Blätter, die der Baum im Sommer abwarf

Die berechtigte, aber manchmal maßlose Arroganz der Jugend, der die Welt zu Füßen liegt, zum Greifen nah. Die ihren Stempel aufdrücken will, die Petschaft, und davon ausgeht, dass das Wachs noch weich und formbar ist und bleiben wird. Erst später ist man sich seines Stempels nicht mehr sicher. Vielleicht ist es auch nicht der Selbstzweifel, vielleicht wird das Wachs spröde und entzieht sich dem Druck. Es bleibt am Ende nicht viel davon bestehen, was man als sein einfaches, gutes Recht betrachtete.

Das was wichtig war, der große Wurf, die Aufgabe, die Tagespflicht, die Tageslust, in der du aufgingst, die dich aufnahm, die dich beschäftigte, auch sie wird spröde werden, sich winden und entziehen. Man steht plötzlich mit vielen bunten Fäden in der Hand, die mit nichts mehr verbunden sind, und man weiß, das ist ein Versuch, ein Entwurf, man hat sich bemüht, man war wichtig, man war sich sicher, man konnte wirken, aber auch das ist kein Privileg, das besteht, es ist auch nur eine Momentaufnahme.

Blätter, die der Baum im Sommer abwarf.

Du bist der Gärtner, du bestellst den Garten. In der Nacht liegst du in den Kronen der Bäume und trinkst in den frühen Stunden den Tau ihrer Blätter. Du träumst mit den Faltern der Nacht. Du tanzt flatternd im Mondlicht, umsponnen vom nächtlichen Licht, das dir am Ohr liegt und dir singt von ihr und ihm und ihr, die du doch gekannt hast und die jetzt nicht mehr leben. Es ist ein Privileg des Älterwerdens, sie bei sich wissen zu dürfen.

Blätter, die der Baum im Sommer abwarf.

Du schaust zurück und wunderst dich über die Episoden, die du erinnerst. Natürlich warst du auch das und das, aber sind es nicht auch Geschichten wie von einem Anderen, einem Fremden? Was hat das eigentlich mit dir zu tun, außer dass es etwas wie "deine Geschichte" ist?

Die Steinzeitmenschen haben in den Höhlen, in denen sie überwinterten, ihre farbigen Handabdrücke hinterlassen; rituelle Vorboten des Selbstgefühls. Du hast deine private kleine Welt mit deinen Fingerabdrücken übersät und tust es noch. Hat es dich sicherer gemacht? Spürst du, wie der Wind sich dreht und die kleine Welt mit Sand, Erde, Wasser übergießt? Nein, das ist keine Katastrophe, das ist der Tidenhub, er wird dich nicht verschonen.

Blätter, die der Baum im Sommer abwarf.

Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben, Michael...wenn du genauso schön malen kannst, was du ja vorhattest, na dann bin ich gespannt ;-)

    Und dies hier ist schönste Poesie, sehr bewegend, dazu das Bild deiner Grafik, merci :-)

    "In der Nacht liegst du in den Kronen der Bäume und trinkst in den frühen Stunden den Tau ihrer Blätter. Du träumst mit den Faltern der Nacht. Du tanzt flatternd im Mondlicht, umsponnen vom nächtlichen Licht, das dir am Ohr liegt und dir singt von ihr und ihm und ihr, die du doch gekannt hast und die jetzt nicht mehr leben. Es ist ein Privileg des Älterwerdens, sie bei sich wissen zu dürfen."

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  2. Lieber Michael,

    auch ich danke Dir für diesen Text, der mich sehr berührt hat - nicht nur wegen seines Inhaltes und der poetischen Form, sondern auch deshalb, weil ich gerade heuer den Laubfall zu Johanni sehr deutlich wahrgenommen habe.

    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

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  3. Wir hatten in der Hitzeperiode Anfang Juni Bäume direst am Rhein beim Düsseldorfer Landtag, die halb kahl waren. Die Blätter lagen im strengen Kreis auf dem Boden. Daran erinnerte ich mich.

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  4. Es ist traurig, wenn der Baum im Sommer seine Blätter verliert. Das ist auch unserem jungen Zwetschkenbaum geschehen. Ich geb dem Traurig eine Platz in meinem Haus – das Traurigste daran ist, dass er schon ganz viele kleine blaue Früchte auf seinen Zweigen hatte.
    Er hat sie alle fallen lassen, zusammen mit den Blättern. All die Früchte, die er mit seinen Lebenssäften gebildet hat – sie konnten nicht ausreifen – er hat sie losgelassen. Und sich dann in seine Wurzeln zurückgezogen – wahrscheinlich braucht er jetzt all seine Kräfte dort unten, in der Erde.
    Er lebt weiter,seine Zwetschken können wir dieses Jahr nicht essen, das Loslassen jedoch hat ihm gut getan. Er lebt.
    Ich geb ihm immer mehr Wasser, als den Anderen.

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