer zu kommunizieren - nicht nur den Spieltrieb der Nutzer heraus (auf Deutsch läuft die Sache bisher noch nicht ganz rund), sondern ruft auch die ersten Warner und Mahner auf den Plan.

So den Psychiater Dr. Keith Ablow, der diese Form technischer Interaktion gefährlicher findet als aggressive Computerspiele oder Drogen:
"From my perspective as a psychiatrist, Siri, the iPhone’s virtual assistant, could prove more toxic psychologically than violent video games or some street drugs.
For those who haven’t yet heard of Siri, “she” is the virtual assistant programmed by Apple into the new iPhone 4s. She recognizes many words and requests (though often imperfectly) and is, therefore, able to send emails, put reminders into “her” owner’s schedule, and generate GPS directions. 
Just tell her, “Siri, I want pizza,” and Siri says, in a female voice, “I’m checking your current location . . . I found 13 pizza restaurants. Eight of them are fairly close to you.” She then lists the restaurants on the iPhone screen so you can choose one. With a polite tone, she will apologize if she doesn’t understand your voice, “Ok, I give up . . . could you try it again?”"

Bildquelle s. Link im Text
Das Problem, das der Psychiater anspricht, ist das Verwischen der Grenzen zwischen Apparaten und menschlichen Wesen; der unreflektierte Umgang mit "Quasi-Wesen": "interacting with them as quasi-beings". Die virtuellen Antworten Siris sind so "quasi-menschlich", ja oft witzig und charmant, dass erste Videoclips auf YouTube auftauchen, in denen Sänger mit dem Gerät auf der Bühne interagieren. Die Sorge besteht, dass das Verwischen dieser Grenze dazu führen könnte, dass man auch Menschen "wie Maschinen" ansehen und behandeln könnte: "to treat other people like machines".

Nun muss man dazu sagen, dass dieses Thema - auch ohne Spracherkennung- seit 20 Jahren besprochen wird, seit dem Aufkommen der ersten Personal Computer. Man projiziert unwillkürlich solche quasi- menschlichen Eigenschaften auf scheinbar intelligente Geräte, man personalisiert sie sehr schnell und leicht. Das Interface - die Bedienung- dieser Geräte rückt immer weiter in den menschlichen Alltag hinein. Die Bildoberflächen, die Maus, die Spracherkennung- die Interaktion wird immer "natürlicher". Aber kaum jemand wird ernsthaft die Interaktion mit einer Maschine zum Maßstab für all seine menschlichen Kontakte machen. Dennoch- die "virtuellen Entitäten" bekommen mehr und mehr Eigenleben. Menschen, die in der Öffentlichkeit sprechen, kennt man heute schon. Man erkennt nicht, ob sie gerade Stimmen hören oder vielleicht einen Bluetooth- Knopf im Ohr haben. Nun kann man sich also auch mit seinem Handy unterhalten. Heute wischen die S-Bahnfahrer morgens auf dem Weg zur Arbeit mit den Fingern stumm auf ihren Handhelds- bald werden sie alle reden. Die Welt wird noch ein Stück surrealer.

Apple hat übrigens gerade Stellengesuche ausgeschrieben- ausschließlich Fachleute, um die Spracherkennung weiter voran zu bringen. Bald wird uns unser Telefon beim Aufwachen begrüssen und Guten Appetit wünschen, wenn wir ins Frühstücksbrötchen beissen.

Und so wirkt auch Georg Kühlewind, der gerade ein paar Jahre tot ist, etwas old- fashioned, wenn er konstatiert: "Wo Sprache zu vernehmen ist, dort empfindet, ahnt, sucht der Mensch Wesenheiten, deren Äußerung diese Sprache ist". (Kühlewind, "Weihnachten", Stuttgart 1989) Wir tun das tatsächlich unwillkürlich. Wir können kaum anders, wenn Siri etwas putziges "sagt", uns vorzustellen, dass es eine "sie" ist, die da spricht, nicht ein "es"- wir erwarten einfach ein Personhaftes.


Sonntag, 4. Dezember 2011

Fotowettbewerb Bild 26/ 27: Alicia Hamberg

The first one (me by the sea) has been published before I think --facebook or my blog or both, I don't remember anymore, it's a while ago! -- but the second one has not been (it's pretty new, too).

The photos are basically two snapshots of my life in the north! Neither of the photos shows more than a shadow of me. There's a reason -- I thought these photos were more interesting, as far as the surroundings go. They show two places I like a lot, two places which often feature in my photos (but usually without my ghostly reflections!). One is from our cottage on an island in the Stockholm archipelago. I go there when I can, to enjoy tranquillity and silence, to watch the stars one can't see in the city or to see the moon cast its beam of light across the otherwise black surface of water, to be close to the sea and to walk around aimlessly, looking at and smelling nature. The cottage is so close to the sea that it feels as though it's in the sea, and sitting on the veranda means watching many ships go by: cruise ships, freight ships, boats of all kinds. 
On the photo I stand facing away from the sea, the porch windows behind me, an indoor window -- from which hangs the ship in a bottle! -- in front of me and on the other side of that window is a room with yet another window. The reflections are mixing together. Most importantly, perhaps, this is the place I long for; it's winter now, the cottage is virtually inhabitable. The other photo also shows a contrast to city life, even though it is actually in the city. It's a garden close to where I live, and I and my mr Dog walk there very frequently, since it's situated conveniently on one of our standard routes. 
The place is Rosendal's Garden and pictured is a gazebo or greenhouse (I've never figured out just exactly what it is, other than a versatile little glass shed!). I appreciate how this little building always turns mysterious on every photo. And the ghost of me -- barely visible, but look closer! -- melts with the trunk of the tree reflected in the glass. The entire garden -- which contains a lot more than this, including a rose garden, a small vineyard, shops and a café -- is a very special place, almost magical and certainly different in a very appealing way. I haven't been wholly exempt from feeling conflicted about liking it so much, though, because the garden is biodynamic and, although what you get there is far from an overbearing, suffocating anthroposophy, the influence is nonetheless tangible. Of course, that might be the very reason I, in particular, need it. (I can hear Steiner explain why.)

Alicias Blog

Fotowettbewerb Bild 25: anonym1



























Hier also mein zweiter Anlauf, in das Panoptikum der Egoisten aufgenommen zu werden, damit ich nicht mehr ganz so anonym erscheine.
Da ich das Rauchen schon lange drangegeben habe, keinen Smoking und auch keinen Zylinder besitze (diese kleine Spitze wollte ich mir nicht verkneifen :-), musste ein schlichtes Freizeithemd als einziges Outfit herhalten. Das sonstige Drumherum ist eine Dachterrasse in südfranzösischer Urlaubslandschaft, von der Photoshop nicht allzu viel übrig gelassen hat.

Freitag, 2. Dezember 2011

Fotowettbewerb Bild 23: Ruth Bamberg


Googles "Art Project"- eine Art, Kunst zu entdecken



























Für mich eine große Entdeckung: Das Art Project von und mit Google. Man sucht sich links oben im Pop-Up Fenster in eines der weltbekannten Museen und Galerien und klickt sich dann mit dem zweiten Pop-Up Fenster durch die Exponate selbst. Das Ganze ganz feine Kunst, exquisite Auswahl und ein Hochgenuss.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Fotowettbewerb Bild 19-22: Michael Butty


 Photo 19: "Bingen/Rhein/Rüdesheim": Hier sieht man die Stadt Bingen und ein wenig Bingerbrück von den Weinbergen aus, dann kommt der Rhein, und auf der anderen Seite sieht man die Autofähren zwischen und Rüdesheim. Die Gegend vermittelt ein schönes harmonisches Raumerlebnis. Ausblick und Weite verbinden sich mit der Geborgenheit, welche die vielen Anhöhen und ihre Täler vermitteln. Die Nahe fließt in den Rhein, und was den Blick nach Rüdesheim hinüber vom Standpunkt des Photos aus ermöglicht, ist das Nahetal. Die der Hügel mit der Burg Klopp in der Mitte der Stadt Bingen war einst eine Insel im Nahedelta! Und jetzt ist da eine grüne Insel inmitten der Häuser.
Photo 20: "Kein Selbstgespräch".. ohne Worte
Photo "Plastiziertes B": Die Tonplastik ist ein eurythmisches "B", aber meine Plastizier-Lehrerin in der Landwirtschaftsschule in der Schweiz, 1989, hat das wohl nicht bemerkt, und mir war es ebenso nicht bewußt. Es ging einfach in den Ton hinein, weil ich damals das "B" noch oft in meiner Heileurythmie für mich selbst machte. Es ist mehr als ein Erinnerungstück, es sieht bestimmt nur für mich selber schön aus. Aber "anthro-mäßig" sieht es bestimmt aus. Vielleicht kann man es als 30m hohe Stele auf einer Wiese einer Documenta ausführen, .. oder besser nicht! Im kleinen ist meine in Ton eingeformte "B" -Geste mir lieber.
Photo "Zimmeriales": Andere Ausblicke bieten mir meine geliebten Bücher, viele davon sind so anspruchsvoll, daß ich noch ein Leben lang, so mir Gott gnädig bleibt, daran habe. Wenn niemand mit mir spricht, sprechen immer noch meine Bücher mit mir. Mit Humor und Absicht habe ich einige meiner Kinderbücher, etwa Winnetou und Jim Knopf, das Urmel und der Räuber Hotzenplotz strategisch zwischen den trockenen oder ernsten Büchern plaziert. Auch darin, habe ich vor, werde ich noch mal lesen.