Mittwoch, 30. Mai 2012

Kindle am Strand

Nein, echte Bücher sind diesmal nicht dabei, aber dafür um so mehr virtuelle, auf dem Kindle. Einige Klassiker, natürlich, die es im Kindleformat umsonst gibt, einige Krimis, meditative Texte von Almaas, etwas Mittelalterliches in Form von "Der Tod des Artus" (12. Jahrhundert) und einige Sachbücher. Nicht alles hatte ich bereits zuhause online besorgt- hier in Strandnähe gibt es W-Lan-Empfang. Damit ist jedes Buch in wenigen Sekunden verfügbar. Reizvoll ist das vor allem dann, wenn man englische Literatur bevorzugt. Im Gegensatz zu den deutschen, von der Buchpreisbindung fixierten Preisen, erhält man Literatur in anderen Sprachen zu allen möglichen Konditionen. Es gibt z.B. Pfingstaktionen mit über 80% Preisnachlass, und natürlich im Kindle-Blog täglich ein besonders attraktives, oft auch interessantes Buch. Aber auch die "esoterische" Literaturkiste ist sehr gut gefüllt. Ich brauche die meisten Bücher nicht in aufwändiger Bindung und oft schlechter Übersetzung zu sehr hohen Preisen. Vor allem dann nicht, wenn die Originale zu günstigen Preisen zu haben sind.

Vielleicht sollte man dazu noch anfügen, dass bei längerem Drücken eines Wortes ein Synonym zur Erklärung erscheint- oder, wenn man dies installiert, eine direkte deutsche Übersetzung durch ein virtuelles Wörterbuch. Dadurch sind selbst Sachtexte in fremder Sprache gut zu lesen, wenn hier und dort einige Vokabeln fehlen. Diese live-Übersetzung ist ein Feature, das nur elektronische Bücher bieten und einer der Vorteile im Vergleich zum gebundenen und gedruckten Buch.

Abgesehen davon ist das Lesen am Kindle auch in voller Sonne angenehm. Es gibt keine Hintergrundbeleuchtung, kein Blenden (wie beim iPad), kein Flackern, sondern einen langsamen, aber ruhigen Seitenaufbau in tinten-ähnlicher Schrift. Unterstreichungen macht man mit dem Finger- sie werden in einer Datei gespeichert. Man kann Markierungen auch direkt als Zitate mit automatischer Quellenangabe in soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter einspeisen. Falls man andere Geräte (Computer, iPads, iPhones, usw) hat, sind alle Bücher durch eine App auch dort verfügbar. Sie werden sogar synchronisiert, d.h. man kann unmittelbar dort, wo man auf einem Gerät aufgehört hat, am anderen weiter lesen.

Aber auch wenn man diese und viele andere technischen Finessen nicht braucht und will, ist das Kindle, das es in Zukunft in noch vielen anderen Varianten mit unterschiedlichen Features geben wird, ein angenehmer Reisebegleiter. Es wiegt gerade einmal 180 Gramm. Leicht in der Hand, leicht im Gepäck, ersetzt es doch eine ganze Bibliothek.

Montag, 21. Mai 2012

Reines Bewusstsein als Lebenskraft erfahren

A. H. Almaas zeigt seine meditative Kompetenz in seinem Buch "Diamond Heart: Book Five: Inexhaustible Mystery" in vieler Hinsicht, auch wenn man nicht in jedem Punkt mit ihm mit gehen mag. Aber er ist dennoch ein verlässlicher Begleiter, der weder abschweift noch an einem einzigen Punkt dem Bedürfnis nach etwas "Sensationellem" nachgeht- er ist jemand, der wissenschaftlich geschult, unbestechlich sich selbst gegenüber ist. Das bemerkt man auch in einzelnen Textfragmenten wie diesem:

"When I say “consciousness,” I don’t mean anything strange or unusual. Everything you experience is in consciousness. Ordinarily, our consciousness is full of objects: my body, the table, people, all that I see and hear, and all of our inner experiences. As we explore our experience, we discover finer and deeper states of consciousness until we know more specifically what pure consciousness is. As we become open to new modes of perception, through exploring presence and essence, we come to realize that Being itself is pure consciousness."

Tatsächlich ist das "reine Bewusstsein" oder "reine Denken" ja, wenn man damit umgeht, etwas derart Selbstverständliches, etwas, was keineswegs fremd oder "anders" erscheint- es ist lediglich, wie Almaas beschreibt, eben ohne die Objekte, mit denen es sonst gefüllt ist. Befreit vom Korsett der Inhalte erwacht zu es zu immer größerer und reinerer Kraft, von der unmittelbar klar deutlich ist, dass dies ein erholsames, lebendiges Element ist: Man befindet sich auf der Ebene der Lebenskräfte selbst, in denen man sich erlebt. Das lebendige Denken ist nicht geschieden vom Lebendigen, nicht abgetrennt oder gespiegelt wie das Alltagsbewusstsein. Von daher sind Meditationen nicht anstrengend, sondern erfrischend. Von daher ist auch der Sprung zu einem vertieften Erleben der umgebenden Natur nicht weit. Das reine Bewusstsein kann sich einschmiegen in die natürlichen Prozesse, weil es ein Teil davon ist.

Wie man zu diesem Punkt gelangt?

"When we have our attention on the ground of the mind, and at the same time become aware of it without completely identifying with the content of the mind, the objects in the mind become more transparent, until there is only transparency. This transparency reveals to us the state of pure consciousness in which all objects that we have deemed coarse or impure, all that we have felt we had to leave behind, we perceive to be of the nature of consciousness itself. "

Durch das Sich- Freistrampeln aus der Bindung an die denkerischen Inhalte, sagt Almaas, durch Nicht- Identifikation, durch Emanzipation des Denkers von Denkgewohnheiten. Natürlich ist das eine höchst disziplinierte Tätigkeit, nichts Träumerisches oder Vages. In der Transparenz des reinen Denkens erleben wir uns selbst.

Geistige Selbsterfahrung

Es ist merkwürdig, dass es an genau diesem Punkt so häufig hakt, selbst bei Mystikern, die durch ihre Äußerungen und Schriften beweisen, dass sie real und tatsächlich in geistigem Sinne fortgeschritten, erwacht oder gar erleuchtet sind. Aber meist erleben sie eine Art von Selbstauslöschung, eine mystische Vereinigung mit einem diffusen All-Eins, aber nicht dieses Eine, was bei Rudolf Steiner so zentral da steht:

"Wir sprechen im gewöhnlichen wachen Bewußtseinsleben von unserem Ich. Aber von diesem Ich können wir eigentlich mit dem gewöhnlichen Wachbewusstsein nur in recht uneigentlichem Sinne sprechen. Denn welche Natur und Wesenheit hat eigentlich dieses Ich? Es kann nicht erkannt werden im gewöhnlichen Wachbewusstsein. Taucht das schauende Bewußtsein in das wahre Wesen des Ich ein, dann ist das wahre Ich des Menschen willensartiger Natur. Das, was der Mensch im gewöhnlichen Bewusstsein hat, ist nur die Vorstellung des Ich." (GA 179, Seite 90)

Der reine Wille wird sehr wohl erlebt, das reine, manchmal zarteste Empfinden - etwa bei Almaas-, das Sufis und Yogis erleben konnten; es findet sich auch in ganz aktuellen Büchern. Aber der personhafte Charakter des reinen Denk-Willens spielt entweder eine untergeordnete Rolle oder wird einfach nicht bemerkt. Natürlich ist das Bewusstsein in solchen meditativen Erfahrungen peripher, nicht antipodisch- dualistisch wie im Alltagsdenken. Daher ist es auch schwierig, dergleichen zu erinnern. Aber die Imaginationen bleiben doch im Bewusstsein; ebenso die Selbsterfahrung im reinen Sein, im existentiellen Bewusstsein. Das, was man erlebt, bedingt, dass man das "Ich", das man darlebt, als eine Form erfährt, mitsamt ihrer Bedingtheit, ihrer Gewordenheit, als eine denkbare Form, der andere vorangingen und der wieder andere folgen werden. Aber es steht dem keine Auflösung in ein vages All-Eins gegenüber, sondern ein geistig Willenhaftes, das sich Ausdruck verleiht in diesen Formen. Insofern wird im Studium immer wieder deutlich, wie sehr das Erleben auch in geistiger Hinsicht doch kulturell bedingt sein muss.

Samstag, 19. Mai 2012

Die mystische Armut


Ach ja, wir wollen so allerlei, gute Christen, Buddhisten, Anthroposophen sein, irgendwie voran kommen, uns entwickeln und selbst verwirklichen, mit uns im Reinen sein, vor Anderen gut da stehen, Zeugen unserer Zeit sein, wahrhaftig und authentisch. Es klappt irgend wie nicht so richtig, wie wir in geheimen Stunden zugestehen müssen, wenn es hart auf hart kommt, aber das sind sehr geheime Stunden. Und selbst wenn, trösten wir uns damit, dass es doch besser wird und wir gerade etwas aufgehalten sind, angespannt, unterbrochen, gestört. Wenn man uns nur ließe, dann wäre es ganz anders, wenn wir unter anderen Umständen leben könnten, wenn wir endlich mal Ruhe hätten, wenn. Aber es geht doch im Prinzip voran, in Teilaspekten, wenn auch langsam und nur in sehr kleinen Teilen. Demnächst wird es anders. Wir müssen nur noch eine Methode und Situation finden, in der die Ruhe eintreten kann, die wir brauchen, um zur Ruhe zu kommen. Immerhin wissen wir eine Menge darüber, was passieren würde, wenn wir die Ruhe hätten, wenn wir - vielleicht sogar - erleuchtet wären, wenn wir "Geistwelt erleben" würden. Wir haben uns informiert. Eigentlich stehen wir kurz davor.

Da stösst es uns merkwürdig auf - wir, die wir doch immer auf inneres Wachstum setzten -, dass jemand wie A.H. Almaas plötzlich das Neue Testament heraus holt (im 5. Band seiner "Diamond Heart - Serie ("Inexhaustible Mystery") und die Armut betont: "Learning to be poor, to live without attachment..".

Es geht um Wissen und um Kenntnisse, um meditative Praktiken und Ziele, letztlich um alles, was wir taten, um endlich voran zu kommen: "Thus, the way of poverty includes nonattachment to all levels of inner possessions too." Wie kann man das alles fallen lassen? Almaas sagt klar und deutlich, dass dieses Denken über inneres Wachstum letztlich nur eine Variante unserer bekannten Konsumgewohnheiten ist, nur ein Austausch des Vorzeichens ins Nicht-Materielle, ohne dass sich substantiell etwas geändert hätte: "We tend to think of the spiritual path the way we think of any other endeavor, as a way of gaining, a way of accumulation. We believe, directly or subtly, that to progress on the spiritual path is a matter of having spiritual things instead of material things. We believe realization is a matter of accumulating spiritual experiences, insights, visitations, inner riches, inner capacities, inner accomplishments, and so on."


Das Klammern an Dinge und Besitztümer wird nur durch "spirituelle Werte" ersetzt, selbst dann, wenn überraschend doch "geistige Erfahrungen" einsetzen sollten: "But then, as we begin to have experiences of reality, of essence, of awakening, the ego wants to possess these too. We believe that essence, spirit, and inner states belong to us, that we accomplished them. Havingness is back again."

Stattdessen empfliehlt Almaas, diese Erfahrungen so gelassen zu nehmen, wie jemand, der bisher kein Wasser wahrgenommen hat, und jetzt im vorgerückten Alter entdeckt, dass er bis zum Knie darin steht. Er bemerkt jetzt, dass er nass ist, aber sonst nichts weiter: "Rather, poverty means that we do not possess spiritual experiences or material things. We realize that we don’t own them; when they come, they come, when they go, they go." Das Wasser ist ein Element, das uns bewusst wird, das uns "besucht"- es ist keine eigene Eigenschaft: "We treat them ("die Erfahrungen") as visitors, as guests."

Die "Armut" im Geiste ist die, sich die Dinge und Erlebnisse nicht anzueignen, sondern sie wie Gäste zu beherbergen und wieder ziehen zu lassen. Wir müssen akzeptieren lernen, dass uns diese Erfahrungen nicht "gehören": "It is more accurate to say that we discover that all of our states and feelings and inner experiences don’t belong to us."

Wer meint, etwas gefunden zu haben, mit etwas fertig zu sein oder gar spirituelle Kompetenz erworben zu haben, ist nicht nur ein schlechter Gastgeber, sondern auch in Selbstverblendung befangen. Die, die tatsächlich Lernende sind, wissen, dass sie sich immer am Anfang des Lernens befinden: "The one who is finished never feels finished." Die, die Lernende sind, lernen vor allem in immer umfassenderem Sinne von ihrer tiefen inneren Armut- der Lernfortschritt besteht vor allem darin, gerade diese ertragen und akzeptieren zu können: "As the soul recognizes her truth—that as an individual soul she possesses nothing—she begins to experience the true condition of being an individual soul. And this is the condition of being totally empty, totally poor, totally incapable, totally lacking. This is the state of poor in spirit, traditionally referred to as mystical poverty." Das mystische Geheimnis besteht darin, dass in dieser tiefsten Armut das aufscheint, was gerade das Personhafte jenseits der Projektionen ausmacht, die menschliche Anmut, das wirkliche Gesicht: "As the soul recognizes her truth—that as an individual soul she possesses nothing—she begins to experience the true condition of being an individual soul. And this is the condition of being totally empty, totally poor, totally incapable, totally lacking. This is the state of poor in spirit, traditionally referred to as mystical poverty."

Montag, 14. Mai 2012

Im Eimer

Ja, das hat nicht geklappt, Herr Röttgen. Niemand ist so richtig traurig, denn gestelzte Arroganz gefällt in Düsseldorf eigentlich nur auf dem Laufsteg, vielleicht noch auf der Königsallee. In der Politik ist man zwischen Rhein- und Münsterland meist eher bodenständig. Den richtigen Ton hat Röttgen nie getroffen, merkte es und reagierte nervös bis selbstzerstörerisch. Im Netz kursierten Ausschnitte aus seinen verkorkst- sarkastischen Auftritten, mit denen er sich schadete und sogar ein paar Zehntausend CDU- Wähler zu den Piraten trieb.

Nun versuchen die eher strammen Atomfreunde ihr Süppchen auf dem Eimer zu kochen, in dem Röttgen gelandet ist. Heike Göbel versucht in der FAZ (Montag, 14.5.2012, S. 11) in "Nichts mehr, wie es war" die Demontage Röttgens fortzuschreiben, und zwar hoch beglückt. Sie hofft im Sinne der Atomwirtschaft, dass "die Energiewende mit mehr Realitätssinn verwirklicht wird", nun, da Röttgen angeschlagen ist. Auch im Klimaschutz solle "wieder Augenmaß" einziehen. Röttgen sei viel zu ambitioniert gewesen, so sehr, "daß dem deutschen Weg kaum ein Land ernsthaft folgt". Röttgen habe auch deshalb verloren, weil er keine Rücksicht genommen habe auf "Industrie und Stromkunden". Ich denke, Frau Göbel schreibt wohl eher im Sinne der ersteren. Ansonsten hofft sie auf ein weiteres Wiedererstarken der FDP, um "Respekt und das Vertrauen der Wirtschaft" zurück zu gewinnen.
Es kommt vielleicht nicht besonders darauf an, aber meinen Respekt hat die FAZ verloren.

Donnerstag, 10. Mai 2012

Inkarnationsstörungen: Chancen und Psychiatrisierung

Auf dem bevor stehenden Psychiatrie - Kongress der Anthroposophischen Gesellschaft (Medizinische Sektion) singt man mal wieder das Hohelied der anthroposophischen Deutungshoheit, wenn schon in der Ankündigung selbstzufrieden verkündet wird:

"Die Not heutiger Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik liegt nach wie vor in dem unzureichend geklärten Verhältnis von Leib, Seele und Geist." 


Immerhin hat es einen massiven Durchbruch - sagen wir - in den letzten 40 Jahren gegeben, was die erfolgreiche -symptomatische- Behandlung von schweren Depressionen und Aufmerksamkeitsstörungen (aber auch von psychosomatischen Problemen wie dem "Reizdarm") betrifft. Hat die pharmakologische "Forschung" der medizinischen Sektion da etwas dagegen zu halten? Immerhin geht die Arroganz nicht so weit, die grassierenden Massenphänomene zu ignorieren, die bei Phänomenen wie Depressionen, Burnout, ADS und ADHS sichtbar werden. Aber man bezieht sich ausschließlich auf die gesellschaftlichen Schuldzuschreibungen, denen sich Rudolf Steiner vor fast 100 Jahren vielleicht noch zu Recht bezog, die aber heute lediglich wie ein ignorantes Mantra herunter gebetet werden:

"Seit dem 19. Jahrhundert können wir jedoch in steigendem Masse Krankheitsformen wie neurotische Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, traumatische Störungen, Aufmerksamkeitsstörungen und viele andere beobachten, die mit den Herausforderungen der gegenwärtigen Zeitsituation zusammenhängen und die Rudolf Steiner als «Kulturkrankheiten» bezeichnet: «Daher kommen die Kulturkrankheiten, Kulturdekadenzen, alle die seelischen Leerheiten, Hypochondrien, Verschrobenheiten, Unbefriedigtheiten, Schrullenhaftigkeiten und so weiter, auch alle die Kultur attackierenden, aggressiven, gegen die Kultur sich auflehnenden Instinkte. Denn entweder nimmt man die Kultur eines Zeitalters an, passt sich an, oder man entwickelt das entsprechende Gift, das sich absetzt und das sich nur auflösen würde durch die Annahme der Kultur.» Und als Möglichkeit für eine Verwandlung sieht Rudolf Steiner: «Es muss in der Welt die Möglichkeit vorhanden sein, zum Beispiel gerade für unsere Zeit, dass die Menschen zu einem gewissen spirituellen Leben kommen, dass sie Impulse für ein freies inneres, spirituelles Leben in sich entwickeln.»

Hypochondrisch? Schrullenhaft? Bereits 1970 rechnete man - so der bedeutende Psychiatrie- Soziologe Alain Ehrenberg, den ich bereits in einem Artikel zu realen Zeitgeist besprochen habe, mit 100 Millionen schwer Depressiven, das entspricht 3 Prozent der Weltbevölkerung. Seitdem sind die Zahlen regelrecht explodiert, vor allem wenn man berechtigterweise biografische Krisen wie Burnout dazu rechnet. Eine verwandte Störung - was die Verarbeitung und Ausschüttung von Botenstoffen wie Noradrenalin und Serotonin betrifft- sind die bekannten Aufmerksamkeitsstörungen (ADS, ADHS), die geschätzt 5% aller Schüler betreffen. Die ideologische Diskussionen, inwieweit die heute verfügbaren, effektiven Medikamente eingesetzt werden sollten, durchziehen ständig die Medien. Im übrigen sind sämtliche psychiatrischen und neurologischen Praxen in weitem Umkreis nicht nur ausgebucht, sondern nehmen keine Patienten mehr auf- vor allem in Bezug auf neurologische Probleme von Kindern. Ganz offensichtlich sprechen wir über Probleme, die weite Kreise der Bevölkerung betreffen, nicht nur einige verschrobene Hypochonder wie zu Steiners Zeiten. Und offensichtlich führen arrogante Abwehrreflexe gegenüber der neurologischen Forschung und Seufzer ob der bösen Zeitumstände nur ins Dornacher Wolkenkuckucksheim.
Man hat, wie Ehrenberg soziologisch belegt, innerhalb der Psychiatrie im letzten Jahrhundert eine tief gehende Wendung erlebt- ehemals psychiatrische, ausgrenzende und pathologische Haltungen sind überlebt, die Probleme sind kein Tabu mehr. Gerade erst haben sich mehrere Politiker von der Piratenpartei, bekannte Talkmaster und Autoren zu ihrer ADHS in Fernsehshows bekannt. Es sind eloquente, sprachlich gewandte, wache Zeitgenossen, weder seltsame Eigenbrötler noch psychiatrisierte Wracks. Manche nehmen die heute verfügbaren Serotonin-Hemmer, manche kommen so zurecht. Manche helfen sich mit exzessivem Sport wie Joggen, manche üben auf andere Weise Fokussierung. Es handelt sich eben um heute verbreitete "Inkarnationsstörungen", mit denen man umgehen lernen kann. So Mancher wird sich in dieser Hinsicht gerade für meditative Techniken interessieren.

Die angedeutete Haltung des Kongresses verspricht wenig Interessantes und Konstruktives für die zu beobachtenden Probleme der Zeit. In Dornach orientiert man sich an hundert Jahre alten Vorstellungsmodellen, aus deren Gerippen der Wind der Vergangenheit pfeift.

Noch einmal für die, die mich vielleicht nicht recht verstehen: Wer sind denn die, deren "Wesensglieder verschoben", deren "Ätherkopf frei geworden" ist, die einen Stolperstein auf dem Weg vorfinden und daher die Fragen nach geistiger Entwicklung, Fokussierung und Meditation stellen? Denen das "eine Lebensnotwendigkeit" wird? Nein, es sind nicht die Saturierten, Selbstzufriedenen mit den geistigen Hängebacken, denen Second-Hand-Esoterik aus dem Strohhalm reicht. Es sind die, die vielleicht überwach in ihrer Zeit stehen, manchmal von ihr überwältigt, die mit sich ringen, die eben Anlass zur Fragestellung haben. Vielleicht ist der Astralleib ein wenig ungebändigt, sei es im Kopf oder in den Gliedern. Dieses Ross muss man reiten lernen, und es wird ein Problem, eine Aufgabe für mehr als eine Generation sein. Aber auch eine Chance.

Montag, 7. Mai 2012

A.H. Almaas: In der Ferne

"Sie ist in uns verborgen, und es gehört doch nicht zu ihrem Wesen, verborgen, geheim oder esoterisch zu sein. Ihre Wahrheit ist verborgen, weil sie so unwahrscheinlich ist. Wir sehen oder erkennen sie nicht, weil wir sie nicht erwarten; wir suchen immer nach etwas anderem. 
Wir suchen immer, und das ist auch ganz natürlich, nach etwas, was in unsere normalen Kategorien von Wahrnehmung passt. Wir können uns nicht vorstellen, dass es eine Wirklichkeit gibt, die nicht mental, emotional oder physikalisch ist.
Wir sind durch das, was wir glauben und was wir möglich halten, gebunden. Wir verpassen also unsere Essenz und wissen nichts von ihr, unserer wahren Natur, ohne die wir nicht wirklich wissen können, was es heißt, ein wirklicher Mensch zu sein. 
Essenz ist einfach da, als wir selbst - nicht verborgen, nicht geheim, nicht kompliziert. Wir haben sie direkt vor unserer Nase, aber unser Blick richtet sich auf etwas anderes, unser Geist sucht in der Ferne."

A.H. Almaas, Essenz, Freiamt 1997

Freitag, 4. Mai 2012

Donnerstag, 3. Mai 2012

Die Substanz der Stille Version 2 in anthroposophischer Übersetzung

Etwas augenzwinkernd hier eine übersetzte Version für die, die vielleicht eher Anthrospeech verstehen.. Wie immer bei Übersetzungen in andere Sprachen gibt es nachvollziehbare Reibungsverluste, wie der geneigte und verständnisvolle Leser bemerken wird..


Wenn der Astralleib vom Ich durchleuchtet und in seiner Begierdennatur zur Ruhe gebracht ist, erfährt der Übende das Wirken der geistigen Welt. Der Weltenäther in der Pflanzenwelt und in den metereologischen Erscheinungen wird wahrmehmbar. Aber der Meditierende erfährt das Wirken der Geistnatur nicht nur in den äußeren Erscheinungen, sondern auch im Inneren, in dem eine geistige Kraft entspringt.


Inmitten der ätherischen Kräfte wird die Kraft der Wärme wahrnehmbar, die sich in Selbstaufgabe entzündet. Das Reine Denken als Ätherkraft wird in der Formlosigkeit für den Meditierenden zur inneren Kraftgestalt. Es offenbart sich in Lichtgestalt und Formkraft, nichts bescheinend, sondern wirkmächtig inneren Ätherraum schaffend. 


Im durchlichteten Astralleib ruht der Meditierende in inniger Erwartung. Der Weltenäther um ihn herum kommt in Wellen heran, in dem sich Engelskräfte offenbaren. Welle für Welle brandet an das Ätherherz heran, in lichter, warmer Liebeskraft und Wirkensmächtigkeit. Inmitten des ätherischen Raums erwacht die Entelechie in erster Regung zu sich selbst. 


Sie erfährt sich in den Kräften, die bestehen werden auch zwischen Tod und neuer Geburt.

Die Substanz der Stille

Wenn die Stille sprechend wird, spricht es von allen Seiten. Das Feld, die Wolken, das Blau des Himmels, das Rascheln der Pappeln bekommen auf einmal eine Stimme. Aber der Stimmen sind viele. Nicht zuletzt beginnt aus dem Inneren eine zarte Regung, die sich Raum schafft, wie eine aufbrechende Quelle, wie ein Küken, das schlüpft. Es ist eine Stimme, die in vielen Sprachen spricht, aber doch sprachlos bleibt.

Sie spricht in der Wärme, die sich aufmacht, nicht nur sich selbst zu wärmen, sondern sich in der Selbstaufgabe zu entzünden. Es ist ein Denken, das nicht in den Floskeln und festen Schritten hängt, sondern sich wie ein unberechenbarer Bach ständig neue Wege schafft, noch ohne Form, doch Spuren hinterlassend. Es ist ein Licht, das nichts bescheint, sondern in sich wirkend neue Räume sucht.

Wenn die Stille sprechend wird, wird die Ruhe zu einem Punkt der Erwartung. Absichtslos beginnt es an den Rändern zu dämmern und Wellen branden aus einem Umkreis heran, der bislang völlig unbekannt war. Welle für Welle brandet ans Herzinnere heran, belebendes, warmes Anderes und zugleich Vertrautes. Innen und Außen sprechen die gleiche Sprache. Inneres und äußeres Leben jenseits des bloß Vegetativen begegnen sich und konstituieren eine Mitte, die bislang nichts von sich wusste.

In dieser Mitte steht das Haus, das alle Stürme übersteht, auch wenn es nicht aus Stein, Holz oder Rohr errichtet wurde, sondern nur aus der reinen Substanz der Stille.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Hunde- TV

Man fragt sich ja immer wieder, wie bescheuert Fernsehen eigentlich noch werden soll. Im ansonsten geschätzten Sender Einsfestival (ARD) gab es gestern erstmalig (meines Wissens) eine Sendung für Hunde. Ich saß mit meinem Hund davor, und war nach zehn Minuten immer noch nicht ganz sicher, ob das ein Scherz sein sollte. War es offensichtlich nicht. Nun soll man mit seinem Hund abstimmen, ob es gefallen hat.

Nun, mein Hund ist gestern, wie immer um die Zeit, eingeschlafen, und ich habe entnervt das Programm gewechselt, als der Moderator im Park versuchte, Hunde zu interviewen. Wem fällt so etwas eigentlich ein? Welche Tiefpunkte darf man wohl noch erwarten? Ich erwarte die Sendung für das häusliche Schaf und den Esel und Tipps für die Katze, wie man eine Maus sachgerecht zerlegt.

Dienstag, 1. Mai 2012

Wenn man jemand lieb hat

"Aber das ist so, daß dieses Leben, dieses Erleben, besser gesagt, dieses Leben-Innesein der Toten langsam und allmählich sich entwickelt, und zwar nach Maßgabe derjenigen Verhältnisse, die angesponnen sind hier im Leben. Gewiß, wir sind nach dem Tode mit allen Seelen zusammen, das ist schon wahr, aber wir wissen nichts davon. Langsam und allmählich stellen sich Beziehungen her, und zwar zu denjenigen Seelen, mit denen wir Beziehungen angeknüpft haben in dem Leben zwischen Geburt und Tod. Neue Beziehungen, ursprüngliche Beziehungen kann der Mensch zum Menschen nicht anknüpfen in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, ursprünglich, unmittelbar kann er nicht anknüpfen. 


Wenn wir hier jemand lieb gehabt haben, oder einen gehaßt haben, also mit ihm in irgendeiner positiven oder negativen Verbindung waren, so tritt das wiederum aus einer grauen Geistestiefe im allmählichen Heraufleben des Lebens nach dem Tode auf, in der Art, wie ich es eben angedeutet habe, daß wir drinnen leben in diesen Seelen."

Rudolf Steiner, GA 179, Seite 47
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