Prosaisch


























Nun wird es prosaisch. Die Heiligen Nächte sind vorbei, und Manchem, der sie miterlebt hat, ist es nun, als seien die umgebenden Dinge wie frisch gewaschen, in neuem Licht; ihr Zauber ist verflogen. Der Höhepunkt dieses innigen Erlebens liegt nach meinem Empfinden in der Silvesternacht- die Tage und Nächte davor und danach umgeben die Dichte dieser besonderen Zeit, in der man sich geborgen und getragen fühlen durfte.
Wir waren in der Silvesternacht in einem an sich ziemlich schrecklichen Orgelkonzert im Münster der Stadt. Die Musik war bemüht erheiternd, daher brachte man vor allem die unsägliche Nußknackersuite mit drei antiken und ziemlich quäkenden Orgelinstrumenten. Aber dennoch war die Dichte dieser Zeit wie mit Händen zu greifen- die Erinnerungen so nah, Menschen, die mir nahe gestanden hatten und jetzt tot waren, schimmerten am Grund einer transparent gewordenen Seele auf. In dieser Zeit ist es, als sei mein Inneres nach außen gestülpt, so dass sich die Sterne darin spiegeln können.

Nun aber: Vorbei. Nach Steiner hat man, wie in der orthodoxen Kirche, ursprünglich Weihnachten immer am 6. Januar gefeiert- die Verschiebung entspricht dem Verlust des Verständnisses der Epiphanie zugunsten der "Geburt des Kindleins": "Aber gerade in der Zeit, in der der Materialismus sich des Erdenwesens des Menschen bemächtigte, da konnte man auch nicht mehr verstehen, wie die Einwirkung des Außerirdischen, des Himmlischen, im Symbolum der Johannestaufe im Jordan sich vor die Menschheit hingestellt hat. Da verlor man sozusagen das Verständnis für den Sinn des Festes vom 6. Januar, des Festes der Erscheinung Christi, und man nahm zu anderem seine Zuflucht. Alles dasjenige, was man hatte an Empfindung, an Gefühlstiefe, die sich bezogen auf das Mysterium von Golgatha, das bezog man nun nicht auf den überirdischen Christus, das fing man an zu beziehen auf den irdischen Jesus von Nazareth. Und aus dem Feste der Erscheinung Christi wurde das Fest der Erscheinung des Kindes Jesus. (R. Steiner, GA 209, S. 154)

Es gibt darüber keinen Grund zu Gefühligkeiten- warum auch. Der Fluss hat Hochwasser, es regnet aus Kübeln, es ist allerlei zu erledigen, das Jahr ist erwacht, los.

Kommentare

  1. Es ist doch auch ein Entgegenkommen, wenn man es bewusst tut, zu den alten Religionen, mit ihrem Mitternachtsritus. Nun gibt es eben zwölf Heilige Nächte, und etwas ganz Neues entsteht.

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  2. Manchmal wirds ja schon viel früher prosaisch, oft unmittelbar nach Weihnachten, sobald nämlich der Umtauschrun eingesetzt hat (oder diverse Verdauungsprobleme ;-) ...

    Sehr schöne Gedanken! ... allerdings glaube ich, dass eine jahreszeitgemäße Winterlandschaft, weniger prosaisch ausgefallen wäre, als dieses grau in grau der letzten Tage ..

    LGr.

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