Steiner typisch für unser psychologisches Zeitalter

"Die Historikerin Miriam Gebhard, die als Privat-Dozentin an der Universität Konstanz lehrt, zeigte sich vor allem überrascht von Steiners Modernität: „Das betrifft nicht nur sein Denken und die daraus abgeleiteten Praxisfelder, die bis heute wachsenden Zuspruch erhalten. Das betrifft auch sein eigenes Leben. Er verweigerte einen klassisch-bürgerlichen Lebenszuschnitt und ‚erfand‘ sich immer wieder neu.“ Sie sieht Steiner als einen „wahrhaftig modernen Propheten – einen Propheten nicht nur für ganzheitliches Leben und spirituelle Sinnfindung, sondern auch für die Arbeit am eigenen Selbst, die so typisch ist für unser psychologisches Zeitalter.“"

Zitat Medienstelle Anthroposophie: Happy Birthday, Rudolf Steiner

Kommentare

  1. Hat Steiner eigentlich mal irgendwo von der Arbeit am eigenen Selbst gesprochen? Ich weiß noch nichtmal, ob er von der Arbeit am Selbst gesprochen hat, aber ich bin mal ohne vollständiges Quellenstudium so dreist zu behaupten, dass Rudolf Steiner niemals und nirgendwo von der Arbeit am eigenen Selbst gesprochen hat.

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  2. Lieber Robert,
    muß gerade an Dich denken, da vor ein paar Minuten ein Interview mit Herrn Zander im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde.

    Es sind zwei Interviewteile, hörte zufällig nur einen Teil, in dem er von "Selbsterlösung" spricht.


    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/02/20/dlf_20110220_0745_172791b0.mp3

    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/02/20/dlf_20110220_0738_a716d24f.mp3

    Natürlich spricht Steiner nie von Selbsterlösung, als ginge das ohne ein göttlich-geistiges Wirken.

    Das Denken von Herrn Zander kommt in den Interviews gut zum Ausdruck, Zielrichtung, gezielte Verwendung von Begriffen, auch wenn er etwas vorsichtig wirkt.

    Jedenfalls passte "Selbsterlösung" zu Deiner Frage.

    Kann ja mal die HDD durchforsten, um zu sehen, welche Ergebnisse zu "Selbst" auftauchen.

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  3. @ Robert

    "Hat Steiner eigentlich mal irgendwo von der Arbeit am eigenen Selbst gesprochen?"

    Wenn man mit "Arbeit am eigenen Selbst" die Auseinandersetzung mit den dunklen (Schatten-)Seiten des Menschen bezeichnet, muss man wohl sagen, dass eine solche Arbeit im Gesamtzusammenhang der Anthroposophie eher eine marginale Rolle einnimmt: Bei Steiner gibt es eigentlich kaum die Forderung, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, die wichtige Frage nach den Abwehrmechanismen, die Auseinandersetzung mit der eigenen Angst taucht bei ihm kaum auf (Höchstens als "okkulte Nebenerscheinung", Angst vor dem Hüter der schwelle, oder so).

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  4. Leider unterscheidet die Suchmaschine nicht die Klein- und Großschreibung, deswegen zu viele Treffer "selbst".

    Zu Selbsterlösung gibt es einige Stellen. Meist handelt es sich um damalige Vorwürfe, die Anthroposophen betreiben "Selbsterlösung". Herr Zander hat dies offensichtlich aufgegriffen und als (katholische) Kritik hervorgehoben. Er ist und bleibt halt Theologe und hat dadurch etwas zu verteidigen, ist nicht objektiver Wissenschaftler.

    Steiner spricht an einer Stelle davon, daß es eigentlich nicht "Selbsterlösung" sein kann, sondern zur "Erdenerlösung" führt (wohl im Sinne des Christusses, der die gesamte Erde mit seiner Wesenheit durchdringt und erlöst.

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  5. Ist das Selbst nicht erlöst, wenn man das Denken wirklich ergreift? Und ab dann und mit dem Denken entfaltet es sich?

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  6. Liebe(r) manroe,

    es wird das "Denken" wohl auch überhöht, da Gefühl nie fehlen darf und sich auch noch andere Bewußtseinsentwicklungen ergeben.
    Hatte in letzter Zeit mehr gelesen, hier im blog.

    Das nächtliche Bewußtsein, aber auch die Mediationen haben sich verändert. Einmal ergab sich im Nachtbewußtsein, "wir" hier im blog helfen uns in tieferen Schichten. Es waren keine Gedanken, sondern nur die Präsenz von Individuen, welche sich gegenseitig erkennen, tragen und Impulse geben.

    Meiner Ansicht nach geht solches Bewußtsein über Denken und Gefühl hinaus. Es lässt sich als schaffendes Bewußtsein beschreiben.

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  7. Lieber Ernst

    "Meiner Ansicht nach geht solches Bewußtsein über Denken und Gefühl hinaus."

    Es ist sicherlich ein anderer Wahrnehmungsbereich, aber letztendlich wird man auch dort denken müssen, wenngleich man dort zunächst mit deuten beginnt? Und natürlich darf das Gefühl nie fehlen, vielleicht kann man sogar sagen, daß die Gefühle die Verpackungen sind dessen, was man denkt. Und mit DEM Denken meine ich jetzt nicht die Produkte des Verstandes sondern das Licht oder die Energie durch die ich z.B. meinen Verstand zu lenken weiß. Und auch die nötigen oder hinderlichen Gefühle werden sichtbar und können nach Bedarf verstärkt oder gemildert werden. Denken als die produktive, schöpferische Instanz. "...taghelles Licht erstrahlte in Menschenseelen... das gut werde, was wir aus Herzen gründen, was wir aus Häuptern zielvoll führen wollen."

    Wenn wir das Denken nehmen, jenseits des Verstandes und Intellekts, dann ist das Selbst erlöst, vielleicht noch nicht ganz befreit, aber dann vermag ich recht deutlich zu sehen, was ich bedenken sollte und kann und bemerke meine Werkzeuge mit denen ich das vermag, je nachdem.

    Wenn man meinetwegen "Schattenarbeit" macht bedarf ich doch des Bildes, an dem ich mich orientiere, ausrichte, weil ich sonst ins Leere mich bemühe oder mich an irgendwelchen Autoritäten ausrichte, dann rutsche ich ins Glauben hinein. Wenn ich aber Dem Denken mich nähere, dann nähere ich mich mir, (meiner) Quelle und sehe selbst. Mehr als Denken geht nicht, wenn ich ein freier Mensch werden oder bleiben will.

    In diesem Sinne dann sprach Steiner sehr wohl von der Arbeit am eigenen Selbst, im Sinne von das Höchste zuerst, wesentlich effektiver und direkter als an der Seele zu zupfen.

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  8. Liebe(r) manroe,

    danke für die Ausführungen.
    Es kommt mir wohl das "Denken" verquer, wie es sich in der AAG ausbildete, das heißt Hierarchien wurden "gedacht", damit strohern und leer, Denken wurde anthroposophisch-abstrakt und der "Neue" hatte sich zu fügen, im "Kreis".

    Du sprichst ein anderes Denken an, das Licht-Denken, Willen-Denken und Gefühl-Denken. Michael hat hier einen Ansatz mit seinem neuen Zitat von Steiner, mit Berechenbar-Unberechenbar.
    Es scheint, als hole der Künstler, aus dem Bereich des Unberechenbaren (übersinnlichen) seine Quellen. Das Unberechenbare wird im Erdensein zum Berechenbaren.
    Letztlich ist das Ziel nicht die Selbsterlösung, sondern das "Selbsterlebnis", des sich Selbstgewissseins. So wie in Nordafrika die Seelen den Diktaturen sich entwinden wollen, das Berechenbare der Diktatur abschütteln, wohl nicht nur als Brot-Revolution, sondern im Sinne des Ätherischen Christusses: mit all seinen gegenwärtigen Rätseln, ist Sprache-Denken-Bewußtsein eine Entwicklung des Mutes. Der Mut entsteht in der Not.
    Eigentlich müssten wir in Deutschland auch die Regierung hinwegfegen. Ansatz für wahre Demokratie, sehe ich gegenwärtig nur bei den Bahai´s, ihrem Wahlsystem. Denken als Aus-wahl, als Erfahrung des Zieles.

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  9. Lieber Ernst

    "Es scheint, als hole der Künstler, aus dem Bereich des Unberechenbaren (übersinnlichen) seine Quellen. Das Unberechenbare wird im Erdensein zum Berechenbaren."

    Dieses "Berechenbare" sollte man allerdings auch hier nicht berechnen wollen, sondern klar erkennen, das scheint mir so ein ins Unterbewusste Gerutschte zu sein, diese Berechnungsinstanz, weil man dann glaubt" es fassen zu können oder zu besitzen gar. Wenn der Künstler es "da oben" einatmet, es "hier" wieder ausatmet, dann sollte man statt zu berechnen es auch einzuatmen versuchen. Aber vielleicht reicht es ja auch schon diesen Begriff zu tauschen, statt berechnen vielleicht erfassen zu wählen, das klingt schon ganz anders dann. Und das mit den Klängen sollte man ja nicht unterschätzen :)

    "Letztlich ist das Ziel nicht die Selbsterlösung, sondern das "Selbsterlebnis", des sich Selbstgewissseins."

    Meine volle Zustimmung. Und ein solches Selbsterleben lässt sich halt nicht berechnen. Ein neues Annehmen und Vertrauen zu dem, was so leicht als "Subjektivität" unter den Tisch gekehrt wird, da liegen riesige Reichtümer vergraben.

    "Der Mut entsteht in der Not."

    Ja, leider, zumeist. Wäre schön, käme er mehr aus wirklicher Einsicht und würde dann direkt in den Willen rutschen, in Begleitung eines wachen Auges natürlich. Mehr echtes Selbst-Vertrauen wäre auch hilfreich, dann würde man spontaner wirkliche Rechte wirklich vertreten und verteidigen und schützen. UND, die wahre Autorität in sich selbst aufsuchen, sie sprechen zu lassen, wäre wohl die /eine Vorbedingung.

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  10. "Der Mut entsteht in der Not."
    Lieber Ernst,
    danke für diesen Satz.
    Er reiht sich ein in eine lange Reihe von Aussprüchen berühmter Menschen: das wußten Künstler zu allen Zeiten.

    Ich denke an Heinrich Heine:
    Aus meinen großen Schmerzen
    mach ich die kleinen Lieder
    ,

    oder an Friedrich Hölderlin:
    Nah ist
    und schwer zu fassen der Gott.
    Wo aber Gefahr ist, wächst
    das Rettende auch.


    Gottfried Benn drückt es so aus und führt noch weitere Beispiele an (1955, in einem Vortrag zum Thema "Soll die Dichtung das Leben bessern?"):
    Und schließlich: soll die Dichtung in medizinischer Richtung vielleicht bessern, trösten, heilen? Es gibt viele, die das bejahen. Musik für Geisteskranke und Verinnerlichung durch Rilke bei Fastenkuren. Aber wenn wir bei Kierkegaard lesen: "Die Wahrheit siegt nur durch Leiden", wenn Goethe schreibt "leidend lernte ich viel", wenn Schopenhauer und Nietzsche den Grad und die Fähigkeit zu leiden als den Maßstab für den individuellen Rang ansehen, wenn Reinhold Schneider schreibt: "Am Kranken soll die Herrlichkeit Gottes offenbart werden, das Wunder, das er an ihm tut", und wenn Schneider weiter das Schwinden des Bewußtseins des Tragischen als den Untergang unserer Kultur bezeichnet, darf dann die Dichtung oder der Dichter an einer Besserung dieser tragischen Zustände mitarbeiten, müßte er nicht vielmehr aus der Verantwortung vor einer höheren Wahrheit haltmachen und in sich selber bleiben? Eine höhere Wahrheit in Ihrem Munde, werden Sie mir zurufen, was ist denn nun das? Ich antworte, ich kann mir einen Schöpfer nicht vorstellen, der das, was im Sinne unseres Themas bessern heißen könnte, als Besserung betrachtete. Er würde doch sagen: "Was denken sich diese Leute, ich erhalte sie durch Elend und Tod, damit sie menschenwürdig werden, und sie weichen schon wieder aus durch Pillen und Fencheltee und wollen vergnügt sein und auf Omnibusreisen gehen!" - Und was die Dichtung angeht, halte ich es mit dem Satz von Reinhold Schneider: "Es gehört zum Wesen der Kunst, Fragen offenzulassen, im Zwielicht zu zögern, zu beharren." Wer die Dichtung so empfindet, kommt vielleicht weiter. Im Zwielicht - soviel über den Schöpfer und das Bessern.

    ---

    Die Frage Roberts, ob Steiner irgendwo von der "Arbeit am eigenen Selbst" gesprochen hat, erstaunt mich irgendwie, und ich möchte zurückfragen: ist denn der "Schulungsweg", zu dem Rudolf Steiner anleitet, nicht etwas, das man als "Arbeit am eigenen Selbst" bezeichnen könnte?

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  11. Vielen Dank für die vielen Anregungen.
    Das eine war von Rainer, dass Steiner nicht über die Angst spricht. Erst wenn der Hüter der Schwelle kommt, was ja in seinem Schulungsweg nur dem passieren kann, der auf dem Pfade der Erkenntnis schon weit voran geschritten ist und schon einige höhere Organe ausgebildet hat.
    Dann von Ernst, dass es Steiner nicht um Selbsterlösung, sondern um Erdenerlösung geht. Da musste ich natürlich an den größeren Hüter der Schwelle denken. Das katholische Problem ist mir bekannt. Wenn wir uns selbst erlösen können, wozu braucht man dann noch Christus? Ich würde natürlich sagen, gerade dafür, aber viele Menschen haben ein Problem damit, das Wesen der Gnade zu begreifen.
    manroe (wie spricht man das aus?) hat Erhellendes zu Prozess des Denkens gesagt. Das Denken ist die schöpferische Instanz. Das ist direkt erfahrbar, aber hier kommt wieder die Angst ins Spiel, auf die Steiner nicht eingeht. Im Schulungsweg gibt es eine Stelle, da befindet sich der Geheimschüler in einer Art Windstille, d.h., es gibt keine Anregung von außen mehr, er muss aus eigener Kraft den Antrieb finden, um weiter zu kommen. Auch hier muss man schon weit fortgeschritten sein, um sowas zu erleben. Dabei scheinen doch unsere Ängste solche Situationen vorwegzunehmen.
    Insofern braucht es tatsächlich Mut, um zu beginnen.
    Ingrid schließlich fragt, ob man nicht das, wozu der Schulungsweg anleitet, als "Arbeit am eigenen Selbst" bezeichnen könne. Man kann vieles, aber Steiner tut es nicht, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

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  12. Lieber Robert,

    :-) also schön, Steiner nennt es nicht so, wofür Du dankbar bist --- aber mein Erstaunen bleibt. Das rührt wohl daher, daß ich keine Ahnung habe, was Du unter "Arbeit am eigenen Selbst" verstehst. Es scheint etwas "Negatives" zu sein?

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  13. @Ingrid,

    für kommende Fälle das:

    "Im Grunde besteht alles Kulturleben und alles geistige Streben der Menschen aus einer Arbeit,
    welche diese Herrschaft des Ich zum Ziele hat.
    *Jeder* (Hervorhebung durch Steiner) gegenwärtig
    lebende Mensch ist in dieser Arbeit begriffen: er mag wollen oder nicht, er mag von dieser Tatsache ein Bewußtsein haben oder nicht."

    R. St. "Die Geheimwissenschaft im Umriss", daraus: Wesen der Menschheit, etwa 6 Seiten vor
    Kapitelende,

    Gruss B.

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  14. Liebe Ingrid,

    meinst Du denn wirklich, dass es auch eine Arbeit am nicht-eigenen Selbst geben kann?
    Es ist also nicht etwas Negatives, sondern etwas Doppeltgemoppeltes, worauf ich hinweisen wollte.

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  15. Lieber Robert,

    :-) Oh. Da bin ich tatsächlich auf der Leitung gestanden. Verzeih. :-)

    Allerdings - wenn ich an die Versuche gewisser Psychiater denke...

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