"Lebendig kommunizierter anthroposophischer Geist"

Ich erlaube mir mal, einen Kommentar von Bernhard Albrecht hier im Blog heraus zu picken und die Fragestellung damit aufzugreifen: "Ist es nicht wichtiger, dass Anthroposophie durch Menschen in immer umfänglicherer und vielfältigerer Weise in Erscheinung treten kann, die sich ein in die Tiefe gehendes Freiheitsbewusstsein erringen? War diese Selbständigkeit anzustossen nicht das eigentliche Ziel von Rudolf Steiner?
Wenn also, rein statistisch betrachtet, das Interesse an Rudolf Steiner und der Anthroposophie erlahmt, ist das nicht vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl, in puncto eigene Bewusstheit und Mut zur Selbständigkeit einen Gang hoch zu schalten? Vielleicht deutet dieser statistische Abfall von Interesse in seinem Gegenbild mehr darauf hin, dass es in den Begegnungen einer Aussenwelt mit Menschen, die sich dem Geiste der Anthroposophie innerlich verpflichtet sehen, es zu zu wenigen Aha- Erlebnissen kommt, die ein Ausdruck von lebendig kommuniziertem anthroposophischen Geiste wären."

Eigentlich ist eine Reihe von Fragen damit verbunden. Die erste ist die nach der individuell durch- gearbeiteten Anthroposophie, die "Selbständigkeit", die Bernhard anspricht. Damit schliesst er die Rechthaber aus, die ein Weltbild aus anthroposophischen Textfragmenten zimmern. Das Ideologisch- Werden ist natürlich ein häufig aus der Biografie und dem Lebensumständen gut verständliches Motiv; man sucht nach gültigen Antworten und schottet sich ideologisch ab. So etwas gibt Schutz, man sucht und findet Gleichgesinnte und verfällt auch schnell in eine gewisse sektiererische Isolation, ohne dies zu bemerken. Es gibt in "diesen Zusammenhängen" ständig neue Gruppierungen dieser Art, die häufig zu internen, aber öffentlich ausgetragenen Dauerauseinandersetzungen führen. So etwas ist fruchtlos, anmassend und schädlich. Schon Steiner hat zu seinen Lebzeiten heftig dagegen polemisiert- ohne Erfolg.

Denjenigen, die tatsächlich eigene Eindrücke und Ausdrucksweisen in der Auseinandersetzung mit Anthroposophie gewinnen- nehmen wir als Beispiele mal Kühlewind und Beuys- spricht man die anthroposophische Fundierung häufig ab, weil man sie nicht versteht. Andere behaupten, sie führten Anthroposophie weiter und hätten wesentliche geistige Erkenntnisse aus eigener Kraft gewonnen, führen sich aber dabei nicht anders auf als die Ideologen und Pharisäer alter Schule. Oder es wird doch spürbar, dass sie noch andere Quellen in ihrem persönlichen Hintergrund haben. Es ist häufig nicht leicht zu erkennen, ob die selbständige Positionierung tatsächlich "in diesem Geist" geschieht oder ob eben ganz anderer Wein in anthroposophische Schläuche gekippt wird. Gelingt es, durch die individuelle Bearbeitung hindurch zu einem geistigen Erleben hindurch zu stossen, das zwar auf eigenen Beinen steht, aber sich nicht in neue Schemata, Ideologien, Positionierungen verrennt- womöglich mit atavistischen Methoden und nicht genannten Absichten? Das Misstrauen ist groß.

Ein weiterer Punkt ist die Wirkung nach "außen". Natürlich gibt es eine Reihe von Persönlichkeiten, die aus innerer anthroposophischer Verpflichtung und Zuneigung heraus wirken. Aber sie wirken eben als Persönlichkeiten, nicht als Anthroposophen. Das Label "Anthroposophie" steht ihnen meist nicht auf die Stirn geschrieben. Sie arbeiten in der Situation und in der Aufgabenstellung, in der sie sich eben befinden. Sie werden nicht als lebendiger Werbeträger auftreten. Falls jemand fragen sollte, werden sie ihre persönliche Quelle nennen, aber niemanden ungefragt damit behelligen. Kaum jemand läuft heute noch im typischen Anthro- Outfit herum und wedelt mit rosa Seidentüchern. Man arbeitet an dem Punkt, an dem man steht. Aber selbst in eng zusammen wirkenden Teams sind die individuellen Quellen des Einzelnen heute selten Gesprächsthema. So persönlich wird das selten. In den Institutionen, die aus der Anthroposophie hervor gegangen sind und in denen man anthroposophischen Background durchaus erwarten darf, wird dieser heute meist sorgsam zurück gehalten, um nicht in den Verdacht der Beeinflussung und "Missionierung" zu geraten. Häufig wird sogar beklagt, dass dieser Background gar nicht mehr vorhanden ist; die Tochter- Institutionen haben sich weitgehend von der anthroposophischen Mutter emanzipiert oder sogar innerlich abgekoppelt. Daher verlangen Waldorfschulen natürlich auch dieselbe Miete bei Sitzungen und Veranstaltungen der Anthroposophischen Gesellschaft wie von einem Yoga- Kurs im Eurythmiesaal.

Den allmählichen Verfall der öffentlich vorgelebten Anthroposophie beklagen Viele. Aber die zündenden Stars, die große Vortragssäle füllten und große Vorhaben wie die Universität Herdecke anstiessen, findet man auch nicht mehr. Früher - noch in den 80ern des letzten Jahrhunderts- gab es herausragende Persönlichkeiten, die sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch in der Öffentlichkeit standen- respektiert von allen Seiten. Diese Zeiten sind offensichtlich vorbei. Ich bin nicht sicher, ob man das beklagen muss. Bei bestimmten einst dominanten Persönlichkeiten - nehmen wir mal Benesch - hat sich nach deren Tod doch heraus gestellt, dass es eine verschwiegene zweite Seite bei ihnen gab. Ich möchte damit nur ausdrücken, dass die Zeiten von Vorbildern und Autoritäten vorbei sind.

Kommentare

  1. Schöner Artikel, Michael. Wobei ich allerdings eher der Ansicht bin, dass ein "statistisches Interesse" an der Anthroposophie und an Steiner, das "googeln" nach diesen oder ähnlichen Stichworten auch nicht unbedingt so viel aussagen muss - viele Menschen werden vielleicht eher still für sich oder in Gruppen arbeiten und haben grundsätzlich weniger Interesse, jede aufkommende Frage gleich durchzugoogeln oder regelmäßig Anthroblogs zu besuchen.lg

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  2. Selbstverständlich leben heute unter uns Menschen, welche die recht eigenwillige Formensprache im Antlitz des Menschheitsrepräsentanten R.Steiners mittel "heilgiger Geometrie" herzuleiten verstehen, und die okkulte Geometrie des Ersten Goetheanums.

    Wenn man solcherart begabte Menschen, die imaginativ, geisteswissenschaftlich arbeiten als Eingeweihte betiteln möchte, so sei`s drum, jene würden es wohl ablehnen.

    Hundert Jahre Vortragsarbeit in Zweigen als der Versuch

    " aus Ergebnissen von Forschung..., auf die sie hervorbringende Methode.... schließen zu wollen,

    kann nur in einem okkulten Fiasko enden.

    Und darin befindet sich die Gesellschaft nun wohl.

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  3. Komme gerade aus Weimar. Dort gab es eine öffentliche Tagung der AGiD "Empfindung-Mensch-Wirkung-Anthroposophie".Ca. 1000 Teilnehmer, sehr gute und offene Stimmung, war positiv überrascht, nachdem ich mindestens 15 Jahre jegliche Tagung gemieden hatte. Vielleicht bei Gelegenheit mehr!
    Hans-Joachim Ebel

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  4. http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Anthroposophie-in-Weimar-Streben-nach-Erkenntnis-604310373

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  5. "Ich möchte damit nur ausdrücken, dass die Zeiten von Vorbildern und Autoritäten vorbei sind."

    Das ist doch der entscheidende Satz in Verbindung zu dem folgenden, geschichtlich vorangehenden.

    "Den allmählichen Verfall der öffentlich vorgelebten Anthroposophie beklagen Viele."

    Und deswegen müssen wir uns "umdrehen" lernen, weil die "Anthroposophie" uns bereits ereicht hat, eingesickert ist in uns und uns bereits (an)verwandelt hat, ganz individuell. Zu Zeiten als man noch auf die Vor-Bilder schaute, ja was ist/war das für ein Vorgang? Und diesen mal von den Vorbildern aus angeschaut, fragen die sich nicht, ja, habt ihr nichts gelernt? Was meint ihr eigentllich, warum wir Vorbilder waren, wofür und warum? Wir Vorbilder sprechen aus uns heraus etwas in euch an, wollt ihr es erkennen, dann müsst ihr euch umdrehen, um zu erkennen, mit wem ich gesprochen habe und es beleben lernen. Versucht es zu beschreiben, es auszudrücken, gewinnt Zutrauen zu euch selbst, werdet sobjektiv, erkennt dies als werdende, sprudelnde Quelle. Im Urbeginne war das Wort, sprecht das Eure aus, was könnte Selbst-Verwirklichung anderes sein als das?

    Und Sympathie und Antipathie sind die beiden Türsteher, an denen man vorbei muss, sie haben noch eine grosse Macht, drum merke auf, auch das sind Autoritäten, durchschaut es und geht einfach an ihnen vorbei, um zu erkennen, ob Fremdbestimmung frei macht oder nicht.

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  6. Hartwig Schiller im oben genannten Zeitungsinterview: "Doch wie alle menschlichen Bemühungen erlebt auch die Anthroposophie, dass der Mensch bequem wird und gern das in starren Denkformen und Begriffen fixiert, was er meint verstanden zu haben. Dann bekommt Anthroposophie etwas Dogmatisches. Nach einer 109-jährigen Geschichte, die 1902 mit Steiners Tätigwerden begonnen hat, sind viele solcher Verstarrungsprozesse zu verzeichnen. Darum bemühen wir uns, wieder stärker auf den Entwicklungskern zu schauen."

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  7. Lieber Manfred,

    danke für Dein Kommentar. Das spricht mich sofort stark an.
    Und das mit dem inneren Umdrehen,
    „…dann müsst ihr euch umdrehen, um zu erkennen, mit wem ich gesprochen habe und es beleben lernen.“
    das ist sooooo wichtig.
    Ich habe es zum ersten mahl in einem Deiner Kommentare (vor längere Zeit) gelesen und seit dem übe ich das immer wieder. Und damit ich das gar nicht vergesse habe ich ein Bild von mir gestaltet, so das ich mich selbst anschaue (profil) und an die Wand gehängt…:):):)
    Danke dass Du das öfter erwähnst.

    Herzliche Grüße

    Belinda

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  8. Liebe Belinda ich danke Dir ebenfalls, es ist schön, wenn im Austausch der Geist fliesst.

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