Gaukelspiel

"Ein alter Eingeweihter schärfte es immer wieder und wieder seinen Schülern ein: Ihr werdet von der Unsterblichkeit der Seele erst wissen, wenn ihr ebenso gern hinnehmt, diese Seele werde nach dem Tode vernichtet, wie sie werde ewig leben. Solange ihr wünscht, ewig zu leben, werdet ihr keine Vorstellung von dem Leben nach dem Tode gewinnen.-


Wie in diesem wichtigen Fall ist es mit allen Wahrheiten. Solange der Mensch noch den leisesten Wunsch in sich hat, die Sache möge so oder so sein, kann ihm das helle Licht der Wahrheit nicht leuchten.


Wer zum Beispiel bei seiner Selbstschau den wenn auch noch so verborgenen Wunsch hat, es mögen die guten Eigenschaften bei ihm überwiegen, dem wird dieser Wunsch ein Gaukelspiel vormachen und keine wirkliche Selbsterkenntnis erlauben."

Rudolf Steiner, Anweisungen für eine esoterische Schulung, Dornach 1979, GA 245, S. 24f

Kommentare

  1. Ja, gibt es das jetzt tatsächlich, wirklich und wörtlich, das Leben nach dem Tode? Oder ist es doch bloß eine Metapher, um "die Sinnlosigkeit des Todes und damit die des Lebens.." -sogar- "..selbst.." bewältigen zu können?

    Leary, der LSD-Papst, sagte mal etwas von Ego-Bewußtheit, dann gäbe es zellulares Bewußtsein, dann molekulares, dann atomares. Das habe er erfahren. Im atomaren Bewußtsein käme der Mensch über die Grenzen der körperlichen Organisation hinaus, würde "das All"... Aber was ist "das All",- jenseits- der Kategorien des "ein All" wahrnehmenden, oder "das All" vorstellungsmäßig definierenden Gehirns?

    Die Hirnforschung "sagt", daß die Out-of-Body Erlebnisse durch das Gehirn simuliert würden, bei Überforderung der Koordinations- und Lokalisations-Funktionen in extremen physischen Ausnahmezuständen.

    Im Zusammenhang mit den in den 60ern und 70ern populären Veröffentlichungen aus der LSD-Forschung häuften sich die Aufmerksamkeiten auf solche Out of Body Erlebnisse. "Natürlich" nur im Zusammenhang mit der Einnahme dieser Substanz. So, wie man in unserem Kulturkreis die Äußerung eines aufrichtigen Gefühls nicht der eigenen Seelenwärme, sondern dem zu diesem Moment genossenen Alkohol zuschiebt, so schiebt man gewisse außergewöhnliche Erfahrungen auch lieber und leichter einer Droge unter. Wenn diese schon nicht während einer Katastrophe erlebt wurden (Unfall, schwere Krankheit o.ä.)

    Der Satz: -Was man "hier" nicht übersinnlich wahrzunehmen gelernt habe, das hätte man auch "drüben" nicht..- klingt in solchen Zusammenhängen auch fast wie eine Drohung! :-))

    Bleibt eigentlich auch ein wichtiges Kriterium, neben dem Willen zur Wahrhaftigkeit, der Humor..

    m.butty

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    1. Lieber Mischa,

      »Ja, gibt es das jetzt tatsächlich, wirklich und wörtlich, das Leben nach dem Tode? Oder ist es doch bloß eine Metapher, um "die Sinnlosigkeit des Todes und damit die des Lebens.." -sogar- "..selbst.." bewältigen zu können?«

      Naja – also, solange wir eine solche Frage stellen, um mit der Antwort irgendwelche „Sinnlosigkeiten“ besser „bewältigen“ zu können, solange wird uns halt diesbezüglich „das helle Licht der Wahrheit nicht leuchten“...

      :-) Ich sage das mit einem humorischen Gelächter ;-) – und meine es durchaus ganz ernst. :-)

      Seeeeeeehr schöne „Anweisung“ des Herrn Doktors. Danke.

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    2. Aber klar, ich verstehe, liebe Ingrid. Jedoch: Wann haben wir denn nicht mehr den noch so leisesten Wunsch, die Dinge all mögen so oder so sein? Wohl dann, wenn wir alle Hoffnung verloren und an der Schwelle des Todes stehen, oder dann, wenn wir im direktesten Leben inmitten stehen, ganz "Desperado", und zum wünschen, vorstellen und denken aber -im gewöhnlichen Sinne- gar nicht kommen. "Für extra" und in der herkömmlichen Absicht also undenkbar. Und die Drogenwirkungen, auch die waren vielleicht so unvorhersehbar und schockierend, daß auch da ein Schwellenerlebnis eintrat..
      Allein, hernach: Kann der Verstand wieder alle möglichen und zuvor unmöglichen Erklärungen finden, um das "Loch im Eimer" der Alltagsbewußtheit zu schließen, und "oh Henry", und der Karl Otto in uns beginnt wieder seinen inneren Dialog.. ?
      Nun gut, über so manches wesentliche kann man nicht reden. Nur dann, wenn man zuvor schon einige Übereinkünfte getroffen hat. Aber dann hat man sich doch viel zu sagen. Auch über Schwellen-Erlebnisse, während derer das Wünschen wirklich verstummt!
      m.butty

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    3. Ich stelle mir das Leben immer wie einen Kreis vor, der vielleicht aus mehreren Kreisen besteht. Wenn ich das Leben der Heiligen anschaue, und der Helden der Legenden usw. dann lesen sich die Geschichten gerundet, Ende und Anfang ineinander übergehend.
      Je vollkommener man das versteht, um so besser kann man begreifen was Endlichkeit ist. Die Begrenztheit besteht ja in der Form. Erst dadurch kann man dann erkennen, was der Kreis nicht beschreibt, was deren wahres Selbst ist.
      Vielleicht kann jemand damit etwas anfangen.

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    4. Liebe AUI
      "Wenn ich das Leben der Heiligen anschaue, und der Helden der Legenden usw. dann lesen sich die Geschichten gerundet, Ende und Anfang ineinander übergehend."
      Mir fiel gleich ein Besinnungsaufsätzchen ein, als ich das las. Es ist ein Versuch, ein "Essay", ein Ausprobieren, innert dessen ich schrieb:
      Marcus Annaleus Lucanus (geb. 39 n. Chr.) gibt einen Hinweis auf „Gesänge“ in der keltischen Kultur: „Euren Lehren zufolge, ihr Druiden, steigen die Schatten (umbrae) weder in die stillen Wohnungen des Erebus, noch in die Tiefen der blassen Königreiche des Dis hinab.“ (Dis gilt nach Cäsar, de bello gallico VI, 18, bei den Kelten als Gott der Nacht, dis pater „Nachtvater“, von dem die Gallier abstammen) „Nach ihrer Lehre suchen die Totenseelen nicht das Reich der Finsternis auf, es lenkt ebenderselbe festgeprägte Geist (idem spiritus artus) in eine andere Welt (orbe alio). Und wenn eure Gesänge Wahrheit künden, so ist der Tod nur die Mitte eines lange währenden Daseins (vitae mors media est)“.

      Wenn der Tod, wie es bei Lucanus heißt, den Druiden die Mitte eines langen Lebens sei, so ist damit wohl gemeint, daß unsere Existenzen in "benachbarten" himmlischen Sphären und in irdischen Zusammenhängen von Abschieden, Wandlungen und Übergängen geprägt sind. - Alles dreht sich- - - um Abschied, um Neubeginn und Wandlungen. Der Tod also ist das Zentrum, was uns, bewußt oder unbewußt, gewollt oder ungewollt, unser großes Dasein bestimmt. Die keltische Kultur war berühmt für ihre Kreistänze und differenziert ritualisierten Jahresfeste, viel davon hat sich erhalten und weiterüberliefert, verwandelt. “Die Mitte” wird wohl nicht als lineare Mitte zu verstehen sein.

      Ein Umkreis erzeugt sich eine Mitte. Ein altes Bild für das Bewußtsein, für den Ursprung der Dinge und für den Geist ist der schlichte Kreis. Der Umkreis gebiert und schenkt einen Mittelpunkt. Ein modern funktionaler Reflex der analytischen Bewußtheit hingegen setzt den Punkt als Ursprung, um von diesem aus einen Radius zu greifen, und so einen Kreis in Besitz zu nehmen.

      Es gibt heute noch, sicher uralt wurzelnde Kreistänze, wo die Tanzenden aufeinander zugehen, ein mittiges Knäuel bilden, und wieder, so weit sie können, ihre Arme streckbar sind, auseinandergehen, den Radius vergrößernd (“Ballen und lösen eines pulsierenden und dabei kreisenden Ganzen.”).
      mischa butty

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  2. Mein lieber Herr Steiner - "Ein alter Eingeweihter...." Na, wer spitzt da nicht die Ohren! Aber bitte, was suggeriert denn die Formulierung - Ein alter Eingeweihter - ?

    Der wird's schon wissen! Warum? Ganz einfach. Ein Eingeweihter! Und, die Sache wird zudem noch getoppt durch "alter" Eingeweihter - Warum arbeiten Sie mit den "Mitteln", von denen Sie in ihrem Gedankengang abraten. Welche? Diese - "Solange der Mensch noch den leisesten Wunsch in sich hat, die Sache möge so oder so sein,..." Bitte, wer hegt denn in Ihrem anthroposophischem Umfeld nicht "den leisesten Wunsch in sich", es möge ihm ein "alter Eingeweihter" den Weg weisen.

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    1. Ja, kitschig, nicht? Da hub main Urgroßvater, der alte Eingeweihte, nachdem er seinen langen weißen Bart zurechtgelegt und den hohen Hut abgenommen hatte, mit erhobenem Zeigefinger an zu sprechen: "Es war einmal ein alter Eingeweither, der aber war mein Urgroßvater, der hatte einen langen weißen Bart und draußen im Walde einen hohen, breitkrempigen Hut auf..."
      m.butty

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    2. Ja, so hat er in seiner theosophischen Ära gesprochen. Die Texte in dem Buch sind so von 1906- 1907. Da hat er uch noch meditative Atemübungen gegeben, was später tabu war. Ich bearbeite die alten Sachen gerade, weil mich Steiners Chakra- Übungen seit jeher interessieren; ich wollte vl etwas darüber schreiben.

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    3. Lieber Mischa,

      »Jedoch: Wann haben wir denn nicht mehr den noch so leisesten Wunsch, die Dinge all mögen so oder so sein? Wohl dann, wenn wir alle Hoffnung verloren und an der Schwelle des Todes stehen, oder dann, wenn wir im direktesten Leben inmitten stehen, ganz "Desperado", und zum wünschen, vorstellen und denken aber -im gewöhnlichen Sinne- gar nicht kommen.«

      Das würde ich so nicht sagen.
      Sondern: gleich, wie die „Hoffnungssituation“ in unserem persönlichen Leben auch aussehen mag - es kann Dinge geben, die uns interessieren, auch wenn sie gar nichts mit uns persönlich zu tun haben.
      Ein Beispiel dafür ist die Mathematik - na, darüber hab ich ja immer wieder mal gesprochen.
      Nehmen wir ein anderes Beispiel - einen spannenden Roman oder Film: eine Geschichte kann mich so „fesseln“, daß ich schließlich ein großes Interesse daran habe, wie sie „ausgehen“ mag --- ganz ohne daß ich eine persönliche Präferenz für einen bestimmten „Ausgang“ habe. Ich werde daher aufmerksam weiterlesen oder zuschauen, sodaß ich zum Schluß wirklich weiß und nicht nur „wünschend vermute“, wie die „Lösung“ ist.

      Und ich kann sogar auch ein ganz persönliches Interesse daran haben, herauszufinden, wie etwas in Wirklichkeit ist, ohne jeden Wunsch, es möge nicht so und stattdessen lieber so sein - zum Beispiel damit ich dann, wenn ich es herausgefunden haben werde, meine Handlungen danach einrichten kann. Oder, sehr viel banaler: weil ich durch das richtige Lösen eines Rätsels irgendwo einen Preis gewinnen will... Auch dann habe ich keine persönliche Präferenz für eine ganz bestimmte „Lösung“.

      Wenn es mir gelingt, ein ähnlich „präferenzloses“ Interesse zu entwickeln für die genannte Erkenntnisfrage, dann habe ich eine gute Chance, daß dieses „helle Licht der Wahrheit“ mir schließlich leuchten wird. Meinst Du nicht auch?

      Im übrigen glaube ich, daß an diesem Problem der sogenannte Konstruktivismus seinen Ausgangspunkt genommen hat.

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    4. "Wenn es mir gelingt, ein ähnlich „präferenzloses“ Interesse zu entwickeln für die genannte Erkenntnisfrage, dann habe ich eine gute Chance, daß dieses „helle Licht der Wahrheit“ mir schließlich leuchten wird. Meinst Du nicht auch?"
      Klar! Daran dachte ich auch, quasi als verzippter Gedanke brachte ich das hier nicht bis zum gedachten Wort! :-)
      Wenn ich auf Extremsituationen jenseits aller Hoffnung hinwies, da war "eine asketische Gier" die Mutter dieses Gedankens, das noch so kleinste, noch störende Wünschen zum Schweigen zu bringen. Ein paradoxes Wünschen. Denn wenn das ganz große "Wissen" sich ereignet, ist keiner mehr da, der sich etwas wünschen kann. Aber bei einem wirklich fesselndem Buch /Film / Sonnen und Wetterereignis, ach, es gibt so vieles an Beispielen, ist dies wirklich auch so. Es bedarf nicht immer einer Radikalität und dem Herbeizitieren von Extremen, um Schwellen in ein "hinaus" zu überschreiten.
      m.butty

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  3. Tscha, 19o7 malte Picasso "Les Demoiselles d’Avignon". Aber nicht, weil ein "alter Eingeweihter" und auch kein "alter Meister", ihm dazu angeraten hatte. Die moderne Malerei vollzieht in aller Vollgerichtigkeit und in aller Öffentlichkeit denjenigen Weg, der früher als "Schulungsweg" im Verborgenen zu gehen war. Und das mit Erfolg! Die Kinder wachsen heute bereits mit einem Paul Klee auf. Das "schult" ihr Sehen!

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  4. Aber eigentlich waren die Dauer- Vorträge Steiners aus dem Improvisieren heraus eine Art Performance- ein Live-Act der modernsten Art. Er hätte vielleicht einen Kojoten und einen Hasen auf die Bühne setzen sollen.

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  5. Zum „kitschigen“ Stilmittel des alten Eingeweihten:
    :-) Ich muß gestehen, das war mir gar nicht aufgefallen ob der Wahrheit dessen, was dieser „alte Eingeweihte“ zu sagen hat.

    Freilich, wer so etwas glauben wollte aufgrund der Autorität dieses weisen Alten (oder, was so ziemlich dasselbe wäre: aufgrund der Autoriät des Herrn Doktors...), der hätte wohl nicht wirklich verstanden, worum es geht.

    Ich wäre ja seeeeehr gern dabeigewesen und hätte Steiners Stimme gehört, sein Gesicht gesehen, als er das sagte... wer weiß, vielleicht saß ihm ja dabei der „Weltenhumor“ im Nacken... oder er dachte sich angesichts der andächtig an seinen Lippen hängenden Augenpaare: irgendwie muß ich vermeiden, daß sie mich für den „allereinzigsten großen Guru“ halten - sie sollen doch zumindest wissen, daß es auch noch andere Eingeweihte geben kann... ;-)

    Natürlich hast Du recht, Burghard: künstlerische Inspiration kommt längst ohne die Anleitungen von „Eingeweihten“ aus.

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