Roland Benedikter und Jae-Seung Lee über China

Genau genommen handelt der sehr differenzierte, ja sensible Artikel vom Verhältnis Chinas zu Europa, den USA- und umgekehrt. Es wird, wenn man so will, ein Beziehungsdrama gezeigt, und nebenbei ein Herd der Missverständnisse nach dem anderen aufgerollt. Konkret geht es um das Verhältnis Chinas zur Schuldenkrise in Europa und den USA. Dass China nicht unbedingt in die Bresche springt, die die Finanzkrise den westlichen Staaten und Staatengemeinschaften beschert hat, ist aus deren Sicht auch dadurch begründet, dass man trotz aller wirtschaftlicher Verflechtungen eine gewisse Eigenständigkeit bewahren möchte: "Die heutigen chinesischen Eliten sind überzeugt: Sich mit größeren Finanzspritzen in die westliche Schuldenkrise hinzubegeben, hieße, in eine (weitere) Anpassungs- und Vereinnahmungs-Falle des Westens zu tappen – also sich in ein Feld zu verstricken, wo eine kapitalistische Zukunftsvision das Spiel bestimmt, die nicht die Chinas ist."

China sucht einen eigenen asiatischen Weg und daher auch Verbündete in der Region. Womöglich, nebenbei bemerkt, ergibt such daraus auch eine neue Positionierung gegenüber Birma und -später- auch Nordkorea. Die Zeit der auszubeutenden Vasallenstaaten geht zu Ende und damit eine Politik, die eher dem Kolonialismus ähnelte. Die sich zerfleischenden Europäer und die innenpolitisch gelähmten USA sind so mit sich selbst beschäftigt, dass China im Grunde nur warten muss: "China muss nur stabil bleiben, Kontinuität haben, seinen Weg ruhig weitergehen und noch eine Generation warten, um neben den USA und Europa zur neuen "G-3" Supermacht des 21. Jahrhunderts zu werden – wenn nicht gar zur einzig führenden Weltmacht."

In der Zwischenzeit saugt China das gesamte technologische Know-How des Westens in aller Ruhe auf und liefert im Gegenzug Billigprodukte: "Faktisch kauft China mit seinen Handelsüberschüssen aus den USA, die es großteils für den Export von einfach gestrickten Billigwaren, Handarbeit und Low-Technology erhält, das amerikanische Hochtechnologie-Know-how auf. Es tauscht also über den Umweg seiner bilateralen Handels- und Devisenüberschüsse Billigpuppen für High-Tech, ohne dass die USA das bisher wirklich realisiert haben."
Ob die optimistischen Prognosen, dass China damit langfristig auch politisch Grundsätze des Westens importieren wird, stimmen, steht dahin. Bislang ist davon nicht nur nichts zu sehen, China rüstet stattdessen massiv auf. Es bestehen aber innenpolitisch Widersprüche, die die Stabilität Chinas in Zukunft in Frage stellen könnten: "Die chinesischen Eliten sind ausgezeichnet ausgebildet, besser als die meisten westlichen; und zwischen ihnen und dem Rest der Bürokratie und der Bevölkerung klafft ein viel größerer Abgrund."
Bislang sind die inneren Probleme (außer der galoppierenden Inflation und einer wachsenden Immobilienblase) nicht so drängend, dass die grundsätzliche Positionierung Chinas in Frage gestellt wäre: "Nicht Usurpierung Europas (und des Westens) und seiner Konzeptionen von einer guten Modernisierung ist Chinas Anliegen, nicht "Eroberung" von Sphären - sondern Sicherstellung des eigenen "chinesischen Wegs" in die Moderne, einschliesslich seiner langfristig stabilen Festsetzung in ressourcenstrategisch wichtigen Zonen wie Afrika und Gewinnung der Hochtechnologie-Führung."

Die weiteren, sorgfältig beobachteten und umsichtig formulierten Betrachtungen sind bei "Die Welt" nachzulesen.

Kommentare

  1. Danke für diesen Hinweis. Ich bastele immer noch an meinem Börsenausblick für 2012 herum und China ist da natürlich ein ganz wichtiger Faktor. Die seltenen Erden, die Windkraftparks in der Wüste Gobi, was früher mal das Shangrila des westlichen Esotericismus darstellte.
    Gruss
    Herrmann

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  2. Endlich mal einer, der noch Kapital zum Investieren hat..

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  3. Hat die augenblickliche Irankrise auch etwas mit China zu tun?
    m.butty

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  4. Ja, kurbelt die Wirtschaft an! Es geht nicht darum, immer reicher zu werden, sondern den Handel in Bewegung zu halten. Gerne auch mit China. Die merken auch immer mehr, dass es klug ist, in Nachhaltigkeit zu investieren. Die ganzen alten Themen von USA und Europa, kommen jetzt zukunftsweisend wieder. Alles neu!

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