Der Augenblick des vollkommenen Nicht- Bemühens
Die Ruhe finden, sollte kein Problem sein, denn sie ist ja da. In der Mitte unseres Lebens wartet eine zeitlose Ebene. Es ist wohl auch so, dass jeder Mensch das weiß, denn man kommt aus dieser Ruhe und man wird auch wieder in sie eingehen. Jede Nacht ruht man in ihr, denn nur aus ihr kann Lebendiges entspringen. Sie ist unser Regenerationsquell, die Essenz unseres Seins.
Es sollte kein Rätsel sein, sie zu entdecken. Sie ist der zelluläre Puls, die Ordnung unserer reinen Existenz. Dennoch sind selbst unsere Bemühungen, sie zu greifen, hektisch. Wir leben in einer Blase, die aus Selbstgefühlen besteht. Die Welt, so wie wir sie sehen, ist aus dem Spiegeln der Innenoberfläche dieser Blase gebildet und geprägt. Es ist eine Art mittelalterlicher Glaube, die Welt sei so, wie wir sie sehen. Dabei ist der größte Teil dessen, was uns geschieht, Teil einer Selbstinszenierung, in der wir selbst gefangen sind.
Es ist gut, die Ruhe zu suchen, aber zunächst ist es ein paradoxer Wunsch. Die Blase wünscht sich, nicht mehr Blase zu sein. Dabei hat sie vor nichts anderem mehr Angst, als nur einen Augenblick nicht zu sein. Man muss mächtige Hilfskonstruktionen aufbringen, Religiöses, Mystisches, Ideologisches, um eine Möglichkeit zu finden, all diese selbstbezogenen Gefühligkeiten und Konstrukte für einen Augenblick zu überwinden. Es geht dabei aber nicht um die religiösen, mystischen, ideologischen Inhalte, mit denen wir uns umgeben mögen, sondern um die Anstrengung, derer es bedarf, sich damit zu beschäftigen und es auch wieder zu überwinden.
Es gibt in diesen paradoxen Anstrengungen doch kurze Momente des Aufmerkens. Es gibt einen Augenblick jenseits der Verkrampfungen, Anstrengungen und Bemühungen. Es ist der paradoxe Augenblick des vollkommenen Nicht- Bemühens, des konzentrierten Loslassens. So etwas passiert einem zufällig, mehr oder weniger. Man darf es als Geschenk auffassen. Man kann es auch - im anthroposophischen Sprachduktus- als „Umkehrung des Willens“ bezeichnen.
Ich habe das als ganz junger Erwachsener einmal erlebt, als ich von einer Darmgrippe geschüttelt in einer Krypta in Florenz ein Konzert hörte. Wenn man die Ruhe einmal gefunden hat, erinnert man sich an sie. Wir kommen ja aus ihr, wir haben es nur zeitweilig vergessen. Einen Augenblick des vollkommenen Einklangs kann einem nie mehr jemand nehmen, nicht einmal man selbst. Man weiß nun, dass es das gibt. Aber wie findet man den Zugang? Man kann einen solchen Augenblick nicht einfach rekonstruieren. Es war dieser Augenblick, man kann ihn nicht kopieren. Wie kann man etwas derart Flüchtiges wie einen Augenblick wieder erhaschen?
Es bedarf dann einiger Mühen, das Nicht-Bemühen so zu entwickeln, dass man in jedem Augenblick in die Zeitlosigkeit wechseln kann, und selbst bei fortgeschrittenen Personen türmen sich immer neue innere Widerstände dagegen auf. Man erlebt das ja nicht als Fortschritt, sondern auch als Selbstentlarvung. Jeder Fortschritt ist in dieser Hinsicht auch ein Rückschritt, da man immer archaischere, simple seelische Muster in sich entdeckt. Der ganze ideologische Überbau ist nichts gegen die Simplizität, mit der man sich selbst zurecht strickt. Diese Erkenntnis macht bescheiden. Sie macht auch das verrückte Strampeln der Leute um uns herum verständlich. Empathie ist die Erkenntnis, dass man genauso verstrickt ist. Wir stecken jeder für sich in seiner Blase fest.
Aber wenn die Ruhe etwas Raum in uns findet, wenn der bebende seelische Apparat regelmäßiger und dauerhafter ruhig wird, dann ist es schon, als ob etwas greifen würde- die Schwingungen der Ruhe stammen aus unseren biologischen Tiefen. Wenn wir diese berühren können, ruhen wir am Pulsen unserer Quellen. Wenn wir der Ruhe erlauben können, sich in unserem Handeln zu entfalten, lösen sich die Wände der Blase etwas auf- nicht und bei niemandem gänzlich, aber sie werden immerhin porös.
Das Fußfassen der Ruhe in unserem Handeln ist das Erwachen des Geistselbst.
Lotosblumen
Das Thema Kehlkopf-Chakra hat auch Rudolf Steiner immer wieder angeschnitten:
„Nehmen wir zum Beispiel an, man richtet als solch ergebener Mensch (als Meditant), der sich dann weiter erzieht, den Sinn auf den menschlichen Kehlkopf in irgendeiner Weise, dann erscheint einem der menschliche Kehlkopf in einer merkwürdigen Weise, wie ein Organ, das ganz im Anfang des Werdens ist, das eine große Zukunft vor sich hat, und man empfindet es unmittelbar durch das, was der Kehlkopf selber als seine Wahrheit ausspricht, dass er wie ein Same ist. Und es muss einmal– das weiß man unmittelbar durch das, was der Kehlkopf ausspricht – für die Menschheitsentwickelung etwas kommen, wo der Kehlkopf ganz umgestaltet ist, wo er so sein wird, dass, während der Mensch jetzt durch den Kehlkopf nur das Wort aus sich hervorbringt, er einmal den Menschen gebären wird. Das Organ, das künftig sich dazu entfalten wird, den ganzen Menschen hervorzubringen, wenn er vergeistigt sein wird.“
Die Formulierung „ganz im Anfang des Werdens“ kann ich gut teilen. Dem Kehlkopf kann, wenn man meditativ praktiziert, "Raum" entspringen, der sich ausbreitet, aber sich auch wieder in den Ursprungspunkt wie eindreht. Dieser entspringende ätherische Raum ist das eigentliche Arbeitsfeld, er weitet sich bis an die Schlafgrenze, am Ende eigentlich über sie hinaus. Es ist eine Dynamik, wie ein kleiner Sturm, den man an einem Seil festbinden will. Das Seil wird gesponnen aus unserer inhaltsleeren, reinen Aufmerksamkeit. Man merkt auch, dass sich die entspringenden und gleichzeitig saugenden Felder, die etwas atmend- Knetendes an sich haben, gegenseitig entzünden. Sie korrelieren nicht nur, sondern rufen in ihrer Berührung immer neue Dynamik hervor. Schließlich fallen sie in sich zusammen, und der Raum weitet sich, fällt wieder in sich zusammen, bildet Ansätze zu einer ätherischen Gesamtform, zu einem Raum für geistiges Leben, für die Entfaltung, für die Selbsterfahrung. So eine mögliche meditative Erfahrung.
Aber eine Form könnte nur Momentaufnahme sein, denn diese Räumlichkeit ist nicht festzumachen, da sie aus ununterbrochenem Wandel besteht. Man weiß, man kann sich nur mit der Anstrengung im Sinne von Konzentration in der reinen Dynamik halten; normalerweise schläft man hier ein. Aber zugleich ist hier nichts anstrengend, die übliche sensorische Verortung und Verarbeitung ist gar nicht zu bemerken. Man ist an einer Kraft, die schafft, nicht an einem zerbrechlichen neuronalen Spiegelbild tätig.
Man schlüpft dort hinein wie in einen Handschuh. In dem Augenblick, in dem man es tut, geht man ins lebendige Denken hinein. Es ist eine Formkraft. Man bemerkt, dass man sie handhaben kann. Es fühlt sich noch etwas ungeschickt und grob an, aber man kann denkend- phänomenal, wie von innen her, von der Dynamik aus, zum Beispiel Naturobjekte oder auch Mantren ausfüllen. Man wird dann selbst zu Blatt, Wurzel und Blüte (oder zu einem Gebet), man füllt es von innen aus. Die sonst auf den tatsächlichen physischen Leib bezogenen Empfindungen können konkrete Wuchsformen jeder Pflanze nachempfinden, ja nachbilden. Damit können sich immer weitere geistige Forschungsaufgaben ergeben.
Heide Oehms schreibt dazu: „Rudolf Steiner beschreibt in dem genannten Kapitel "Über einige Wirkungen der Einweihung" "Veränderungen im so genannten Seelenorganismus" (S.115).
Dieser wird im Verlauf der Übungen regelmäßiger gegliedert. Er ist ein Gebilde, welches vom Inneren des Kopfes bis zur Mitte des physischen Körpers verläuft. In diesem befinden sich Organe, die Lotusblumen genannt, die bei jedem Menschen vorhanden sind. Sie waren in alten Zeiten beweglich, drehten sich gegen den Uhrzeigersinn und machten damit das traumhafte Hellsehen möglich.
Beim heutigen Menschen sind sie in der Regel unbewegt, und dadurch ist er von der geistigen Welt abgeschnitten. Die Aufgabe eines bewusst beschrittenen Weges liegt darin, diese Organe aus ihrem Schlafzustand durch regelmäßige Strukturierung in eine Rechtsdrehung zu versetzen, was ein wach bewusstes Hellsehen ermöglicht. Die Lotusblumen hellen sich auf und werden zu Sinnesorganen der Seele. Rudolf Steiner beginnt in seiner Beschreibung mit der sechzehn-blättrigen Lotusblume des Kehlkopfes.“
Und weiter, mehr auf das eingehend, was ich oben als „ätherischer Raum“ beschrieben habe: „Wichtig ist es, die Empfehlung ernst zu nehmen, die jeweilige Übung mit den in den esoterischen Stunden angegebenen Strömungen abzuschließen. Diese sind solange vorzunehmen, bis sie spürbar werden. Ein leises Strömen im Ätherleibe wird wahrnehmbar. Zuerst soll der Mittelpunkt an der Stirn erscheinen. Später wird der Mittelpunkt in den Kehlkopf verlegt und danach erst im Herzen gebildet. Dazu werden bestimmte Mantren meditiert. Es genügt nicht ein rein gedankliches Meditieren, sondern willenhaft erlebtes. Dies meint ein Einprägen bestimmter Formeln, das noch beschrieben werden soll. Die Herzlotusblume vermittelt Wahrnehmungen der Seelenwärme und Seelenkälte, ebenso ein tiefes Verständnis für Naturvorgänge: Wachsen und Vergehen, die ebenso Seelenwärme und -kälte ausströmen.“ (Heide Oehms)
Das religiös- moralische Empfinden entwickelt sich weniger durch gezielte Übungen, sondern steigt von selbst wie von unten auf; es ist ja die Essenz des Seins und man muss einfach dorthin kommen. Es ist die Wahrheitssphäre. Hier atmet der Geist mit sich selbst. Man tut nichts persönlich dazu und bringt nichts mit. Das ist eigentlich auch nicht nötig, weil das Religiöse in dieser Sphäre einfach die Realität ist, das Sein selbst.
Hier ist es egal, wer man ist, es gibt keinerlei Qualifikation, nichts Mitgebrachtes. Entweder man betritt diese Sphäre oder man tut es nicht. Man kann (vermutlich) ein sagenhaftes Karma haben, eine wahre Glücks- Marie sein, aber hier an diesem Punkt ist "alles neu". Man kommt nur "neu" hinein, es geht nicht anders. Hier sind alle Menschen gleich und auch wahr.
Am Rand der Wolken
Georg Kühlewind hat gelegentlich vom „Funken des Logos“ gesprochen, der „hier“, „im Fleisch“, in jedem von uns „da“ ist - fähig zum Neuanfang in jedem Augenblick. Selbst in scheinbar finalen und unausweichlichen Augenblicken und in absoluter Perspektivlosigkeit kann diese Kraft in uns „beginnen“. Der Trost liegt nicht in unmittelbar veränderten Umständen, sondern in einer anderen Haltung. Sobald sich die eigene Perspektive weitet, indem sie aus der Ruhe heraus eingenommen wird, können sich passende Schritte zeigen. Sobald die Situation so, wie sie ist, angenommen wird, verliert sie die Maske ihrer Unbeweglichkeit und Unabänderlichkeit.
Die Kraft, wenn sie einmal entdeckt wird, führt bis an den Rand des Schlafs. Sich dort zu halten kann nur aus ureigener Konzentration geschafft werden. Es ist dies die Vernunft, die bestehen kann, wenn ihr dazu die vertrauten Grundlage fehlen. Hier muss sie aus sich bestehen, nicht angelehnt an Konstrukte, Vorstellungen und Denkgewohnheiten.
An der Grenze stellt man sich auf raues Wetter ein. Man bewegt sich am Rand einer Wolkenwand. Aber natürlich geht es nicht um meteorologische Zusammenhänge, sondern um die Scheidewand zwischen Licht und Dunkel- zwischen dem, was man an Bewusstheit aufzubringen vermag und dem, in das man versinkt. Wir sind nur so weit, so energisch und so bewusstseinsklar, wie wir eben sind. Mit den Körpergrenzen im biologischen Sinne hat das nicht unbedingt etwas zu tun, sondern mit den Grenzen unserer inneren Kraft. Hier gibt es keinen Stillstand und keine Wiederholung. Was man hat, behält man nicht und dort, wo man sicher ist, verliert man den Boden.
Wir gehen den Wolkenrand entlang- es ist eine Wand von einer Höhe und Tiefe, die mein Fassungsvermögen übersteigt. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass sich in der Wand Kräfte ballen, die aus sich selbst immer weitere Wolken entspringen lassen. Die Dynamik hat etwas, dass man „Quellen des Lebens“ dazu sagen mag. Es ist nichts Beängstigendes dabei. Das stellt man sich nur so vor. Der Quell, der sich selbst entspringt und aus nichts gespeist wird, wandert aus dem Gesichtsfeld, aber es wachsen weitere, immer neue aus dem Nebel.
Das ist die Schwelle. Oder eine davon. Man geht benetzt von ihr zurück, erfrischt, erholt, beschenkt. Rudolf Steiner sagte zu den Wolken: „Wir richten den Blick aufwärts und sehen, wie in dem Luftförmigen, in dem ja allerdings die Geister der Bewegung, die Dynamis walten, wie da am Werke sind die Cherubime, damit das Wässerige, das aus dem Bereiche der Geister der Weisheit, der Kyriotetes aufsteigt, sich zu Wolken ballen kann.
Man kann die Schwelle nicht überschreiten, aber man kann sie verinnerlichen. Man kann den Quell in der Mitte entspringen lassen, eine individuell getönte Kraft, die sich im Augenblick ihres Entstehens in Gefühl verwandelt. Es ist nur eine andere Stimmung, eine andere Ebene. In der Tiefe ziehen die Wale vorbei wie riesige Schemen. Sie sind das Gefühl, das sich selbst genug ist. Ein Gefühl, das keine Resonanz ist auf irgendein Ereignis, sondern ein Strom, der aus sich heraus entsteht.
Je näher man der Wolkenwand rückt, desto mehr kann und muss man sich im Alltag begründen. Dass die Aufgaben klarer vor Augen stehen, liegt wohl vor allem daran, dass der innere Blick sich klärt: Die Befangenheiten, das Bestehen- Wollen, das Aufrührende und Sich-selbst-Berührende, die stumme, verbissene innere Wolkenwand, ist dünn geworden und lässt Licht und Luft in die Dinge, die man anfängt. Und die sind stimmiger als früher, passen sich ein in das, was sich in die Situation fügt. Darum geht es ja: Fügsam zu sein in das, was anliegt; nicht Ausgedachtes, nicht herbei Gesehntes, sondern purer Realismus. Es ist ist die Vernunft, die sich ihrer selbst bewusst wird, aber sich einfügen kann in die Dinge- eine die Komplexität von Prozessen einsehende und sie mit sanftem Willen mit gestaltende Vernunft.
Vergewisserung
Wie verborgen, aber im Untergrund wuchernd - ein Pilz besonderer Art-, wie mächtig und determinierend ist doch der Wunsch nach Anerkennung im weitesten Sinn. Das Ich erlebt sich am Anderen. Es spiegelt und bricht sich an ihm. Ohne Anerkennung durch die Anderen könnte das Ich nicht existieren. Strategien, das, was an uns nicht sichtbar sein soll, wirkungsvoll zu tarnen, kosten einen erheblichen Anteil unserer mentalen Kraft. Es gilt das Gesetz: Ich werde gesehen, also bin ich. Dabei kann man natürlich auch ausweichen auf eine provokative Positionierung, die auf das Gegenteil von Anerkennung zielt. Auch das kann ein determinierender seelischer Reflex sein, nur eben im Spiegelbild.
Bleibt die Anerkennung aus (und eigentlich ist es nie genug), steigt man um auf die Surrogate des Feinschmeckens oder des Verschlingens, auf Selbstbestätigung und - vernebelung aller Art, auf Esoterik oder andere postpubertäre Genüsse und Ekstasen, vielleicht auch auf Verzweiflung. Wo die Anerkennung nicht hinreicht, bedarf es einer nachhaltigen Selbstbestätigung, ein Fass ohne Boden, das immer schon leer ist, wenn doch eine Anerkennung geschieht.
Das sind die einfachen Mechanismen des Ich.
Komplizierter wird die Sache, wenn tatsächlich aktiv gearbeitet wird. Bei echter geistiger Arbeit schwinden die „festen“ Standpunkte und die groben Rechthabereien. Das schon deshalb, weil man sich selbst so deutlich sieht, mitsamt den Verrenkungen, Verstellungen und Zwängen. Nicht nur einmal erscheint das, was einem an sich selbst als wertvoll und unantastbar galt, nun in einem ganz anderen Licht. Auf einmal ist das, was man eigentlich so typisch und sympathisch an sich fand, zu einem seelischen Reflex geronnen, ein Strohhalm, an den sich ein luftiges Ich einst klammerte. Von der frühen Pracht, Selbstgewissheit und Arroganz bleibt nicht viel übrig. Das sind, wie man nun weiß, Artefakte, Mechanismen- oft genug Angelschnüre und Netze, um Anerkennung zu erhaschen und sich selbst und Andere zu blenden. Was jetzt zählt, ist allein das, was man tut.
Aber in gewisser Weise sucht man zwar nicht mehr so sehr Anerkennung, sondern eine spezielle Art der Vergewisserung: Man macht seine Erfahrungen, aber es gibt für sie in unserem Erfahrungs- Kontext keinerlei Bezugspunkte; die geistige Erfahrung bleibt auch dann ein Risiko, wenn man in ihr sicherer geworden ist und Erlebnisse hat, die einen seelisch aufrichten. Daher ist es eine angenehme Erfahrung, von Anderen - und sei es in einem Buch- eine Art Bestätigung zu erhalten. Vielleicht ist dieser vorsichtige Abgleich ohnehin die beste Art, sich „esoterischer“ Literatur zu nähern. Bankei , der revolutionäre und aufsässige Zen- Meister des 17. Jahrhunderts, der mit fast allen Traditionen des Zen brach, sagte dazu:
„Ich war 26, als ich plötzlich erkannte, dass sich alle Probleme in der Ungeborenheit lösen. Seitdem habe ich versucht, das Anderen zu vermitteln. Ich bin überall herum gekommen. Aber seit dieser Erkenntnis habe ich nicht einen einzigen Menschen getroffen, der dieser meiner Haltung entsprochen hätte. Als ich diese Erkenntnis hatte, gab es keinen weisen Lehrer um mich herum- zumindest habe ich persönlich keinen getroffen, so dass ich für meine Art des Verständnisses nie eine Vergewisserung („confirmation“) gefunden habe. Ich hatte daher schwere Zeiten. Ich habe diese Schwierigkeiten nie vergessen. Inzwischen bin ich nicht mehr sehr gesund, wie man sieht, aber ich habe dennoch ein Gelübde abgelegt, jedem, der „auf dem Weg“ ist, Vergewisserung zu gewähren. Deshalb komme ich jeden Tag, um euch zu treffen. Meine eigene Gesundheit ist angeschlagen. Aber wenn irgend jemand meint, er oder sie hätte etwas in sich verwirklicht, dann möge er oder sie doch kommen und es mir mitteilen. Ich werde es bestätigen („I´ll confirm it for you“).“
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Der Jähzorn und die Ungeborenheit
„Ein Mönch sagte zu Bankei : Ich bin jähzornig geboren- ständig aufbrausend. Mein Meister hat mir deswegen viele Vorhaltungen gemacht, aber das hat daran auch nichts geändert. Ich sollte irgend etwas daran tun, aber ich bin nun mal mit diesem Temperament geboren. Egal, wie sehr ich es zu überwinden versuche: Ich kann es doch nicht ändern. Ich hoffe, dass ich mich mit deinen Lehren irgendwie kurieren kann. Erst dann möchte ich nach Hause gehen, um meinem Meister unter die Augen zu treten und um daraus Nutzen zu ziehen. Sag mir bitte, was ich tun soll.
Bankei: Das ist eine bemerkenswerte Erbschaft. Ist deine Wut gerade anwesend? Zeig sie uns. Ich werde dich heilen.
Mönch: Ich bin gerade nicht wütend. Diese Stimmungen kommen unvermittelt hoch, wenn mich etwas herausfordert.
Bankei: Nein, du bist damit nicht geboren. Du erzeugst es selbst, wenn dir gerade eine passende Ausrede einfällt. Woher sollten deine Stimmungen kommen, wenn nicht aus dir selbst? Du lässt diese Launen zu, weil du dir selbst gegenüber befangen bist. Du benutzt Andere, um deinen eigenen Willen zu haben. Dann beschuldigst du auch noch deine Eltern, sie hätten dir den Jähzorn aufgehalst. Was für ein respektloser Sohn du bist!
Jeder Mensch erhält bei seiner Geburt das Buddha- Bewusstsein von seinen Eltern. Die Selbsttäuschungen erzeugt er ganz allein, in Voreingenommenheit sich selbst gegenüber. Es ist dumm zu denken, so etwas sei angeboren. Wo soll der Jähzorn denn herkommen? Diese Art von Illusionen sind alle gleich; sobald man sie nicht mehr am Leben erhält, verschwinden sie einfach. Aber Jeder scheint darin zu versagen, dies zu erkennen. Man findet diese Illusionen bei sich vor, aber man produziert sie auch, aus egozentrischen Sehnsüchten und verblendeten intellektuellen Gewohnheiten heraus. Man meint, dies sei in einem verwurzelt, obwohl dies keinesfalls stimmt. Aus diesem Grund überlagert die Selbsttäuschung alles, was man tut.
Du musst deine Illusionen zärtlich pflegen, weil du das Buddha- Bewusstsein in sie verwandelst. Das ist die Korruption sich selbst gegenüber. Wenn du den wahren Wert des Buddha- Bewusstseins kennen würdest, könntest du selbst dann nicht mehr in diese Selbsttäuschungen verfallen, wenn du es wolltest. Mach dir eines ganz klar: Wenn du nicht in der Selbsttäuschung fest hängst, bist du Buddha, ja bist du erleuchtet. Es gibt keinen wirklichen anderen Weg zu Buddha. Mach Schluss damit, hör mir zu und verstehe, was ich meine.
Du schaffst die Ausbrüche deines Jähzorns ganz allein, wenn deine Sinne durch äußere Umstände provoziert werden. Du wirst dadurch angespornt, dich gegen andere Leute aufzulehnen, um deine tollen eigenen Gedanken durchzusetzen. Wenn die Bindung an dein Ego nicht mehr da ist, verschwinden diese Illusionen von selbst. Mach dir das klar.
Alles, was deine Eltern dir mitgegeben haben, ist das reine Buddha- Bewusstsein. Nichts sonst. Was hast du damit angestellt? Seit du ein Baby warst, hast du Andere beobachtet und hast gesehen, wie diese ihr Gleichgewicht verloren haben. Du bist darin erstklassig geschult und hast dich an den Jähzorn gewöhnt. Das gehört nicht von Natur zu dir. Du verhätschelst dich einfach selbst, wenn du dir erlaubst, deiner Wut nachzugeben. Wenn du nun merkst, dass das ein Irrtum war und wenn du diesen Gefühlen einfach nicht mehr erlaubst, derartig auszubrechen, wirst du dich auch nicht über sie zu beklagen haben. Aber statt zu versuchen, daran ernsthaft zu arbeiten, lässt du dich weiter gehen. Du machst es dir leicht, nicht wahr? Wenn man hinterher versucht, solche Probleme zu lösen, ist das so schwierig wie vergeblich. Werde einfach nicht wütend, dann musst du auch nicht versuchen, daran herum zu basteln. Es gibt nichts, was man „heilen“ müsste.
Wenn du das verstanden und abgestellt hast, werden Selbstbespiegelungen und Illusionen nicht einmal mehr möglich sein, wenn du es wolltest, da du dauerhaft in der Ungeborenheit, dem Buddha- Bewusstsein, lebst. Sonst ist darüber nichts zu sagen.“
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Anthroposophische Fallgrube
Dass ich ausgerechnet den bis 1945 äußerst fragwürdigen Autoren und italienischen Anthroposophen Massimo Scaligero auch zur Kritik an der anthroposophischen Methodik heran ziehe, muss schon deshalb befremden, weil er in Deutschland nach wie vor kaum gelesen wird, sein Übersetzer die weitere Arbeit eingestellt hat und seine Bücher durchgängig nur antiquarisch zu haben sind. Von Kritikern wird immer wieder gefordert, Scaligero aufgrund seiner eindeutig faschistischen Vergangenheit völlig zu ignorieren- sein Werk quasi einer internen Bücherverbrennung zu übergeben und den Autor zu vergessen. Allerdings sind seine wenigen übersetzten Bücher aus der Zeit nach 1945 derart dicht, nüchtern und von einer offensichtlichen spirituellen Aufrichtigkeit und Reife, dass ich diesen Forderungen nicht nachgeben möchte. Trotz aller Vorbehalte gegen den Autor sollten diese Arbeiten meiner Meinung nach sogar sehr viel mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gelangen- zumindest für diejenigen, die sich ernsthaft mit meditativen Wegen im Sinne einer Spiritualisierung des Denkens interessieren. Dazu muss man Scaligero keineswegs idealisieren oder die sehr deutlichen Untiefen seiner faschistischen Vergangenheit unter den Teppich kehren.
Die „Fallgrube“, von der im Titel die Rede ist, wird von Scaligero in folgender Weise angesprochen:
„Die Konzentrationsübung verläuft in der richtigen Weise, wenn sie der Gesetzmäßigkeit des von seinem Wesen her wahrgenommenen Denkens entspricht, nicht aber wenn sich Doktrinen der Vergangenheit in ihr ausdrücken, die - in einer Methodik, die früher berechtigt war- dem Denken besondere spirituelle Themen vorgeben, es aber in Wirklichkeit von seiner eigenen reinen Immanenz abbringen. Diese Doktrinen operieren heute mit einem Kanon, der längst gedacht ist, und präsentieren dem Menschen metaphysische Inhalte, die die wirkliche Dynamis des Geistes lähmen.“ (S. 69)
Damit ist gemeint, dass Vorstellungen über die Art und Weise, wie sich spirituelle Erfahrung entwickelt, bereits im Vorfeld des eigenen Übens wie in einer Überlagerung vor das innere Auge legen und damit die sich entwickelnde innere „Immanenz“ praktisch unmöglich machen. Nun hat kaum ein spiritueller Denker durch die publizierten Vorträge ein derart umfassendes Werk wie Rudolf Steiner hinterlassen- ein Werk, das schon vom Umfang her für den Einzelnen kaum zu bewältigen ist. Nur allzu leicht wird die „Dynamis des Geistes“ eben durch diese Inhalte des Werkes, aber auch durch eine unkritische Verehrung dessen, der dergleichen geäußert hat, verhindert. Selbst wenn diese Fallgrube umgangen wird, führt die Bearbeitung des Werks häufig zu einer Metadiskussion esoterischer Inhalte- nicht selten auf hohem abstraktem Niveau. Andererseits verhindern die Vorstellungen darüber, wie „spirituelle Erfahrung“ auszusehen hat, den eigenen realen Erfahrungen zu vertrauen oder sie überhaupt als solche zu erkennen. So entwickelt sich die häufig beklagte typisch anthroposophische Second-Hand-Spiritualität aus geliehenen Vorstellungen oder - in einer Art Salto mortale- eine aufgepfropfte Esoterik, die sich zwar der anthroposophischen Nomenklatur bedient, ihre Quellen aber ganz anderen Richtungen entlehnt. Manchmal entwickelt sich auch eine seltsame Dogmatik, die sich vor allem in der Ablehnung von Erfahrungen Anderer aufbaut und auf eine vorgebliche „Reinheit der Lehre“ pocht.
Die Freiheit, jenseits von Dogmatik, „Inhalten“ und wie auch immer gearteten Vorstellungen dort zu gründen, wo das Denken „noch nicht an ein Objekt“ (Scaligero) gebunden, noch namenlos und formlos sich selbst erfährt, versickert in diesen Fallgruben allzu leicht. Die „Verwirklichung seines Seins, das eins ist mit der Welt“, ist einem Denken, das bereits mit Erwartungen und Vorstellungen besetzt ist, fast unmöglich.
Wenn man Anthroposophie in dieser Hinsicht etwas vorwerfen mag, ist es eben ihre Fülle. Aus ihr muss sich der, der es mit ihr ernst meint, in gewisser Weise auch heraus arbeiten, um sich zu emanzipieren. Der Beginn setzt an einem individuellen Nullpunkt an, an dem „Inhalte“ und Determinationen schweigen.
Die zerstreuten Fäden des Bewusstseins
„Folglich ist die einzige Lösung, dass man das Schweigen des Geistes dort übt, wo es scheinbar am schwierigsten ist, also auf der Straße, in der Untergrundbahn, bei der Arbeit und überall.
Anstatt viermal am Tag wie ein gehetztes Wild über den Bahnhofsvorplatz zu jagen, kann man ihn viermal bewusst überqueren wie ein Sucher. Anstatt recht und schlecht in den Tag hinein zu leben und sich in einer Unmenge von Gedanken zu verausgaben, die nicht nur jedes Reizes entbehren, sondern zermürbend wie ein Presslufthammer sind, sammelt man die zerstreuten Fäden seines Bewusstseins und arbeitet - arbeitet an sich selbst - in jedem Augenblick; und das Leben beginnt, ganz außerordentlich interessant zu werden, denn die kleinsten und bedeutungslosesten Umstände werden zu Gelegenheiten, einen Sieg zu erringen - wir sind ausgerichtet, wir steuern auf ein Ziel zu anstatt ins Blaue.
Denn das Anliegen des Yogas ist nicht etwas zu tun, sondern etwas zu sein.“
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Spirituelle Rationalität
Bei weiteren, gemächlichen Wanderungen durch die Literatur um Buddhismus, Sri Aurobindo, Achtsamkeit und speziell um die burmesische Satipatthana- Methode stößt man unentwegt auf Aussagen, die einen bewegen, die man aber auch in sich bewegen muss. In diesen reifen, ausgeprägten spirituellen Richtungen - die Achtsamkeitsübungen der Satipatthana- Richtungen sind etwa so alt wie die Anthroposophie- findet man Bezüge, die man für sich aber entwickeln und reifen lassen muss. Ich habe bereits die Achtsamkeitsübungen aus Burma angesprochen. Auf letztere möchte ich hier eingehen.
Dies deshalb, weil diese Art der Achtsamkeits- Übungen etwas Besonderes für mich darstellt, nämlich ein Muster von spiritueller Rationalität und Ökonomie. Man lässt sich hier nicht auf Spekulationen, "geistige Erlebnisse" oder innere Bilderfluten ein, man mag keine "schnellen Resultate" und klassifiziert sensationelle "Erlebnisse" als "innere Unruhe". Es geht um "Spitzenergebnisse in Konzentration, Achtsamkeit und Einsicht" einerseits und um eine Einbettung in den Alltag andererseits. Der Ansatz liegt - im Gegensatz zum anthroposophischen- in schlichten Atemübungen oder der aufmerksamen Wahrnehmung von anderen körperlichen Zuständen- die unspektakuläre, reduzierte und vorsichtige Arbeitshaltung ist aber durchaus ähnlich. In anthroposophischen Zusammenhängen tauchen natürlich auch immer wieder Exzesse auf, die für sich mit sensationellen, trompetenstoßartigen oder mit Engelbildern verzierten Schilderungen werben. Hier wie dort- kulturunabhängig- ist in der meditativen Arbeit eben relativ früh mit solchen archaischen, atavistischen und oft auch illusionären Nebeneinflüssen zu rechnen, die allerdings hier wie dort mit bezwingender Unmittelbarkeit auftreten und das Glimmen einer inneren Taschenlampe mit einer globalen Erleuchtung verwechseln. So schildert das auch Nyanaponika :
"Im Übungsverlauf mögen aber auch andere Erfahrungen auftreten, denen gegenüber weit größere Vorsicht und Zurückhaltung angebracht sind. Bei stärkerer Konzentration (und bei manchen Personen schon früher) stellen sich manchmal innere Lichtwahrnehmungen ein, sei es von geringerer oder größerer Intensität, wie sie von Meditierenden verschiedener Religionen erlebt und beschrieben wurden. Auch die Bilderwelt des Unbewussten mag durch stärkere Konzentration angeregt werden, und einfache und komplizierte Bildvorstellungen mögen ins Bewusstsein treten. Mystiker haben oft in solche Licht- und Bildwahrnehmungen ihre eigenen Glaubensvorstellungen projiziert.
Der Jünger der Achtsamkeitsschulung aber begegne all dem, schon beim ersten Auftreten, mit einer kurzen, nüchternen Feststellung ("Licht", "Ein-bildung") und wende sich sofort wieder seinem Übungsobjekt zu, ohne weitere Gedanken oder Gefühlen über jene Eindrücke Raum zu geben. Wenn aber diese Eindrücke oder die Gedanken darüber andauern, so unterbreche man die Übung, bis jene Vorstellungen geschwunden sind oder sich die Gedanken beschwichtigt haben.
Man wisse, dass es sich auch hierbei nur um psychologische Phänomene, um Nebenerscheinungen geistiger Konzentration handelt, die keineswegs bei allen Meditierenden auftreten. Man braucht also solche Licht- und Bildvorstellungen weder zu fürchten, noch soll man auf sie, als vermeintliche "mystische Erfahrungen", stolz sein. Im Allgemeinen aber bietet die hier dargelegte Geistesschulung in Rechter Aufmerksamkeit wenig Nährboden für solche Phänomene."
Herrlich. Da wird kurz und knapp die Luft aus dem Ballon gelassen.
Nichts und niemand
Sophie Hungers wundersames Lied vom "Walzer für Niemand" geht mir nach:
"Niemand, siehst du's, ich wachse nicht mehr
Meine Hände sind Füße, Niemand, schau her
Bald bin ich nichts und das, was dann bleibt
Ist deine Wenigkeit
Niemand, was, was willst du?
Immer bist du hier
Niemand, was, was willst du?
Von mir?"
Wer und wo ist der Andere in uns, der kein Anderer ist, der nichts ist, aber nichtsdestotrotz existiert? Wie tief diese Frage in der christlichen Mystik verankert ist, zeigt ein Blick in das Werk von Simone Weil , etwa in "Schwerkraft und Gnade": "Ich soll es lieben, nichts zu sein. Wie schrecklich wäre es, wenn ich etwas wäre! Mein Nichts lieben; lieben, Nichts zu sein. Mit jenem Teil der Seele lieben, dessen Stätte jenseits des Vorhangs ist, denn der Teil der Seele, der dem Bewusstsein wahrnehmbar ist, kann das Nichts nicht lieben, es graut ihm davor. Wenn er es zu lieben glaubt, so ist das, was er liebt, etwas anderes als das Nichts."
Nichts und Niemand sind kein Ende, sondern der Anfang schlechthin. Das ist in meinen Augen die Quintessenz des Neuen Testaments, das so gesehen ein Buch der Einweihung ist: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." Der "Reiche" in uns, der Offensichtliche, der, der "etwas" darstellt, gelangt nicht hindurch; Nichts und Niemand sehr wohl. Auch die Taufe im Jordan kann man in diesem Sinne als seelisch-geistiges Geschehnis verstehen. Johannes der Täufer, der so reich begabte, weiß sehr wohl, dass er "Niemand" tauft, und er weiß ebenso, dass dieser Niemand es ist, der ihm folgen wird.
Diese Taufe müssen wir an uns selbst vollziehen. Aber diese kann nicht statisch und dauerhaft sein, denn Niemand entzieht sich uns immer aufs neue. Alles, selbst eine "Gotterfahrung" oder die Sehnsucht danach, wird in unseren Händen allzu schnell wieder zu "etwas", zu einem Teil unserer Selbstidentifikation, und wir werden zum "Reichen". In diesem Sinne meint Simone Weil sicherlich zu recht: "Von zwei Menschen ohne Gotterfahrung ist der, welcher ihn leugnet, ihm vielleicht am nächsten."
Das „reine Beobachten“
Nein, dieser Begriff stammt diesmal nicht von den üblichen Verdächtigen- er wird vielmehr im Buddhismus als ein Aspekt der "Achtsamkeit" betrachtet:
"Das Reine Beobachten lässt die Dinge zunächst selber sprechen; es erlaubt ihnen, sich gleichsam auszusprechen. Es lässt sie ausreden, ohne sie durch ein voreiliges abschließendes Urteil zu unterbrechen, wenn sie noch so vieles zu sagen haben. Weil das Reine Beobachten die Dinge immer neu sieht, ohne die nivellierende Wirkung gewohnheitsmäßiger Urteile, deshalb werden die Dinge auch häufiger Neues zu sagen haben. Das geduldige Innehalten beim Reinen Beobachten eröffnet manchmal gleichsam mühelos tiefe Einblicke und erschließt verborgene Beziehungen, die sich dem ungeduldigen Zerren eines allzu aggressiven Intellekts versagen. Das entweder vorschnelle oder gewohnheitsmäßige Bewerten oder Behandeln der Dinge (in Tat und Gedanke) versperrt oft wichtige Erkenntnisquellen. Der westliche Geist muss vom östlichen wieder lernen, sich auch rein empfangend verhalten zu können und dies nicht nur als ein Mittel der Stillewerdung, sondern auch der Erkenntnis."
Hier irrt der Autor, Herr Nyanaponika , indem er doch etwas pauschalisiert. Fasst man unter den "westlichen Geist" auch das Werk Rudolf Steiners, stößt man in diesem Zusammenhang schnell auf dessen so genannte "Nebenübungen". Rudolf Steiner schreibt (und es wirkt wie eine Ergänzung zu den Beschreibungen Nyanaponikas):
"Das Denken in Verbindung mit dem Willen erfährt eine gewisse Reifung, wenn man versucht, sich niemals durch etwas, was man erlebt oder erfahren hat, die unbefangene Empfänglichkeit für neue Erlebnisse rauben zu lassen. Für den Geistesschüler soll der Gedanke seine Bedeutung ganz verlieren: «Das habe ich noch nie gehört, das glaube ich nicht.» Er soll während einer gewissen Zeit geradezu überall darauf ausgehen, sich bei jeder Gelegenheit von einem jeglichen Dinge und Wesen Neues sagen zu lassen. Von jedem Luftzug, von jedem Baumblatt, von jeglichem Lallen eines Kindes kann man lernen, wenn man bereit ist, einen Gesichtspunkt in Anwendung zu bringen, den man bisher nicht in Anwendung gebracht hat."
Man sieht daran gut, dass die "Nebenübungen" eigentlich den Aspekt der Achtsamkeit in den anthroposophischen Kontext einführen- als einen wichtigen konstitutiven Teil des anthroposophischen meditativen Lebens. Steiner nennt es eben nicht "Reines Beobachten", sondern "Unbefangene Empfänglichkeit". Man versteht beide Autoren ganz gut. Es geht ja im Kern um die Frage nach einer meditativen Haltung im Alltag. In der "Empfänglichkeit" ohne voreiliges Urteilen, aber nicht passiv, sondern in einer zurück genommenen Aufmerksamkeit, also einer erhöhten Intensität treffen sich quasi zwei Kulturen. Denn im Alltag bewährt sich die Meditation. Wäre Letztere nur etwas für sonntägliche Selbstbeschönigungen, würde sie sich im Alltag rasch von selbst zugrunde richten. Man merkt dann schon, wie schwer es doch ist, den eigenen Reaktionsmustern und Erregungspotentialen zu entkommen. Die "Empfänglichkeit" ist ja extrem kommunikativ, ihrem Wesen nach- sie sucht die offene Begegnung, den Austausch, das Gespräch. Sie begibt sich ganz und gar in den Alltag hinein und bewährt sich darinnen. Das wiederum hat Rückwirkungen auf das meditative Leben: Wer sich bewährt, steht einfach anders da. Er schiebt nichts vor und macht sich nichts vor. Er passt durchs Schlüsselloch des Geistes, weil er sich auf das Andere einlassen kann.
Die Ruhe
„Die Ruhe“, schreibt der auch umstrittene Massimo Scaligero, „wird nicht verwirklicht, wenn man sich vorsätzlich in die Einsamkeit begibt. Sie behauptet und erprobt ihre Tiefe im Tumult der Welt. Diese Ruhe ist zu entdecken: trotz der Welt, die ihr widerspricht.“ („Traktat über die unsterbliche Liebe“, S. 328)
In der Tat. Die „Welt“ sind allerdings auch wir selbst. Wir sind es ja, die „die Gereiztheit, die Aufgeregtheit, den Unfriede(n), die Angst“ nicht nur produzieren, sondern uns daran als Individuum auch konstituieren. Das Rädchen, in dem wir emotional rennen, wird schon von uns selbst angestoßen; wir fühlen uns darinnen selbst. Das seelische Tasterlebnis, ein umgrenztes Etwas oder ein Jemand zu sein, entspringt vor allem dem Anstoßen an dem Krach, der Aufregung, der Empörung, der rechthaberisch vertretenen Idee. Aber: „Wer in den Leidenschaften und Emotionen die Ruhe wiedergewinnt, der hat die Ruhe wirklich und darüber hinaus Kräfte, wie sie die Welt nicht erwartet: Kräfte, die in der Seele strömen können, ohne von ihr entstellt zu werden, denn die Ruhe ermöglicht nun den tieferen Kontakt mit der Seele.“
Nun gibt es so viele Ausweichmanöver dabei, wie es Individualitäten gibt. Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber ein Konstruktivist wie Watzlawick hat völlig recht damit, dass die behauptete oder von Anderen geforderte Ruhe („Sei doch mal entspannt“) vollkommen absurd ist. Man kann das so wenig wollen wie man sich mit den Haaren selbst aus dem Sumpf ziehen kann. Man kann die Ruhe festmachen an Reisen & Wellness & Sport & Lesen & Sex & einem anderen Partner & einem Zweitageseminar im buddhistischen Retreat. Häppchen davon erzeugen Hunger nach Mehr- die avisierte Ruhe wird zu einem Konsumgut wie andere auch, entzieht sich aber immer wieder auf Neue.
So ist Scaligero auch der Meinung, man solle stattdessen die Ruhe suchen „in der Entschlossenheit, die den Durchgang durch den Tumult auf sich nimmt.“ Nichts vergessen, nichts beschönigen, nichts behaupten. Die „nicht erkannte Unruhe“ ist das Problem: „Die Unruhe ist das Nichts, das Geltung erlangt: aber sie ist das Nichts, das man als solches erkennen kann. Wird dieses Nichts als Nichts erkannt, dann kann auch seine Wesenlosigkeit verschwinden. Dann aber ist es die tiefe Ruhe, die zuvor nicht erkannt wurde.“
Das Paradoxon besteht eben darin, dass man die Unruhe „nährt (..), weil man ihr entgehen will“. (S. 330) Von solchen Paradoxen profitieren ganze Industrien- etwa Unterhaltung und Tourismus. Scaligeros Weg ist ein ganz anderer: „Man kann dahin gelangen, im Inneren der Unruhe zu ruhen. Denn in Wirklichkeit ist das Ich losgelöst von ihr. Die Unruhe wird hingenommen, damit sich das Ich ihr gegenüberstellt, so dass die Unabhängigkeit des Ich verwirklicht wird, das in Wahrheit von nichts ergriffen werden kann.“ (S. 330)
Das Rohr im Wind dreht sich mit den Luftströmungen. Man kann das nicht verhindern oder verleugnen. Man kann es aber anschauen. Der, der das eigene Getriebensein, den Unfrieden, die inszenierten Probleme ansieht, ohne davon mitgerissen zu werden, tut dies in einer Ruhe, die keinen Grund und keinen Boden findet: „Die Ruhe ist die Tiefe, in die man schrankenlos hinabsteigt: zu den Wurzeln des Seins, die unauffindbar sind, da sich immer wieder ein noch tieferer Grund auftut.“ (S. 332)
Das leuchtende Gewand
Nach den Recherchen von Peter Staudenmaier war Massimo Scaligero vor und während des 2. Weltkriegs aktiver Faschist in Norditalien. Seine Schriften, die während und nach seiner Gefangenschaft (1945) entstanden, vor allem in den 60er und 70er Jahre bis zu seinem Tod, haben den Titeln nach spirituellen Charakter. Da sie nur zum geringen Teil übersetzt und - auch antiquarisch- schwer zu bekommen sind, kann ich nur das beurteilen, was ich vorliegen habe, und das ist das sehr anregende Buch „Traktat über die unsterbliche Liebe“. Es geht im Kern um das Verhältnis von Reinem Denken und Sexualität. Scaligero schreibt wie ein Blogger. Er schreibt nur zum geringen Teil zielgerichtet, linear: Seine Methode ist eine kreisende Aneinanderreihung von Meditationen über das Thema- so als wären es separate kleine Betrachtungen. Das Niveau ist schon deshalb hoch, da er offensichtlich aus der Vertiefung heraus schreibt, nicht nur über sie. Das ist also nichts für ungeduldige Leute. Das Thema entwickelt sich von innen heraus- in dem Maß, in dem man es mitvollzieht. Daher schreibt Scaligero, seinen Anspruch formulierend, im Vorwort auch: „Dieses Buch kann nicht einfach gelesen oder studiert werden. Es ist vielleicht nicht einmal der Meditation zugänglich, es sei denn, der Meditierende setzt das Denken so in Bewegung, dass es in seinen eigenen Inhalt eingeht.“ Man kann also nicht erwarten, Rezepte, Anleitungen oder auch nur eindeutige Aussagen Scaligeros zum Thema zu erhalten.
Ich habe mich an manchen Punkten auch gestoßen. Scaligero ist keiner, der einfach und simpel irgend eine Art von Askese predigt. Er ist keinesfalls lustfeindlich. Auch wenn er eine Sublimierung der Begierde schlechthin beschreibt und sich im Grunde an die Quellen der Lust begibt, um sie spirituell zu fassen, verbrämt er sie nicht und zieht an keiner Stelle aus seiner Erfahrung heraus moralisierende Schlüsse. Aber selbst das ist nur schwer und über lange mitgehende Denkbewegungen eindeutig bei ihm fest zu machen. Manchmal klingt es auch anders, manchmal rührt er eindeutig an das, was in östlichen Traditionen als Kundalini- Kraft bezeichnet wird.
Aber Scaligero bewegt sich immer wieder an Grundlagen des Denkens überhaupt- etwa an die Beziehung zwischen Bewusstsein und Leben: „Der Widerspruch, der dem Bewusstsein anhaftet, besteht darin, dass es außerhalb seiner selbst das Leben sucht, das es von sich ausgeschlossen hat, um Bewusstsein zu sein. Dadurch, dass es zum Bewusstsein wurde, hat es das Leben zu etwas anderem gemacht. Zwar ist es der Ansicht, es in den Sinnesempfindungen dennoch zu haben, hat es dort aber immer nur so, dass es ihm zur Abstraktion gerät und verloren geht. Es kann das Leben nur berühren, das ihm aus der Tiefe als das noch unberührte oder nichtdialektische Denken entgegenblickt: als jenes Denken, das für einen flüchtigen Moment - im Wahrnehmen selbst- mit dem Lebendigen vereinigt ist.“
Das Bewusstsein kann auf der Ebene des Alltagsdenkens nur existieren, indem es „das Leben von sich“ stößt. Statt der reinen Erfahrung des Lebendigen wird ein Vorstellungsbild oder eine „persönliche Empfindung“ produziert: „Es nimmt das Leben nicht wahr, denn es sucht es außerhalb seiner selbst - unwissend, wie es seine eigene Grenze überschreiten kann. Es sucht es in einem Bild von der Welt, das schon des Lebens beraubt ist.“
In der Empfindung oder Vorstellung verlöscht das Lebendige. Eine „Fortsetzung“ in der Seele „könnte sich nur in der Bewegung des reinen Denkens ergeben, die das Leben tragen kann, weil sie von dessen sinnlichen Manifestationen unabhängig ist.“ Im reinen Denken kann sich die „Verknotung“ des Bewusstseins lösen; es werden „die Kraftlinien des Denkens, das sein eigenes Licht verstrahlt, wirksam: des Denkens, das undialektisch - als objektives Wollen - im leiblichen Willensstrom anwesend ist.“ (S. 153)
Vielleicht wird aus dieser Textstelle deutlich, in welchem Maß hier ein meditativer Text vorliegt, der eigentlich mantrischen Charakter hat und meditativ mitvollzogen werden will. Bei aller Skepsis in Bezug auf die Integrität des Autors: Diese Qualitäten wird man dem Buch gerne zugestehen. Die Erfahrung, die Scaligero an diese Textstelle anschließt, lautet: „Dadurch ist die Seele selbst wie neu geboren, als zöge sie ein leuchtendes Gewand an, kann sie doch erst jetzt ihre eigene Wahrheit verwirklichen: die Unabhängigkeit vom Begehren. Das ist die Unabhängigkeit, durch die es möglich wird, die Erfahrung selbst als Leben in ihrer wunderbaren Unpersönlichkeit wahrzunehmen.“
So kreist Scaligero in seiner meditativen Praxis, die er in diesem Buch mitvollziehbar darstellt, um seine persönlich- unpersönliche Interpretation einer „Philosophie der Freiheit“. Sonntagsreden erspart er sich und uns. Es ist ein Arbeitsbuch, aus und für die konkrete Arbeit geschrieben.
Unbewusste Fühlorgane
Barbara ist mit ihren Betrachtungen über die „Nebenübungen“ Rudolf Steiners schon viel weiter auf ihrer Oleander- Website. Ich möchte aber noch einmal auf die 5. Nebenübung, „die Unbefangene Empfänglichkeit“ zurück kommen. Worum geht es? Wie Barbara erläutert, handelt es sich dabei darum, durch meditative Übung „offen für alles Neue, Unvorhergesehene zu sein“ und damit „ein immer Lernender“ zu werden. Das Problem sieht Barbara darin, „dass wir Neues normalerweise auf der Grundlage unserer bisherigen Erfahrung beurteilen, was dazu führen kann, dass wir eine neue Idee ablehnen“. Wir betten Erfahrungen eben gern in den uns bekannten Kontext ein. Das, was nicht passt in das vorhandene „Weltbild“, den Kontext unserer Erfahrungen, in unsere Erwartungen, lehnen wir gern ab, haben Angst davor oder nehmen sogar nur selektiv wahr: „Der andere Aspekt ist, dass es sein kann, das man gar nicht merkt, dass man die Welt nur so sehen kann, wie man das gewohnt worden ist. D. h. in dem Fall nimmt man etwas Neues überhaupt nicht wahr.“
Das betrachtet Barbara als einen Extremfall. Aber schauen wir bei der Gelegenheit doch wieder einmal in die Ergebnisse moderner Hirnforschung- in diesem Fall in Manfred Spitzers Buch „Selbstbestimmen“. Er behauptet im Kapitel „Sensationshunger“ (S. 182ff), dass die selektive Wahrnehmung keineswegs der Extrem- oder Ausnahmefall ist, sondern eben die Norm: „Wahrnehmen und das Bewerten von Ereignissen (lassen sich) nicht voneinander trennen.“ Das beweisen schon einfache Experimente mit Hunderten von Studenten, denen man Strichlisten von Foulspiel beim Betrachten eines Fußballmatches gab. Jeder Student war Anhänger einer jeweiligen Mannschaft. Tatsächlich wurden stets vor allem die Fouls der gegnerischen Mannschaft wahrgenommen: „Hierdurch konnte gezeigt werden, dass die Fans der beiden Lager keineswegs das gleiche Spiel sahen und die Dinge deshalb jeweils anders bewerteten. Es war im Grunde so, dass die Fans jeweils ein anderes Spiel sahen!“ Die ersten Experimente dieser Art stammen übrigens aus dem Jahr 1954. Dennoch glauben wir noch immer, dass man erst „objektiv“ wahrnehmen würde und erst danach interessengeleitet bewertet. Nein, unsere Einstellungen bestimmen vielmehr die Wahrnehmung selbst. Es macht demnach auch keinen Sinn, hinterher an die „Wahrheit“ zu appellieren.
Die Sache wird noch schlimmer, wenn unser archaisches Panik- und Emotionssystem, der Mandelkern, ins Spiel kommt. Hierbei handelt es sich um sehr alte, tief verankerte Mechanismen: „Negative Aspekte einströmender Information werden im Mandelkern entsprechend bewertet, bewirken die Emotionen der Furcht und Angst und werden sehr schnell mit Verhaltensstrategien assoziiert, die mit Kampf oder Flucht in Verbindung stehen.“ Es ist ein System wie ein Fühlorgan, das im Gehirn ununterbrochen die Umgebung auf potentiell gefährliche Aspekte abtastet: „Dies geschieht, noch bevor das visuelle System genau wahrgenommen hat.“ Die selektive Bewertung von Reizen geschieht also vor dem eigentlichen bewussten Sehen! Man kann sich vorstellen, dass es solche Art von Organen bereits vor der Ausbildung der Sehfähigkeit gegeben hat. Diese Zeit gab es nach Rudolf Steiner in der menschlichen Entwicklung durchaus. „Ursprünglich, als nur der physische und der ätherische Leib in der Anlage vorhanden waren, war hier, wo jetzt die Augen sind, nichts. Diese Stelle erwies sich aber besonders empfindlich für die der Erde zugesandten Sonnenstrahlen. Und das, was die Sonne zuerst als Eindruck bewirkte, das war Schmerz. An dieser Stelle waren zwei Leidenspunkte, Schmerzstellen, die dauernd verletzt wurden. So bildete sich an jenen empfindlichen Stellen Schorf, und aus diesem Schorf formte sich nach und nach der herrliche Wunderbau des Auges, allerdings nach langer Entwickelung.“ (GA 101, S.95)
Steiner weist auch auf eine vor- menschliche Zeit hin, in der die menschliche Gestalt molchartige Formen hatte und noch ganz und gar auf archaische Organe der beschriebenen Art angewiesen war. Ich berichte in meinem Artikel „Das dritte Auge“ darüber: „In dieser Zeit entwickelte sich für dieses Wahrnehmen, bei dem es noch keine Trennung zwischen Innen und Außen gab, eine Art Organ, das wohl mit einem lichtempfindlicher Fühler zu bezeichnen ist. Rudolf Steiner nennt es ein "heute nicht mehr vorhandenes Auge". In den Mythen der Frühzeit tauchte dieses Ur-Auge auf in der Gestalt des Zyklopen.
In der weiteren Entwicklung bis weit in die so genannte lemurische Zeit hinein wurde dieses Licht-Fühlorgan, das Seelisches unmittelbar mit den Wahrnehmungen verknüpft hatte, allmählich abgelöst durch die Entwicklung der Augen. Durch diese wurde das wahrzunehmen gelernt, was tatsächlich farbig um die Wesen herum vor sich ging.“
Ich möchte nun keinesfalls behaupten, dass Übungen zur Unbefangenheit eine völlige Illusion seien. Allerdings glaube ich, dass das Beherrschen derart archaischer Mechanismen und Reflexe nicht dauernd und kaum im gewöhnlichen Bewusstsein zu realisieren sein dürfte. Steiner formuliert in seinen harmlos erscheinenden „Nebenübungen“ sehr anspruchsvolle Übungsformate. Es ist tatsächlich das Erreichen einer inneren Zeugenschaft notwendig, die es möglich macht, nicht nur die Umgebung und die Fakten, sondern auch die eigenen Reaktionen, Reflexe und Mechanismen zu überblicken und zu beherrschen. Denkbar ist dies nur in der größten Ruhe und Gelassenheit. Die Anteilnahme und Gegenwärtigkeit der Aufmerksamkeit wird in reinen Übungssituationen gleichsam wie im Labor erprobt. Die „Nebenübungen“ erheben darüber hinaus den Anspruch, eine solche innere Haltung in den gesamten Alltag hinein zu tragen und damit über unsere menschlichen und tierischen Erbschaften hinaus zu wachsen.
Das Belohnungssystem und seine Transformation
Das interne Belohnungssystem im Hirn wird seit etwa 2000 erfolgreich erforscht. Da der Erkenntnisstand in dieser Disziplin sich nach Manfred Spitzers Aussage alle 6 Wochen verändert bzw. entwickelt, darf man davon ausgehen, dass auch ein Buch Spitzers wie „Selbstbestimmen“ nicht gerade auf dem neuesten Stand ist. Dennoch- auch in ihren frühen Aussagen ist diese Wissenschaft aufregend und unglaublich inspirierend.
Genau genommen handelt es sich (wir sprechen vom Nucleus accumbans und dem Dopamin Haushalt) weniger um ein Belohnungs- als um ein Relevanzzentrum. Dafür spricht schon, dass das Frontalhirn, das unsere rationalen Entschlüsse ermöglicht, direkt über dem Belohnungszentrum sitzt und mit starken, kurzen „Bahnen“ mit diesem verbunden ist. Man kann daher mutmaßen, dass unser Belohnungs-, Lust- und Relevanz System unsere vorgeblich rationalen Entschlüsse massiv unterstützt, oder auch hemmt und sie absterben lässt. Spaß und Freude regen also auch unsere gedankliche Aktivität an. Umgekehrt hemmt eine innere Blockade wie etwa eine Depression die geistige Perspektive. Es lähmt sie, engt sie ein. Die Situation ist tatsächlich nicht so perspektivlos, wie sie der Depressive sieht.
Auf der anderen Seite werden unsere Sinne und „Organismen mit einer Vielzahl von Reizen geradezu bombardiert und müssen die wenigen wichtigen aus der Vielzahl der unwichtigen Stimuli herausfiltern. Das hier diskutierte System fügt einem Reiz ein Etikett bezüglich dessen Bedeutsamkeit hinzu und bewerkstelligt dadurch die Funktion des Aussortierens wichtiger von unwichtigen Reizen.“ (Spitzer, S 141) Das heißt aber doch, dass wir letztlich eben doch von Gefühlen geleitet werden. Die „Sinngebung“ erfolgt eben nicht auf der rationalen Ebene, sondern vorher, in dem durch Dopamin gesteuerten Lustzentrum, in dem sich im übrigen auch der Mechanismus für die Süchte befindet. Daher finden wir auch immer Argumente für unsere Süchte. Aber wenn es auch Süchte sein können, die unsere rationalen Hirnanteile anstoßen, müssen wir uns nicht darüber wundern, wie korrumpierbar unser Denken ist.
Aber es gibt weitere Aspekte: „Opiatähnliche Ausschüttungen“ werden bei der Aktivierung unseres Lustzentrums ausgeschüttet, wenn sich Impulse regen. Initiative und der Anstoß neuer Ideen machen eben auch Spaß. „Das System könnte daher auch als Optimismus System bezeichnet werden, denn es führt beim Menschen dazu, dass man auf eine Situation bzw. auf einen Menschen zugeht, dass man sich vor Neuem nicht verschließt, sondern es geradezu sucht.“ (Spitzer, S142) Das System kann auch „überhitzen“, so dass belanglose Ereignisse oder Dinge eine abnorme Bedeutung bekommen. Man kann sich in Gedanken, in Initiativen verrennen. Eine Ausschüttung von Dopamin kann zu manischen Zuständen voller überschäumender Energie (und rasender Assoziationen) führen.
Aber vor allem hat das Bedeutungs- und Glückssystem Auswirkungen auf die Formung unserer Persönlichkeit. Denn es hängt auch mit unserem Selbstbild zusammen. Bei Befragung einer Million Studenten hat sich gezeigt, dass sich fast jedermann für besser geeignet hält, mit seinen Mitmenschen zurecht zu kommen als alle anderen. 94% aller Professoren halten sich für begabter als der Durchschnitt ihrer Kollegen. Und fast jedermann hält seine eigenen Einschätzungen für objektiver als die seiner Mitmenschen, ganz generell. Das Belohnungssystem sorgt also auch für unsere Illusionen über uns selbst und konstituiert daher (auch) das, was man gemeinhin als „Ego“ bezeichnet. Spitzer bezeichnet das als „positiven Selbstbeurteilungs- Bias“- ein permanentes „Vorurteil“, das wir über uns pflegen. Der Nutzen von dieser Verzerrung ist, dass uns dadurch „das Leben einfacher“ erscheint. Wir halten uns (80%) sogar für glücklich, die Anderen eher (50%) für unglücklich. Wir halten, wie Steiner es einmal ausdrückte, unser Ich auf dem Arm und kosen es liebevoll.
Das Belohnungssystem macht es auch möglich, dass Menschen, die todkrank im Bett liegen, statistisch gesehen nicht unglücklicher sein müssen als kerngesunde Menschen. Man erfreut sich eben an dem, was einem noch verblieben ist. Das Glück ist eine relative Sache, wie wir Alle wissen. Aber es hängt eben auch von Substanzen wie Dopamin oder Serotonin ab. Nach Leuten wie Sebastian Gronbach, die meditative Arbeit erklärtermaßen als eine Art Bodybuilding betreiben , hängen „Fortschritte“ auch von erfolgsorientiertem inneren Druck des Meditierenden ab- von erhofften und gesuchten Belohnungen z.B. in Form von geistigen Erfahrungen. Das ist für mich schwer vorstellbar. Der Drang nach Erfolg erscheint mir in diesem Kontext doch als kontraindiziert. Spiritueller Ehrgeiz ist etwas, was mich erheblich behindern würde und auch Jahre lang behindert hat. Für mich ist die Erwartung geistiger Wohltaten ein reiner Ausdruck des Egos, das seine Rosinen auch in geistiger Arbeit ernten möchte, weil es sich vorstellt, sie per se verdient zu haben.
Vielmehr muss in meiner Auffassung das Belohnungszentrum umgewidmet werden in ein reines Gefühl für Relevanz. Es bietet dann auch eine Orientierung im nicht- sinnlichen Feld. Es darf dabei nicht mehr verstrickt sein in die schlichten Mechanismen des Konsums, des Lustgewinns, der alltäglichen Selbstbetäubung, des Machismo. Das Lustzentrum kann auf höherer Ebene das Licht sein, das auch hier Orientierung gibt. Steiner nennt so etwas gern die Umwandlung des Astralleibes. Aber dabei geht nichts verloren und nichts wird lediglich „überwunden“. Das Gefühl für Relevanz wird lediglich umgewidmet. Es darf unserem alltäglichen System des permanenten Selbstbetrugs nicht mehr dienen, sondern sich in einen Strom eingliedern, der uns mit sich nimmt, aber auch über uns hinaus weist. Man geht mit, aber man geht darin nicht auf. Auch das ist ein Unterschied zu den ekstatischen Schilderungen mancher Erleuchteter. Ich denke, dass die Ekstase einen Exzess des nicht verobjektivierten Belohnungszentrums darstellt, eine Form geistiger Manie. Das Ego erfährt sich in kosmischen Dimensionen. Aber es unterliegt dieser manischen Erleuchtung auch. Es hat jede innere Orientierung verloren. Dafür fehlt einfach das Rüstzeug, weil die Transformation des eigenen Bewertungssystem nicht stattfinden kann. Wenn es eine solche Kompetenz nicht erworben hat, dann bleibt natürlich nur der Not- Griff zu einem Guru, der Orientierung und Belehrung von außen gibt.
Darin liegt meiner Ansicht nach ein Unterschied zwischen Geistesforschung und „integralen“ anthroposophischen Strömungen dieser Tage.
Aletheia 1
Aletheia ist einer der zentralen Begriffe des Neuen Testaments, wie Georg Kühlewind in „Das Reich Gottes“ heraus gearbeitet hat. Übersetzt wird er - ungenau- meist mit „Wahrheit“, die korrekte Bedeutung aber ist „Nicht- Verborgenheit, Nicht- Vergessenheit, Nicht- Verlorenheit.“
Es ist das Ich selbst, das sich in seiner Beschäftigung mit Wahrnehmen, Denken, Reflexion, Aktion ständig selbst „vergisst“. Dies selbst in der heute angemessenen Form der Bewusstseinsseele , in der das Ich auch über seine eigenen seelischen Besonderheiten, über das von den Eltern „Erhaltene“, ja selbst über den Konstrukt Charakter seiner selbst reflektieren kann. Alle Reflexion kann die „Verborgenheit“ dennoch nicht überwinden.
Kühlewind beschreibt das Eintreten in die „Aletheia“ reichlich kryptisch so: „Mit dem In-die-Welt-Treten des wahren menschlichen Ich durch das Tor der Bewusstseinsseele verändert sich die Welt und das Verhältnis des bisher Verborgenen zum Licht der Welt.“ Gemeint ist in meinen Augen -technisch gesehen- ein Gewahr werden der eigenen schöpferischen Ich- Kräfte- ein Zustand, den Rudolf Steiner auch als „Reines Denken“ bezeichnet. Dieses Denken unterscheidet sich allerdings gravierend von dem, was das reflektierte Denken ausmacht, denn es bleibt auch dann bewusst, wenn es keine Inhalte hat - es besteht in der „Leere“. Faktisch erlebt man damit auch ein sich veränderndes Körpergefühl, denn die Unverborgenheit rührt an die oberen Chakren, wodurch das Körpergefühl dynamischer in diesen Regionen wird und über die Körpergrenzen hinaus geht.
Aber auch das seelische Gefüge ändert sich in manchen Bereichen- der ununterbrochene verteidigende Gestus schwächt sich ab. Man will nicht bestehen - schon gar nicht auf „Standpunkten“. Es gibt nichts zu verteidigen. Es ist ganz deutlich, dass man in einen Bereich eingetreten ist, der einen gewissen Ewigkeitscharakter hat. Damit ändert sich das bisherige Konzept des Ich-bin radikal.
Nun sollte man sich nichts vormachen. Es mögen ja gewisse Veränderungen vor sich gegangen sein. Aber in den tieferen Regionen spürt man sehr wohl die alten Reflexe, Ängste, Konfigurationen, mit denen man sich seit jeher herum geschlagen hat. In den Tiefen, in den „unteren“ seelischen Zonen, in denen das Gefüge an die Lebenskräfte heran rührt, existiert und regiert der Lebenskampf ganz ungebrochen. Existentielle Ängste rühren tief.
Aber immerhin. Mit dem Eintritt in die anfänglichste Aletheia ist doch eines geschehen: Die bisher fast ungebrochene, scheinbar unauslöschliche Einheit des Selbstkonzepts ist ein Stück weit aufgebrochen und man darf die Energie des „Flow“ spüren: „Denkend empfinde ich eines mit dem Strom des Weltgeschehens.“ In diesem Moment enthüllt sich auch erst der Sinn von Rudolf Steiners so genannten „Nebenübungen“ , die vor allem soziale Prozesse betreffen. Denn „Gleichmut“ und „Unbefangenheit“ sind Dinge, die man im Alltagsbewusstsein nur mit Verkrampfungen „üben“ kann. Menschen, die penetrant „Gleichmut“, Gedankenkontrolle und Gelassenheit üben, verbreiten den Charme einer Ziegelsteinmauer. Anders ist das in der Aletheia. Hier sind die Nebenübungen das geeignete, ja das einzig angemessene Element. Sie ergeben sich faktisch von selbst, ohne Krampf und ohne eitle Selbstbespiegelung.
Im Fluss der Unverborgenheit bauen sich keine Mauern auf, denn man steht tief im Dialogischen und in sozialen Prozessen. Der weich gewordene Wille ist durchaus nicht schwach und passiv, aber er ist frei genug, um empathisch in Prozessen stehen zu können. Die soziale Wahrnehmung, aber auch die Fantasie, um verkorkste Verhältnisse situationsangemessen lösen zu können, erweitert sich erheblich. Man steht wirklich in der existentiellen Bejahung des Anderen, die Carl Rogers und Martin Buber (Ich- Es und Ich-Du- Beziehungen) in ihren Arbeiten gefordert haben. Man ist in der Lage, Anderen den Raum geben zu können, den sie für ihre Entfaltung benötigen.
Vor einigen Tagen hat Jelle van der Meulen in seinem Blog den „Saturn-“ oder Willensweg in der Schulung angesprochen, der in scharfem Gegensatz zu den klassischen Erleuchtungsprozessen steht. Auch in der anthroposophischen Schulung werden diese Willenswege ja meist missverständlich allenfalls als „Nebenübungen“ kategorisiert. Aber es passt eben nicht alles für Alle. Es sei nur angemerkt, dass in der Zen- Tradition die Unverborgenheit im Sinne einer Aufmerksamkeit-für-das Andere (das dann kein „Anderes“ mehr ist) weit verbreitet ist. Allerdings enthält auch die anthroposophische Schulung, wenn man sie etwas anders gewichtet, ebenfalls diese Elemente.
Aletheia, zweiter Versuch
„Das ganze Neue Testament steht ja im Zeichen der Aletheia, der Unverborgenheit…“, schreibt Georg Kühlewind in „Das Reich Gottes“ (S. 65). Aber schon im Leben Christi bestand ja das Problem seiner Zeitgenossenschaft darin, dass das sich enthüllende Wesen missverstanden und nicht (oder kaum) erkannt wurde. Die Erwartung an den Messias gestaltete sich „ganz äußerlich“: „Man erwartete und hoffte auf ein äußeres Reich, eine äußere Veränderung der Welt, der Umstände, des Lebens.“ Nicht nur Judas, der zu Unrecht Vielgescholtene, erhoffte ja in Jesus einen Sozialrevolutionär. Eingepfercht zwischen Besatzern und einer allmächtigen religiösen Kaste erwartete nicht nur Judas einen politischen Ruck: Am ersten Sonntag der Karwoche wünschte das ganze Volk eine politische und soziale Kehrtwendung von Christus, als dieser umjubelt und frenetisch empfangen in Jerusalem einritt. Das „innere Königtum“ Christi wurde nicht gesehen.
Wem wollte man das verübeln? Wie können wir die verborgene Intentionalität erfassen?
Wir müssten uns erinnern. Denn die Fähigkeit, Intentionalität rein geistig zu erfassen, hatten wir als Kleinkinder. Anders als durch Symbiose, durch Aufnehmen im Sinne der Aletheia kann kein Kind Sprache erlernen. Die Begriffe sind anders gar nicht zu erlernen als eben dadurch, denn das Kind kann weder Definitionen noch sprachliche Herleitungen verstehen. Es erfasst die Bedeutung von Begriffen einzig durch Aufnahme der Intention des Sprechenden.
Diese „empfangende Aufmerksamkeit“ (Kühlewind) steht dem Erwachsenen nicht mehr von selbst zur Verfügung. Aletheia kann nur durch „Wandlung der menschlichen Fähigkeiten“ realisiert werden. Das verborgene „innere Königtum“ bezieht sich nun allerdings auch auf uns selbst. Wir sind uns selbst zum Rätsel geworden.
Nun war in Bezug auf Christus die Stunde seines grössten Triumpfes - der Einritt in Jerusalem- gleichzeitig auch die Stunde des tiefsten Missverständnisses. Vielleicht ist das auch so in unseren persönlichen Biografien. Vielleicht stehen wir uns gerade dann am fernsten, wenn die Erfolge am grössten sind. Nicht umsonst gilt das Bonmot, dass die grössten persönlichen Katastrophen entweder im Scheitern unserer Intentionen oder aber eben in deren Realisation liegen. Umjubelt, anerkannt, gefeiert stehen wir uns fremd gegenüber.
Die Unverborgenheit lebt in der Stille, auch wenn man in ihr ganz öffentlich wirkt. Sie ist allerdings auch nicht - ein weiteres Missverständnis - abhängig von einer „Überwindung des Ich“ im Sinne alter Mysterien und fernöstlicher Praktiken: Man verliert das „Ich-bin-Prinzip“ nicht, „im Gegenteil: Das Königtum bedeutet, dass die erneuerte (sic!) Fähigkeit des Empfangens der oberen Botschaften gerade durch die Individualisierung der bisher überbewussten Logoskräfte, durch die entstehende höhere Ichhaftigkeit vor sich geht.“ (Kühlewind, dito)
Exkurs: Die kindliche Symbiose und ihre Überwindung
Heute war in allen Grundschulen des Kreises Einschulung für die Erstklässler und ich hatte die Freude, bei einer dieser Feiern dabei sein zu können. Als erster Schritt war ein Gottesdienst vorgesehen, bei dem die Eltern in den Reihen hinter den 60 Kindern sassen - ein erster Schritt der Ablösung und ein sanftes Hinübergleiten in die Schulgemeinschaft. Aber, immerhin, die Neuschüler konnten sich noch umdrehen und sich der Gegenwart ihrer Eltern vergewissern.
Als zweiter Schritt folgte eine Feier in der Aula. Nun mussten die Eltern hinter einer Barriere stehen. Ihre Kinder saßen und erlebten einige Vorführungen ihrer älteren Mitschüler. Die Aufmerksamkeit war nun ganz auf das Schulische ausgerichtet; die Eltern, Grosseltern und Geschwister waren in der dunklen Masse auch kaum noch auszumachen.
Und endlich fand die erste Schulstunde statt. Jedes Kind hatte ein Namens-Kärtchen und einen festen Platz, den es selbst auswählen konnte. Die Eltern waren ganz ausgeschlossen. Zwar schlug sich eine Mutter noch durchs Gebüsch vor den Fenstern, um sich zu vergewissern, dass ihr Liebstes noch lebte- aber im Grossen und Ganzen war die Ablösung zumindest physisch komplett.
Und im Moment bildete sich eine Klassengemeinschaft mit ihren spezifischen Rollen. Da waren die unruhigen Kasper, die Übereifrigen, die trotzig Aufbegehrenden, die arroganten Hochbegabten, die Initiativelosen, die etwas Verwirrten, die jede Aufforderung mit einer Frage beantworteten, die Mitläufer, die Stummen. Fast jeder nahm innerhalb der ersten Minuten eine spezifische Rolle ein, die ein Spiegel der eigenen Selbsteinschätzung, aber vor allem auch ein Spiegel der Erwartungen der Eltern war.
Viele waren etwas verwirrt. Sie verstanden nicht recht, was die Lehrerin äußerte. Ich denke, das liegt an der noch verwurzelten symbiotischen Beziehung zu den Eltern- vor allem zur Mutter. Am Ausgeprägtesten ist diese Symbiose beim Kleinkind, das im Schlaf zappelt, wenn die Mutter mit dem PKW zuhause vorfährt. Das Lächeln des kleinen Kindes befindet sich zwischen den Personen. Alle inneren Regungen der Eltern werden mitvollzogen und bilden die „Aura“, in der das Kind sich entfaltet und konturiert. Mit der Sprachentwicklung ergeben sich andere Symbiosen. Nicht nur bei sprachbehinderten Kindern verstehen die Eltern weitaus am besten, was das Kind will. Die Mitglieder der Familie wissen intuitiv um die Intentionen des Kindes und andersherum. Es sind daher nur minimale sprachliche Spuren notwendig, um ein Verständnis für die Intention des Anderen innerhalb der Familie zu haben. (Wir tun hier einfach mal so, als würde das klassische Modell Familie in der Breite der Gesellschaft noch existieren. Mir ist klar, dass das eine Vereinfachung ist).
In der Person der Lehrerin tritt nun eine gewichtige Person in das kindliche Leben, bei der das gegenseitige symbiotisch- intentionale Band definitiv nicht vorhanden ist. Man muss ihr tatsächlich zuhören, die sprachliche Intention der zunächst Fremden kognitiv entschlüsseln. Sie begleitet ihre Sätze nicht mit den unbewussten mimisch-gestischen Signalen der Mutter. Einigen Kindern, die sich weniger abgelöst haben, fällt das schwer. Bei einigen Wenigen bleibt das Problem dauerhaft erhalten. Sie werden später auch Schwierigkeiten haben, einfache Arbeitsanweisungen auf Arbeitsblättern zu entschlüsseln. Bei den Meisten aber führt die Hinwendung zur Lehrerin zu einer solchen Emanzipation gegenüber den Eltern, dass die Kinder nun bald zuhause zu argumentieren beginnen: „Frau X hat aber gesagt…“. Es ist ein Missverständnis, wenn von Waldorfpädagogen immer wieder das Prinzip der „Autorität“ in der ersten Schulzeit einseitig hervor gekehrt wird. Denn die Zuwendung zur Lehrerin bedeutet vor allem eine Emanzipation von der häuslichen Symbiose. Sie ist ein erster Schritt zur Konturierung der Persönlichkeit, die sich dann meist in der vierten Klasse (heute!) auch gegen die Lehrerin wendet. Wenn die Symbiose zum häuslichen Nest - aber auch deren schrittweise Überwindung- nicht gelingt, wird es dem Schüler unmöglich sein, tatsächlich eigene Standpunkte zu entwickeln.
Dann war die Stunde aus. Eltern und Grosseltern akzeptierten nicht, dass die Kinder einfach die Klasse verliessen. Sie stürmten - kaum dass die Tür geöffnet wurde- in den Klassenraum, unter dem Vorwand, die obligatorischen Fotos fürs Album machen zu müssen. Mir schien es eher so, als würde die erste schulische Abnabelung der Kinder wie eine Wunde erlebt.
Rudolf Steiner spricht im „Heilpädagogischen Kurs“ von der „Mumie“, die in der Muttermilch lebe: „Die ganze Mutter lebt in der Muttermilch“ (dito, S. 180). Unter dieser Mumie darf man wohl eine Art symbiotisch-leibliches, aber auch seelisches Band verstehen. Es handelt sich nach Steiner um dasselbe Band, das das Kind im Uterus versorgt hatte: Diese „Kraft“ der Muttermilch hat „eigentlich seine Region nur geändert (..) innerhalb der menschlichen Organisation.“ (dito) Das Band wird allmählich nur-seelisch - spätestens mit dem Absetzen der Muttermilch. Aber wenn das Kind älter wird, müssen diese mütterlichen Kräfte sich allmählich zurück nehmen: „Wenn dieselben Kräfte, die in der Muttermilch wirken, noch eine Etage höher steigen, bis zum Kopf, verlieren sie auch ihren astralischen Inhalt und würden nur in sich wirken haben physische und ätherische Organisation.“ (dito) Dies sei eine „schädliche Wirkung“, auch für die Mutter selbst. Die Mumie, das Band, die Symbiose werden aufrecht gehalten und bekommen einen egoistischen, hemmenden Einschlag. Das „Muttertier“ (das durchaus auch ein Mann sein kann) kann in diesem Fall nicht loslssen.
Dass das Reißen dieses Bandes, das in vielen schmerzlichen Schritten erfolgt und erfolgen muss, eine wichtige Station beim Schuleintritt erfährt, wurde mir heute wieder einmal deutlich.
Die Kraft des Lebens
Nein, nicht die vegetativen Kräfte sind gemeint, nicht die pralle juvenile Hier-bin-ich und Nehme-was-mir-gebührt- Energie, das Raumausfüllende, das Naive, das plumpe Ego. Nicht das ist gemeint, was wir hoffentlich im Laufe des Lebens und mit wachsender Erfahrung und Selbstdistanz etwas zu kultivieren bemüht sind- auch weil wir wissen, dass wir "von Natur" nichts als ein schwer erträgliches emotionales Knäuel sind, eine Zumutung für die uns Nahestehenden. Wir kennen inzwischen die Fallen, die wir uns selber stellen, weil wir in jeder einzelnen schon einmal drinnen gesessen haben.
Allerdings kennen wir auch viele "Bemühungen, die das Gegenteil des verfolgten Zwecks erreichen (Beispiel: verbitterte Frömmlerinnen, falsche Askese, gewisse Aufopferungen usw.)" Es kann keine reine Technik, aber auch kein emotionaler Ausnahmezustand wie eine Askese sein, die es ermöglicht, den "Willen anzuhalten" (dito). Der anthroposophische Weg, das Denken lebendig zu machen, bleibt aber lange eine Phrase, der man sich gern bedient, die aber ein Abstraktum bleibt, denn nichts scheint ferner zu liegen, als ausgerechnet beim Denken anzusetzen, das -so wie es ist- als das von der "Kraft des Lebens" am meisten Entfremdete erscheint, so lange es uns nicht gelingt, es zu erlösen und dorthin zurück zu führen, wohin es gehört:
"Dies ist das Denken, das erst in der Kontemplation, die den Denkakt anschaut, aufleuchten kann: das sich selber denkende Denken, das wirklich ist, weil es das eigene Wesen ausspricht, ein Denken, das sich nicht auf die Spiegelung stützen muss, um sein Leben zu offenbaren, das also auch ohne dialektische Vermittlung erfahrbar ist. Dieses Denken kennt der Mensch noch nicht. Entstünde es in ihm, dann hätte er darin die Quelle aller Denkkraft, die Kraft des Lebens.
Die Kraft des Lebens wäre dann nicht nur ein philosophisches Gleichniswort, sondern eine unmittelbare Wahrnehmung: die Wahrnehmung des Seins, in welchem die Welt wurzelt und das als die - vom Gegenstand nicht gefesselte - Kraft des Denkens hervor sprosst: die Kraft, die alles in sich hat, was denkbar ist von seinem Wesen her, da sie ja selber das Wesen ist."
Wie sich diese "Auferstehung des Denkens" (Scaligero) im Einzelnen bemerkbar macht, ist offenbar eine individuelle Sache- oder zumindest eine Sache, bei der es unpassend erscheint, sie in hierarchischen Kompetenzmustern wie in den esoterischen Freimaurerbünden zu sehen. Die neu erworbenen Fähigkeiten mögen sich ausleben in sozial- intuitiven Kompetenzen (das verstehen, was sich in Gruppen und sozialen Prozessen "in der Luft liegend" anbahnt), im Erleben eines imaginativen Kraftquells vor dem inneren Auge oder in der Form eines so vertieften Gebets, dass dieses wie ein Samen auf den Boden des unsichtbaren Feldes fällt und so gedeiht, dass der Kontemplierende sich angeschaut fühlen darf. Hier sucht man keine "höheren Wahrnehmungen", ganz im Gegenteil: Das Ziel besteht eher darin, wahrnehmbar zu werden für das Andere.
Wandelbarkeit
Wolf- Ulrich Klünker ist immer noch eine Art Meditationsinhalt für unser Blog, ein Anstoß- Geber, ein Fallstrick, ein Stolperstein. Ich muss gestehen, dass mir die übliche Floskel von der „Krankheit als Weg“, die in gewissen anthroposophischen, aber auch sonst sich alternativ verstehenden Bewegungen grassiert, eine Art Übelkeit eingebracht hat. Das krampfhafte Sinngeben von verzweifelten Lebenssituationen hat etwas von einer Krücke. In diesem Fall haben die hämischen Kritiker recht, die in solchen Sinnstiftungen einen verlogenen Beigeschmack sehen, geschaffen für Leute, die sich den Realitäten von Sein und Nichtsein nicht stellen wollen oder können. Schlimmer und derber wird es noch, wenn man auch in anthroposophischen Ärztekreisen auf die Idee kommt, das Leiden zu heroisieren und palliative Maßnahmen zu verdammen. Leiden - insbesondere extreme Schmerzen- als geistvoll zu betrachten, ist ja meist auch etwas, was man bereitwillig Anderen zumutet und dies von ihnen abverlangt. Aber die, die die Lust an Dornenkronen gefunden haben, haben sich vielleicht auch nicht von ihrem ureigenen archaischen Katholizismus lösen können- sie sehen im Leiden eine Vorbedingung für geistiges Wachstum. Das ist natürlich Unsinn, auch wenn so etwas von anthroposophischen Spitzenärzten behauptet wird- man sollte dergleichen dem Opus Dei überlassen.
Klünker spricht auch von Brüchen - aber eben von einem gewissen Prekärwerden der soliden vegetativen leiblich- seelischen Konstitution, das in biografischen Wendepunkten der Ich- Entwicklung entgegen kommen kann. Die Illusion des „Das-bin-ich-so-bin-ich-geworden“, die naive Selbstgewissheit kann durch eintretende äußere Umstände plötzlich ins Wanken geraten. Die Krise kann ein Ansatz zur Neubesinnung, zur Vertiefung und Sicherung des inneren Friedens sein. Es geht eben nicht immer geradeaus, es geht nicht nach unseren Erwartungen, unseren Selbstbildern und unserer Bequemlichkeit. Manchmal ist es im Nachhinein ganz gut, zeitweilig völlig aus der Spur geraten zu sein:
„Die Korrumpierung ist notwendig, damit das menschliche Bewusstsein zu menschlichem Selbstbewusstsein werden kann; Ich- Entwicklung basiert also (..) darauf, dass die bislang entwickelte menschliche Konstitution problematisch wird. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich hier bis in die Tiefen der leiblich- seelischen Organisation hinein der Satz aus den „Mysteriendramen“ einlöst: „Es muss der Mensch durch Irrtum Wahrheit finden.“ „Irrtum“ auf der leiblich- seelischen Ebene kann auch die Problematisierung der mitgebrachten Konstitution bedeuten- diese wird notwendig, damit das Ich im leiblich- seelischen „Irrtum“, in Krankheit, Leid und Verlust sich selbst finden kann.“ Der Umkehrschluss, dass man durch selbstgewählte Isolation, Schmerzen oder anderes Unwohlsein irgendeine Art von geistiger Fortentwicklung erreichen könnte, wäre der Versuch, etwas durch Selbstkasteiung erzwingen zu wollen - ein schädliches und dummes Unternehmen.
Andererseits ist es wohl ebenso ein Trugschluss, dass sich das In-mir-Gegebene, das Mitgebrachte ewig und drei Tage einfach immer weiter entfalten könnte; ich denke, wir kommen da an einen Endpunkt. Auch unsere Begabungen tragen uns nur bis zu einem gewissen Punkt. Der Bruch erfolgt nicht zwangsläufig- das krampfhafte Weiter- Entfalten führt aber in so vielen Fällen - gerade bei vielen Künstlern zu beobachten- in einen Manierismus, in eine Fülle von Selbstzitaten, in einen Starrsinn, der das Zerrbild von Entwicklung darstellt.
Es ist eine der zentralen Übungen, die Krisen zwar durchzufechten, aber nicht in der Verteidigungshaltung zu verharren, nicht nur auf den Bestand unserer Fähigkeit zu bauen, sondern sich immer neu den Zumutungen zu stellen, sie anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Der Mensch besteht vor allem in seiner Wandelbarkeit. Das vor allem ist unsere Beständigkeit als Mensch. Sie muss sich allerdings immer wieder bewähren, denn die Brüche erfolgen meist dort, wo wir es am wenigsten erwarten und wünschen.
Der günstige Wind
„Worte schützen das Denken vor dem Verfließen“, schreibt Georg Kühlewind , Worte konstituieren aber auch die Persönlichkeit, da immer noch gilt, dass die Worte, die wir über ein Thema bilden, dieses erst zu unserem Eigentum machen. Man merkt das natürlich, wenn man jungen Schülern das sachliche Verfassen von Aufsätzen zum Thema Naturkunde nahebringt. Funktionieren kann das am Anfang nur, wenn man die zu behandelnde Thematik begeisternd und mit nachvollziehbaren Bezügen aufzieht. In der dritten Klasse verhandelt man noch die Anzahl der Sätze. In der vierten kommt es darauf nicht mehr an. Zu Recht haben die Schüler das Gefühl, dass sie sich eine Thematik aneignen, wenn sie treffende Sätze mit eigenen Formulierungen dazu finden. Wenn es klappt, ist es eine begeisternde Entdeckung: „Wenn ich schreibe“, sagte mir eine Schülerin emphatisch, „dann sehe ich, was ich schaffe. Das macht mich glücklich.“ Das optimistische Selbstgefühl, sich die Welt sprachlich zu eigen machen zu können, ist in der Tat eine Kernkompetenz- vor allem, wenn es auch noch gelingt, dies sprachlich treffend in Vorträge umsetzen zu können. Ich als Lehrer fühle mich vor allem dann beschwingt, wenn dieser Funke bei Migranten überspringt. Es macht dann auch nichts, wenn es an der einen oder anderen Stelle grammatisch noch hakt.
Es ist ein weiter Weg bis dahin, wenn man auf das Kleinkind schaut, das sich in einen Sprachkörper integriert- keinesfalls nur nachahmend. Denn mit den Begriffen für die Objekte der Wahrnehmung erwirbt das kleine Kind die grundlegende, nicht nur an den wahrnehmbaren Phänomenen klebende Bedeutung eines Objekts. Sonst könnte es diesen Begriff nicht auf zahllose mögliche sinnliche Varianten übertragen. Auch ein Baumstamm kann ein „Stuhl“ sein. Das Kind erlebt noch die grundlegende Sprachintention mit- etwas, was dem Erwachsenen gar nicht mehr bewusst ist, da er die Phänomene gern mit einer einzigen bequemen Vorstellung, einem Bild, verknüpft. Beim Erwachsenen gerinnen die Phänomene zu einem bildhaften Symbol. Noch schwerer sind Beziehungen zu erfassen, die sich nicht an konkreten Sachverhalten festmachen, sondern variable und relative Bedeutungen haben wie „nach“, „neben“, „dahinter“ und „und“. „Und“ kann Dinge verknüpfen oder gegeneinander stellen, sie aufreihen oder trennen. Solche Begriffe sind vom Kontext abhängig, man kann sie daher nicht erklären- die möglichen Varianten denkbarer Verknüpfungen sind endlos. Was uns solche Schwierigkeiten zu erklären bereiten kann, beherrscht ein Fünfjähriger ganz selbstverständlich, eigenständig und häufig sogar sprachschöpferisch.
Im Idealfall finden wir nicht nur zur Sprache und durch die Sprache zur Innensicht der Wirklichkeit, sondern in ihr auch uns selbst. Ich bin heute über eine Formulierung in einer Buchkritik von Daniel Haas gestolpert. Darin ist davon die Rede, dass die Protagonistin in einem stummen Partner „jenen Mann erkennen“ wird, „der ihre Sprache spricht, jenes besondere Idiom, das sich aus den feinsten Partikeln unseres Innersten bildet und das sich im entscheidenden Moment lautlos ausdrückt.“ Es ist nun einmal so, dass wir selten die gleiche Sprache sprechen, zumindest wenn es um das Lautlose geht. In manchen Beziehungen braucht es endlose Anläufe, um zu einer grundlegenden Verständigung zu kommen. Und manchmal - selten- geschieht es uns, dass es fast ohne Laut zwischen zwei Menschen funktioniert. Es bedarf keiner umständlichen Erklärungen. Das Glück, im gleichen Duktus zu schwingen, muss keine romantische Gelegenheit sein; man erlebt es auch in nüchternen Arbeitsbeziehungen, über alle äußeren Grenzen und Beschränkungen hinweg. Man sollte immer etwas daraus machen, so wie Segler den günstigen Wind nutzen.
Befreundet mit der Wirklichkeit
Es ist eine zu simple Vorstellung, zu denken, *irgendwann* sei es Zeit, das individuelle spirituelle Üben *anwenden* zu wollen- es also in der *Wirklichkeit* zu erproben. Denn wir sind ja nicht nur innig verwoben mit dem, was uns umgibt, sondern ein untrennbarer Teil, ja zum Teil ein Produkt eben dieser *Umgebung*. Immer und überall stoßen wir an Partnerschaften, Freundschaften, berufliche Felder, Pflichten und Vergnügungen an. Dies allerdings meist nicht nur und nicht durchgängig in harmonischer Art und Weise. Auch im Widerstand, im inszenierten Konflikt konstituieren wir uns an dieser Umgebung. Das Selbstgefühl intensiviert sich in schmerzhaften Prozessen, in die wir verwickelt sind. Meist fühlen wir uns dabei als Opfer, als Jemand, dem etwas zugemutet wird. Die Attitüde der Empörung - „Was hat man mir angetan!“- ist ein starkes Ich- Gefühl, viel stärker als harmonisches Einvernehmen.
Die Sicht auf die Umgebung, der Blickwinkel, mit dem wir die uns umgebende Wirklichkeit betrachten, ist in wesentlichen Aspekten ein Teil unseres Ego- Konstrukts. Die gestaltende, häufig aggressive, manchmal sogar selbstzerstörerische Energie, mit der wir dieses Konstrukt der Umgebung überstülpen, bleibt aber im Wesentlichen außerhalb unserer Wahrnehmung. Unsere Neurosen determinieren nicht nur uns selbst, sondern auch die uns nahe Stehenden. Wir stehen überall und in alle Richtungen in systemischen Prozessen, deren Wirkungsmechanismen wir so lange nicht kennen, solange wir restlos darin verwickelt sind.
Der (nicht nur anthroposophische) Schulungsweg ist daher nie nur privat. Er ist eine hygienische Maßnahme, um unsere kommunikativen Sackgassen, in die wir uns wieder und wieder verheddern, zu durchschauen. Möglich wird das dadurch, dass die regelmäßige Auszeit aus unseren assoziativen Denkmustern, in die wir in einem inneren Monolog verwickelt sind, in der konzentrierten meditativen Arbeit einen Freiraum schafft. In dem Maß, in dem es möglich wird, in die Formlosigkeit einzutauchen, werden unsere Geformtheiten, unsere Deformationen erst sichtbar. Voraussetzung dafür ist, dass es sich tatsächlich um einen transparenten Prozess handelt, um einen Freiraum. Man kann zweifellos auch allerlei Erfahrungen machen, in denen wir unsere Reaktionsmuster transzendieren und auf illusionäre Weise so vor uns selbst sanktionieren. Eine Erleuchtung, die nichts erhellt, macht noch keinen Frühling. Wenn wir uns mit einer Wolke von Weihrauch umnebeln, sehen wir keinesfalls klarer.
An diesem Punkt möchte ich wieder Wolf- Ulrich Klünker zitieren, der auf dieses Problem ebenfalls eingeht: „Mit anderen Worten: Wenn ich anthroposophisch arbeite, stehe ich anders in der Welt,. und zwar in einem umfassenden Sinne. Die Frage nach einer mehr äußeren „Anwendung“ der Anthroposophie stellt sich dann in neuer Weise. Im Allgemeinen ist zunächst klar, dass der Mensch, der sich selbst durch Anthroposophie verändert, der bis in seine elementaren Leibprozesse hinein eine neue Beziehung zur Welt findet, auf berufliche und andere Anforderungen allmählich sich verändernd reagiert. Es entsteht eine neue Beziehung zu den Dingen und damit eine neue Sachgemäßheit. Diese ist naturgemäß nicht immer in anthroposophischen Begriffen allein zu fassen, sondern bemisst sich an dem jeweiligen Aufgabenbereich. Dann ist es auch nicht wichtig, genau zu wissen, was „anthroposophisch“ daran ist; als „anthroposophisch“ kann dann gelten, dass ein Mensch, der anthroposophisch arbeitet, allmählich immer mehr befreundet mit der Wirklichkeit werden kann.“ (S. 35)
Authentizität
„Authentisch sein“ ist, glaube ich, eines der Schlagworte, aber auch der Leitlinien meiner Generation. Es hat mich auch in Bezug auf die Anthroposophie geprägt. Ich konnte schon in jungen Jahren keine Vorträge ertragen, bei denen ich das Gefühl hatte, Inhalt und gelebtes Leben der vortragenden Person passten nicht zusammen. Das ist in erster Linie eine Frage danach, ob Ansprüche, die formuliert werden, auch eingelöst werden können. Ansonsten wäre das Vorgetragene nichts als Information- etwas, was man überall und jederzeit - auch digital- abrufen kann. Ich wollte keinen Automaten, der irgend welche Inhalte abspult, ich wollte die Kongruenz von Person und Gesagtem.
Dass die Sache insofern kompliziert wurde, als dass dieser Anspruch auf Authentizität etwas ist, was man leicht einfordern, aber selbst schwer verwirklichen kann, habe ich erst mit den Jahren bemerkt; die eigenen Widersprüchlichkeiten, hohlen Formeln und wiedergekäuten Worte bleiben zunächst unbemerkt. Bestimmte Seelengebilde, Strukturen, Reflexe und Gefühligkeiten tatsächlich wenn nicht zu beherrschen, so doch wenigstens zu bemerken, ist und bleibt die Nagelprobe, an der man leicht und ausgiebig scheitern kann. Es ist nun einmal schwer, sich zu ändern.
Wenn man eine solche Kongruenz von Wort und Sein fordert, bleibt nicht zuletzt die Frage, worin genau diese Übereinstimmung bestehen soll. Natürlich sondert man die Wortdrechsler, die in ihren Worten Posierenden schnell heraus. Ihre Anzahl ist groß, die Eitelkeiten und Beschränktheiten ebenfalls. Die Zeiten der großen Persönlichkeiten von ungewöhnlicher Reife scheinen vorbei. Es hat sich aber auch erwiesen, dass gerade besonders authentisch wirkende Persönlichkeiten - nehmen wir einmal die Person Friedrich Benesch als Prototyp- nicht selten ganz besonders enttäuschen. Die wirklich starken Typen erweisen sich oft genug als die gerissensten. Gerade das scheinbar Authentische verhüllt nicht selten einen Abgrund.
So formuliert auch Wolf- Ulrich Klünker in „Anthroposophie als Ich- Berührung“ vorsichtig: „In der Gegenwart zeigt sich ein gewisser Sog der Realität. Es wird immer weniger nach Erkenntnis, Deutung, Selbstverständnis gefragt, sondern nach dem Sein. Viele Menschen erleben sich sensibilisiert, beim Anderen und in der Welt Sein und Schein der Empfindung nach unterscheiden zu können.“ (S. 30) „Jede „Wahrheit“ soll so nur gelten, wenn sie auch Wirklichkeit ist.“ (S. 30)
Klünker geht nicht so sehr auf die mögliche (Ent-) Täuschung ein, sondern auf die mögliche Verflachung der eigenen Ansprüche, wenn man nur das gelten lassen möchte, was gelebt werden kann. Die Blickwendung auf sich selbst kann ein Heilmittel sein, nämlich zu überprüfen, „inwieweit die eigene geistige Tätigkeit schicksalsbestimmende Kraft geworden ist.“ Hier, im Schulungsweg, in der Frage nach der eigenen Verwirklichung, hat die Frage nach Authentizität einen legitimen und notwendigen Platz. Bin ich real?
Der Konstruktivist Thomas de Zengotita geht noch einen Schritt weiter. Er meint, die Forderung nach „Authentizität“ sei eine Sache, die längst vorbei ist; ein Anspruch, den sein Großvater vertreten habe. Die Persönlichkeit aus einem Guss und auf Dauer gibt es so nicht mehr. Es ist nicht mehr etwas, was man einfach „ist“- es ist etwas, was Tag für Tag neu erworben werden muss. Integrität und Ehrlichkeit sind keine Charaktereigenschaften- sie sind etwas, was man immer wieder neu beweisen muss.
Schmerzkörper
Vor fast drei Jahren habe ich mich mit Eckhart Tolles Begriff des Schmerzkörpers beschäftigt. Seitdem stoße ich immer wieder dort an, bei mir selbst, aber auch bei kindlichen Klienten. Es handelt sich um etwas, was auf der Ebene des Urvertrauens, der Urangst, der Urfreude liegt. Möglicherweise ist es etwas, was zwar keine genetische Komponente hat, aber etwas, was sehr, sehr früh von den Eltern vermittelt worden ist- der individuelle Punkt der existentiellen Sorge.
Wie bei der Theorie der homöopathischen Medikamentation, bei der man davon ausgeht, die notwendige Gabe am Ende auf eine einzige, zentrale Substanz reduzieren zu können, kommt man auch bei den seelischen Schmerzen am Ende auf einen einzigen, zentralen „Körper“.
Nehmen wir einen schlaksigen, blonden, gut aussehenden Elfjährigen, der mir gerade vor Augen steht. Er ist aufgrund von depressiven Verstimmungen und schwer wiegenden gewalttätigen Aktionen von einer Grundschule geflogen. Er hat gelogen, ist weggelaufen, hat sich an eine zwielichtige Clique angeschlossen, ist seiner Mutter weit gehend entglitten. Er hat behauptet, er sei von seinem Stiefvater bedroht und misshandelt worden. Er war an der Kippe dazu, zum Sonderschüler mit emotional- sozialem Förderbedarf zu werden.
In einer Reihe von Gesprächen wurde mir klar, dass hier etwas zu machen sein müsste. Es hatte einen Grund, dass er jede Hilfe von Psychotherapeuten ablehnte. Er war niemals misshandelt worden. Meine These war die, dass er die Scheidung seiner Eltern nicht verwunden hatte, dass das Verlassen Werden durch den Vater genau den Punkt getroffen hatte, der seinen Schmerzkörper berührte. Das Verlassen Werden hatte wie unter einem Vergrößerungsglas alle die Sorgen, nichts wert zu sein, nichts zu können, nicht geliebt zu werden angefacht. Er versuchte durch die Schwierigkeiten, die er sich und seiner Umgebung machte, zu erreichen, dass sein Vater, der inzwischen weit entfernt wohnte, sich um ihn kümmerte. Seine Mutter versuchte er zu bestrafen.
Es ist hilfreich, die innere Logik zu kennen, mit der jemand in die eigene Falle läuft. Die erste Maßnahme war die, ihm schulische Erfolge zu vermitteln. Wir stückelten seine Klassenarbeiten in so viele Teile auf, dass er sie- wenn auch zeitverzögert- erfolgreich schrieb. Dass er sich darauf einließ, war ein erster Erfolg. Wir knüpften an seine Interessen an. Was er schrieb, verlas jemand anderes für ihn, großzügig über Rechtschreibfehler hinweg sehend. Er wurde in kleinen Erfolgen geradezu gebadet. Außerdem war er intelligent. Man konnte sich mit ihm ganz offen unterhalten. Ich spiegelte ihm ein ganzes Jahr lang jedes Mal, wenn er wieder in die Schiene des selbstmitleidigen Räsonierens zurück fiel. Ich zeigte ihm Perspektiven auf.
Tatsächlich hat er nie wieder behauptet, dass ihm etwas angetan worden sei. Er verdaute die Tatsache, dass seine familiäre Situation so war, wie sie jetzt war. Er hörte auf, sich zu schlagen. Er begann seine Hausaufgaben zu machen und das Schulschwänzen völlig einzustellen. Er begann, sich von gewaltbereiten Gruppen fern zu halten. Es ist aber so, dass man die Wunde weiter in ihm fühlen kann. Man sieht sie in seinen Augen. Zu seiner Unterstützung konnte ich erreichen, dass er für eine begrenzte Zeit Phenylphenidat verschrieben bekam, um die lastende Depression etwas aufzuhellen und um sich besser fokussieren zu können. Denn der Teufelskreis von lastenden Gefühlen, die die Aufmerksamkeit beeinträchtigen, was wiederum das emotionale Brüten anregt, musste zumindest zeitweise durchbrochen werden. Steiner spricht in diesem Zusammenhang (im „Heilpädagogischen Kurs) von negativen Gefühlen, die daraus entstehen, dass Willen „aufgestaut“ wird. Auch darüber- zeitweise eine chemische Krücke zu erhalten- konnte man offen mit dem Jungen sprechen. Am Ende dieses schulischen Abschnitts gehört er zu den besten Schülern und erscheint heute als einigermaßen stabil. Die Krücke kann bald verschwinden, denke ich.
Ich glaube, dass man in den kindlichen Phasen rasch und entschlossen, aber umsichtig und nach allen Seiten transparent handeln muss. Steckt ein Kind in einer emotionalen Falle drin, brechen die Dämme schnell nach allen Seiten. Es kann, wenn der Schmerzkörper berührt wird, ein einziges Vorkommnis sein, was ein Kind in eine Spirale drängt, aus der es kaum ein Entkommen gibt: Am Ende steht ein auswegloses Scheitern, mit einem irreparabel zerstörten Selbstbild. Eigentlich ist der Schlag, der am Anfang stand, manchmal etwas, was alleine vielleicht zu bewältigen gewesen wäre. Scheidung, Missbrauch oder ein Todesfall können, aber müssen es nicht sein. Aber man muss wissen, dass diese Wunde immer etwas ist, was latent vorhanden sein wird. Ein einziges Scheitern in Schule oder Beruf, ein Ende einer Beziehung, das Begraben einer Illusion werden den Schmerzkörper wieder zum Ausbruch bringen, weil er unter der Oberfläche lauert wie ein erloschener, aber aktiver Vulkan. Ich denke, wir haben alle einen solchen Punkt der Schwäche und wir müssen damit umgehen.
Wie man bei Eckhart Tolle lesen kann, wird es beim Betreten eines wie auch immer gearteten ehrlichen und sauberen Erkenntnisweges immer dahin kommen, dass man diesen individuellen Schmerzkörper berührt. Man kann ihm nicht ausweichen. Sich ihm zu stellen, ist wohl ziemlich das Schlimmste und Beste zugleich, was einem geschehen kann und was man eigentlich unbedingt vermeiden möchte. Aber es ist unausweichlich. Der „Hüter der Schwelle“ ist nicht ein vages „Böses“, das in uns hockt. Es ist einfach der Punkt unserer größten Verletzlichkeit, der uns immer wieder hindert, unser Leben zu entfalten.
Verstandensein
Einstweilen verborgen hinter den Plagen der Existenz, die buddhistische Denker wie Thich Nhat Hanh so häufig ausmalen und die Christen manchmal als Sünden apostrophierten, spannt sich die Größte aller Begehrlichkeiten - verschwistert mit der Angst vor dem Tod -, die Sehnsucht, verstanden zu werden. Natur, Glauben, Erfolg können nichts daran ändern, dass das Verlangen danach, wirklich angeschaut zu sein, meist unerfüllt bleibt. Vielleicht dehnt sich die Liebe manchmal bis zu diesem Horizont aus, wenn wir Glück haben. Was wir meistens erreichen, sind, selbst im größten Triumph, unzureichende und wenig nachhaltige Surrogate.
Unzureichend schon deshalb, weil es gar nicht gelingen kann. Denn sichtbar, erkennbar werden wir nur in geronnenen Abbildern unserer selbst. Die Aufmerksamkeit, in der wir ganz bei uns sind, verliert sich in den Inhalten des Gedachten und Erlebten, in dem stets schon Vergangenen, auch in dem zu Erwartenden. Wie kann jemand verstanden werden, der sich nur in Medien - indirekt- ausdrückt? Der im Moment nicht wahrnehmbar ist?
Zugleich bleibt unbemerkt, dass alle unsere Wünsche bereits erfüllt sind. Wir verstehen nämlich die Intentionen des Anderen sehr wohl- im Augenblick des Verstehens ist es kein Anderer mehr, denn wir erfühlen Person nur mit Person. Das Verstehen von Intentionen Anderer ist ein situatives Verschmelzen, eine geistige Symbiose. Bemerkt wird aber nicht das, sondern nachrangig aufwallende Emotionen zwischen Sympathie und Antipathie und der Abgleich mit unserem persönlichen Erfahrungskontext.
Wer diese Symbiose nicht beherrscht, gleitet orientierungslos durchs Leben. Unsere Mitmenschen zu verstehen und ihre Intentionen einzuschätzen und darauf zu reagieren, ist eine Grundkompetenz. Wer in dieser Hinsicht begabt ist, kann heiter und gelassen durchs Leben gehen. Vor allem wird der, der sich auf das Verstehen versteht, keinen Mangel an Verstandensein empfinden.
Die Ich bin- Erfahrung
Das moderne Weihnachtsfest - die Ich bin- Erfahrung- ist das ganze Jahr über möglich, ja sie wird geradezu von uns erwartet. Die Zeit ist reif, möchte man meinen. Aber natürlich hat es Grundvoraussetzungen. Man muss irgendwo anhalten. Das Was-immer-uns-Antreibt muss eine Zeitlang verstummen. Die Stillen Nächte sind dazu wie geschaffen, und der Schnee der letzten Wochen hat es auch um uns herum still gemacht. Die natürliche Umgebung liegt wie erfroren. Die Erde hat ausgeatmet, und die Felder hat es mit einem Hauch von Reif überzogen. Die Natur lässt einem viel Platz in diesen Tagen. Es ist leicht, das Denken zu sammeln und sich selbst in der Sammlung zu entfalten. Jenseits des Gedachten steht man selbst mit Luft zum Atmen. Ja, in diesen Tagen ist der Atem stark.
Die Ich-bin- Erfahrung ist der Beginn von allem. Es ist die grundsätzliche Wende. Man wird von nun an nichts mehr nachlaufen, nicht einmal sich selbst und seinen Marotten. Denn wer den Geschmack dieser Freiheit, der Autonomie und reinen Präsenz seines Ich einmal geschmeckt hat, wird das unter gar keinen Umständen vergessen. Das ist so klar wie die Ich- bin- Erfahrung selbst: Man nimmt es mit. Und alles weitere wird sich schon entwickeln. Im geringsten Anfang steckt alles mit drin- verschwommen zwar und fern, aber grundsätzlich. Wenn die Geburt vollbracht ist, ist das nicht zu widerrufen, nicht einmal durch ein einschneidendes Ereignis wie den Tod. Der Tod ist ein Einschnitt, eine Transformation, aber nicht das Ende unserer Erinnerung.
Das moderne Weihnachtsfest findet in uns statt. Es gibt dafür keine Voraussetzungen, da es nur um unser Menschsein geht - Religion, Tradition, Glaube, Lebenswandel sind vollkommen gleichgültig- ebenso wie Herkunft, Klasse oder Rasse.
Lassen wir es Steiner einmal sagen: "Der Christus-Impuls hat die Eigentümlichkeit, dass er auf unsere Egoität, auf unseren Egoismus wie auflösend, wie zerstörend wirkt." und führen wir es weiter: Unsere illusionären, albernen Selbstbilder, Verteidigungsstrategien, Surrogate wie Erfolg, unser Getrieben Sein, unsere seelischen Verknotungen erscheinen im Licht der Ich-bin- Erfahrung wie eine Inszenierung absurden Theaters. Das, was uns so entsetzlich umtreibt, ist zwar das, was wir geschaffen haben, aber wir sind darinnen verstrickt wie in einen klebrigen Haufen von Kokons. Die Freiheitsmomente ermöglichen den ersten ordnenden Blick. Ganz zweifellos, nach Weihnachten müssen wir aufräumen.