Natur als Konstrukt & Macht

In seinen „Anthroposophischen Leitsätzen“ schreibt Rudolf Steiner: „Und in demselben Maße, in dem die Menschenseele das Mit- Erleben mit den göttlich- geistigen Wesenheiten verliert, taucht um sie herum das auf, was man heute „Natur“ nennt.“ (S. 157)

Natur ist demnach ein zeitgenössisches Konstrukt, das sich in dem Maß bildete, in dem eine ursprüngliche symbiotische Beziehung zum Natürlichen, Elementaren verloren ging. Erst der Zeitgenosse erlebt Natur „um sich herum“. Das Wahrnehmen der Natur ist ein modernes Bewusstseinsphänomen. Erst in der jüngeren Kunstgeschichte ist ja auch die reine Landschaftsmalerei entstanden - in Reinkultur vielleicht erst durch William Turner. Davor war der porträtierte Mensch stets in die natürliche Umgebung, die häufig in der Gestaltung allegorische Züge annahm, eingebettet; er war ein Teil von ihr und sie war ein Ausdruck von ihm.

In der Landschaftspflege kam in derselben Zeit, in der die Landschaftsmalerei entstand, die Anlage des Parks und Gartens auf. Heute steht die Renaturierung im Mittelpunkt der Interessen. Landschaft soll „natürlich“ wirken. Die ursprüngliche Flora und Fauna soll wieder hergestellt werden. Empfindliche Monokulturen sollen schon aus pragmatischen Gründen zurück gebaut werden. Dennoch soll die renaturierte Natur pflegeleicht und beherrschbar bleiben.

Dies allerdings bleibt ein frommer Wunsch. Die Natur greift ständig schmerzhaft in die menschlichen Belange ein- vor allem in Form von Erdbeben, Überschwemmungen, Hitzephasen, Erdrutschen und den viel diskutierten Folgen des „Klimawandels“. In dieselbe Schublade gehören auch Befürchtungen vor weltweiten Pandemien wie Schweine- oder Hühnergrippe.

So scheint es legitim, Rudolf Steiners Ansatz weiter zu denken: Nach einer symbiotisch empfundenen, ursprünglichen Kultur, in der in der Einigkeit mit dem Natürlichen auch das Göttliche wahrgenommen wurde, emanzipierte sich das menschliche Bewusstsein zunehmend aus dem als Natur Wahrgenommenen. Die kultivierte, aber auch extrem materiell ausgebeutete Natur wird heute zwar einerseits in eine gewisse Ursprünglichkeit zurück versetzt, zugleich aber auch als nicht beherrschbare, bedrohliche Gefahr wahrgenommen. Die atavistische Gefahr, die frühe animistische Kulturen in der Natur auch empfanden, kehrt so im modernen Gewand wieder zurück: Die Natur entzieht sich zwar nicht der Nutzung, bleibt aber auch unbeherrschbar. Ihre Macht ist wieder zurück gekehrt. Das Konstrukt Natur entzieht sich den Grenzen, die ihm der Mensch zuweisen wollte. Auch wenn die Götter verschwunden sind, die Macht ist es nicht.

Kommentare

  1. Der Mensch muß, bzw. sollte sich wieder seiner Janusnatur bewusst werden, bzw. sie wieder zu aktivieren suchen.

    Schöpfung beginnt ja nicht da draussen, sondern sie gerinnt dort draussen.

    Man dünkt sich "aufgeklärt", wenn man seine Subjektivität indentifiziert zu haben meint und entsprechend einstuft und bewertet, sie überwunden zu haben meint, wenn man sie im Ausdruck möglichst nicht nutzt und dabei nur zu leicht das wahre Kind mit jenem Bade der Aufgeklärtheit ausschüttet.

    Im und mit dem Begriffsdschungel hantierend. Ohne wirklich sich zu fragen, wo die Begriffe denn herkommen, wovon sie Ausdruck sind, wer sie prägt und wie. Sind sie nicht auch so etwas wie bloß eine "Natur", Gewordenheiten, wenn man sie einfach nur als Transportmittel nutzt?

    Was ist der Unterschied von "Subjektivität"? Was ist an sie gefesselt und warum und wodurch?

    Allzu leicht verwechselt man Phantasie mit der Imagination. Wenn das Gesicht nach Innen vertrocknet ist, dann verrutscht die Aufmerksamkeit in die andere Richtung und landet in der Gewordenheit und versucht alles aus jener Sicht heraus sich zu erklären. Er landet dann in der "Natur", atomisiert sie und bildet daraus neue "Moleküle", die es eigentlich gar nicht gibt. Man wirft sich selbst heraus.

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  2. "Heutzutage hat die Natur etwas Unnatürliches und Wind und Wetter wirken übertrieben" Gottfried Benn

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  3. Einstimmung:

    „Genieße mäßig Füll und Segen;
    Vernunft sei überall zugegen,
    wo Leben sich des Lebens freut.
    Dann ist Vergangenheit beständig,
    das Künftige voraus lebendig,
    der Augenblick ist Ewigkeit.“ (Goethe)


    Eingangs steht: “In seinen „Anthroposophischen Leitsätzen“ schreibt Rudolf Steiner: „Und in demselben Maße, in dem die Menschenseele das Mit- Erleben mit den göttlich- geistigen Wesenheiten verliert, taucht um sie herum das auf, was man heute „Natur“ nennt.“ (S. 157)

    Ich lese das so: Und in“ demselben“ (!) Maße, in dem „der“ Menschenseele das Mit- Erleben mit den göttlich- geistigen Wesenheiten „untertaucht“, taucht um sie herum das “auf“, was man heute „Natur“ nennt.“

    Wessen Maß ist das? Es ist das Maß desjenigen Wesens, das erwägend miterleben kann göttlich-geistige Wesenheiten, als auch dasjenige, das wir heute Natur nennen. Goethe sagt: „ Genieße mäßig(!!!) Füll und Segen, Vernunft sei überall zugegen, wo Leben sich des Lebens freut. Das deutet hin auf dasjenige Lebewesen, das, indem es „mäßig“ genießt, sich selbst genießt.

    Weiter sagt Goethe: „Dann ist Vergangenheit (das Mit- Erleben mit den göttlich- geistigen Wesenheiten) beständig, das Künftige (Selbstbewusstsein) voraus lebendig;“

    Steiner sagt im zweiten Vortrag der Vortragsreihe „Geschichtliche Symptomatologie“:
    „Schauen wir aber etwas tiefer auf dasjenige, was diesen ganzen fünften nachatlantischen Zeitraum nach einer Seite hin charakterisiert, nach der Seite der Geburt der Bewusstseinsseele, dann wird es schon in einer gewissen Beziehung heller um….“
    Geburt ist, in die lateinische Sprache übersetzt, Natur.

    Weiter unten: „…der Mensch soll sich auf sich selbst stellen, der Mensch soll als Persönlichkeit sich emanzipieren. Das verlangt von ihm das Zeitalter der Bewusstseinsseele.“

    Sich auf sich „selbst“ stellen, das schafft mir Zusammenhang damit, was sich im Blogarchiv, Januar 2o11, finden lässt:

    „Das Aufblitzen dieser Wesenheit - die richtige Selbst- Erkenntnis - wird in der Anthroposophie „Selbstbewusstseinsseele“ (Hervorhebung v. B.), wenn sie Dauer hat, Geistselbst genannt." Georg Kühlewind, Der sanfte Wille, S. 30ff

    Weiter sagt Goethe: „der Augenblick ist Ewigkeit.“ Im selben Blogarchiv, Januar 2o11, lässt sich das noch finden:

    "Nur durch die Erfahrung der eigenen Gegenwärtigkeit kann Gegenwart - das „ewige“ (Hervorhebung B.) Jetzt - und die Gegenwärtigkeit von allen anderen Wesen erfahren werden.“ Georg Kühlewind, Der sanfte Wille, S. 30ff

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  4. Das Bisherige, indem ich das zusammenfasse, sagt mir das:

    Die Bewusstseinsseele findet sich als dasjenige Lebewesen, das, indem es „mäßig“ genießt, sich selbst genießt. „Und in „demselben“ Maße, in dem die Menschenseele das Mit- Erleben mit den göttlich- geistigen Wesenheiten verliert, taucht um sie herum das auf, was man heute „Natur“ nennt.“ (Steiner) Natur ist Geburt. Dazu, zur „Geburt der Bewusstseinsseele“, das:

    „Das Aufblitzen dieser Wesenheit - die richtige Selbst- Erkenntnis - wird in der Anthroposophie „Selbstbewusstseinsseele“ (Hervorhebung v. B.), wenn sie Dauer hat, Geistselbst genannt." Georg Kühlewind, Der sanfte Wille, S. 30ff

    Als das, eben eine Selbstbewusstseinsseele, ist sie mithin „Selbstgeburt“. Wenn sie Dauer hat, Geistselbst genannt." (Georg Kühlewind, Der sanfte Wille) Also als diejenige ewige Geburt, die sich als Selbstgeburt des Geistes, so als das Maß für „Füll und Segen“ gebiert. Mithin als das „Lebewesen Mensch“!

    Daher und da heraus entwickelt sich mir folgende Frage, als eine noch zu erwägende. Da der Mensch sich in Erwägung findet, welche Handlung ist Erwägung? Steiner, er deutet die Handlung an, indem er auf das Folgende hindeutet. In ein und demselben Maß auftauchen wie untertauchen. In „dem“ Maß des Augenblickers, der untertaucht, indem er seinen Blick in etwas wirft und auftaucht als ein Fänger von Selbstgeworfenem? Ich weiß, damit wäre Rilke nicht widersprochen. Denn, die Frage ist bereits geworfen! Sie trägt einen Sender mit sich. Ich schalte um auf Empfang.

    Ausklang:

    Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
    Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn -;
    erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
    den eine ewige Mit-Spielerin
    dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
    gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
    aus Gottes großem Brücken-Bau:
    erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, -
    nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar
    zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,
    nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
    und schon geworfen hättest..... (wie das Jahr
    die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
    die eine ältre einer jungen Wärme
    hinüberschleudert über Meere -) erst
    in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
    Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
    dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
    das Meteor und rast in seine Räume...

    Aus: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, 31. Januar 1922)

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  5. Danke für die Ausführungen, die ich gut nachvollziehen kann. Ich muss nun erwähnen, dass Steiner sein Statement selbst auch in den "Leitsätzen" ausführt- in dem typisch knappen Stil des Buches zwar (er lag beim Schreiben wohl schwer krank), aber doch breit und brillant. Im Zentrum seiner Ausführungen stehen die griechischen Mysterien, vor allem der Persephone- Mythos.

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  6. Nach einer symbiotisch empfunden, ursprünglichen Natur, taucht der Selbstbewusstseinseele Natur NEU als Gegenüber wieder auf.
    Versuchen, sie zu überwinden, danach sie zu beherrschen, entzieht sie sich souverän. Sowohl die innere Natur des physischen Körpers, als auch die äußere Natur. Da kann Verstand machen, was er will. Ihre Macht bleibt uneingegrenzt. Mag es die Selbstbewusstseinseele sein, die mit dem Göttlichen in ihr in Beziehung tritt.

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  7. Die Natur ist furchtbar und brutal. Wenn wir eine menschliche Welt wollen, müssen wir sie beherrschen.
    Doch bislang sind unsere Versuche hierzu recht zögerlich. Das rührt daher, dass wir lieber andere Menschen beherrschen wollen. Das heißt, wir sind der Natur noch gar nicht vollständig entwachsen, wir sind immer noch zu einem Gutteil selbst Natur.

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  8. "Wenn wir eine menschliche Welt wollen, müssen wir sie beherrschen." Och komm, Robert, das ist doch eine dieser zeitgenössischen Illusionen. Die Natur lässt sich nicht beherrschen- man kann eine zeitweilige Koexistenz mit ihr eingehen, allenfalls. Niemand in Queensland wird mehr von Beherrschen reden, niemand, dem ein Karzinom quer durch den Unterleib gewachsen ist. Auch wenn wir uns mit Vitaminen voll stopfen, das ideale Fitness- Superkonzept fahren, nicht rauchen und total vernünftig essen- das ist alles brav. Es ist eine Art Kuschelversuch. Aber ob es hilft?

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  9. Nein, das hilft nicht wirklich. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Und geneinsam versuchen, der Natur ein Schnippchen zu schlagen ist allemal besser als Kriege zu führen.
    Und ja, man muss es sportlich nehmen, wenn man mal verliert.

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  10. "man muß auch mal verlieren können"

    Sepp Herberger auf die Frage, was er vom Tod hält

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  11. MEIN HOHENLIED AUF DIE NATUR UND DIE EROTIK, DIE ALLER SCHOEPFUNG INNEWOHNT
    Zum Schoensten und Sakralsten, das ich in diesem irdischen Dasein kenne, gehoert die Natur. Sowohl die aeussere Natur mit ihrer unaussprechlichern Schoenheit, ihrer Vielfaeltigkeit und ihren heilenden Substanzen, als auch die innere Natur mit ihrer Sinnlichkeit und Sexualitaet - den grossen Seelenoeffnerinnen.
    Natur mit Geist zu durchdringen, wie das mancher sieht, ist ueber-haupt nicht noetig. Sie ist total durchdrungen von Geist, bis in ihr kleinstes Atom hinein. Natur ist atomatisierter Geist. (Man/frau kann das in Steiners Weltenentstehung nachvollziehen!)
    Natur ist in ihrer Substanz Engerie-pur = spirituelle Energie, ist unaufhoerliche Emanation von Geist. Auf wenigen Gebieten ist die Vernetztheit von Natur und Geist unmittelbarer zu spueren, als im sinnlich/sexuellen Erleben.
    Geist vermag sich in der Natur weiter zu entwickeln, er kann in ihr immer wieder NEU auferstehen, die Natur nimmt immer wieder NEU Anteil an ihrer spirituellen Schoepfung - sowohl die innere, als auch die aeussere Natur. Wenn sie missachtet wird, zeigt sie ihr fuerchterliches Antlitz.
    Natur ist und war immer goettlicher Ausdruck.
    Wer Natur verachtet, verachtet Goettliches.
    Wer sie zu beherrschen versucht, versucht Goettliches zu beherrschen,.
    Es wird nicht gelingen.

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