Ozeanografisch


Nein, mit ihr war kein Staat zu machen, und sie versuchte es auch gar nicht erst. Die üblichen Verschleierungsstrategien ausgeprägter Legastheniker hatte sie nicht drauf- kein Lippenlesen, kein Auswendiglernen von Texten, keine Bestechungsversuche von Mitschülern und Freundinnen. Alle Versuche, beflissener und engagierter Lehrerinnen hatten nichts gefruchtet. Nun, Ende der zweiten Klasse, hieß es, Farbe zu bekennen. Sie hatte sich nicht einmal Wortbilder eingeprägt (das kann nun wirklich jeder), sie sagte einfach, wie es war: Ich kann nicht lesen.

In der Tat, sie kannte nicht einmal die Buchstaben. Der Zusammenhang von Phonem und Graphem war ihr nie aufgegangen. Wir hatten ein Jahr Zeit, mehrmals in der Woche, und am Ende hatte sie immer wieder Ahs und Ohs erlebt- kleine und große Erkenntnisse. Einzelne Worte las sie nun mühsam, fast schmerzvoll. Sie war dick, heiter, gefasst, sie lernte schwer, aber gern, und sie erzählte: Dass Vater immer, wenn er von der Arbeit kam, zwei Flaschen Bier auf Ex in der heissen Badewanne trank, damit es besser brummte. Dass sie keine Freunde hatte und nachmittags alleine durch verlassene Grundstücke streunte. Dass sie jede Nacht träumte, ein Wal unter Walen zu sein und in ihren Träumen mit ihnen durch die Tiefsee glitt- durch alle Meere hindurch. Nie habe ich plastischere Träume gehört. Sie träumte, wie sie unter dem Eis der Pole schwamm. Sie träumte ozeanografisch.

Ich habe das Lesenlernen natürlich ganz in die Welt des Meeres getaucht- es wimmelte nur so von Seesternen und Fischen aller Art. Aber ich dachte auch, dass sie in dem Maß, wie sie lesen lernen würde, ihre Träume würde verlieren müssen.

Kommentare

  1. Danke fuer den Text, eine wahre Freude - wie oft.

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  2. Was KANN sich das Mädchen denn sonst einprägen? Und hat sie sich schon mal selbst geäussert, wie sie gerne lernen würde?

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  3. Ich würde doch schon aus Datenschutzgründen keine tagesaktuellen Fälle hier ausbreiten. Die Geschichte ist lange her und entsprechend verändert.

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  4. Ja...OK...hat sie sich denn weiterentwickelt? Oder, sich mit ihrem Handycap so angepasst, dass es nicht weiter auffällt?

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  5. Denn Freunde sind ja ohnehin nur diejenigen, die sie so wollen, wie sie ist. Ebenso auch die Männer.

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  6. Nein, sie hat es damals nicht geschafft und musste später auf die Förderschule, obwohl es eindeutig eine Teilleistungsstörung war. Heute wäre das wahrscheinlich anders.

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  7. Dass man die Leute, schon von klein auf, aber auch nicht so sein lassen kann, wie sie wirklich und authentisch sind... Nicht das Kind, sondern die Gesellschaft hat da eine Teilleistungsstörung.

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  8. "Nicht das Kind, sondern die Gesellschaft hat da eine Teilleistungsstörung."

    Die Träume mit den Walen... ...es erinnerte an einen Hinweis eines "wissenden" Zigeuners, der kundtat, durch das "Lesen", den toten Buchstaben, ging vielen Zigeunern der Zugang zum geistigen Erleben verloren. Inwieweit kulturell die "schwarze Magie" (Buchstaben-Teufelchen :-) ) sein mußte, ergibt sich aus dem Studium der Geisteswissenschaft Steiners. Denke schon, Michael hat liebevoll sich der Situation angenommen. - Tatsächlich ergibt sich nicht nur ein "Datenschutzproblem", sondern "wir" "dürfen" an einer seelisch-geistig-intimen Situation eines Menschen teilnehmen. Gehe davon aus, die Individualität ist einverstanden, auch wenn sie nicht gefragt wurde, nach dem Motto meines "Paten" Dr. Manfred Krüger (Mitgliedschaft AAG): "wir sitzen alle in einem Boot". Er sagte dies ca 1975 ganz unvermittelt zu mir. Wäre zu fragen, wie viele sind ausgestiegen, inzwischen, wer kann noch rudern?! - wer sieht das Ufer, das Ziel, gibt es eines?! Denke ja, alleine wie wir uns hier kennen lernen - mit Schmerzen, mancher Freude. Das Gedicht von Bernhard Albrecht hilft...

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  9. Lieber Ernst Seler,
    ich bin auch der Ansicht, dass Michael Eggert getan hat, was wohl möglich war. Das sieht man an vielem, der Reaktion der netten Mitleser hier z.B.
    Heute im Verlauf des Vormittags kam mir zu Bewusstsein, wie wenige Menschen doch um ihrer Selbst Willen geliebt werden. Man glaubt es, aber es ist nicht so. Menschen werden geliebt oder auch nicht aufgrund ihrgendwelcher äusseren, wenn auch ehrenhaften Eigenschaften, oder aufgrund ihrer Möglichkeiten. Oder aufgrund des Vorturnens irgendwelcher Sprachübungen... Ist das der Mensch selber? Wenn du jetzt ja sagst, was ist dann mit dem Kern? Wer aber erst dahinter echte Gemeinschaft sein lässt - und dazu gehört nunmal die volle Existenz, von der eben auch die gesunde Entwicklung unseres Mädchens abhängt - Nimmt notwendigerweise in Kauf, dass manche den Anschluss verpassen. Dafür wurden Hindernisse ja aufgestellt, damit nur manche sie bestehen...
    Das als Erklärung für gestern.
    Ich glaube, Bernhard Albrecht weiss was. Zumindest wird jedem klar sein dass es keine Lösung sein kann, jedes Jahr nach Ablauf eines Ultimatum, Klasse, Lehrer oder das ganze Boot zu wechseln. Vielmehr ist Stabilisierung der Lage wichtig: das Gegenteil also.
    Datenschutz scheint mir wichtig. Worauf bezieht er sich? Auf die Methode selbst? Auf den Lehrinhalt? Oder Persönliches, die jeweiligen Menschen betreffend? Das würde mich auch interessieren, was Rudolf Steiner dazu meinte, ob auch das etwas festgebackenes ist, oder eher wandelbar.
    Die Freimaurer sind Geheimniskrämer, die lassen sich nicht über die Schulter gucken. Heisst das, dass wir genau anders arbeiten müssen?
    Vielleicht gibt es aber auch berechtigt Schützenswertes, den Einweihungsweg betreffend. Das weiss nur, wer schon ein gewissen Stück weit gekommen ist...

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