Wille zur Zukunft

Ich bekenne, dass ich Peter Selgs Bücher - so weit ich sie kenne- mag. Die Einschränkung erfolgt deshalb, da die Flut seiner Veröffentlichung schon bemerkenswert ist. Sie erscheinen häufig im Verlag des Ita Wegman Institutes in Arlesheim, dem Selg vorsitzt. Auch die Nähe dieses Institutes, das ja nun der nach dem Tod Steiners verstossenen und geradezu verfemten Wegman gewidmet ist, zu ihr, begründet nicht meine Sympathie, obwohl ich aufmerksam die heftigen Anwürfe von Junko Althaus gegen Wegmans Gegenspielerin Marie Steiner verfolge. Frau Althaus begreift die damaligen Vorgänge innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft als die "Urspaltung", als inneren, unaufgearbeiteten Widerspruch dieser Gesellschaft selbst. Meine Sympathie beruht darin, dass die Bücher, die ich gelesen habe, unsensationell, aber tiefgründig, unspekulativ und in bestem Sinne konservativ daher kommen. Sie stellen sich wirklich nicht zur Schau. Peter Selg hält sich auf angenehme Weise im Hintergrund, so dass eine stille, ruhige anthroposophische Kompetenz zur Geltung kommt.

Das vorliegende Buch "Der Wille zur Zukunft" behandelt, wie der Titel sagt, den menschlichen Willen schlechthin. Selg stellt dabei fest, dass die ursprüngliche "ideelle Kraft und Initiative, die Verinnerlichung des intentionalen Anliegens und die Verbindung mit dem eigenen Schicksal in vielen Stätten anthroposophischer Tätigkeit in der jüngsten Vergangenheit nachdrücklich zurückgegangen" sei, womit viel von der "ursprünglichen Kraft und Originalität" auch verschwunden ist. Das Buch selbst beschäftigt sich aber mit den Handlungsintentionen schlechthin.

Selg geht aus von einer anthroposophischen Betrachtung dessen, was Stoffwechsel, Leiblichkeit, Willensprozesse auf physiologischer Ebene bedingt, wobei dies mit Abbau- und Zerstörungsprozessen verbunden sei: "Der Willensakt ist der zentrale Inkarnationsvorgang des Menschen auf der Erde." Es gibt auch eine vitalisierende Ebene des Willens, der dann aber nicht mehr bewusst wird: Der Mensch geht mit diesen Impulsen "in die Nachtsphäre seiner Existenz". Zwischen "Verbrennen" und unbewusstem Aufbaukräften gibt es aber einen Mittelweg, als durchgeistigter Wille, als "erlöster" Selbstwille. Wird der Wille durchsetzt mit Weisheit, Ideenkraft und Spiritualität, "so entsteht eine neue Kultur". In diesem Zusammenhang geht Selg auch auf die Herzenskräfte und die Stärkung durch konkrete Meditationen ein.

Eine Stelle, die mich beschäftigt, möchte ich noch anführen:
"Der Wille des Menschen ist "Keim" und erreicht seine volle Wirklichkeit auf Erden nicht. Mit ihm beginnt etwas, dessen Realisierung - trotz der stärkenden Hilfe durch die Wirk- Sphäre der Nacht - biografisch nicht zum Abschluss kommt. Als den "vollendeten" Willensakt beschrieb Rudolf Steiner in gewisser Weise das Sterben bzw. den Tod: "Wir sterben, indem wir wollen, der Anlage nach fortwährend. Wir tragen die Kräfte des Todes in uns." So betrachtet, weist jede Willenstätigkeit - auch dann, wenn sie vollständig und restlos irdischen Angelegenheiten gewidmet ist- über das hiesige Leben hinaus; die Zerstörungs-, Verwandlungs- und Aufbaukräfte, die ihr eignen, sind als solche Kräfte des Todes und des nachtodlichen Lebens, deren abgeschwächter Abglanz in der anthropologischen Konfiguration des menschlichen Willens erscheint."

In diesem Lichte erhält die so häufig gemachte schmerzliche Erfahrung, dass Dinge und Beziehungen, die wir beginnen, irgendwo irgendwann enden wie im Luftleeren, mit lose baumelnden, scheinbar ins Nichts führenden silbernen Schnüren, doch einen tröstlichen Aspekt oder Grundakkord.

Kommentare

  1. Ich lese gerade mit großem Interesse, was Frau Althaus über Ita Wegman, Marie Steiner von Sivers und die Anthroposophische Gesellschaft schreibt.
    Bisher wurden meine Fragen nach Ita Wegman im anthr.Umfeld immer mit peinlichem Schweigen beantwortet. Ich halte die Betrachtungen von Frau Althaus für sehr logisch und nachvollziehbar. Sie machen auch sehr betroffen.

    AntwortenLöschen
  2. Da sind aber eine Reihe von Biografien zu Ita Wegman erschienen- sollten wir erst mal nachlesen, bevor sich überhaupt ein Urteil über einen derart weit tragenden Vorwurf im Ansatz bilden könnte. Damit gerate ich aber noch nicht zu den Anwürfen von Frau Althaus, die ja quasi eine anhaltende Unaufrichtigkeit über die Angelegenheit innerhalb der AAG voraussetzt.

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Michael,

    endlich sind wir uns in einem Punkt mal einig: Peter Selg ist - nach R.Steiner - der von mir am meisten gelesene anthroposophische Autor. Er hält ansonsten seit 3 Jahren regelmäßig Vorträge in Freiburg, die ich immer besuche, wenn es mir möglich ist.
    Ob Junko Althaus recht hat mit ihren Theorien, lasse ich dahingestellt sein. Natürlich schätze ich Ita Wegmann sehr - aber nun aus Marie Steiner v.Sivers den Buhmann - richtiger: die Buhfrau - zu machen, das ist nicht mein Ding. (Dazu gibt es zuviele andere glaubwürdige Perspektiven, die dem widersprechen).
    Mir fiel schon öfters auf, daß Junko Althaus mit einer großen Selbstsicherheit ihre Theorien als Tatsachen in den Raum stellt - das ist mir nicht überwältigend sympathisch!
    Wolfgang Stadler

    AntwortenLöschen
  4. Lieber Michael,
    Junko Althaus weist auf die Biografien von Emanuel Zeylmann und das Flensburger Heft 17 hin. Gibt es noch andere Autoren, die sich mit Ita Wegmann beschäftigen, oder die du empfehlen kannst?
    Anscheinend wollte sich niemand mit dem Thema befassen - stimmt das? Ich werde mir auf alle Fälle Matrial dazu schicken lassen.

    Vielen Dank für den Hinweis auf Peter Selg und die Themen, die er behandelt!!

    AntwortenLöschen
  5. Ich mag die Seite von Herr und Frau Althaus (es ist doch ein Paar?) eigentlich sehr. Auch wegen einer gewissen Emotionaliät. Aber bei dem Thema "Wegmann versus Sievers" muß ich einfach passen.
    Es ist, wie Michael sagt: "..sollten wir erst mal nachlesen, bevor sich überhaupt ein Urteil über einen derart weit tragenden Vorwurf .."
    Menschenskinder. Das ist zu heftig. Da wird, nach meinem tastenden Gefühl, ein fremder, vielleicht ja wirklich ein alter Schmerz kolportiert, sich angeeignet, irgendwie..
    Wo man lieber lauschen, abwarten, ausschwingen lassen sollte. Das, was man vernommen hat.
    Mir ist suspekt, daß man dann quasi unter Druck steht, sich für Fraktionen (!) entscheiden zu müssen, etwa: "Ich bin mehr für die Sievers!", "Waas? Aber die wirklich Gute war doch die Vreede!", "Stimmt nicht! Wegmann war noch viel besser!" Und dann noch die ganzen Männer alle.
    Wenn Anthroposophie dann auch noch die Wissenschaft wird über die Personen all in Herrn Steiners Umfeld, und wie diese nun jede/r einzeln zu bewerten sind, vergeht mir fast ganz "die Lust" daran. Herzlich, m.butty

    AntwortenLöschen
  6. So kloppt euch doch:
    Wegmann vor, noch ein Tor!
    Sivers hinterher, tausend Tore mehr!

    Was mich aber interessieren würde, ist, wovon der Herr Selg schreibt. Er benutzt dabei den Begriff "nachtodliches Leben". Ist das nicht eine Contradictio in adiecto?
    Und wie kann der Wille im Tod oder Sterben vollendet sein, wie Steiner sagt, wenn man dann weiterlebt? Oder wäre da nicht jeder Wille vollendet?

    AntwortenLöschen
  7. Ich stimme Wolfgang Stadler und Mischa zu. Das ist wirklich etwas heftig, und auch mir sehr unsympathisch.
    Einmal ganz abgesehen davon, ob Junko Althaus „recht hat“ mit den Thesen, die sie da aufstellt (dazu genügt es natürlich nicht, E.Z.s Ita-Wegmann-Biographie zu lesen; wie Wolfgang Stadler sagt, es gibt auch die andere Perspektive, die müßte man sich selbstverständlich ebenso gründlich anschauen):

    Bevor man andere Menschen auf „Abwegen“ ertappt und sie in okkulten Schubladen „gefangen“setzt, sollte man erstmal sich selber bei der Nase nehmen, und sich ganz ehrlich Rechenschaft darüber ablegen, ob man in einer ähnlichen Situation tatsächlich in der Lage wäre, sich anders zu verhalten, als die damaligen Protagonisten sich verhalten haben.

    Von einer „Karmaforschung“, die darauf aus ist, anderen Menschen Schuld zuzuweisen, halte ich überhaupt gar nichts.
    Man kann hier unmöglich zu wirklichkeitsgemäßen Ergebnissen kommen, ohne, vor allem anderen, das jeweilige „Forschungsobjekt“, also die Individualität, mit der man sich auseinandersetzen will, mit liebevollem Herzen zu betrachten.

    Das Buch „Der Wille zur Zukunft“ von Peter Selg schätze ich sehr.
    Es beginnt mit der Abbildung einer Wandtafelzeichnung Rudolf Steiners - da sind die letzten Worte des „Grundsteinspruches“ zu lesen, mit zwei bedeutsamen Unterstreichungen, die ich hier fett hervorhebe:

    Was wir aus Herzen
    gründen,
    aus Häuptern zielvoll
    führen
    wollen.

    Nun - in Frau Althaus’ auf Ita Wegmann und Marie Steiner bezüglichen Blogartikeln kann ich nicht die Spur eines Versuches erkennen, etwas aus dem Herzen zu gründen.
    Insofern erblicke ich darin, trotz gegenteiliger Versicherungen, auch keinen „Willen zur Zukunft“.

    AntwortenLöschen
  8. Was Junko Althaus schreibt macht sehr betroffen. Es gibt etwas, das ich logisch und nachvollziehbar finde. Ich möchte dabei nicht auf Ita Wegman oder Marie Sivers eingehen, weil ich darüber nichts weiß. Jedoch möchte ich etwas sagen, was die Dynamik angeht.

    Wenn eine Person aus einem System, Familie, Gruppe, Betrieb, Organisation ausgegrenzt wird, leidet der ganze Organismus.Dieser kann sich nicht gesund weiter entwickeln, weil die Störung, der Ausgrenzung (was fehlt dir?) weiterwirkt.
    Das heißt nicht, dass die Personen in der entsprechenden Organisation, Familie, Gruppe nicht aufrichtig wären - eine Ausgrenzung kann Generationen zurückliegen und hat nichts mit den heutigen Personen zu tun, wohl aber mit dem Organismus. Es kann trotz bester Bemühungen nicht möglich sein, dass z.B. ein Unternehmen floriert oder ein junger Mensch seinen Weg findet, weil die Last einer Ausgrenzung, von der er meist gar nichts weiß, ihn niederdrückt. Die Voraussetzungen für ein Gedeihen sind nicht vorhanden. Das wissen wir von der Aufstellungsarbeit, die heute schon zur psychischen Hygiene gehört.
    Erst durch die Würdigung der ausgegrenzten Person heilt der Organismus und erhält sein Gleichgewicht wieder.
    Ich nehme an, dass die meisten von euch die Aufstellungsarbeit kennen und wissen, dass die Würdigung der ausgegrenzten Person rituell und mit größtem Respekt geschieht. Dann erst kann das System gesunden.
    Das sehe ich als "Willen zur Zukunft".
    Es ist peinlich zu sehen, wie unangenehm es manchen war, wenn ich mich nach Ita Wegman erkundigte, als hätte ich da etwas Unanständiges gefragt.
    Ich halte es in der Sache nicht sinnvoll jetzt auch noch Marie Sivers auszugrenzen. Es sollte mMn jede, jeder seinen würdigen Platz im Ganzen erhalten.
    Eine andere Unannehmlichkeit ist, nach Steiners Tod zu fragen. Warum?

    AntwortenLöschen
  9. Was wäre anthroposophische Medizin ohne die durch Marie Steiner ermöglichte Metamorphose des Weltenwortes zeitgemäß n.Chr. hin zur Eurythmie? Ein Fragment ...

    AntwortenLöschen
  10. Liebe freudean,

    ich gebe Dir selbstverständlich Recht - Ausgrenzung wäre nicht gut für den Organismus.
    Nun - aber heute kann doch längst nicht mehr die Rede von einer Ausgrenzung Ita Wegmans sein. Weder, wenn man sich die Publikationen (zB Peter Selgs) anschaut, noch auch im „vereinstechnischen“ Sinn.
    Diesem Artikel entnehme ich die folgenden Zeilen:

    „In den Jahren nach Steiners Tod entstanden zwischen den Mitgliedern des Vorstands, namentlich Marie Steiner und Ita Wegman, zahlreiche Konflikte über die Weiterführung der anthroposophischen Arbeit in der AAG, die 1935 dazu führten, dass Ita Wegman und Elisabeth Vreede sowie deren Anhänger von der Mitgliederversammlung aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Dieser Beschluss wurde erst 1948, fünf Jahre nach dem Tod Wegmans, als ungerechtfertigt wieder aufgehoben.“

    Gute Nacht!
    Ingrid

    AntwortenLöschen
  11. Ich weiß nicht, aber natürlich kann man das Kapitel "Steiner und die Frauen" endlos ausdehnen. Es gab z.B. vor Marie Steiner ja nun auch noch eine andere Dame, die recht wenig und auch sehr stiefmütterlich erwähnt wird: Anna Eunike http://wiki.anthroposophie.net/Anna_Eunike
    Und natürlich gibt es weiteres in dieser Hinsicht, aus dem man ein Drama machen kann oder auch nicht. Ich schreibe (@freudean) deshalb nicht viel darüber, weil ich eben dieses Drama nicht sehe, außer wenn man sich in Wenn und Danns verliert. Ich glaube auch nicht, dass man die zahlreichen inneren Widersprüche der AAG auf derlei reduzieren kann oder sollte.

    AntwortenLöschen
  12. Das ist also Karmaforschung, interessant, wollte immer schon mal wissen wie das geht.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Danke für Ihre Mitarbeit im Blog.

Egoistisch am meisten gelesen: