Klimatisch

Goldsonnengang auf den letzten, frisch gefallenen Blättern, noch nicht alle verblichen. Duftender pilziger Boden und ein weiter Blick über das hell erleuchtete Land. Goldsonnenland. Die Strahlen sind nicht ganz leicht zu identifizieren. Ich kenne die sich aufbäumende, milde Sonne des Herbstes, wenn die Luft nachts geschwängert wird vom Eisen der Meteore. Ich kenne die kalte, frei lassende Sonne des Winters, die sich ganz zurück genommen hat, ein schweigender Begleiter, der stumm zu den Fixsternen weist. Ich kenne die lockende Sonne des Frühjahrs, die den Boden bricht, die Knospen säugt und in den Pferden auf der Koppel den wilden Drang zur ausholenden Bewegung weckt.

Dieses Licht ist wie eine Mischung von all dem. Die Frühlingsblüher streben aus den Zwiebeln, Knospen schwellen, während das alte Jahr noch eine späte Blüte in den rot glühenden Blättern zeigt. Was ist das? Ist das die klimatische Veränderung oder wieder einmal nur einer dieser Spielräume, die sich der Jahreskreislauf gönnt? Unsere kurzen Lebensspannen können klimatische oder gar geologische und kosmologische Änderungen kaum fassen, höchstens berechnen und Theorien bilden. Ich habe keine Theorie. Ich stehe mitten im hellen, duftenden Wald und sehe ein Schild. Ich lese: Ich stehe gerade auf einer Öl-Pipeline, die direkt vom Rotterdamer Hafen quer durch Europa führt. Die alten Wälder, schwarz verflüssigt, geronnen zu öligem Schleim, werden hier unter mir gepumpt, um PKWs, Heizungen und Aluminiumwerke zu befeuern.

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