Verstandensein




Einstweilen verborgen hinter den Plagen der Existenz, die buddhistische Denker wie Thich Nhat Hanh so häufig ausmalen und die Christen manchmal als Sünden apostrophierten, spannt sich die Größte aller Begehrlichkeiten - verschwistert mit der Angst vor dem Tod -, die Sehnsucht, verstanden zu werden. Natur, Glauben, Erfolg können nichts daran ändern, dass das Verlangen danach, wirklich angeschaut zu sein, meist unerfüllt bleibt. Vielleicht dehnt sich die Liebe manchmal bis zu diesem Horizont aus, wenn wir Glück haben. Was wir meistens erreichen, sind, selbst im grössten Triumph, unzureichende und wenig nachhaltige Surrogate.

Unzureichend schon deshalb, weil es gar nicht gelingen kann. Denn sichtbar, erkennbar werden wir nur in geronnenen Abbildern unserer selbst. Die Aufmerksamkeit, in der wir ganz bei uns sind, verliert sich in den Inhalten des Gedachten und Erlebten, in dem stets schon Vergangenen, auch in dem zu Erwartenden. Wie kann jemand verstanden werden, der sich nur in Medien - indirekt- ausdrückt? Der im Moment nicht wahrnehmbar ist?

Zugleich bleibt unbemerkt, dass alle unsere Wünsche bereits erfüllt sind. Wir verstehen nämlich die Intentionen des Anderen sehr wohl- im Augenblick des Verstehens ist es kein Anderer mehr, denn wir erfühlen Person nur mit Person. Das Verstehen von Intentionen Anderer ist ein situatives Verschmelzen, eine geistige Symbiose. Bemerkt wird aber nicht das, sondern nachrangig aufwallende Emotionen zwischen Sympathie und Antipathie und der Abgleich mit unserem persönlichen Erfahrungskontext.

Wer diese Symbiose nicht beherrscht, gleitet orientierungslos durchs Leben. Unsere Mitmenschen zu verstehen und ihre Intentionen einzuschätzen und darauf zu reagieren, ist eine Grundkompetenz. Wer in dieser Hinsicht begabt ist, kann heiter und gelassen durchs Leben gehen. Vor allem wird der, der sich auf das Verstehen versteht, keinen Mangel an Verstandensein empfinden.

Kommentare

  1. "Wer in dieser Hinsicht begabt ist, kann heiter und gelassen durchs Leben gehen."

    Wenn man nur auf sich schaut allerdings nur, denn es schmerzt schon, wenn man aneinander vorbeischaut.

    Nach dem Verstehen sieht man und ab da gelingt es, sich mit-zu-teilen. Im Verstehen dupliziert man sich eigentlich nur. Im Mit-teilen kann man sich schon erweitern durch einfliessende Inspiration, man beleuchtet sich dann durch des Geistes Licht. Und im Mit-teilen tauscht man sich aus -- "Ich verlasse mich auf Dich..." und erkennt dann und erlebt die Basis aller Basen, das Vertrauen, das verschenkt wird.
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    "Zugleich bleibt unbemerkt, dass alle unsere Wünsche bereits erfüllt sind."

    Ich kenne zwar das, was meinen Wunsch formt, aber ob ich ihn auch schon mal wirklich ausprobiert habe? Ein Davor und ein Danach? Wünsche sind doch nie erfüllt, sind sie demnach lediglich Illusion?
    Ziele und Wünsche, entspringen sie der gleichen Quelle?

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  2. Lieber Manfred,

    ich begreife Deine "Einwände" nicht ganz.
    Erstens:
    Meint denn "in dieser Hinsicht begabt" hier nicht gerade das "Talent zur Symbiose", also eben nicht das "aneinander Vorbeischauen", sondern das "situative Verschmelzen"?
    Im übrigen: für mich ist "heiter und gelassen" kein Synonym für "schmerzfrei".

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    Und der zweite Satz, den Du zitierst: bezieht er sich denn hier nicht - obwohl Michael "alle unsere Wünsche" schreibt - auf das, was er "die größte aller Begehrlichkeiten" nennt, nämlich auf den einen Wunsch, "angeschaut zu sein"? Der eben nicht "nie erfüllt", sondern im Gegenteil durch diese "situative Symbiose" immer wieder neu erfüllt wird, selbst dann, wenn wir das gar nicht bemerken?

    Ich freue mich jedenfalls über diesen Text, der mir wirklich "weihnachtlich" erscheint.

    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

    P.S.: Im "Verpiß Dich"-thread hast Du mir gegenüber von einem "einfühlsamen Unterweisungsversuch" gesprochen. Deshalb möchte ich hier ausdrücklich anmerken: es geht mir nicht darum, Dich oder irgendjemand sonst zu "unterweisen", wie "einfühlsam" auch immer. Das steht mir nicht zu - das weiß ich sehr gut.

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  3. Liebe Ingrid,

    Punkt eins ist eigentlich nicht als Einwand gemeint, war nur einleitend und bekräftigend zu meinem Nachsatz gedacht. Bin da ein wenig empfindlich bei dem Begriff "verstehen", der wird nämlich zumeist nur verstanden - deshalb mein erweiternder Versuch als "Einwand". :)

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    Naja und zu 2, "...bezieht er sich denn hier nicht... nämlich auf den einen Wunsch, "angeschaut zu sein?"

    Ich sehe das nicht so, zumindest nicht immer, wenn die "situative Symbiose" sich erfüllt, dass dann "alle" Wünsche erfüllt sind, denn es können nach erfüllten Wünschen durch Hinwegheben ihrer neue auftreten.

    Wünsche sind nunmal Wünsche und im Erkennen können sie sich lösen. Aber selbst Im Zustand des Erkannthabens sind sie nicht immer ganz gelöst, es gibt Situationen, da können sie sich sogar noch verstärken, weil vielleicht nur die vordersten Schichten transparent geworden sind, bei diesem Licht. Gestört hat mich dieses "erfüllt SIND", das hat mich wohl an so bestimmte Anschauungen erinnert.

    Ansonsten habe ich mich sehr gefreut über den Text von Michael.

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  4. Ingrid versteht mich wieder besser als ich mich selbst :-)

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  5. Ich hab es durchgedacht u.glaube es gibt zwei Formen der Symbiose, eine kindliche u.eine erwachsene. Ich versuche, mich verständlich zu machen.
    Die kindliche Symbiose, wenn geglückt, drückt sich am stärksten in der Liebe zwischen Mutter und Kleinkind aus. Das Kind spiegelt sich im Antlitz der Mutter wider, sein kleines Dasein wird durch die Spiegelung beantwortet. Das gibt dem Kind sein allererstes Empfinden zu existieren. Da es noch kein Ich hat,erlebt es die Mutter als eine Erweiterung seiner selbst .Es existiert mit der Mutter in Einem.
    In der erwachsenen Symbiose entsteht über die hingebende, achtsame Bereitschaft des Einen, den Anderen zu verstehen und über das Vertrauen des Anderen, verstanden zu werden, ein Drittes. Person erfühlt Person und da heraus wird etwas neues geboren. Jeder ist dabei gleich wichtig. Es ist mehr als situatives Verschmelzen, es ist das Entstehen von etwas drittem, das beide geschaffen haben. Es gibt keine Wünsche, weil dieser Moment alles-erfüllend ist. Dies findet jenseits der Worte statt, Worte sind nur bis zu einem bestimmten Punkt notwendig, als sie hinführen wollen zu diesem Nicht-Sprachlichen.
    Meditationspraktiken mit kindl.Verschmelzungs-verhalten können gefährlich ausgehen.

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