Selbsterziehung

Bodo von Platos kurze, trockene Arbeit über die Selbsterziehung ist eine ehrliche Sache; sie spart die typischen Verirrungen und Widersprüche, die sich bei einem derartigen Versuch ergeben können, nicht im geringsten aus:

"Zudem sind Ziel und Vorgehen durch ein überwiegend vorstellungshaftes Element bestimmt. Dieser Vorstellungscharak- ter und der daraus hervorgehende moralische Maßstab vermitteln einen gewissen Halt, Orientierung und immer gültige Bewertungsgrundlagen in einer als gegeben erlebten Wirklichkeit. Sie erschweren damit aber zugleich ein situatives Sich-Einlassen auf die komplexen, widersprüchlichen und unvorhersehbaren Anforderungen des Lebens und führen schließlich zu einer zweifachen Isolation: Das innere Erleben kann sich ebensowenig der äußeren Welt verbinden, wie die Äußerungen der Welt sich im seelischen Innenleben auszusprechen vermögen. Steiner charakterisiert diese aus einem vorstellungsgebundenen Verhältnis zu sich selbst und zur Welt entstehende Situation als „doppelte Finsternis": „Ich gehe mit meinen Vorstellungen durch die Welt. Ich hebe überall die Oberfläche von den Dingen ab, aber dasjenige, was die Dinge sind, bleibt draußen. Und dasjenige, was drinnen ist, an das kommt die Außenwelt mit ihrem eigentlichen Sein nicht heran." Die Möglichkeit individueller Verbindung mit der Wirklichkeit und noch weniger deren Gestaltung kommen durch die apriorische Setzung vorstellungsgebundener Maßgaben zustande; zulässige und unzulässige Gedanken, Gefühle oder Handlungen stehen unabhängig von ihrem jeweiligen Träger und Auftauchen im voraus fest. Die Marschroute ist gebunden, die Wirklichkeit fixiert."

So etwas führt "zu mehr oder weniger starren Maximen und Prinzipien." Man kann nicht vermeiden, bei dieser Beschreibung auch an interne Probleme in der Anthroposophenschaft zu denken. Aber von Plato geht über die Unglücksfälle in der Selbsterziehung hinaus. Er tut dies, indem er die Selbsterziehung aus dem selbstbezüglichen Elfenbeinturm heraus holt und ihn mittels der "Nebenübungen" Rudolf Steiners in den sozialen Kontext und in die Gegenwart, in alltägliche Kommunikation und Interaktion des Individuums stellt: "An die Stelle eines zunächst aktiv-egozentrischen Selbsterlebens, das sich aus der Zuschauerperspektive der gewordenen Welt gegenüberstellt, tritt ein rezeptiv-individuelles Welterleben, in dem sich das eigene Selbst als Tätigkeits- und Gestaltungskraft entdeckt und bildet."

Kommentare

  1. Ich habe den Text v.H.v.Bodo 3x gelesen, bevor ich ihn entschlüsseln konnte. Geht`s nur mir so? Ich habe 3x die Oberfläche von den Dingen abgehoben, um das was drinnen ist aus seiner abstrakten Verpackung zu holen. Einmal ausgepackt, war es auch gar nicht so schwer zu verstehen. Ich mache mir gerne etwas Mühe, wenn ich dabei etwas lernen kann. Ich wünsch mir aber auch, dass ein Autor, der sich ja an eine Leserschaft wendet und nicht nur an seine Kollegen, sich mehr auf eine konkrete Ausdrucks-weise „herablässt“. Besteht eine Angst(Vorstellung),nicht akademisch genug zu sein?

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  2. "Besteht eine Angst(Vorstellung),nicht akademisch genug zu sein?" Manchmal besteht offenbar wirklich die Neigung, sich kryptisch auszudrücken. Man muss v. Plato aber zugute halten, dass er sich um eigene sprachliche Ausdrucksweise bemüht und diese nicht einfach nur bei Steiner entlehnt.

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  3. Also, ich konnte diesen Text (diesmal) sehr gut verstehen und nachvollziehen, finde ihn ausgezeichnet und sehr treffend..

    LGR

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  4. Nun habe auch ich endlich die Zeit gefunden, Platos Gedanken zur "Selbsterziehung" zu lesen. Ja, wirklich ganz ausgezeichnet, vielen Dank für den link!
    Ein einziger Satz ist allerdings tatsächlich etwas "kryptisch" - ich glaube, da hat sich ein Fehler eingeschlichen:
    "Die Möglichkeit individueller Verbindung mit der Wirklichkeit und noch weniger deren Gestaltung kommen durch die apriorische Setzung vorstellungsgebundener Maßgaben zustande;"
    Das fände ich jedenfalls leichter begreiflich, wenn es hieße:
    "Die Unmöglichkeit individueller Verbindung mit der Wirklichkeit und daher auch (umso mehr) die Unmöglichkeit der Gestaltung dieser Wirklichkeit..."

    Besonders freue ich mich über die "Quintessenz":
    "Der Sich-Selbst-Erziehende richtet dabei den Anspruch auf Erziehung oder Entwicklung radikal und ausschließlich an sich selbst. Er gibt der Welt Gelegenheit, ihn zu verändern, indem er sie aktiv nach der in ihr erkennbar werdenden Bestimmung in sich aufleben läßt, ohne sich in ihr zu verlieren, ja vielmehr um sich in ihr zu finden."

    Ich wünsche allen "Egoisten" ein frohes Weihnachtsfest!
    Herzlichen Gruß in die Runde,
    Ingrid

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  5. ich hab den artikel auch sehr gut verstanden und find ihn super!
    ich habe den text auch in einer längeren fassung gelesen.

    der grund warum ich hier eigentlich poste ist, dass ich mit selbsterziehung grausame erlebnisse hatte:
    angefangen hat es damit, dass meine mutter im laufe meiner kindheit-jugend einen mehr als normalen persönlichen wandlung (intänsität) durchmachte, und sie immer jemandem gabraucht hat zu reden, und immer zu mir kam (das fing an als ich 14 war)... irgendwie wurde ich aus ihr nie schlau und fing an mich selbst zu erziehen... und das schlimme daran war, dass ich das nicht bewusst gemacht hab, sondern aus verunsicherung... letzendlich kam es dazu, dass ich in jeder situation zu grübeln begann, welches verhalten moralisch korrekt ist, ohne selbst ein ideal zu haben, also situationsbedingt, am ende (als ich um die 20 war) wirklich in jeder situation! ein solches gefühl totaler entfremdung zu meinem inneren und der äußeren wirklichkeit war grauenhaft, ich bekam gefühle von extremen misstrauen gegenüber mich und der umwelt und wusste keinen ausweg, hatte suizidgedanken...
    schließlich ging ich in einem zustand totaler verunsicherung/entfemdung freiwillig in eine psychatrische anstalt... diagnose: schizozphrene psychose, borderline und noch irgendwas... naja und in meinem zustand hab ich das auch noch geglaubt...
    SHIT HAPPENS

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