Peter Selg zur "geisteswissenschaftlichen" Methodik

"Doch die in sich bewegliche und variable spirituelle Welt, deren genaue Erkenntnis Ziel bzw. Inhalt der anthroposophischen Geisteswissenschaft war, setzte dem Wunsch nach präziser und definitiver Darstellbarkeit in nicht nur sprachlicher Hinsicht Grenzen- so betonte Steiner selbst wiederholt, dass die Erkenntnisse immer weiter zu gehen haben, dass sie keine Grenze haben, dass die Dinge so kompliziert sind, dass, wenn wir einen Gesichtspunkt erfasst zu haben glauben, wir gleich genötigt sind, zu einem anderen überzugehen, der uns die Sache wieder von einer anderen Seite beleuchtet erscheinen lässt (121, 105).

Er verneinte damit in diesem Sinne denn auch die Möglichkeit einer formal widerspruchsfreien Darstellung des in geistiger Anschauung Gewonnenen und sah sich genötigt, die beschreibende Charakterisierung anstelle der gültigen Definition zu setzen, die Annäherung aus verschiedenen Bedeutungsrichtungen einer monoperspektivischen Orientierung vorzuziehen, die - als eine bestimmte und damit festgelegte- immer nur in einer von der Totalität des geistig Wirklichen reduzierenden Abstraktion erreicht werden kann.

Dennoch blieb die möglichste Genauigkeit, die höchste Präzision Ziel einer Geisteswissenschaft, die sich selbst als eine zu entwickelnde verstand- Entwicklung und Ausbildung einer spirituellen Forschungsart, die zu immer konkreteren Ergebnissen zu kommen suchte: Geisteswissenschaft gleicht dem, was wächst und sich entwickelt (109, 125). Man muss geduldig Stück für Stück verfolgen (98, 138)."

Peter Selg, Vom Logos menschlicher Physis. Die Entfaltung einer anthroposophischen Humanphysiologie im Werk Rudolf Steiners. Band I, Dornach 2000, S. 90

Kommentare

  1. "sah sich genötigt, die beschreibende Charakterisierung anstelle der gültigen Definition zu setzen,..."

    Sag ich doch schon immer, wer nicht beschreibt, sieht nichts und wer nichts sieht hat nichts zum (be)Denken. Wer es dennoch tut denkt nicht, sondern reflektiert fremdes "Licht" und wirbelt Staub auf. Auf der Brust des Türstehers steht "Intellekt" und der Verstand runzelt seiner ansichtig meine Stirn.

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  3. Wenn wir schon beim "sag ich schon immer" ;-) sind, möchte ich auch noch den anderen Teil des von Dir Zitierten wiederholen (Hervorhebungen von mir):

    »sah sich genötigt, ... die Annäherung aus verschiedenen Bedeutungsrichtungen einer monoperspektivischen Orientierung vorzuziehen, die - als eine bestimmte und damit festgelegte - immer nur in einer von der Totalität des geistig Wirklichen reduzierenden Abstraktion erreicht werden kann.«

    :-)
    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

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  4. Liebe Ingrid,

    ... das ändert aber nichts an einer/der Tatsache des Beschreibens an sich.

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  5. Lieber Manfred,

    nein - natürlich nicht.
    Aber es ändert möglicherweise sehr viel am Umgang mit Beschreibungen, sowohl eigenen als auch fremden...

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  6. Liebe Ingrid

    ...der Umgang mit Beschreibungen, möglicherweise, ja, schön, wenn man den dann nicht gleich wieder definieren würde/wollte/täte, denn es gibt auch Beschreibungs"perspektiven" --- . "Umgang" sollte man möglichst plastisch und 3-dimensional zu praktizieren versuchen, wie das Wörtchen bereits vermitteln möchte. Der gute Wille versteht schon, wenn man will.

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