Eine Anregung

Man kann diese Diagramme mit Distanz und Befremden registrieren, zumal sie auch die augenblickliche Krise der Anthroposophie reflektieren: Man akzeptiert Anthroposophie, nimmt sie wohl wahr, aber stellt an sie keine Fragen. Das mag der Preis einer gewissen gesellschaftlichen Akzeptanz sein, auch wenn schrille Zwischenstimmen immer wieder das Gegenteil behaupten.

Die Anregung besteht darin, diese Charts gedanklich- meditativ zu verfolgen und darin z.B. die Geschichte der anthroposophischen Bewegung mit zu denken:

Das sanfte, aber stete Anwachsen an öffentlichem Interesse in Steiners letzten Lebensjahren und danach, insgesamt einsetzend überhaupt mit dem Anfang des 1. Weltkrieges. Der Absturz 1935 läßt sich mit der sich zuspitzenden politischen Eskalation erklären, aber auch mit schwersten internen Auseinandersetzungen. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges schnellt das Interesse an Anthroposophie nach oben- sicherlich auch, weil sich Menschen an ihr wärmten, weil sie Trost in ihr fanden. Viele Menschen aus dieser Zeit haben ein tiefes inneres Beziehungsfeld zur Anthroposophie aufgebaut, was man später auch im Gespräch spürte.

Mit dem Einsetzen des Wirtschaftswunders hatte Anthroposophie offenbar weniger zu sagen. Man war beschäftigt mit dem Aufbau einer Wirtschaftsmacht und sicherlich oft getrieben von den Traumata einer kriegerischen Kindheit und Jugend. Ich habe als Kind bei Wirtschaftsmenschen dieser Zeit doch manchmal - Anfang der 60er- einen Steiner- Band im Bücherregal gesehen, mal war es auch die "Chymische Hochzeit". Das gehörte schon zur Bildung der Zeit dazu. Man war kein Steinerianer, aber ein wenig kennen wollte man ihn doch.

Und dann, in den späten 60ern, als die Beats kamen, die Flowers und die (auch mal chemischen) Powers, als Zen im Westen ein und aus ging und Hare- Krishna sich im Vondelpark in Amsterdam in Ekstase tanzte und sang, war auch Anthroposophie wieder ganz da, mehr denn je, 30mal mehr als zu Steiners Lebzeiten. Das ging aber nur ein paar Sommer lang. In dieser Zeit fragten die Leute nach neuen Geschlechts- und Gesellschaftsrollen, aber auch nach sich selbst. Daher war es eine gute Zeit für Fragen, auch für solche an Anthroposophie.

Und dann kamen die unsäglichen 70er. Schlaghosen, aber dafür Flachbauten und Schachteln über Schachteln. Gern in Beton wie das Goetheanum, aber möglichst ohne Bewegung drin.
Was soll man in einer solchen Zeit erwarten. Hier wurden Zahnärzte reich, und Fertigmenüfabrikanten.

Erst Ende der 80er ein kleiner Aufschwung in Sicht, aber der verpufft. Warum? Ich bin damals in hochinteressanten freien anthroposophischen Arbeitsgruppen beteiligt gewesen, in denen sichAnthroposophen, Künstler, Studenten und angehende Politiker befanden. Was da politisch gärte, ging auch stark von Beuys aus und verstand sich als eine Anthroposophie-in-der-Tat. So sind Viele dieser Richtung später zu den Grünen geworden. Die Verbindung zu mancher anthroposophischer Seite riss dann aber schnell ab, weil die AAG damals mindestens so träge war wie heute. Man nahm noch nicht einmal die Kinder von Beuys in die Waldorfschule auf und distanzierte sich intern wie in jedem anderen bürgerlich- verblasenen CDU-Ortsverein. Vielleicht ist wegen dieses Bruchs die eigentlich fällige thematische Welle in dieser Zeit nicht aufgekommen- und in den Jahren danach auch nicht.

Man kann das nur konstatieren, oder auch fragen, wie eine Anthroposophische Gesellschaft denn aussehen müsste, damit sie die Fragen ihrer Zeit aufzugreifen in der Lage wäre. Denn daran mangelt es offenbar.

<Das als eine Forschungsaufgabe>

Kommentare

  1. Guten Tag,

    fangen wir mal beim Vorstand der AAG an:

    - S.Prokofieff seit 2001 im Vorstand
    - B. v. Plato seit 2001 "
    - P.Mackay seit 1996
    - V.Sease seit 1984 (haben die sich verschrieben)
    - S.Zimmermann ?

    "Man" bemerkt eine zunehmende Wesenveränderung der langjährigen Mitglieder (auch der Sektionschefs wie Michaela Glöckler), weil "Scheuklappenmeinungen" rausgelassen werden und das Schlimme dabei; sie bemerken es nicht...

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  2. lieber Michael,
    diese Interpretation der Daten ist sehr interessant und gelungen, danke!
    Liesel

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  3. Danke, Liesel, ist natürlich eine Interpretation aus meiner Biografie heraus.

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  4. Lieber Michael, ich will noch meinerseits eine Anregung daneben stellen. Es ist ein Text, den ich vor etwa 1 1/2 Jahren schrieb. Es ist eine Anregung in der Art, dass in ihr, für den „Gesichtspunkt Zeitfragen“, sich ein Umgang eröffnet, der mir insoweit dazugehörig erscheint, da er die Deiner Anregung zugehörige wie notwendige Polarität dafür aufzeigt, wie das Leben selbst, als ein stetig durch Polaritäten sich steigerndes, in Kraft tritt. Denn, wer Anderes bewirkt, ohne dabei zugleich sich Selbst zu bewirken, der zerwirkt das Andere und zugleich sich Selbst als das Andere.

    Ein Bekenntnis im Umriss - Skizze auf Packpapier

    Die derzeitige Gesellschaftsverfassung der BRD, in der wir zu leben haben, sie enthebt mehr und mehr die Menschen ihrer Besonderheit, und es besteht nach wie vor die Aufgabe der Herausbildung einer „Neuen Gesellschaft“ innerhalb der Bestehenden. So einer „Neuen Gesellschaft“ in der Gesellschaft, die sich Selbst bewirkt, dadurch auf die Bestehende „zunächst“ ohne Einwirkung sich zeigt und sie damit anerkennt. Ihr „sich Selbst bewirken“ birgt die im Besonderen des Lebens auftauchenden Zeitfragen „unter einem Hut“, und durch ihre Anerkennung ist die bestehende Gesellschaft dazu herausgefordert, aus sich heraus ihren Zusammenhang mit so einer „Neuen Gesellschaft“ in der Gesellschaft, zu erfragen. Die Menschen, sie werden ihre bestehende Gesellschaft zunehmend erleiden. Im Erleiden wie Ertragen wird ihnen die Kraft erwachsen, die dann auch die Aufgaben tragen kann, die durch die kommende, „Neue Gesellschaft“ in der Gesellschaft auftauchen werden.

    Man wird so eine neue „Gesellschaft in der Gesellschaft“ anfänglich bloß betrachten können. Aber im Betrachten wird ein Empfinden aufleuchten. Ein Empfinden, das in Folge, mehr und mehr, lang gewohnte Empfindungen außen vor lässt und man wird in der bestehenden Gesellschaft aufeinander in so einer Art und Weise einzuwirken trachten, dass man aneinander wird lernen können, wie so eine „Neue Gesellschaft“ betrachtet werden will.
    Und, man wird zu der Betrachtung eines weiteren, vertieften, Vorganges gelangen. Eines Vorganges, der sich jedoch nun allein „innerhalb“ eines Betrachters selbst abspielt. (Weiterführung im nächsten Kommentar)

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  5. Man wird empfinden, dass Empfindungen, die, im Betrachten der „Gesellschaft in der Gesellschaft“ aufleben, tiefer berühren. So tief, bis vorläufig kein Zusammenhang mehr sich zeigt zu den gewohnten Empfindungen eines Betrachters in dessen gewöhnlichen Lebensgewohnheiten. Dennoch, man hat die neuen Empfindungen selbst erlebt. Das neu Empfundene wird dadurch zu so einem Selbstempfinden, das sich zunächst, wie ohne Zusammenhang, zu lang gewohnten Selbstempfindungen des Betrachters, darlebt.

    Die „gewohnten“ Empfindungen, die beginnen dann anders aufeinander einzuwirken. Aus dem, dass es anders geschieht, entspringt ein gegenseitiges in Frage stellen gewohnter Empfindungen im Empfindungsleben. Dadurch werden in Folge die Vorstellungen, die gewohnten Empfindungen ihren bisherigen Zusammenhang verliehen, aufgehoben.
    Indem die Vorstellungen aufgehoben werden, taucht die Infragestellung des Denkens auf, das der Bildner solcher Vorstellungen war. Man beginnt zu erahnen, dass es eines anderen Denkens bedarf. Eines Denkens, das anders andere Vorstellungen bildet. Vorstellungen, anhand derer, in Aufrechterhaltung jeglicher Besonderheit, Zusammenhang sich bildet und erhebt.

    Anderes Denken führt in die Umwandlung gewohnter Empfindungen in unbe-"wohnte" Empfindungen, die als solche Zusammenhang zu denjenigen Empfindungen aufzuzeigen beginnen, die in Betrachtung der „Neuen Gesellschaft“ in der Gesellschaft bereits auflebten.
    Man steht der „Neuen“ zwar immer noch als ein Betrachter gegenüber, aber man erfährt betrachtend ein Selbstempfinden durch dasjenige, das einem zuvor gänzlich fremd, wie ein, das gewöhnliche Selbstempfinden schier nicht Berührendes, entgegen stand. Als ein Selbstempfinden nun so, als käme man, sich Selbst findend in der „Neuen Gesellschaft“, wie von "Außen" auf sich zu. Dadurch entfacht sich das dem „anderen Denken“ dazugehörige soziale Vertrauen.

    Es beginnt der Entschluss zu reifen, in der „Neuen Gesellschaft“ mittätig leben zu wollen. Darauf hin sucht man zunehmend diejenigen Menschen auf, die bereits in der „Neuen Gesellschaft“ leben. Das führt zu Begegnungen, in denen man sich, nahezu als ein bereits Anderer, nun anders vor Herausforderungen gestellt erlebt. Vor diejenigen Herausforderungen nun, die, indem man ihnen nachgeht, dann auch solche Früchte tragen, die man hineintragen kann in die „Neue Gesellschaft“, ohne das sie dadurch Schaden ertragen muss.

    Mit jeglichem Eintritt erneuert sich die „Neue Gesellschaft“ in der Art und Weise, dass für mehr und mehr Menschen, die auf sie aufmerksam werden, der stets sich weitende Zusammenhang der „Neuen Gesellschaft“ in der Gesellschaft, mit dem Ganzen des Lebens, Erlebnis werden kann.

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  6. Sollten wir als separaten Artikel bei den Egoisten bringen, denke ich. Hast Du noch ein Bild das passt? Arbeitstitel: Denken im Zusammenhang?

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  7. Mein Lebenssinn würde aufsuchen wollen eine "Neue Gesellschaft", die sich vom Benennenden (Denken) einem Einatmenden sich widmen wollen würde, damit der Sinn und das Wesen der intellektuellen Distanz erfüllt würde, um dessentwillen sie erübt werden musste (Erkenntnis (wozu und warum(?))). Der erste Schritt ins "denn sie beginnen zu er(kennen)leben , was sie tun".

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  8. @ Manroe
    Gibt es hier jemanden, der Deinen letzten Kommentar (so ungefähr wenigstens) verstanden hat...??

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  9. @Uschi Steiner

    Wenn Du wirklich magst, kann ich es Dir gern erklären. Es ist eigentlich ganz simpel. -- Und, hast Du Burghard verstanden?

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