Ansgar Martins praktiziert "das leidige Differenzieren" in Bezug auf Anthroposophie und Faschismus

Ansgar Martins setzt sich in einem neuen Artikel im Waldorfblog- "Lichte, Steiner, Mussolini – Anthroposophie, Faschismus und das leidige “Differenzieren""- erneut, aber auf einem sehr hohen Niveau, was Recherche und eben Differenziertheit betrifft- mit dem Thema Anthroposophie und Faschismus auseinander. Anlass war ein neuer Rundumschlag des Dauerkritikers Andreas Lichte bei den Ruhrbaronen. Darin wird u.a. - was mich selbst betrifft- behauptet:

"Vollends privat wird die Verehrung Rudolf Steiners und Massimo Scaligeros bei Michael Eggert, der meines Wissens keine offizielle Funktion in der Anthroposophie hat, und auch nicht in einer anthroposophischen Einrichtung arbeitet. Eggert soll hier für die Haltung des normalen Durchschnittsanthroposophen stehen.
Michael Eggert wurde von Peter Staudenmaier – dem dieser Artikel zu verdanken ist, siehe „Credits“, unten – und mir über Massimo Scaligeros Faschismus, Rassismus und Antisemitismus umfassend informiert. Michael Eggert hatte also nicht mehr die deutsche Standardausrede „Aber ich hab’ doch nichts davon gewusst!“, als er Massimo Scaligero auf seinem Blog „Egoisten“ als spirituellen Lehrer vorstellte, siehe: „Die Kraft des Lebens“. Kein bedauerlicher Einzelfall, zuletzt gab es im Januar 2012 einen weiteren Blogeintrag Eggerts zu Scaligero: „Unbewegt“
Eggert preist die „Spiritualität“ Massimo Scaligeros an, eine „Spiritualität“, die Scaligero als Legitimation der Judenverfolgung diente. Warum tut Eggert das? Fragen Sie ihn selber nach seinen privaten Motiven. Ich kann nur vermuten, dass es für Eggert und viele andere Anthroposophen einfach zu spät ist, sich von ihrem anthroposophischen Glauben zu befreien. (..)"

Martins ist in seinem umfassenden Artikel bemüht, die ideologischen Kurzschlüsse Lichtes aufzulösen. Die Behauptung, ich hätte Scaligeros faschistische Vergangenheit und seine frühe, lebenslängliche Anhängerschaft gegenüber dem faschistischen "Magier" Evola geleugnet oder relativiert, ist ja leicht durch voran gehende Artikel von mir oder in meinem Blog referierte Arbeiten des Historikers Peter Staudenmaier zu widerlegen. In Bezug auf den Werdegang Scaligeros ist nichts zu beschönigen- ein Umgang mit seinen späteren anthroposophischen Texten scheint mir aber bei gehöriger Distanzierung und vorsichtiger Annäherung möglich. Ich bin mir auch bewusst, dass Scaligero selbst diese Distanzierung nicht betrieben hat- die späten Erklärungsversuche erscheinen- so weit sie mir in Übersetzung vorliegen- allenfalls beschwichtigend. Von einer "Verehrung" Scaligeros bei mir kann also keine Rede sein. Aber Martins geht umfassender und grundsätzlicher an das Thema heran. Er spricht von einer "Polyvalenz der weltanschaulichen Diskurse, die nur durch differenzierte Betrachtung erfasst werden kann", wobei er Kocku von Stuckrad zitiert:

"Traditionen lassen sich nicht auf bestimmte Diskurse begrenzen. Vielmehr entwickeln sie sich aus gemeinsamen Fragestellungen und zeitgenössischen Interessenlagen. Mehr noch: Diskursfelder verändern religiöse Identitäten und führen mitunter zu erstaunlichen Allianzen und Parallelen zwischen vermeintlich getrennten religiösen Traditionen … Die Forschungen zur religiösen Sozialisation haben ergeben, dass im 20. Jahrhundert von einer geschlossenen religiösen Identität, die nach dem Motto verfährt ‘Eine Person = eine Religion’, keine Rede sein kann."

Auch Staudenmaier spricht von einer Nichteindeutigkeit politischer Präferenzen in Bezug auf Anthroposophie, von einem "left-right crossover that has marked anthroposophical politics from the beginning".

Das Dilemma, sich mit einem derart diskreditierten Autor (dessen faschistische Vergangenheit in vielen anthroposophischen Stellungnahmen bis heute verschwiegen wird) zu beschäftigen, war mir von Anfang an klar. Da seine Idealisierung in italienischen anthroposophischen Kreisen (u.a. bei Facebook) bis heute weiter getrieben wird, setzt man sich in der Auseinandersetzung mit Scaligero naturgemäß zwischen alle Stühle. Martins ist so freundlich, diese meine Positionierung zu akzeptieren:

"Man muss schon sehr überzeugt von Scaligeros Meditationstexten sein, damit sie einem durch dessen faschistisches Engagement nicht ungenießbar werden. Nichtsdestominder hat Eggert sich von diesem Faschismus glaubhaft distanziert, “diszipliniert kritische Distanz” gefordert und überdies (mehrfach) einschlägige Texte von Staudenmaier publiziert (darunter btw. auch ein sehr guter zu Martiloni und Waldorf im NS). Warum – könnte man die Frage umdrehen – verschweigt Andreas das?"

Er ist auch so nett, die Belege aus meiner Website gleich mitzuliefern. Nun bin ich trotz aller Bemühungen von Andreas Lichte vielleicht nicht vollkommen diskreditiert, aber eine Schmach, die Lichte mir antut, bleibt natürlich weiter im Raum: "Eggert soll hier für die Haltung des normalen Durchschnittsanthroposophen stehen." Das könnte ein neuer Untertitel für meine Websites und Artikel werden: Der normale Durchschnittsanthroposoph. Da muss ich durch.


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