Ein Stück Leben

Ich habe oft gedacht, wenn ich im Sommer eine Blüte betrachtete: Das ist auch ein Stück Illusion, dies als diese Pflanze anzuschauen. Denn natürlich ist diese Pflanze ein zyklisches Wesen; es war Keimling, es wird Knospen entwickeln, es wird in die Nicht- Sichtbarkeit eingehen. Diese Pflanze ist mehr, als man zu sehen meint. Ihre Wachstumsschritte erfolgen in Spiralform, die Blätter entfalten sich in dem ihr eigenen Rhythmus. Diese Pflanze ist ein Wesen im Raum und in der Unräumlichkeit: Sie breitet sich in ihren Blättern weit ausholend aus, aber nach oben hin verjüngt sich deren Form, wird spitzer, schmaler, kleiner, bis sie sich im Blütenboden fast in einen Nullpunkt ihrer selbst entsagt. Diese Pflanze geht räumlich und zeitlich durch Präsenz und Vergehen. Und sie ist nicht allein. Bestäubt durch Wind oder Insekten, im Boden in einem wechselseitigen Stoffwechsel mit Pilzen, kann sie für sich allein nicht sein.

Wenn man ein Stück menschliches Leben in einem Zeitraffer wie diesem betrachtet, denkt man: Auch dies ein zyklisches Wesen, sich entwickelnd und ent- werdend zugleich. Räumlich und zeitlich sich entfaltend, einen Wimpernschlag lang, alternd und sich verjüngend, mit einer unsichtbaren Seite des Nicht- Seins und selbstverständlich niemals allein.

Kommentare

  1. Schaue ich einer Pflanze zu, z.B. einem Birnenbaum bis hin zu seiner Frucht, dann wird es immer wieder eine Birne sein, einfach nur eine Birne. Aber in einer solchen Birne kann ich nicht erblicken, was sie will, sie weiss es nicht.

    Schaue ich einem Menschen zu, im obigen Sinne, dann wird es auch immer wieder ein Mensch sein, aber schon in seinem Antlitz kann ich erblicken, dass es/er was will, es/er schreibt es selbst in sich hinein.

    Die Birne ist lediglich eine Frucht, Resultat, der Mensch Schöpfung durch sich selbst. Zyklisch ist nur die Ausgestaltung seines Werkzeuges in das er sich schreibt.

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  2. Leider wird hier nur der pysische Leib dargestellt. Die übersinnlichen Metamorphosen muss man sich immer noch selbst imaginieren...

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