Frieden ist ein mühsames Geschäft

Ich habe mal wieder einen Tipp von Rainer aufgegriffen und lese gerade Ezra Baydas "Zen Herz. Ein einfacher Weg zu einem Leben in Achtsamkeit und Mitgefühl"- laut Klappentext einer der "bekanntesten Zen- Autoren der Gegenwart". Ich kannte ihn nicht. Ich selbst habe, obwohl ich mich seit dem 16. Lebensjahr auch mit Zen beschäftigt habe, diese Art von achtsamem Leben, das in diesem Buch vorgestellt wird, selten wirklich erfahren. Ich komme aus einer Generation, in der sich Viele in einer Art innerem Widerstand, Rebellion und Protest sozialisiert, aber auch definiert haben. Auch wenn dieser innere Widerstand konstruktiv in einen sozialen Beruf umgebogen worden ist, habe ich sehr lange eine Art inneres Getriebensein schwer ablegen können. Wenn ich mich nicht genügend für eine Sache einsetzte, kam als Reflex die typische Kaskade von Selbstverurteilungen in Gang.

Diese Dinge sind nicht besonders individuell, man kann solche Mechanismen in allen sozialen Berufen und insbesondere bei Suchern aller Art beobachten. Die Auflehnung (gegen "Materialismus", "die Verhältnisse", usw) ist ein Teil des Selbstkonzepts, verhindert aber eine innere Ruhe, die nachhaltig wäre. Die meditativen Erfahrungen sind ja da, wirken aber, als ob man in einem Ruderboot gegen den Strom der Niagara- Fälle angehen möchte. Außerdem können die Mechanismen zwischen Auflehnung und (Selbst)- Verurteilung auch ins meditative Leben mit hinein genommen werden; die Sache wird dann verkrampft, ehrgeizig und wird mit Zähnen verteidigt. In anthroposophischen Kreisen entstehen aus diesem Reflex heraus zahllose Dissidentenkreise, die gegen "die in Dornach" opponieren. Ein Selbstgefühl, das sich aus Widerständen speist, ist aber paradoxer Weise abhängig von dem, gegen das es opponiert; es ist fixiert darauf.

Wie angenehm und zurück haltend ist da eine Haltung, wie sie Bayda propagiert: "Wir müssen uns selbst - unsere Gedanken und Gefühle- nicht verändern. Wir müssen uns ihrer nur bewusst sein. Gewahrsein heilt; das ist der wichtigste Grundsatz unserer Praxis." (S.22) Und wohin führt das?
"Frieden - das Gefühl innerer Ruhe, das wir alle suchen- finden wir nicht, wenn wir versuchen, ihn zu erreichen. Frieden finden wir nur, wenn wir vollkommen in dem verweilen, was ist, sei es die friedvollste oder die chaotischste Erfahrung unseres Lebens. Nur wenn wir in dem verweilen, was ist, genau so, wie es ist, werden die selbst geschaffenen Wände unseres Gefängnisses fallen. Und wenn sie fallen, bleibt nur die Verbundenheit übrig, die wir sind. Was bleibt, ist die Seinsgüte." (S. 22)

Selbst die tiefsten inneren Erfahrungen, Erleuchtungen und das innere Aufschließen des Herzens bleiben Ausnahmesituationen in unserer Biografie, bei denen keinesfalls sicher ist, ob sie in einem simplen Streitgespräch an der Supermarktkasse tatsächlich bestehen. Im nächsten Dialog kommt unsere ewige Besserwisserei wieder ans Tageslicht, von der wir dachten, dass sie sich längst aufgelöst hätte. Dabei ist gegen einen saftigen Streit gar nichts zu sagen; das Problem ist der ganze Apparat unserer Verteidigungsmechanismen, der existentielle römische Rammbock, der mal mehr den einen, mal mehr den anderen Charakter hat und den wir als unseren Identitäts- Reflex mit uns herum tragen. Frieden ist ein mühsames Geschäft.

Kommentare

  1. "Nur wenn wir in dem verweilen, was ist, genau so, wie es ist, werden die selbst geschaffenen Wände unseres Gefängnisses fallen"

    Das hört sich ja relativ einfach an, fällt mir persönlich aber immer wieder schwer; es ist im Grunde absolut ungewohnt, mit einem auftauchendem Gefühl, Gedanken, Impuls nicht immer gleich etwas "machen" zu wollen: Auch wenn man meint, man beobachtet einen Gedanken, ein Gefühl, einen Impuls - es ist schwer, dieses Auftauchende einfach nur "sein zu lassen", eine subtile, manchmal kaum erkennbare innere Manipulation begleitet dieses Beobachten häufig, bei mir jedenfalls.

    Ezra Bayda geht übrigends mit der Bezeichnung "Zen" selbst eher lockerer um (Im Unterschied zu "strengeren" Lehrern wie z.B. Suzuki): "Einer meiner früheren Lehrer sagte mir ich sei eher ein Lehrer in der Tradition von Gurdjieff als ein Zen-Lehrer. Und meine Schüler sagen mir manchmal, dass ich eher Vipassana Praktiken als Zen Übungen lehre. Um so besser!...Die Wahrheit kommt in verschiedenen Formen und durch verschiedene Traditionen." (S.143) Mir gefällt an ihm vor allem sein nüchterner und bodenständiger psychologischer Blick.

    Freut mich, Michael, dass Du mit ihm etwas anfangen kannst (hatte ich mir auch gedacht).lg

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  2. Lieber Rainer, man erkennt sich in diesem Buch auf fast jeder Seite wieder. Das ist wirklich aus viel (Selbst)- Erfahrung geschrieben und so irgendwie selbst "aus der Seinsgüte" geschrieben. Bayda weiss, woran wir Zeitgenossen zu knacken haben und spricht es an- aber heiter und ohne erhobenem Zeigefinger a la "Ich zeig dir mal, wos lang geht". Sehr angenehm.

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  3. Lieber Michael, die anderen Bücher von ihm sind ebenfalls sehr empfehlenswert (sein erstes habe ich auf Amazon rezensiert); sie sind eigentlich ähnlich wie "Zen-Herz", wobei der Umgang mit den sog. Schattenseiten des Menschen sogar noch mehr Raum einnimmt ( z.B. lauten die Kapitel ganz einfach nur "Das Üben mit Ärger und Zorn" "Das Üben mit dem Unfrieden" "Das Üben mit der Angst, Geld, Sexualität", usw...

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  4. Sie werden niemals den ungeheuren Frieden kennenlernen, der immer in Ihnen ist - das ist Ihr natürlicher Zustand. Der Versuch, einen friedvollen Zustand zu schaffen, verursacht in Wirklichkeit innere Unruhe. Sie können lediglich von Frieden reden und einen Gemütszustand schaffen, von dem Sie behaupten, er sei sehr friedlich - aber das ist kein Friede, das ist Gewalt. Es nützt also nichts, Frieden zu üben, und es gibt keinen Grund, Ruhe zu üben. Wirkliche Stille ist explosiv; es ist nicht der tote Geisteszustand, von dem die spirituellen Sucher sagen: "Oh, ich bin im Frieden mit mir selbst! Da ist eine Stille, eine ungeheure Stille!" Das bedeutet überhaupt nichts. Die Energie, das Leben - sie sind ihrer Natur nach vulkanisch, es brodelt die ganze Zeit - so sind sie beschaffen. Wenn Sie mich fragen, woher ich das weiß - ich weiß es nicht. Das Leben ist sich seiner selbst gewahr, oder anders gesagt - es ist sich seiner selbst bewußt. (U.G.Krishnamurti)

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  5. @ manroe
    Was soll mit ihm sein?

    @ Agapesworld
    Interessant, danke für den Tipp. Habe von U.G.K. schon mal gehört und werde ihn mir nun mal genauer anschauen.

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  6. Sehr nett, dass man hier auch mal solche Autoren kennenlernt. Weiter so, Jungs!

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  7. „Die Energie, das Leben – sie sind ihrer Natur nach vulkanisch, es brodelt die ganze Zeit - so sind sie beschaffen..wenn Sie mich fragen, woher ich das weiß – ich weiß es nicht. Das Leben ist sich seiner selbst gewahr, oder anders gesagt, es ist sich seiner selbst bewußt“ Krishnamurti.

    „Wo die Gegensätze als ausgeglichen erlebt werden, da herrscht das Lebenslose. Wo Leben ist, da wirkt der unausgeglichene Gegensatz und das Leben selbst ist die fortdauernde Überwindung aber zugleich Neuschöpfung von Gegensätzen.“ R.Steiner, GA 28

    „Fortwährende Überwindung“ von Gegensätzen möchte ich durch „fortwährendes Gewahrsein und Annehmen“ von Gegensätzen ersetzen.
    Danke Agapesworld, dass Du diese anregenden Zeilen von Krishnamurti gepostet hast. Ich spüre, dass da bei mir viel in Resonanz geht. Ich glaube, dass sich keine tiefe und lebendige Ruhe öffnen kann, wenn man/frau nicht vorher bewußt durch die Gegensätze gegangen bin. Alles andere ist eine oberflächliche Ruhe, von außen geschaffen, in der sich eigentlich die Angst vor dem Leben verbirgt.
    Wenn ich z.B. bemerke, dass ich nicht ausgeglichen bin und das annehmen kann (ohne mir kleinmoralig vorzuwerfen: … schon wieder unausgeglichen), oder wenn ich wütend bin (und Abstand nehme, mich zu kritisieren: .. wie kannst du nur...) dann fange ich an, mir meiner selbst in einem Zustand von Hitze gewahr zu werden. Das heißt jetzt nicht!!, sich von der Wut beherrschen zu lassen und blind um sich zu schlagen und auch nicht, im Feuer zu verbrennen oder sich in einer Trauer aufzulösen, sondern das heißt erst einmal, sich seiner selbst über die Gegensätze gewahr zu werden. Da ist ein Ich, dass das wahrnimmt. Alles andere wäre bewußt-loses Ausagieren.

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  8. Natürlich ist es schwierig, in extremen Situationen das Bewußt-sein nicht zu verlieren und z.B. der Hitze des Brodelns oder dem Schauer des Abgrund standzuhalten. Es ist einfacher, vorher mit leichteren Dosen zu üben. Das geht ja auch noch oft genug schief. In dem Falle ist es ein Glück, eine gute Freundin oder einen guten Freund zu haben, die/der sich auch selbst annehmen kann und dich dann freundlich anschaut.
    Wenn ich „es“ annehmen kann, dann verändert sich die Qualität des Wahrgenommenen.Das ist ein magischer Moment.
    Ruhe geschieht wenn ich das Unausgeglichene wahrnehme und annehme – und es dadurch nicht in seiner naturgegebenen Dynamik behindere, sich nach mehr Gleichgewicht hin fortzusetzen.
    Das ist meine Erfahrung.

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