Was ich nicht bin

"Ich bin nicht die sieben Bestandteile dieses physischen Körpers. Ich bin nicht die fünf Wahrnehmungsorgane: Ohren, Haut, Augen, Zunge und Nase mit ihren jeweiligen Funktionen von Hören, Tasten, Sehen, Schmecken und Riechen. Ich bin nicht die fünf Tätigkeitsorgane: Mund, Beine, Arme, After und Genitalien mit ihren jeweiligen Funktionen von Sprechen, Fortbewegung, Geben und Nehmen, Ausscheidung und sexueller Aktivität. Keiner der fünf bin ich und auch nicht die fünf Lebensenergien mit ihren jeweiligen Funktionen. Ich bin weder der Verstand noch der unbewusste Zustand von Nicht- Wissen, in dem es weder Sinnesobjekte noch Aktivitäten des Geistes gibt und in dem nur die latenten Eindrücke zurück bleiben.


All das bin ich nicht. Wenn man das oben Erwähnte als "Das bin ich ganz und gar nicht" zurückweist, ist das, was danach als einziges übrig bleibt, das reine Gewahrsein; das ich tatsächlich bin."

Diese frühen (1902), aber zentralen Texte von Ramana Maharshi sind wohl auch deshalb so kurz und knackig, weil er zu der Zeit der Verfassung und Aufzeichnung als Eremit auf einem Berg lebte und sich allenfalls durch Antworten, die er auf einer Schiefertafel schrieb, verständigte. Er war damals 21 Jahre alt. Bei Wikipedia findet sich dazu u.a. folgendes:

"Im Alter von 16 Jahren hatte Venkataraman/Ramana laut seinen eigenen Erzählungen ein prägendes Erlebnis: Während einer elementaren Todesangst habe er sich mit der Frage beschäftigt, was im Tod stirbt. Er sei zu der Antwort gekommen, dass zwar der Körper sterben möge, jedoch nicht der Geist bzw. das Bewusstsein. Später sagte er zu dem Erlebnis: „Das Selbst war etwas sehr Reales, das einzige Reale in meinem derzeitigen Zustand, und die gesamte bewusste Aktivität meines Körpers konzentrierte sich auf dieses Selbst. Seither ist die faszinierende Kraft dieses Selbst im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit geblieben [...] Das Aufgesaugt-Sein in das Selbst dauert seitdem ohne Unterbrechung an. Andere Gedanken erscheinen und verschwinden wieder, ähnlich wie die Noten eines Musikstücks, aber das Selbst ist wie ein Grundton unter den anderen Noten stets vorhanden und mischt sich mit diesen. Auch wenn mein Körper vom Reden, Lesen oder was auch immer eingenommen ist, ist mein ganzes Sein nicht minder auf das Selbst zentriert. Vor dieser Krise vermochte ich das Selbst nicht klar wahrzunehmen, und ich fühlte mich nicht bewusst vom Selbst angezogen.“"

R. Maharshi, "Wer bin ich?", Norderstedt 2011/2. Auflage 


Kommentare

  1. „Ich bin nicht die sieben Bestandteile dieses physischen Körpers. Ich bin nicht die fünf Wahrnehmungsorgane....“
    Dem ist nicht so. Ich habe es ausprobiert – in einer Zeit, in der ich Yoga - vor Ort, bei den alten Klassikern - praktizierte und eine Freundin hatte, die sich mit der Christian Sience beschäftigte und ähnliche Sätze litanaihaft wiederholte: Ich bin nicht dieser Körper, ich bin unsterblicher Geist........
    Nachdem ich mir eine schwere Tropenkrankheit zugezogen hatte, ging ich weder zum Arzt, noch ins Krankenhaus, denn ich war sehr überzeugt und SEHR naiv, dass dem so sei (s.o). Als ich dann in der Intensivstation wieder zu mir kam, war mir vollkommen klar:das ist es nicht!
    Obiger Text stammt aus einer ausgesprochen partriachalen, hinduistischen Zeitperiode, in der der Geistesschüler Körperliches, Weltliches, Weibliches negiert, bzw. überwinden möchte. In der entsprechenden Zeitperiode mag das Sinn gehabt haben, Bewußtsein war noch nicht entwickelt, um sich inkarnieren zu können, heute angewendet führt es zu Weltverneinung/Weltflucht. In dem Falle wäre eine gute Körperpychotherapie weitaus angebrachter und sinnvoller.
    Hinduismus hat sich weiter entwickelt, hin zu, z.B. Sri Aurobindo. Dessen geistige Begleiterin und Nachfolgerin Die Mutter sagte: Wir müssen bis in die kleinste Zelle unseres Körpers vordringen, bis ins kleinste Atom hinein, dort werden wir das größte Geheimnis finden.
    - Mutter und Sri Aurobindo, denen keine der vielen "yogischen Kräfte", die es gibt, fremd ist, geht es um grundsätzlich anderes als Erleuchtung und das Erreichen von Nirwana und Glückseligkeit jenseits der Welt – ihnen geht es um eine Verwandlung der Materie dergestalt, dass die Menschheit in der Materie einen evolutionären Quantensprung hin zu einem völlig anderen Sein, jenseits von Tod und Leiden machen kann. -
    „Ich kann gut verstehen, warum sie immer sagten man müsse der Materie entfliehen!Es erfordert eine solche Transformation,dass es fast eine Ewigkeit braucht. (...)Und es ist völlig offensichtlich, dass es sich nie ändern würde,wenn es nicht unerträglich wäre.Und wenn es unerträglich ist,möchte man wirklich davor weglaufen– aber das ist unmöglich!“ (Mutter)
    In dem Sinne verstehe ich das Christentum und auch Steiner.

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  2. Liebe freudean.

    darf ich nachfragen, was genau Du meinst mit:
    „Bewußtsein war noch nicht entwickelt, um sich inkarnieren zu können,“
    Das wird mir nicht recht klar.

    Und noch: wenn
    „Die Mutter sagte: Wir müssen bis in die kleinste Zelle unseres Körpers vordringen, bis ins kleinste Atom hinein, dort werden wir das größte Geheimnis finden.“
    - bedeutet das nicht, daß „wir“, die wir da in die kleinste Zelle unseres Körpers vordringen, etwas anderes sein müssen als ebendieser Körper?

    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

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  3. @Ingrid: „ bedeutet das nicht, daß „wir“, die wir da in die kleinste Zelle unseres Körpers vordringen, etwas anderes sein müssen als ebendieser Körper?“ Anders kommt von andern und bedeutet, ins Jenseits wenden. Steiner sagt, das Denken selbst ist jenseits von Subjekt und Objekt.

    Das reine Gewahrsein ist nicht durch Anderes *bedingt*. Also ist es ein durch sich Selbst sein. Daher ist es autonom. Ist es autonom, ist es jedoch ebenso das Ganze des Weltgeschehens.

    Aber, das Weltgeschehen selbst wiederum, es umfasst all dasjenige, v. dem M. sagt: „All das bin ich nicht.“ Also ist das „reine Gewahrsein“ v. Ramana Maharshi ein sein zwischen allem Anderen, ein zwischen „den Noten“ des übrigen Weltgeschehens sein.

    Wie kann so ein Ich all dasjenige, das es nicht ist, dahingehend umwandeln, das es, ohne dabei seine Autonomie zu verlieren, es als seine Verschiedenheit, gewahrt? Als diejenige Verschiedenheit, die einer jeglichen Note, durch Melodie, Ordnung und Bedeutung erteilt.

    Gedeutet wird anhand des Denkens. Es ist ebenso wie das reine Gewahrsein ein durch sich Selbst seiendes. Mithin ist es nicht durch Anderes bedingt. Daher ist es autonom. Als das ist es ebenso das Ganze des Weltgeschehens.

    Also kann reines Gewahrsein anhand des Denkens, unter Aufrechterhaltung der Autonomie und Verschiedenheit des Weltganzen, solche Kompositionen erschaffen, in denen es sich mit zuvor noch *übrigen* Klängen im Vorgang des Weltgeschehens in so einer Autonomie gewahrt, wie es sich sonst lediglich im reinen Gewahrsein seiner selbst gewahr wurde.

    Denkend erzeugt „man“ Zusammenhang all desjenigen, dass das reine Gewahrsein nur gewahrt. Indem man das tut, erzeugt man dasjenige Selbst, das zugleich reines Gewahrsein und alles übrige Weltgeschehen ist. Die autonome Philosophie benennt so ein Selbst mit dem bedeutenden Wort Mensch.

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  4. Lieber Burghard, Deinen Kommentar klaue ich mir und bringe ihn separat, wenn Du nichts dagegen hast..

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  5. @Michael: Gesetzesbrecher enden durch Schierlingsbecher. Prost :-)

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  6. "Anders kommt von andern und bedeutet, ins Jenseits wenden."
    Verstehe ich nicht.

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  7. @Burghard

    "Das reine Gewahrsein ist nicht durch Anderes *bedingt*."

    Und wo kommt das her, was man wahrnimmt, dass ich überhaupt wahrzunehmen in der Lage bin? Das Gewahr-Sein als "Zustand" würde keinen Sinn ergeben, wenn da nichts wäre. Und wäre da nichts, gäbe es kein Gewahrsein. Wäre dann demgemäss alles, dessen ich gewahr würde "mein" Produkt, bzw. "Substanz" meines Tuns?

    Weil: "Das reine Gewahrsein ist nicht durch Anderes *bedingt*." MEIN reines Gewahrsein nicht, (aber indirekt zumindest auch durch Anderes), aber DAS? Wie würdest Du hier das Lernen, das sich Entfalten einordnen? Oder wo und wie würdest Du hier Individualität "platzieren"?

    "Ist es autonom, ist es jedoch ebenso das Ganze des Weltgeschehens."

    Meinst Du das wirklich? Das Ganze oder Teil des "Ganzen", im Ganzen? Oder nur prinzipiell Teil des Weltgeschehens? In dem Sinne, dass ich göttlich bin und nicht Gott!?

    "Wie kann so ein Ich all dasjenige, das es nicht ist, dahingehend umwandeln, das es, ohne dabei seine Autonomie zu verlieren, es als seine Verschiedenheit, gewahrt?"

    Nur dadurch, dass es nicht das andere ist.


    "Gedeutet wird anhand des Denkens. Es ist ebenso wie das reine Gewahrsein ein durch sich Selbst seiendes. Mithin ist es nicht durch Anderes bedingt. Daher ist es autonom. Als das ist es ebenso das Ganze des Weltgeschehens."

    Das Denken muss geführt werden, so gesehen ist es eher überneutral statt autonom, prinzipiell, wie ein Werkzeug, das man zu handhaben erlernen muss. Unter das "Ganze des Weltgeschehens" würde ich etwas anderes verstehen.


    "Indem man das tut, erzeugt man dasjenige Selbst, das zugleich reines Gewahrsein und alles übrige Weltgeschehen ist."

    Alles übrige Weltgeschehen ist oder innerhalb des Weltgeschahens, im Sinne von Teil, bzw. göttlich (s.o.) statt Gott?

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  8. Anderswelt ;-)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Keltische_Anderswelt

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  9. Lieber Burghard,

    „Anders kommt von andern und bedeutet, ins Jenseits wenden.“
    Im Grimm’schen Wörterbuch findet sich unter dem Stichwort „andern“ das lateinische „imitari“, nachahmen...
    Und das ist es auch, was ich mit dem „reinen Gewahrsein“ verbinde.

    Die freie Aufmerksamkeit, die die Form dessen annimmt, worauf sie sich richtet (was es auch sei) - und die in dem Augenblick, in dem sie sich an einen „Inhalt“ bindet, ihre Freiheit verliert; sie gewinnt diese Freiheit erst wieder, wenn sie ihren „Inhalt“ losläßt...

    Georg Kühlewind fällt mir ein, sein Büchlein „Aufmerksamkeit und Hingabe. Die Wissenschaft des Ich“.
    Das vierte Kapitel, „Ich bin die Aufmerksamkeit“, beginnt mit dem Ergebnis,
    „... dass die Aufmerksamkeit selbst die «Substanz» des Ich ist. Sollte man meinen, etwas anderes als Näherliegendes zu entdecken, so wäre es stets die Aufmerksamkeit, die jenes «Anderen» (Ich, Wille, Mittelpunkt usw.) gewahr wird und damit «näher» ist als das «Gefundene», das ein Objekt der Aufmerksamkeit wäre.“

    Gute Nacht!
    Ingrid

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  10. Liebe Ingrid,
    ich versuche zuerst Deine erste Frage zu beantworten, weil diese leichter ist, als die zweite und werde mich dabei teilweise auf den Text von Burghard beziehen.

    Das reine Gewahrsein, welches jenseits von Subjekt und Objekt ist, ist autonom und nicht durch Anderes bedingt.
    In seiner Prozesshaftigkeit wird es zum Weltengeschehen und schafft Verschiedenheit aus sich selbst heraus, erschafft Weltenklänge, Materie und Dualität.
    Bei Steiner wird dieser Prozess, beginnend mit der Entstehung des alten Saturn beschrieben. Das ist ein noch sehr geistiges Geschehen, das sich dann über die verschiedenen Planeteninkarnationen immer mehr verdichtet. In diesem Prozesshaften bilden sich die Anlagen für das physischen Nervensystems, rhytmischen Systems, Stoffwechselsystem, sowie die entsprechenden vier Wesensglieder aus, bis dann der Mensch auf seinen zwei physischen Beinen mit schwachem Ich ausgestattet in dieser Welt steht. Die alten Inder nannten das, was da auf den zwei Beinen stand: „All das bin ich nicht.“
    Dem stimme ich nicht zu, weil es bedeuten würde, die Prozesshaftigkeit des reinen Gewahrsein, in seinem geistig/physischen Ausdruck, zu negieren. Das, was erforscht, was eindringt in die kleinste Zelle ist eben solches Gewahrsein, das sich in seiner individuellen Autonomie wahrnimmt, ohne des reinen Gewahrsein, welches jenseits von Subjekt und Objekt ist, verlustig zu gehen. Ebensolches Gewahrsein ist engstens mit dem rhytmischen System und der Atmung vernetzt.Man/frau braucht dazu nicht unbedingt die Anthroposophie, es gibt verschiedene Zugangsweisen.
    Im Innersten der Zelle, im tiefsten Ort der Materie, die gleichzeitig auch tiefster Ort der Prozesshaftigkeit ist, gibt es eine Art von Umkehrung und Öffnung hin zum Kosmischen. Dies geschieht nicht mittels des Denkens, Gewahrsein ist weit umfassender und erschafft Denken.

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  11. Die mMn falsche Betonung des Denkens hat das Dornacher Armenhaus geschaffen und das ist für mich überhaupt nicht verwunderlich, da so viel „anthroposophisches“ Denken derart abstrakt-trocken, intellektuell, saft-und geistlos ist. Man wetteifert um leibfreieres Denken und Selbstdarstellung. Wie willst du Mensch ohne dein leiblich-rhytmisches System dein Herz spüren? Wie willst Du den geistigen Strom mit dem energetischen Strom deines Stoffwechsels verbinden.
    Bei schalem, abstraktem Gerede „über“ ist es nicht verwunderlich, dass die Dornacher Sumpfwiese modert.
    Bei niemandem noch habe ich die Vernetzung der physischen, seelischen und geistigen Leiber derart klar und nachvollziehbar dargestellt gesehen, wie bei Steiner, u.v.a.GA9/13:
    „Und nimmt das Ich den Geistesmenschen in sich auf, so erhält es dadurch die starke Kraft, den physischen Leib damit zu durchdringen“ … „....dass die Arbeit an diesem physischen Leibe zu dem höchsten Glied in der Menschenwesenheit kommen soll. Aber gerade deswegen, weil der physische Leib den in ihm tätigen Geist unter drei Schleiern verbirgt, gehört die höchste Art von menschlicher Arbeit dazu, um das Ich mit dem zu einigen, was sein verborgener Geist ist“
    Es ist ein Hohelied auf die Inkarnation, der gegenwärtigen Aufgabe der Menschheit – auch wenn sich manches patriarchiale Denksystem noch dagegen wehren möchten.

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