Intrigantenstadel am Goetheanum

Manchmal sind "keine Nachrichten" auch Nachrichten. So ist es merkwürdig genug, dass der Vorstand der Nachlassverwaltung trotz vieler Informationen über den brachialen Rauswurf des ganzen Teams am Rudolf-Steiner Archiv und trotz einer Reihe von Mutmassungen über mögliche Motive bei Mitarbeitern und bei Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft keine Darstellung des Sachverhalts aus der Sicht der Nachlassverwaltung bringt. Es gab eine äußerst knappe, geradezu beleidigend dürre Darstellung auf der Website: "Durch die unsichere finanzielle Lage des Rudolf Steiner Archivs rückt die Frage nach seinen Kernaufgaben in den Vordergrund. Die Antworten darauf können verschieden sein und sind auch verschieden ausgefallen. Diese Tatsache führte zum Ausscheiden von drei Mitarbeitern: Auf Ende April verliess uns Urs Dietler, stellvertretender Archivleiter und Herausgeber, auf Ende Mai Christof Hatebur, tätig für die Gesamtadministration, und nun auf Ende September Vera Koppehel, zuständig für das Sekretariat und die Kommunikation, die sie – neben Walter Kugler – als das Gesicht des Archivs in der Aussenwelt bekannt werden liess. Auf Ende April ist auch Johannes Nilo ausgeschieden, der die Leitung des Archivs am Goetheanum übernommen hat. Es besteht aber die Aussicht, dass er in reduzierter Form seine bisherige herausgeberische Tätigkeit wird weiterführen können. Allen ausscheidenden Mitarbeitern sei der Dank ausgesprochen für den Einsatz, den sie mit all ihren Kräften für die Belange des Archivs im Innenbereich und in der Aussenwelt geleistet haben."


Auf der anderen Seite gab es Informationen über diese unschöne Angelegenheit von Betroffenen, Freunden und Anthroposophen gegenüber den anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeitern auf einer Tagung in Bochum und - in zeitlicher Korrespondenz- einen ausführlichen Artikel dazu von Michael Mentzel (Themen der Zeit: Bewegung in der Bewegung?).

Auch Mentzel stellt die Frage ("Denn wenn es "nur" eine Geldfrage ist, warum muss man sich dann ausgerechnet der Mitarbeiter entledigen, denen es mit ihren Aktionen gelingt, Steiner tatsächlich mit der Welt bekannt zu machen?"), warum - angeblich aus Gründen notwendiger Einsparungen- ausgerechnet die Mitarbeiter entlassen und verabschiedet werden, die die kulturelle Außenwirkung des Bildes von Anthroposophie in den letzten Jahren in großen Ausstellungen und Aktionen maßgeblich gestaltet haben: "Die Nachlassverwaltung selbst informierte die Öffentlichkeit ihrerseits über die Veränderung der Personalsituation in ähnlich dürren Worten: "Auf Ende April verliess uns Urs Dietler, stellvertretender Archivleiter und Herausgeber, auf Ende Mai Christof Hatebur, tätig für die Gesamtadministration, und nun auf Ende September Vera Koppehel, zuständig für das Sekretariat und die Kommunikation, die sie – neben Walter Kugler – als das Gesicht des Archivs in der Aussenwelt bekannt werden liess." [1] Kein Wort des Bedauerns für eine Personalveränderung, die nur der desolaten finanziellen Lage des Vereins geschuldet sein soll? Stattdessen diplomatische Formulierungen für einen Vorgang, der in der "normalen" Arbeitswelt einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hätte. Nachdem Vera Koppehel die Herabstufung ihrer Stelle abgelehnt hatte, wurde ihr zu Ende September gekündigt und sie musste "über Nacht" ihren Schreibtisch räumen.
Urs Dietler und Christof Hatebur hatten ihrerseits gekündigt und zumindest in einem Fall wurde - nach uns vorliegenden Informationen - das fehlende Vertrauen in die Arbeit des Vorstands und die mangelnde Unterstützung des Archivs durch den Vorstand als Grund angegeben. Auch eine "unvollständige Distanz" gegenüber dem Rudolf-Steiner-Verlag und dessen "konträre Interessenlage gegenüber der Nachlassverwaltung" wurde als Kündigungsgrund ins Feld geführt."

Die Neubegründung des Futurum Verlages und des "Philosophicums" mit dem Vorstandsmitglied Brotbeck, der Bezug neuer Räumlichkeiten in Basel- all das sieht nicht gerade nach Einsparungen aus: "Unter all diesen Vorzeichen mutet der im September vollzogene Umzug des Steiner Verlages in den Ackermannshof nach Basel seltsam an. Auch wenn damit eine größere Öffentlichkeit erreicht wird, was selbstverständlich wünschenswert ist, ist doch anzunehmen, dass derlei Aktionen nicht aus der Portokasse bezahlt werden." (Michael Mentzel)

So ist es kein Wunder, dass einerseits über Quersubventionierungen gemutmasst wird, andererseits öffentlich von Stephan Stockmar (Die Drei) Machtkämpfe vermutet werden. Wenigstens würdigt Stockmar endlich die umsichtige, ja unglaubliche Initiativekraft von Vera Koppehel: "Vera Koppehel, die über Jahre mit großem Engagement für Rudolf Steiner die Öffentlichkeitsarbeit des Archivs geprägt und dabei viele Großprojekte in Kooperation mit anderen Einrichtungen gestemmt hat (darunter die Tagungen unter dem Motto "Ursache Zukunft" 2007 zusammen mit dem Goetheanum; zuletzt der Rudolf Steiner Sonderzug nach Kraljevec im Februar dieses Jahres) ist nicht mehr für das Archiv tätig. Sie musste ihr Büro bereits im Juli räumen- mitten in dem von ihr kräftig mit gestalteten Geburtstagsjahr Rudolf Steiners."

Die handelnden Personen dieses Intrigenspiels erklärten gegenüber Stockmar in ungewöhnlicher Dreistigkeit, es habe auch deshalb für sie Handlungsbedarf bestanden, um die "Kernaufgaben des Archivs in den Bereichen Archivierung und Edition nachhaltig zu sichern und zu stärken"- als hätten die dort bis dahin Tätigen ihre Aufgaben vernachlässigt. Verantwortliche in diesem Vorstand sind Frau Eva-Gabriele Streit, Andreas Kühne, Cornelius Bohlen, Renatus Ziegler und Stefan Brotbeck. Von letzterem erscheinen im Futurum Verlag gleich mehrere aphoristische Bücher. Offenbar kann auf die erhebliche Außenwirkung, die das Archiv in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren hatte, komplett verzichtet werden- oder man versucht sich dieser Publicity mittels neuer Räume, Veranstaltungen und Publikationen zu bemächtigen. Bodo von Plato soll - als er informiert wurde- sehr betroffen gewirkt haben. Eine offizielle Erklärung oder wenigstens die Richtigstellung der grassierenden Mutmassungen ist mir nicht bekannt.





Kommentare

  1. Was sagen die betroffenen Personen?

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  2. Ich glaube, die finden das soweit ok.

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  3. Mentzel: "Denn wenn es "nur" eine Geldfrage ist, warum muss man sich dann ausgerechnet der Mitarbeiter entledigen, denen es mit ihren Aktionen gelingt, Steiner tatsächlich mit der Welt bekannt zu machen?"

    ... als wenn "Steiner" - also dessen Individualität - diesen Sektenhaufen wie eben bis hin auch zu Mentzel nötig hätte, um in der Welt zu wirken. Hier spinnen langsam aber ganz sicher ALLE ...

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  4. Danke, Anonym, für dieses Versprühen guter Laune. Müsste es nicht eigentlich bei Mentzel heißen "die Welt mit Steiner bekannt zu machen"? Zu spät. Die Sekte hat mich wohl schon im Griff.

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  5. Ich dag das ja nur, weil ich letztens nämlich 2 von denen getroffen habe, Vera und Urs, bei LIDL, in der Wurstabteilung; die wirkten jedenfalls ganz entspannt, berichteten, erst einmal "die Seele baumeln lassen" zu wollen (2 Wochen Mallorca).

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  6. Immerhin halte ich es für erwähnenswert (und auch wirklich beachtlich) dass im oben genannten neugegründeten Futurum Verlag in letzter Zeit 3 nicht nur sehr mutige, sondern vor allem auch sehr kritische Bücher zum Thema Anthroposophie erschienen sind (Taja Gut, Andreas Laudert, Christian Grauer). Leider werden diese Bücher auf dieser Seite durchweg ignoriert.

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  7. @ursula
    bei themen der zeit ist eine besprechung von taja guts buch erschienen und wie man hört, wird eine rez. von c. grauers buch folgen.
    ich glaube übrigens, das sind im wesentlichen kritische bücher zum thema "anthroposophen und -innen".

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  8. @ Anonym

    Es gibt auch (eher positive) Rezensionen in "Die Drei" und "Info3", nur, wie gesagt, hier werden diese Bücher auffällig ignoriert.

    Es handelt sich auch nicht nur um kritisches zum Thema "Anthroposophen..." (am ehesten bei Laudert) sondern um kritische Gedanken zu Steiner.

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  9. Lieber Michael,
    ignorierst Du oben genannte Bücher, wenn ja, warum?

    Liebe Ursula,
    der Intrigantenstadl (Haus der Barmherzigkeit?) hat, nach Michael, nichts mit der Kritik an Steiner zu tun, sondern ...

    ... lieber Michael - womit?

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  10. Meine Lieben, ich habe überhaupt nichts einzuwenden gegen oben genannte Bücher und Autoren. Die Egoisten freuen sich auf Gastbeiträge und Ko-Autoren. Schreibt einfach mal eine Rezension und schickt sie mir vorbei.

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  11. Rainer, wär das nicht etwas für Dich?!

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  12. Liebe freudean,

    ja - was die Gründe dafür sein mögen, das würden wir wohl alle gern wissen. Wie Michael schon an anderer Stelle erwähnt hat, steckt er „persönlich weder in der einen noch in der anderen Seite mit drinnen“ und kann also wohl nicht mehr tun, als von den äußerlich wahrnehmbaren Merk-würdigkeiten zu berichten und seiner Verwunderung darüber Ausdruck zu verleihen - was er ja auch getan hat (danke!).

    Auch ich habe keine Ahnung von den Gründen für die Auflösung von Arbeitsverhältnissen bzw die Reduzierung von Aufgabenbereichen - ich bin ja, im Gegensatz zu Michael, nicht einmal ein „ganz ganz einfaches Mitglied“; daß es sich dabei aber um Kritik an Steiner handeln sollte, halte auch ich für sehr sehr unwahrscheinlich, wenn ich mir einerseits Vera Koppehels website anschaue und mich andererseits daran erinnere, wie ich Walter Kugler bisher erlebt habe (zuletzt in einem der Vorträge im Rahmen der globArt Academy in Krems).

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  13. Liebe Ingrid,
    danke für den link!

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  14. "Rainer, wär das nicht etwas für Dich?!"

    Liebe Freudean, ja, eigentlich bin ich für so etwas zuständig, aber ein wenig ist es schon so, dass ich mehr oder weniger immer das Gleiche schreibe (und rede); deshalb lass ich das besser bleiben und gucke gleich lieber "Wer wird Millionär"

    Vielleicht könntest Du das übernehmen oder am besten gleich Ursula (die hat das doch gewollt) oder wir stimmen ab.

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  15. Lieber Rainer,
    was für eine Enttäuschung! Willst Du sagen, Du schreibst und sagst immer das Gleiche, egal um welches Buch es sich handelt - oder um welches Thema wir reden?

    Ich kann das nicht übernehmen ich bis schon Jahre hinter meinem Leben her.

    Liebe Ursula, auch ich bin der Meinung Rainers -bitte kümmere Dich um eine gute Rezension und stell sie hier herein.
    Danke im voraus!

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  16. Liebe Ursula,

    ich schließe mich an - auch ich würde Deine Rezension gern lesen.

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  17. Liebe Freudean,

    ich glaube, fast jeder Mensch hat oder pflegt seine Lieblingsideen und Lieblingsgedanken (ähnlich wie ein Haustier) sowie eine wiedererkennbare Eigenheit des Stiles; wenn ich meine Gedankenmuster unvoreingenommen beobachte, kann ich erkennen, wie zutiefst vertraut und bekannt mir diese Gedankenmuster sind (sie bilden mein normales Ich-Gefühl), wirklich Neues wird fast nie gedacht (auch wenn veränderte, vermeintlich spirituelle Inhalte so etwas manchmal suggerieren).

    Der hier gern geschmähte Ken Wilber (Vorsicht:Ahriman!) sagte einmal (sinngemäß) dass die meisten Menschen noch nicht einmal bereit sind, 5 % ihres Denkens zu verändern. In diese Richtung ging meine (etwas ironisch-resignative) Anmerkung.

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  18. Was mir noch einfiel: Eines der genannten Bücher, "Abschied von der Gemeinde" von A. Laudert, habe ich bereits vor einigen Monaten auf Amazon rezensiert:

    http://www.amazon.de/Abschied-von-Gemeinde-anthroposophische-Bewegung/dp/3856362231/ref=cm_cr-mr-title

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  19. Lieber Rainer, danke!
    (Übrigens finde ich eigentlich nichts in Deiner Rezension, das ich als "ah ja, Rainers Haustier!" wiedererkennen würde... ;-) )

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  20. Lieber Rainer,
    Du bist ja wirklich knausrig. Jetzt hast Du eine ganze Nacht gebraucht, damit Dir einfallen konnte ... ach ja, da war doch was, ... stimmt, ich hab doch vor einigen Monaten....

    Ich finde Deine Rezension gut - complimenti! hilfreich - danke! leicht und frisch und nicht so müd, wie Du hier oft bist...

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  21. "leicht und frisch und nicht so müd, wie Du hier oft bist..."

    Liebe Freudean, die Rezension habe ich wohl vormittags geschrieben. Die ganz wilden und aufgeregten Debatten hier finden ja häufig nachts statt, vielleicht könnte man hier mal ganz grundsätzlich eine Seniorenecke einrichten, wo nur in der Zeit von 17 bis 20 Uhr gepostet werden kann :):)

    Liebe Ingrid, für mich sind das durchaus Haustiergedanken (vertraut und freundlich), aber egal, ich will nicht immer meckern und streng mit mir und allem sein (habe das Ganze eben meiner Partnerin erzählt, die hat nur leicht genervt geguckt).

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  22. Lieber Rainer, Kopf hoch, Du meckerst ja nicht nur, Du machst ja auch.

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