Rede von Rektor Peer de Smit an der anthroposophischen Fachhochschule Ottersberg

"Weltoffen vom seinem Konzept her und jeder weltanschaulichen Monopolisierung abgeneigt, vermochte sich das Anthroposophische doch nicht im gesellschaftlichen Dialog und in der Bezugnahme auf die zeitgenössischen gesellschaftliche Kontexte zu entwickeln. In der Abschottung oder Ghettoisierung der Anthroposophen liegt etwas Tragisches. Die damit einhergehenden abstrusen, befremdlichen und oftmals auch einfach nur lächerlichen Verhaltensweisen und Vorgänge verleihen der Anthroposophie einen hartnäckigen Beigeschmack, den sie nicht loszuwerden scheint.

Die verfahrene Situation mündet schließlich in Fragen, wie die, die Felix Hau in der neuesten Steiner Jubiläums Ausgabe der anthroposophischen Zeitschrift info 3 vorträgt, warum es „zum Teufel kaum AnthroposophInnen gibt, die einen Porsche fahren, in einer abgefuckten 200 qm Loft Wohnung leben, ihre Sprösslinge nachmittags zum Kickboxen schicken, und auch mal zwischendurch auf der Waschmaschine vögeln, wenn´s sich gerade ergibt.“

Ja, zum Teufel, warum, aber es ist vielleicht auch nicht die aller dringlichste Frage, die sich uns in diesen frühen Januartagen des neuen Jahres aufdrängt. Die gesellschaftliche Ausgrenzung der anthroposophischen Bewegung ist sicher nicht nur selbst verschuldet. Aber das stereotype und sture Bestätigen gesellschaftlich vorhandener Vorurteile oder die eben so eingleisigen Vermeidungsstrategien kennzeichnen die institutionalisierte Anthroposophie bis auf den heutigen Tag.

Dogmen, Doktrinen, die buchstabengetreue und ahistorische Reproduktion von Ansichten und Verfahren, die nicht in Beziehung zu einer sich verwandelnden Gesellschaft befragt wurden, erzeugten vielfach eine Atmosphäre der Enge, des Sonderbaren, schließlich auch schlechtweg Dilettantischen."

Link zur ganzen Rede

Kommentare

  1. Gelebte Anthroposophie ist eben eine Kultur der Selbstlosigkeit, und soetwas hat die Spötter und Lästerer aller Zeiten in Wallung gebacht.

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  2. Eine interessante Rede. Die anderen werde ich mir auch gleich mal vornehmen...

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  3. Michael hat den wichtigsten Teil der langen Rede zitiert. Den Rest kann man getrost vergessen - bis auf den letzten Satz.
    Ich frage mich, warum der arme Rektor so lange braucht, um das zu sagen, was ihm auf dem Herzen liegt.

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  4. Lieber Robert,

    :-) aus Deinem Kommentar kann man sehr schön ersehen, was Du gesagt hättest, wenn Du eine Rede gehalten hättest.

    Ich habe soeben die ganze Rede Peer de Smits gelesen und darin auch noch sehr viel anderes Lesenswertes gefunden - und ich muß nun sagen; ich freue mich wirklich sehr, daß er sie gehalten hat und nicht Du.

    Besonders gefreut habe ich mich über dies:

    "Vieles am anthroposophischen Geistesgut erschließt sich nicht im ersten Moment. Nicht weil es unverständlich wäre, sondern weil es von einer Rhetorik überlagert ist, durch die man sich erst mühsam hindurcharbeiten muss, um zu den Kernaussagen zu kommen.
    Der größte Teil von Steiners Werk besteht aus frei gehaltenen Vorträgen, die in Mitschriften des gesprochenen Wortlauts festgehalten und in Büchern überliefert sind. Wir lesen das aber als Geschriebenes, ohne den Tonfall, den Ausdruck, die Pausen hören zu können, die vielfach ausschlaggebend für die Bedeutung, die Konnotationen des gesprochenen Wortes sind.
    Hat man sich aber einmal durchgearbeitet zu den Kernaussagen, dann springen sie einen an wie Licht, das plötzlich durch einen Türspalt bricht."


    :-)

    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

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  5. Kleine Anmerkung dazu: die Sprachwissenschaft hat inzwischen die GESPROCHENE Sprache entdeckt. Sie ist grundsätzlich vom Geschriebenen zu unterscheiden ...

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  6. Was auffällt, da schreibt Jemand seine Auffassung, wie Vertreter der Anthroposophie in der Gegenwart an einem äußeren Statussymbol zu messen sind, den Porsche und ein Direktor einer künstlersich-anthroposophischen Anstalt beginnt damit einen Vortrag. Was hat die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners mit einer Waschmaschine und deren individuellen Gebrauch zu tun. Sind das die selbstgezimmerten Meßlatten einer hilflosen Anthroposophenschaft?!
    Wenn ehemalige Waldorfschüler sich aus ihrer kindlichen Verstrickung mit einer möglich doch auch verkorksten Waldorfpädagogik sich dazu berufen fühlen, dem Vorstand am Goetheanum auf die Sprünge zu helfen, so helfen solche Zitate an zentraler Stelle nicht. Das Ende des Vortrages mit dem "Gelächter" erinnert etwas an die kleine Schrift zur Weihnachtstagung 2005, wo berichtet wird:
    "Zur Zeit waren in der Comedy-Sendung von RTL Samstag-Nacht in zwei Sendungen (sah nur zwei) jeweils ein „Waldorf-Witz“.
    Auch dies zeigt, wie die Gesellschaft letztlich die Folgen der Taten Rudolf Steiners allgemein verinnerlicht hat. Denn jedes Mal lachten die Zuschauer im Saal besonders kräftig."
    Es beeindruckten Worte Steiners, wo er davon spricht, solange die Anthroposophen glauben etwas tun zu müssen, dann müssen sie halt etwas tun. Ihre eigentliche Aufgabe wäre es, Menschen im Sterben zu helfen, die Schwelle des Todes zu überschreiten. Dies erinnert an die Fähigkeiten tib. Lamas, welche dem Sterbenden helfen, sich im Nachtodlichen zurechtzufinden, die Fallstricke der astralen Welt etc. zu umschiffen. Etwa auch ein strahlendes Licht nicht als das Ziel zu halten. Es ist davon auszugehen, wenn ein Anthroposoph Geld für einen Porsche hat, wird er das Geld anders verwenden. Anthroposophie mit Sexualpraktiken zu messen soll progressiv provokant sein, zeigt aber nur, hier sind "Waldorfschüler" am Werke, die in ihrer Pubertät irgendwie hängen geblieben sind.
    Wenn ein Direktor einer Akademie solches in seiner Rede übernimmt, braucht er sich über den Zustand der "Anthroposophie" nicht zu wundern, oder?!

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  7. Lieber Ernst,

    hast Du den ganzen Text gelesen?
    Peer de Smit beginnt keineswegs mit dieser hochwichtigen ;-) "warum, zum Teufel"-Frage. Das steht erst - unter dem Zwischentitel "Anthroposophie heute" - am Ende der dritten Seite der gut neunseitigen Download-Version.
    Und sofort setzt Smit hinzu:
    "Ja, zum Teufel, warum, aber es ist vielleicht auch nicht die aller dringlichste Frage, die sich uns in diesen frühen Januartagen des neuen Jahres aufdrängt." :-)

    Nach allem, was ich bisher von ihm gelesen habe (es sind ja auf der von Michael verlinkte website der Fachhochschule auch noch weitere Reden von ihm zu finden), halte ich ihn wirklich für eine sehr erfreuliche Persönlichkeit innerhalb der anthroposophischen "Szene".

    ---

    Ich finde es sehr interessant, was Du erwähnst, daß Steiner sagte, wenn die Anthroposophen glaubten, etwas tun zu müssen, dann müßten sie halt etwas tun. Kannst Du Dich erinnern, in welchem Zusammenhang Du das gelesen hast? Würde mich freuen...

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  8. Ich kenne ihn etwa ein Vierteljahrhundert als Autor eines Buches über Olivenbäume und als Dichter. Sehr geschätzt.

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  9. Liebe Ingrid,
    selbstverständlich habe ich den ganzen Text gelesen.
    Am Anfang gibt der Redner einen geschichtlichen Überblick zum Leben Rudolf Steiners.
    Dann der Abschnitt "Anthroposophie" heute, den er dann mit dem entsprechenden Zitat beginnt und das wunderte doch sehr, da der Autor des Zitats sich vor allem als Kritiker der Anthroposophie outet, so wie Herr Grauer auch. Erinnere mich noch des Textes in Info3, da Steiner angesprochen wird, nicht wörtlich, "haub ab Du warst, Du bist Geschichte, bleibe in der Kiste" (Humor-Ernst). Ich empfand das als Vergewaltigung des Todes, als will man(n) endlich seine Ruhe vor Steiner und in selbsterfahrener Erleuchtung Steiners Mission gänzlich hinter sich lassen.
    Wenn der Redner dann davon spricht, dies (Zitat) sei nicht die dringlichste Frage, warum fängt er bei Anthroposophie heute damit an, denn die Worte wirken, das müsste er als Künstler doch wissen. Was ist die Intention des Redners?!
    Vielleicht bin ich hier zu streng?!

    Das Steiner-Zitat mit der Arbeit findet sich vielleicht irgendwo in den Aufzeichnungen. So wie Steiner dies berichtete, machte er sich etwas lustig über die vielen Firmen-Gründungen der Anthroposophen und stellte dann die eigentliche Aufgabe hin. Kann dies nachempfinden, wenn Menschen bei "Domian"-WDR doch ihre Angst und Unwissenheit angesichtes des Todes erzählen etc..
    Vielleicht hat sich "Anthroposophie" im Diesseits verzettelt, wenn auch ein aktueller Artikel in der SZ zeigt, zu welchen materiellen Erfolgen es Anthroposophen bringen, hier der Gründer von "Alnatura".

    Natürlich kann der Redner durchaus ein guter Dichter sein, auch geschätzt, immerhin auch Direktor der Akademie. Warum er sich von dem Zitat so beeindrucken lässt, es zu Beginn des Jahres in den R-AUM stellt, ist zu hinterfragen, bzw. Symptom für den Zustand auch am Goetheanum?!

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  10. Liebe Ingrid,

    ich freue mich auch, dass Smit die Rede gehalten hat und nicht ich, weil Du sonst etwas wichtiges verpasst hättest. Mir war diese Passage nicht neu, denn ich wusste bereits, dass Steiner viele Vorträge gehalten hat. Und immer, wenn ich einen dieser Vorträge gelesen habe, habe ich versucht, mir die Atmosphäre im Vortragsraum vorzustellen. Wieviel Leute waren anwesend, wie waren sie drauf, wollten sie etwas konkretes usw. Auf die Idee, dass die Sprache dieser Vorträge dieselbe sein könnte wie in den von Steiner verfassten Büchern, bin ich gar nicht gekommen. Daher brauchte ich es auch nicht von Smit zu lernen.
    Aber wirklich enttäuscht war ich von der Schilderung der Ausstellung in Wolfsburg, da ich von einem Kunstprofessor lieber Anregungen erhalte, wo es gute Ausstellungen gibt.
    Aber der letzte Absatz der Rede von Herrn Smit hat mich wieder froh gestimmt: die Brücke ins Unsichtbare auf der närrische Tänze aufgeführt werden, ist die beste Bescbreibung der Anthroposophie, die ich bislang gehört habe.

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  11. Ich finde den Text sehr interessant und gut. Ich nehme da einen positiven Blick auf die Anthroposophie war. Wertschätzend.

    Was Porsche/Loft u. Waschmaschine anbelangt, bin ich mit Ernst Seler einverstanden, dem kann ich gar nichts abgewinnen.
    Aber ansonsten empfinde ich den Beitrag als sehr kreativ.

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  12. "Anthroposophie schafft sich selber ab." Ja, und das ist auch gut so, weil sie dann nämlich entstehen kann.

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