Jost Schieren: Die Verunwissenschaftlichung der Anthroposophie

"Die Kulturprobleme, auf die die Anthroposophie immer wieder stößt, sind gar nicht immer originär mit dem Werk Steiners verbunden, sie sind hausgemacht. Es sind Probleme mit den Anthroposophen und nicht mit der Anthroposophie.
Als gravierendes Problem ist die unkritische Übernahme von Steiners Aussagen ohne eigenständige Überprüfung, ohne eigenständige Beobachtungfähigkeit zu nennen. Hier zählt der Glaube an die Aussagen Rudolf Steiners mehr als die eigene Erkenntnisbemühung. Wenn sich daran noch Kompilationen aus Steiners Werk und darauf aufbauende Spekulationen anschließen, hat man den Boden wissenschaftlicher Gründlichkeit vollständig verlassen. Ein Großteil der Veröffentlichungen  anthroposophischer Autoren behandelt die Aussagen Rudolf Steiners als unbezweifelbare Tatsachen. Es wird beispielsweise über Reinkarnationsfolgen und Verhältnisse in der sogenannten geistigen Welt sinniert, ohne sich von dem Mangel eigenständiger Erkenntnisleistungen beirren zu lassen. Schlimmer noch: Die Gewohnheit eines jahrzehntelangen Steiner-Studiums führt zu dem Glauben, man wisse über die von Steiner dargestellten Sachverhalte Bescheid und könne (und solle) Dritte darüber belehren. Der  individuelle Erkenntnisabstand zum Werk Rudolf Steiners wird durch ausdauernde Lektüre gewohnheitsmäßig unterschlagen. Das ist in etwa so, als befände man sich nach einem ausdauernden Besuch von Gemäldegalerien in der Illusion, nun auch wie Raffael malen zu können. Das mangelnde Bewusstsein des realen Erkenntnisabstandes zu den Aussagen Rudolf Steiners ist eine Quelle nicht der Unwissenschaftlichkeit, aber der Verunwissenschaftlichung der Anthroposophie."

Quelle & ganzer Text Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Deutschland
Fachbereich Bildungswissenschaft

Kommentare

  1. Der Link zur Quelle-Angabe wirkt nicht (gut). Vielleicht besser ist dieser.

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  2. Lieber Michael,

    vielen Dank fürs Aufmerksammachen! Ich freu mich seeeeehr über diesen Artikel von Jost Schieren, der mir in sehr vielem aus dem Herzen spricht (und im übrigen eigentlich den Titel "Die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie" trägt ;-)).

    Zu den links:
    Mit meinem firefox schlägt mir Dein link direkt den pdf-Download vor, während Michels link mich zuerst ein "abstract" sehen läßt; insofern ist Michels link tatsächlich ein wenig "besser".

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  3. Das ist natürlich sehr, sehr gut und wahr: " Ein neues Bewusstsein wird nicht dadurch gewonnen, dass man etwas über die geistige Welt erfährt, sondern allein dadurch, dass man sich selbst über sie durch eigene denkende Beobachtung Aufschluss verschafft.” (Witzenmann, 1998, S.
    168f.) Hier wird ein Grad an Autonomie und Individualisierung im Umgang mit den Aussagen Rudolf Steiners gefordert, der in der anthroposophischen Bewegung bisher wenig Berücksichtigung gefunden hat. Das treue, meditativ orientierte Textstudium der Werke Rudolf Steiners gilt bisher als das gültige Rezeptionsparadigma." Das ist das Grundübel: Die mangelnde Autonomie und die naive Rezeption, womöglich mit neuen "Offenbarungen" gepaart a la von Halle.

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    1. Lieber Michael, mit Verspätung entdecke ich erst, daß Du wiedermal aus JvH das glatte Gegenteil von dem machst, was sie ist. Als ich den Artikel oben las, dachte ich nämlich als erstes: na wenigstens gibt es eine selbständig und autonom arbeitende und Erkenntnisse sammelnde Judith von Halle...Und Du nimmst sie glatt als Beispiel für das Gegenteil...

      Ansonsten: ich bin seit Monaten in einem "Kurs" mit ihr (über die Mysteriendramen), wo wir - unter ihrer Anleitung - uns alles mögliche selbst erarbeiten, wie ich das noch nie und nirgends in einer Gruppe Anthroposophen erlebt habe. Und Du erzählst leider wiedermal das Gegenteil von allem, was wahr ist bezüglich JvH...Das ist schon schade, da Du offensichtlich unbelehrbar bist, auch nicht unbefangen - nicht einmal zurückhaltend und vorsichtig in Deinen Äußerungen.

      Abgesehen davon ist auch das wiederholte, reine "Textstudium" der Werke Steiners nichts, was von mangelnder Autonomie zeugt, dazu gibt es ja auch viele Äußerungen von R.St., die man m.E. auch ernst nehmen sollte - viel ernster als es die meisten nehmen...- z.B.:
      "Gewiß, es müssen zum „Lernen“ andere Übungen hinzukommen, wenn der Schüler rasche Fortschritte in dem Erleben der höheren Welten machen will; es sollte aber niemand die unbegrenzt große Bedeutung gerade des „Lernens“ unterschätzen. Und jedenfalls kann niemandem Hoffnung gegeben werden, daß er durch irgendwelche Übungen rasche Eroberungen in den höheren Welten machen werde, der es nicht zugleich über sich bringt: unablässig sich in die Mitteilungen zu vertiefen, die, rein erzählend, von den Vorgängen und Wesen der höheren Welten von berufener Seite gemacht werden."
      GA 12, S. 62ff.

      Aber auch jemand, der nur "sich informieren" will bei R.Steiner - ohne den Anspruch zu haben, je eigene Erkenntnisse zu haben - darf berechtigt sich mit Anthroposophie beschäftigen, aus vielerlei Gründen, z.B. deshalb:
      "Ausschließen das Wissen von den geistigen Welten auf der Erde heißt, sich geistig-seelisch blenden für sein Leben nach dem Tode. Und man tritt einfach als ein Krüppel in die geistige Welt ein, wenn man durch die Todespforte tritt, wenn man es hier auf dieser Welt verschmäht, von der geistigen Welt etwas zu wissen, denn die Menschheit entwickelt sich zur Freiheit."

      Auch solche Äußerungen von Rudolf Steiner finde ich immer wieder beeindruckend:
      "In alten Zeiten haben die Menschen hellseherische Offenbarungen gehabt und sie haben sie nicht verstanden; sie haben sie erst später verstehen gelernt. Heute muß der Mensch zuerst verstehen, muß anstrengen seine Intellektualität, muß anstrengen seinen Verstand, und wenn er ihn anstrengt durch das, was in der Geisteswissenschaft vorliegt, dann wird die Menschheit sich hinentwickeln wiederum zum hellseherischen Aufnehmen des Geistigen. Das ist allerdings etwas, was die meisten Menschen heute noch vermeiden möchten:
      ihren gesunden Menschenverstand anzuwenden, um die Geisteswis­senschaft zu verstehen. Würde man es vermeiden wollen, so würde man auch vermeiden wollen, überhaupt die geistigen Offenbarungen in unsere irdische Welt hereinzulassen."
      Viele Grüsse von Wolfgang Stadler

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    2. Lieber Wolfgang, es ist nicht meine Absicht, Frau v Halle in irgend einer Weise zu denunzieren. Ich kenne sie leider nicht persönlich und kann nur von den Büchern ausgehen, die mir vorliegen. Die wundersamen Schauungen, bildmächtigen Schilderungen und offenbarten Mysterien sind für mich alles, was ich beurteilen kann. Von meinem Standpunkt aus, der eine Art rationaler Spiritualität vertritt, läutet sie damit eine neue Reihe von Offenbarungen ein, die man glauben kann oder nicht. Daher sehe ich das, was sie öffentlich vertritt, etwa so, wie die Enzyklika zur Marienheiligkeit in der katholischen Kirche des 19. Jahrhunderts. Das ist etwas, was ich nicht teilen möchte. Die letzten Bücher habe ich nicht gelesen- aber von den Inhaltsangaben her scheint sich die Tendenz zum Wundersamen, Glauben Erfordernden weiter zu verstärken. Ich finde das sehr plakativ, und es reduziert den Anthroposophen zum passiven Anhängertum. "Berechtigt" mag das ja sein; ich persönlich möchte an diesem Punkt nur nicht folgen.

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  4. In Firefox wird bei mir die Datei geladen, außerhalb des Browsers. Kann man vermutlich in den Einstellungen ändern.

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  5. Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel.

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  6. "Es ist eine Errungenschaft der Geisteswissenchaft Rudolf Steiners, dass es uns Heute möglich ist, unsere Wahrnehmungen mittels eines geschulten, klaren Denkens in wirklichkeitsgetreue Erkenntnisse zu verwandeln."
    (Judith von Halle: Der Abstieg in die Erdenschichten)

    (und glückliches neues Jahr..)

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    1. Danke gleichfalls, Emerenz. Das zitierte Buch von JvH habe ich leider noch nicht gelesen.

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