Der mittlere Zustand

Gerade bei der Suche nach etwas ganz Anderem entdeckt, oben rechts im Regal des Gästezimmers, Rudolf Steiners "Die Geheimnisse der Schwelle". Das steht ein wenig abseits, weil es hauptsächlich Steiners Mysteriendramen zum Thema hat, die, wie ich gestehen muss, für mich noch nie von Interesse waren. Ich weiss nicht, ob das allen so geht, die eher mit Woodstock sozialisiert worden sind und eine bleierne Leere empfanden, wenn sie als Jugendliche in eine Wagner- Oper geschleift wurden. Aber blättern wir mal durch (S. 98 ff):

"In dem einsamen Denken liegt wiederum die luziferische Verlockung; in dem bloßen Hinhorchen, in dem bloßen Wahrnehmen liegt das ahrimanische Element. Man kann aber einen mittleren Zustand einhalten, sozusagen zwischendurchgehen. Man braucht weder bloß zu verweilen in dem abstrakten, grüblerischen Denken, wobei man sich einsiedlierisch in der Seele abschliesst, noch sich hinzugeben dem bloßen Hinhören und Hinsehen auf das, was die Ohren und Augen wahrnehmen können. 


Man kann noch ein anderes tun, indem man das, was man denkt, innerlich so lebendig macht, so kraftvoll macht, dass man den eigenen Gedanken wie etwas Lebendiges vor sich hat und in ihn lebendig sich vertieft wie in etwas, was man draussen hört und sieht, so dass der eigene Gedanke so konkret wird wie das, was man hört und sieht.


Das ist ein mittlerer Zustand. In dem bloßen Gedanken, der dem Grübeln zugrunde liegt, da liegt das Herantreten des Luzifer an den Menschen; in dem bloßen Hinhören, sei es durch das Wahrnehmen oder sei es durch die Autorität der Menschen, liegt das ahrimanische Element. Wenn man innerlich erkraftet und erweckt die Seele, dass man seinen Gedanken gleichsam hört oder sieht, dann hat man das Meditieren. Das Meditieren ist ein mittlerer Zustand. Es ist weder Denken noch Wahrnehmen. Es ist ein Denken, das so lebendig in der Seele lebt, wie das Wahrnehmen lebendig lebt, und es ist ein Wahrnehmen, das nicht Äußeres, sondern Gedanken in der Wahrnehmung hat. 


Zwischen dem luziferischen Element des Gedankens und dem ahrimanischen Element der Wahrnehmung fliesst hin das Seelenleben im Meditieren als in dem göttlich- geistigen Element, das nur den Fortschritt der Welterscheinungen in sich trägt. Der meditierende Mensch, der in seinen Gedanken so lebt, dass sie lebendig in ihm werden, wie Wahrnehmungen in ihm sind, lebt in dem göttlichen Dahinströmen..."

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