Keine Wahl

Es gibt ja nicht wirklich eine Wahl. Man hat das gewollt, seitdem die ersten pubertären Gefühligkeiten abtropften und hat es immer behalten - als ein Wunsch, der im Hintergrund blieb, der nur manchmal, im ersten Grauen des Morgens, aus seinen Verstecken kroch und mich anzog wie einen Magneten.

Man hat nicht wirklich eine Wahl. Es kommen Zeiten, in denen es pausiert, die Kinder wachsen auf, das Auto muss abbezahlt werden, der Beruf ruft mit eigenen Verlockungen. Es gibt Zeiten, in denen man sich völlig im Dickicht verliert, in denen man kämpfen muss. Aber immer, wenn man einen Augenblick stille steht, verspürt man das Pochen des Wunsches im hintersten Grund. Ein oder zwei Mal standest du vor dem Scherbenhaufen, tausend zersprungene Bilder von dir. Manchmal waren da Situationen, in denen du zweifeltest, dass dir irgend eine Zeit bliebe. Der Augenblick, wenn der Atem gefriert, etwas, was sich einätzt in dein Leben. Und ein oder zweimal, in den leisesten Augenblicken, hast du wie Johannes an der Schulter des Schicksals gelehnt und hast hinaus geguckt wie in eine Landschaft und hat gesagt: So sei es. Das ist wenig, aber es ist das, was du hast.

Manchmal klopft es an.

Man hat nicht wirklich eine Wahl. Dieser Begleiter hat es immer gewusst, auch wenn du dich wieder in einen Strudel manövriert hattest. Nachts lag er an deinen Ohren und hat dich in den Schlaf gesungen. Er hat dir in deinen Träumen Grüsse geschickt. Er hat nicht verstanden, dass du vergessen konntest, dass Ihr Euch einander versprochen habt.

Man hat nicht wirklich eine Wahl. Jeder Tag ist eine Herausforderung, und er sollte begangen werden, als wärest du auf dem Weg zu gehen und doch ganz da.

Kommentare

  1. "Man hat nicht wirklich eine Wahl."

    So zwischen dem "t" und dem "w", da gibt es so kleine Schlupflöcher, dahinter begegnet einem dann fragend wartend "Material" für kreatives Tun. Dieser stummen Substanz kannst Du das Sprechen beibringen, sie wartet nur darauf von Dir berührt zu werden. Absolut gefügig, aber wenn man genau hinschaut schlummern da doch Gesetze, Harmonie z.B. oder Ästhetik, die Du zwar übergehen kannst, sie Dich dann aber spüren lassen, das man es nicht tun sollte. Das große Rätsel wirklicher Freiheit tritt als Berater an Deine Seite. Und wenn ich dann zu bemerken beginne, dass ich hier gar nicht allein bin, wenn ich da in die kreative Substanz greife, sondern zu spüren beginne, dass es die Substanz ist, aus der man Welten baut, dann regt sich mein Gewissen und führt mich ein in den Verkehr mit anderen Wesen. "Du bist nicht allein, wenn Du träumst von der Liebe..." Extrem banal jetzt, aber es stimmt --- ;-)

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  2. Der nächste Schritt, das ist deine Wahl, deine Entscheidung, Dich schöpferisch mehr in Deiner tieferen Authentizität zu manifestieren.
    Manchmal ein schmerzhafter Prozess! Offen einzugestehen dass das (innere, wie äussere) Du, die inneren und äusseren Stimmen in ihrer aberwitzigen Anmache, in ihrem nach gerade bekannten Trommelfeuer von scheinbaren Zuweisungen und Unterstellungen recht haben.
    Der Drang sich in alt bekannte Träume erneut hinein zu dopen liegt auf der Hand.
    Schöpferische Selbstermächtigung ist keine Wahl sondern fusst auf einer Ent - Scheidung. Und diese Entscheidung kann nicht aus einem Sollen hervorgehen, sondern wächst in "Haltbarkeit" hinein aus mutiger Selbst-Annahme.
    Der "Liebe" gehen mitunter raue Winde voraus!
    Die klammheimliche Flucht in unterschwellige Resignation hat dauerhaft keine Chance. Die rauen Winde fegen alles bei Seite, was nicht ausschliesslich in sich allein Standfestigkeit begründen will.

    Bernhard Albrecht

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  3. Lieber Michael,

    danke für diesen Text.

    Ja.

    Weil mein "höheres Ich" sich längst entschieden hat, hat mein "kleineres Ich" keine andere Wahl als --- ich selbst zu werden.

    Gute Nacht!

    Ingrid

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  4. Sehr schöner tröstlich-ermutigender Text. Danke, lieber Micha!

    Ingrid S.

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