Siri - Die "virtuellen Entitäten" schreiten voran

Seitdem es das neue iPhone 4s von Apple gibt, wird ein neues Spielzeug vielfach erprobt und kommentiert- Siri, das neue Spracherkennungssystem. Im Gegensatz zu den früheren kläglichen Lösungen auf Windows- Basis reagiert dieses System nicht nur auf einzelne Befehle, sondern "versteht" auf semantischer Ebene ganze Sätze und Fragen des Nutzers- und antwortet entweder in Sätzen, oder indem es eine geeignete Reaktion zeigt. Fragt man z.B. nach dem Weg nach X, ruft Siri ein Navigations-App auf, sagt man, dass man dem und dem das und das schreiben möchte, "tippt" Siri das Gesagte in die fertige SMS- Nachricht.
Nun fordert dieses neue Interface - die Möglichkeit, semantisch mit einem Mini- Computer zu kommunizieren - nicht nur den Spieltrieb der Nutzer heraus (auf Deutsch läuft die Sache bisher noch nicht ganz rund), sondern ruft auch die ersten Warner und Mahner auf den Plan.

So den Psychiater Dr. Keith Ablow, der diese Form technischer Interaktion gefährlicher findet als aggressive Computerspiele oder Drogen:
"From my perspective as a psychiatrist, Siri, the iPhone’s virtual assistant, could prove more toxic psychologically than violent video games or some street drugs.
For those who haven’t yet heard of Siri, “she” is the virtual assistant programmed by Apple into the new iPhone 4s. She recognizes many words and requests (though often imperfectly) and is, therefore, able to send emails, put reminders into “her” owner’s schedule, and generate GPS directions. 
Just tell her, “Siri, I want pizza,” and Siri says, in a female voice, “I’m checking your current location . . . I found 13 pizza restaurants. Eight of them are fairly close to you.” She then lists the restaurants on the iPhone screen so you can choose one. With a polite tone, she will apologize if she doesn’t understand your voice, “Ok, I give up . . . could you try it again?”"

Bildquelle s. Link im Text
Das Problem, das der Psychiater anspricht, ist das Verwischen der Grenzen zwischen Apparaten und menschlichen Wesen; der unreflektierte Umgang mit "Quasi-Wesen": "interacting with them as quasi-beings". Die virtuellen Antworten Siris sind so "quasi-menschlich", ja oft witzig und charmant, dass erste Videoclips auf YouTube auftauchen, in denen Sänger mit dem Gerät auf der Bühne interagieren. Die Sorge besteht, dass das Verwischen dieser Grenze dazu führen könnte, dass man auch Menschen "wie Maschinen" ansehen und behandeln könnte: "to treat other people like machines".

Nun muss man dazu sagen, dass dieses Thema - auch ohne Spracherkennung- seit 20 Jahren besprochen wird, seit dem Aufkommen der ersten Personal Computer. Man projiziert unwillkürlich solche quasi- menschlichen Eigenschaften auf scheinbar intelligente Geräte, man personalisiert sie sehr schnell und leicht. Das Interface - die Bedienung- dieser Geräte rückt immer weiter in den menschlichen Alltag hinein. Die Bildoberflächen, die Maus, die Spracherkennung- die Interaktion wird immer "natürlicher". Aber kaum jemand wird ernsthaft die Interaktion mit einer Maschine zum Maßstab für all seine menschlichen Kontakte machen. Dennoch- die "virtuellen Entitäten" bekommen mehr und mehr Eigenleben. Menschen, die in der Öffentlichkeit sprechen, kennt man heute schon. Man erkennt nicht, ob sie gerade Stimmen hören oder vielleicht einen Bluetooth- Knopf im Ohr haben. Nun kann man sich also auch mit seinem Handy unterhalten. Heute wischen die S-Bahnfahrer morgens auf dem Weg zur Arbeit mit den Fingern stumm auf ihren Handhelds- bald werden sie alle reden. Die Welt wird noch ein Stück surrealer.

Apple hat übrigens gerade Stellengesuche ausgeschrieben- ausschließlich Fachleute, um die Spracherkennung weiter voran zu bringen. Bald wird uns unser Telefon beim Aufwachen begrüssen und Guten Appetit wünschen, wenn wir ins Frühstücksbrötchen beissen.

Und so wirkt auch Georg Kühlewind, der gerade ein paar Jahre tot ist, etwas old- fashioned, wenn er konstatiert: "Wo Sprache zu vernehmen ist, dort empfindet, ahnt, sucht der Mensch Wesenheiten, deren Äußerung diese Sprache ist". (Kühlewind, "Weihnachten", Stuttgart 1989) Wir tun das tatsächlich unwillkürlich. Wir können kaum anders, wenn Siri etwas putziges "sagt", uns vorzustellen, dass es eine "sie" ist, die da spricht, nicht ein "es"- wir erwarten einfach ein Personhaftes.


Kommentare

  1. Ganz nebenbei, wir haben heute 5000 Kommentare geknackt in diesem Blog. Das ist schon eine lebendige Community.

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  2. Lieber Michael,

    "Aber kaum jemand wird ernsthaft die Interaktion mit einer Maschine zum Maßstab für all seine menschlichen Kontakte machen."
    Ich hoffe natürlich, daß Du damit recht hast.
    Allerdings - ich kann mir da leider nicht ganz so sicher sein wie Du.
    Vor allem nicht bei der nächsten Generation, bei den Menschen, die sich schon in ihren allerersten Lebensjahren an solche "Quasi-Wesen" gewöhnen...

    Ich will "Siri" und dergleichen jetzt nicht etwa "verteufeln".
    Aber wir sollten sehr aufmerksam damit umgehen: hier gibt es meiner Ansicht nach für uns Erwachsene eine Aufgabe, die wir aktiv zu ergreifen haben.
    Wenn wir das versäumten und alles so gehen ließen, wie es "von selber" gehen will, dann würde es wohl tatsächlich immer schwieriger werden, Menschen von Maschinen zu unterscheiden...

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  3. Aber kaum jemand wird ernsthaft die Interaktion mit einer Maschine zum Maßstab für all seine menschlichen Kontakte machen

    Ich stelle mir vor, wie der Umgang mit Maschinen in einer näheren oder ferneren Zukunft der einfachere wird. Sie können sich auf das Individuum einstellen. Sie lernen es kennen. Schmeicheln ihm. Helfen ihm. Verstehen es. Immer.
    Das könnte der Maßstab für menschliche Kontakte werden, durchaus, bei einer bestimmten Klientel?

    Siehe auch Moon

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  4. Der Film sieht gut aus, hier ein Trailer: http://www.moon-derfilm.de/
    Den lade ich mir bei iTunes, Dank für den Tipp!

    Ich denke, die Maschinen werden uns alles abnehmen (und es spiegeln), was an uns "maschinell" ist- auch hin bis zu einem Grad, der wie Verständnis aussieht. Wir werden auf uns selbst verwiesen und werden uns ernsthaft fragen müssen, was bei uns das Originelle ist. Denn nur das - und die Fähigkeit des Improvisierens- wird uns unterscheiden. Die meisten intellektuellen Fähigkeiten können wir an die Geräte delegieren, sofern das assoziierende oder deduzierende Tätigkeiten sind.

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  5. "..uns alles abnehmen (und es spiegeln), was an uns "maschinell" ist- auch hin bis zu einem Grad, der wie Verständnis aussieht. Wir werden auf uns selbst verwiesen und werden uns ernsthaft fragen müssen, was bei uns das Originelle ist. Denn nur das - und die Fähigkeit des Improvisierens- wird uns unterscheiden..." Das ist ein faszinierender Satz, der so vieles auf einen Punkt bringt.
    m.butty

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  6. Ja, diese Maschinen bewegen dazu, sich die eigene geistige Autonomie zu vergegenwärtigen.

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