Ich kündige meine Generation

Das geht so seit Jahren: Wenn die Arbeit gut läuft, sind meine Partner im Team mindestens 20 Jahre jünger- wenn möglich mehr. Es hat übrigens überhaupt nichts mit eingebildeter Dominanz zu tun oder anderen verqueren Emotionen meinerseits. Ich sehe es so an, dass die nächste Generation das, worum ich so hart gekämpft habe, einfach zur Verfügung hat: Effizienz, Hören auf Zwischentöne, Sich-zurück-nehmen-Können. „Flow“ in der Kooperation, im Team, in der kurzen Verständigung haben zu können- es miteinander zu teilen, ohne dass irgend ein Gewese darum gemacht würde.

Meine Generation ist meistens schwierig, mich selbst inbegriffen. Ich habe Eisen, Steine, Eiterbeulen fressen müssen, bis ich über meine Eigenheiten halbwegs hinweg kam. Zu wissen: Wenn man nichts ist, ist man ganz präsent. Meine Generation ernennt eine Kommission und tagt, lange und teilweise inquisitorisch, rechthaberisch und eigensinnig. Der gemeinsame Nenner, der dabei heraus kommt, nützt niemandem, aber alle fühlen sich düpiert. Überall werden die Grenzen des individuellen Status Quo berührt. Diese Grenzen werden wortreich begründet, ideologisch untermauert und verteidigt. Jeder hat vollkommen recht. Es ist ein anstrengender Haufen. Eigentlich steht man in einem leicht giftig- galligen Becken, in dem die guten Absichten Aller schwimmen, aber das Wasser ist ohne jeden Sauerstoff.
Mit den Jungen kann man schweigen. Gerede ist wenig geschätzt, auch nicht das private. Dafür hat man Facebook und eine gute Freundin.

Ich habe lange Anlauf genommen, um endlich ohne Ambition und Groll zu sein. Es war das Schwerste, was ich in Angriff genommen habe. Du wirst vielleicht sagen, dass das keine besondere Leistung sei, und das ist richtig. Ich fühle es dennoch so, als sei mir in langen Anstrengungen eine getrübte Glaslinse poliert worden.

Ich kündige meine Generation.

Kommentare

  1. Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
    Sind Schlüssel aller Kreaturen,
    Wenn die so singen oder küssen,
    Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
    Wenn sich die Welt ins freye Leben,
    Und in die Welt wird zurück begeben,
    Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
    Zu ächter Klarheit werden gatten,
    Und man in Mährchen und Gedichten
    Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
    Dann fliegt von Einem geheimen Wort
    Das ganze verkehrte Wesen fort.

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  2. So einfach kann man sich dem Generationenvertrag nicht entziehen. Du hast wohl nicht das Kleingedruckte gelesen als Du Dich hier in dieses Zeitfenster inkarniert hast. Typisch für Egoisten, die zu den " zu hastig inkarnierenden Seelen " gehören.
    Herrmann Finkelsteen

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  3. Ja, das stimmt, ich lese nie Kleingedrucktes und Gebrauchsanweisungen. Gibt es für "zu hastig inkarnierte Seelen" anthroposophische Medikamente? Nein, war nur ein Scherz. Das sich als Außenseiter fühlen ist ja nur die Innenseite des Selbstgefühls- im äußeren Wirken bemerkt das niemand, im Gegenteil. Viel bodenständiger und durchschnittlicher geht es gar nicht.
    Michael

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  4. Lieber Don Michele!
    Ich hab Dir ein Blogpost geschrieben. Im äusseren Wirken wird das sehr wohl bemerkt, was Dir auf der Seele brennt. Lass es weiter brennen!
    Herrmann Finkelsteen!

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  5. http://uribi.blogspot.com/2011/03/bewahren-wir-das-feuer.html

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  6. Es ist eine Welt der Verletzten. Unsere Generation hat Eltern, die einen der schlimmsten Kriege er- und überlebt haben. In diese Körper und diese Situation haben wir uns hinein inkarniert und schlagen irgendwie weiter um uns. Verständlicherweise - schwierig und kompliziert. Aus dem Trauma muss man sich dann mühsam herausschälen. Das gelingt manchmal auch.
    Vielleicht haben sich viele gute Leute aus unserer Generation zu lange aus der Politik herausgehalten, haben die Esoterikecke und Wunden gepflegt und in der Zwischenzeit haben sich die SUV´s breit gemacht. Zumindest frag ICH mich, ob ich da nicht etwas gut zu machen habe- bevor wir der nächsten Generation den Schrotthaufen übergeben.
    Vermutlich haben die Jungen weniger Verletzungen. Sie haben sich ganz andere Bedingungen ausgesucht. Vor kurzem hat mir eine 19jährige von ihren Lebensplänen erzählt, geordnet, flüssig, ruhig, klug und doch lebendig. Die Stimmung, in der sie das gemacht hat, hat in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen und mich noch Tage lang beschäftigt. Ich konnte in dem Alter nur stottern.
    Es freut mich sehr, dass es diese Jungen gibt.

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  7. "Ich konnte in dem Alter nur stottern.", ich auch.., erst mit 35 konnte ich einigermaßen erfassen, was hier "auf der Erde" überhaupt los ist. Und bin bis heute noch (48) stark damit beschäftigt, meine Wahrnehmungen auf wesentliches hin zu ordnen. :-)
    butty

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  8. Ausschnitt aus meinem demnächst erscheinenden Reisebericht. RS150 - Sonderzug Rudolf Steiner:
    ....
    Gleich nach der Abfahrt beginnt im Clubwagen die erste Veranstaltung. Eine Gruppe junger Leute von der Alanus-Hochschule zitieren und rezitieren Steiner und andere Geistesgrößen - klar, natürlich ist auch Götz Werner und das Grundeinkommen dabei - und sie scheuen sich nicht, Übersetzungen des Steiner-Werkes einzufordern. Wie sagte Steiner irgendwann: "Ich will nicht verehrt, sondern verstanden werden." Bei den Jungen heißt es so: "Wir wollen verstehen!" Kann etwas besseres passieren als die Forderung dieser Generation? Einer Generation, die mit Macbook, Internet, Wlan und der Bereitschaft aufwächst, sich ernsthaft einzubringen und nach Lebensentwürfen zu fragen, die nicht festgefahren, sondern - wie dieser Zug - in Bewegung sind?

    Wie steht es mit mir? Bin ich in Bewegung? Oder befinde ich mich schon auf dem Abstellgleis vor dem Prellbock? Im bequemen Lokschuppen mit Heizung und Reinigungspersonal? Steiner - so scheint es angesichts seines monumentalen Werkes - war offensichtlich immer in Bewegung, er verbrachte den größten Teil seines Lebens in Zügen und auf Reisen. Es mag sein, dass das Reisen heute bequemer ist als damals, die Fragen bleiben dieselben. Woher komme ich, wohin gehe ich? Kein Anschluss unter dieser Nummer? Die Antworten liegen nicht am Horizont, sondern dort wo Vergangenheit und Zukunft eins sind. Sie liegen unter uns, während wir über die Schwellen donnern mit der E103, der legendären E-Lok vor diesem Sonderzug RS150. Realität. Gegenwart. Jetzt. Die Namen der jungen Leute können sie bei RS150_on_air nachlesen. Über die Schwellenerlebnisse von Gurus lesen sie an anderer Stelle. ...

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  9. Alles wird gut.
    Außerdem stimme ich damit überein, was zuhörerundleser geschrieben hat.

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Danke für Ihre Mitarbeit im Blog.

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