Christusbegegnung

In einem verstreuten Dialog mit Junko Althaus, der teilweise in Artikeln, Links oder Kommentaren stattfand, geht diese wiederum auf mich ein, bezieht aber auch kritisch- distanziert ein Zitat von Judith von Halle mit ein und schreibt:

"Der Christus kommt an uns heran, an scheinbar ganz getrennte einzelne Iche heran als unser eigentliches Ich, als unser Menschheits-Ich. Weil er das Menschheits-Ich ist, deshalb kann er uns ein unbeschreibliches Geborgenheitsgefühl geben. Und in seiner wahren Ich- und Seelen-Qualität können wir tief aufatmen. Ihm zu begegnen heisst, die Liebe von ihm zu empfangen, um mit allen anderen Wesen mitzufühlen, sich in die anderen Wesen hineinzudenken. Die Liebe, die man von ihm empfangen kann, ist niemals für den Betreffenden allein. Er kommt niemals heran, um die egoistische Entwicklung allein für sich zu bewirken. Geistiger Egoismus der religiösen Eliten - so wie Steiner in seinem 5. Evangelium anhand des Esser-Ordens beschriebt, wird von dem Christus niemals unterstützt. Die Entwicklung des individuellen Ich ist immer nur zugleich für die Entwicklung der Menschheit. Darin liegt das Geheimnis des menschlichen Ich.


Wenn ich die persönlichen Geschichten von den anderen Menschen höre, sie bewegen mich zutiefst, auch wenn sie mich nicht unmittelbar betreffen, weil es etwas ist, dass ein Mensch erlebte und durchmachte."

Letzte Bemerkung bezieht sich auf Judith von Halle, die behauptet, die Erlebnisse in Bezug auf Christuserfahrungen seien derartig individuell, dass die Darstellung keinen Sinn für Andere habe bzw "bedeutungslos" sei. In meinem Leben war seit Studententagen eine Textstelle von Simone Weil essentiell (diese jüdische Mystikerin, die, migränekrank und am Fließband arbeitend, heftig mit dem Katholizismus flirtete), eine Art innerer Richtschnur. Wenn man eine innere Affinität zu derlei hat, berührt einen eine Textstelle wie von Simone Weil im inneren Kern:


Er trat in mein Zimmer und sprach: (...) Es war nicht mehr Winter. Es war noch nicht Frühling. Die Zweige der Bäume waren nackt, ohne Knospen, in einer kalten, sonnigen Luft. 
Das Licht stieg auf, strahlte, wurde schwächer, dann kamen Mond und Sterne zum Fenster herein. Und wieder stieg das Morgenrot auf. 
Manchmal schwieg er, nahm aus einem Wandschrank ein Brot, und wir teilten es miteinander. Dieses Brot hatte wahrhaftig den Geschmack des Brotes. Ich habe diesen Geschmack nie wiedergefunden. 


Er schenkte mir und sich Wein ein, der den Geschmack der Sonne und der Erde hatte, auf der diese Stadt erbaut war. 
Manchmal streckten wir uns auf dem Fußboden der Dachkammer aus, und die Süße des Schlummers sank auf mich herab. Dann erwachte ich, und ich trank das Licht der Sonne. 
Er hatte mir versprochen, mich zu belehren, aber er lehrte mich nichts. Wir sprachen von allem und jedem, was uns gerade einfiel, wie alte Freunde tun. 
Eines Tages sagte er zu mir:"Jetzt geh". Ich fiel auf die Knie, ich schlang meine Arme um seine Beine, ich flehte ihn an, mich nicht zu verjagen. Aber er stieß mich auf die Treppe hinaus. Ich stieg die Treppen hinunter, ohne zu wissen, wie mir geschah, das Herz wie in Stücken. Ich ging in den Straßen. 


Dann bemerkte ich, daß ich gar nicht wußte, wo dieses Haus lag. Ich habe niemals versucht, es wiederzufinden. Ich begriff, daß er mich aus Versehen aufgesucht hatte. Meine Stelle ist nicht in jener Dachkammer. Sie ist irgendwo, in dem Kerker eines Gefängnisses, in einem jener bürgerlichen Salons voller Nippes und rotem Plüsch, in dem Wartesaal eines Bahnhofs. 
Irgendwo, aber nicht in jener Dachkammer.Manchmal kann ich nicht anders: ängstlich und mit schlechtem Gewissen wiederhole ich mir ein wenig von dem, was er zu mir gesagt hat. Wie soll ich wissen, ob ich mich dessen genau erinnere ? Er ist nicht da, es mir zu sagen. 


Ich weiß wohl, daß er mich nicht liebt. Wie könnte er mich lieben? Und doch, ganz innen ist etwas, ein Punkt meiner selbst, der es nicht lassen kann, mit Furcht und Zittern zu denken, daß er mich vielleicht, trotz allem, liebt." 

Weitere Textstellen, Verweise und Überlegungen zu diesem Thema finden sich bei den alten Egoisten.

Kommentare

  1. Lieber Herr Eggert,

    Meinten Sie vielleicht, dass ich den Artikel geschrieben habe, um ihren Text des Kommentars oder Ihre Einstellung gegenüber einer Christuserfahrung in Frage zu stellen? Nein. Es war das Gegenteil gemeint.

    Viellicht die Art, wie ich vorgehe, ist Ihnen fremd.
    Ich habe aus einer Frage, die Sie dort stellten, einen neunen Artikel gemacht, weil Ihre Frage mich zu den weiteren Inhalten inspirierte. Ich mag meistens nicht, kurz auf einen Kommentar in der ähnlichen Weise zu antworten.

    Wenn ich aber denke, da kommt eine interessante Frage auf mich zu, die eine neue Idee inspiriert, dann reagiere ich und bilde weitere Gedanken, die durch die Frage angeregt werden, schreibe eventuell einen neuen Artikel. Der Inhalt "Moderne Christuserfahrung"Teil 1 wurde unmittelbar durch Ihre Frage angeregt, aber nicht dazu geschrieben, um Ihre innere Einstellung gegenüber der Christuserfahrung in Frage zu stellen. Im Gegenteil.

    Mir war schon deutlich, wie Ihre Grundhaltung gegenüber dem Thema ist, das habe ich auch durch ihre sonstigen Artikel gewusst. Ihre Frage war mein Ausgangspunkt, aber der Inhalt im Artikel entwickelte sich eigentlich immer unabhängiger von dem, was Ihr Text war. Das passiert oft bei mir.

    Herzliche Grüsse
    Junko Althaus

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  2. lieber Michael,
    Dein Zitat Simone Weils war mir noch in Erinnerung; danke für den Hinweis auf Junko Althaus schönes blog.
    Liesel

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  3. Ja, ich nutze jede sich bietende Gelegenheit, auf Weil aufmerksam zu machen. Man sieht im erwähnten Zitat auch die ganze Person. Wenn man sich mit ihr beschäftigt, hat man sie in dem Zitat faktisch vor Augen. Daran ändert auch nichts, dass man ihr Leiden- Mitleiden nicht schätzen könnte. Sie war halt ein Mensch der Schmerzen (buchstäblich), die das dann zur Lebensmaxime machte, stark, selbstzweifelnd, unglaublich konsequent und sicher anstrengend. Zu Frau Althaus: Es gibt ja hoffentlich immer Kommunikation in einem Blog, auf verschiedenen Ebenen. Dazu gehören nicht nur die Kommentare, sondern auch Querverweise, Auseinandersetzungen und Kooperationen. Dadurch wird das Blog vielleicht "unscharf", aber dafür bunt.

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