Die Liebeshandlung

Bild: Literaturblog
Ich habe ja schon seit Wochen nicht nur gewartet, sondern meine Familie malträtiert, um klar zu machen, dass das einer meiner dringenden Weihnachtswünsche ist; ja, ich habe meiner Familie aufgenötigt, mir dieses Buch zu schenken. Warum ich es nicht einfach direkt beim Erscheinen erworben habe, weiß ich nicht mehr sicher- vielleicht weil Vorfreude eben doch etwas hat, vielleicht weil ich die Late- Night- Bücher- Talkshows sehen wollte, die nicht selten auf diesen Roman zu sprechen kamen. Die Vorfreude ist auch deshalb groß gewesen, weil Jeffrey Eugenides nur alle paar Jahre etwas publiziert, um es gelinde auszudrücken. Das Erscheinen von "Middlesex" ist rund 8 Jahre her, und die Pause zu "Die Selbstmord- Schwestern" (1993) war fast schon homerisch.

In den letzten Tagen war ich daher schwer erreichbar, denn "Die Liebeshandlung" ist nicht nur wegen der rund 600 Seiten Umfang ein Schwergewicht. Das Buch ist vom ganzen Auftritt her ein Klassiker- der Stil brillant und geschliffen, ohne jemals aufdringlich oder manieriert zu wirken. Die wenigen handelnden Personen sind bis ins Detail hinein präzise gezeichnet- man lebt als Leser mit ihnen mit und man lebt sich in sie hinein; man erlebt sie vielschichtig und geradezu schmerzhaft nahe kommend.

Es geht, wie man so sagt, um eine "Dreiecksbeziehung", ohne dass die Assoziationen, die bei einer derartigen Bezeichnung auftreten, im geringsten berechtigt wären. Eine junge Frau hat zwei (männliche) Freunde, die untereinander nichts verbindet. Sie treffen erst am Ende des Romans aufeinander. Der eine, Mitchell, verehrt und begehrt die Hauptperson, Madeleine, bis zur Selbstaufgabe, ohne dass es je zu einer Art regelrechter Beziehung kommen würde. Madeleine schiebt diesen kuhäugigen Verehrer mit Ausdauer eher etwas verächtlich beiseite. Stattdessen lässt sie sich auf einen jungen Charismatiker ein, der ins Semiotik- Seminar am College stürmt und sämtliche jungen Frauen durch seine Verletzlichkeit und offensichtliche Genialität für sich einnimmt. Während Mitchell sich auf eine Sinnsuche begibt und mit einem schwulen Freund nach Europa und Indien zieht, gehen Madeleine und Leonhard eine Beziehung ein, die allerdings von Anfang an unter keinem guten Stern steht, weil Leonhards geniales Wesen sich als ein Zug heraus stellt, der pathologische Züge hat; Leonhard ist offensichtlich manisch, stürzt aber auch in tiefe, klinisch zu behandelnde Depressionen.

Der Roman begleitet diese junge Ehe, die in besonderem Maß von dieser bipolaren Störung bestimmt ist; das Paar hatte keine Chance, sich in stabilen Phasen zu entdecken und etwas wie ein gemeinsames Leben zu entfalten. Schon auf der Hochzeitsreise eskaliert die Situation in Südfrankreich. In derselben Zeit scheitert Mitchell in seiner Arbeit für Mutter Theresa in Indien am Ekel vor den entstellten Körpern der Sterbenden, die er betreuen soll. Seine spirituelle Sinnsuche hat ihn hier her geführt, aber die romantische Fassade zerbröselt. Er flieht ins heimische New York und begegnet auf einer Party sofort Madeleine, die wiederum und diesmal endgültig ihre Hoffnungen auf ein gemeinsames Leben mit ihrem schwer kranken Mann begraben muss.

Wir haben es in diesem Roman - deshalb ist er von Eugenides, der übrigens Creative Writing in Princeton lehrt, geschrieben worden- mit einer Neubelebung des klassischen Liebesromans zu tun. Das ist ein Kalkül und ein Konstrukt, aber was für eines! Dieses durch und durch strukturierte Werk kommt derartig leichtfüßig daher, dass es ein reines Vergnügen ist, es zu lesen. Trotz der extrem belastenden Situationen, die geschildert werden, geht man in diesen Lebenssituationen auf, ja wird von ihnen absorbiert und als Leser verschluckt. Wer jemals an der Seite von einem schwer psychisch erkrankten Menschen gelebt hat, kann die Präzision von Eugenides´ Schilderung nur zutiefst bewundern. Hier wird nichts beschönigt, nichts romantisiert, nichts übertrieben, aber man versteht die Antriebe, die Impulse und Gefühle der handelnden Personen. Ein schreckliches und zugleich tröstliches Buch. Schließlich geht es ja auch um die Ehe. :-)

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