"Zusammenleben auf einem gefährdeten Planeten" und eine Replik auf den Waldorfblog

In einem Sonderheft, das auch online zu lesen ist, widmet sich "Das Goetheanum" dem Plenumsgespräch mit Peter Sloterdijk zum Thema Rudolf Steiner. Im Teil des Heftes, der diesem Gespräch voran geht, wird das Schwerpunktthema Wasser in allen möglichen Aspekten und von verschiedenen Autoren behandelt.











Im näheren Umkreis geht Ansgar Martins (Waldorfblog) in einem ätzenden Essay ebenfalls auf Sloterdijks Steiner- Rezeption ein. Er wirft Sloterdijk vor (siehe Anmerkung unten), Steiners Dogmatismus bewusst zu übersehen, um sich einem links- bürgerlichen Publikum, das Steiner in breiten Schichten goutiere, an den Hals zu werfen und alle kritischen Distanzierungen durch extensiv eingesetzte, beschönigende Metaphern aus dem Weg zu räumen: "Schließlich: Fans der Sloterdijkschen Steinerdeutung, und erst recht Peter Sloterdijk selbst, sollten einen konsequenteren Umgang mit Steiners Anthroposophie finden: Steiner derart liberal zu deuten, ist – davon bin jedenfalls ich überzeugt – nur nach einer historisch-kritischen Einordnung legitim." Mag Sloterdijk auch assoziativ argumentieren, Martins verrennt sich in einigen seiner Argumente in eine kleinkarierte Ecke: "Trotzdem wäre es sinnvoll, wenigstens Metaphern mit Inhalt in die Welt zu setzen. Die erste funktionstüchtige Antenne beispielsweise entstand 1886, Steiner entwickelte seine Anthroposophie jedoch erst ab 1900." Gut immerhin, dass Sloterdijk nicht von "Satellitenschüsseln" sprach.

Überhaupt- so Martins- belege Sloterdijk Steiner zu Unrecht mit dem Begriff "Lebensreformer". Steiner sei allenfalls aus Versehen Reformer gewesen, in Wahrheit sei er aber immer seiner selbstbezüglichen Privatideologie gefolgt: "Steiner hielt in einer penetrant dogmatischen Religiosität letztlich an der utopischen Idee der Revolution fest: Die Veränderung der Welt geschehe nicht einfach so, sondern nur – und zwar nur – durch die konsequente Verwirklichung der Anthroposophie, die folglich im Plan der höheren Mächte vorgesehen war."

Meiner Meinung nach ist zunächst einmal zu begrüßen, wie unaufgeregt Sloterdijk sich des Themas Steiner annimmt- übrigens nicht nur unaufgeregt (was vielleicht auch Ansgar Martins gut zu Gesicht stehen würde), sondern durchaus auch ironisch- distanziert. Sloterdijk schafft das mit seinen sprachlichen Schöpfungen. Natürlich hat das Bild der Antenne, auf Steiner bezogen, sowohl etwas Anerkennendes, aber auch etwas Ironisches dazu. Solche Zwischentöne scheinen Martins völlig zu entgehen. Für den Anthroposophen, der Steiner kennt, hat diese Sprache - wie auch andere- die angenehme Eigenschaft, einen neuen Blickwinkel auf Steiner zu werfen. Das ist zweifellos - und nicht zum ersten Mal und nicht nur an dieser Stelle- bereichernd. Man blickt durch das Blickfeld einer metaphorischen Sprache zweifellos anders auf Steiner, der einem insbesondere durch seine eigenen Sprachmuster vertraut ist, aber (hoffentlich) auch durch eigene Versuche, anthroposophische Sachverhalten sprachlich so zu erfassen, dass man frei kommt vom Steinerschen Duktus.

Eine in sich geschlossene Welt- und Menschensicht, die strikt ideologisch eine "geistige Welt" in ein Jenseitiges projiziert, kann Anthroposophie nicht sein, auch wenn Martins es so ähnlich darstellt. Denn eine solche Weltsicht wäre eine Totgeburt gewesen, eine undynamische Pseudoreligiosität. Aus solchen dualistischen Quellen kann nichts entspringen, denn sie stabiliseren stets nur einen vorgegebenen Status Quo. Anthroposophie hat sich aber doch über ein Jahrhundert als lebensreformerisches Großprojekt nicht nur gehalten, sondern weiter entwickelt. Sie rückt gerade, wie der Beitrag von Sloterdijk zeigt, erst wieder richtig in die kulturpolitische Diskussion.

Anmerkung: Den Vorwurf der Anbiederung Sloterdijks an sein Publikum und dessen Erwartungen weist Ansgar ausdrücklich zurück. Offenbar handelt es sich um ein Missverständnis meinerseits.

Kommentare

  1. Eggerts Peter Sloterdijk-ExhumierungSonntag, 30. Oktober 2011 um 09:03:00 MEZ

    Nach – Zitat der Spiegel – "Peter Sloterdijks Rudolf-Steiner-Exhumierung" unternimmt Michael Eggert den Versuch einer Peter Sloterdijk-Exhumierung. Wer wird als nächster ausgegraben?


    Der Spiegel, 25.10.201, Heute in den Feuilletons

    "Die Angst vor der Gurukratie hat sich gelegt"

    In der "Welt" plädiert Peter Sloterdijk für Rudolf Steiner. Bei den Ruhrbaronen plädiert Rudolf Steiner gegen sich selbst ...

    Die "Welt" dokumentiert ein Gespräch zwischen Peter Sloterdijk und Mateo Kries, dem Kurator einer Ausstellung über Rudolf Steiner im Vitra-Museum über eben diesen. Sloterdijk erklärt darin seinen Abschied von der Idee der politischen Veränderung und seine Ankunft bei der "Lebensreform": "Das 20. Jahrhundert hat mit der Erkenntnis geendet, dass die Revolutionäre unrecht und dass die Lebensreformer recht hatten. Die Angst vor der Gurukratie hat sich zudem ein wenig gelegt, seither ist man eher bereit, Steiner nicht mehr als Guru zu sehen, sondern als ganz normales Genie." ...

    Andreas Lichte von den Ruhrbaronen ist nicht so einverstanden mit Peter Sloterdijks Rudolf-Steiner-Exhumierung. Zu Sloterdijks Behauptung, Steiner ermögliche eine Koexistenz der Menschen auf dem Planeten, stellt er Steiners Zitat über Menschen in Afrika: "Sehen wir uns zunächst die Schwarzen in Afrika an. Diese Schwarzen in Afrika haben die Eigentümlichkeit, dass sie alles Licht und alle Wärme vom Weltenraum aufsaugen. Sie nehmen das auf. Und dieses Licht und diese Wärme im Weltenraum, die kann nicht durch den ganzen Körper durchgehen, weil ja der Mensch immer ein Mensch ist, selbst wenn er ein Schwarzer ist... Im Neger wird da drinnenfortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer schürt, das ist das Hinterhirn." Und später dann: "Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse."

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,793793,00.html

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  2. Interessant zu erfahren, dass auch schon mal jemand wie Bundespräsident Wulff den guten Steiner positiv erwähnt.
    Ansgar Martins ist ja ansonsten ein schlauer Bursche mit seinen jungen Jahren (Kommt eigentlich noch mal dieses groß angekündigte "Endstation Dornach" heraus??), aber seine Frisur ist irgendwie irritierend und nachträglich verunsichernd.

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  3. "jemand wie Bundespräsident Wulff den guten Steiner positiv erwähnt"

    das ist familiär bedingt.

    Die größten Risiko-Faktoren, die zum Ausbruch der Anthroposophie führen.

    - familiäre Vorbelastung

    - persönliche Lebenskrise

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  4. Die größten Risikofaktoren, die zur Unterdrückung und Ablehnung der Anthroposophie führen.

    - frühkindliche, familiäre Traumata (u. a. starker Liebesentzug)
    - hochgradiger Alkoholkonsum aufgrund persönlicher Lebenskrisen
    - Veranlagung zur Bösartigkeit (s. Punkt 1)

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  5. Also ich finde das was Herr Sloterdijk da von sich gibt richtig erfrischend, was Herr Martins dazu sagt
    "Steiner hielt in einer penetrant dogmatischen Religiosität letztlich an der utopischen Idee der Revolution fest: Die Veränderung der Welt geschehe nicht einfach so, sondern nur – und zwar nur – " mit Betriebsräte und Sozialisierung (http://fvn-rs.net/index.php?option=com_content&view=category&id=227:ga-331-betriebsraete-und-sozialisierung&Itemid=17
    Alles andere ist intelektuelle Masturbation. Kulturkapitalismus überlassen wir Gronbach und anderen Neoliberalen Kräfte in der Antropsfy!
    Herrmann Finkelsteen

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  6. Zur "Ablehnung der Anthroposophie führen" u.a.:

    – ein funktionierendes Immunsystem gegen Scharlatanerie und Rassismus Rudolf Steiners

    – eine natürliche Abneigung gegen Spiesser

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  7. "Zur "Ablehnung der Anthroposophie führen" u.a.:

    – ein funktionierendes Immunsystem gegen Scharlatanerie und Rassismus Rudolf Steiners

    – eine natürliche Abneigung gegen Spiesser"

    Ja klar, träum' weiter ... :-)

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  8. oh, der lichte troll aus berlin mal wieder,...

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  9. När slutar vi idealisera Rudolf Steiner?Samstag, 26. November 2011 um 17:15:00 MEZ

    @ Anonym, Freitag, 25. November 2011 11:10:00 MEZ

    Meinen Sie vielleicht den "lichte troll" aus Schweden, http://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Mythologie)#Schweden :

    "Auch in der schwedischen Folklore spielen Trolle, allerdings beiderlei Geschlechts, eine große Rolle."




    Und hier ist er, der "lichte troll" aus Schweden, http://www.arbetarenzenit.se/nar-slutar-vi-idealisera-rudolf-steiner/ :

    "När slutar vi idealisera Rudolf Steiner?

    ... Andreas Lichte, skribent och utbildad Waldorflärare, går hårt åt både Waldorfskolan och Rudolf Steiner. På frågan varför ingen kritiserar Steiner mer, svarar han lakoniskt: ”To tell it in a nutshell: money makes the world go around: Hur tror du det är möjligt att den fullkomligt konstnärligt talanglöse Steiner annars hade kunnat visas på de stora konstmuseerna? Och sökandet efter en mening: när vi vill hitta mening och självbekräftelse är alla medel tillåtna.” ..."

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  10. ja, ja, der andreas lichte troll, der hier ab und zu rum nerven darf...

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