Regrets of the Dying


Die Frage ist ja die, ob man leicht gehen kann. Ich meine nicht die Luftikusse; ich meine die, die schon mit schweren Füßen gingen, die ihr Feld beackert haben, die Bäume gepflanzt und leider auch gefällt haben. Die mit den Schnitzspuren im Gesicht, die einen Turm errichtet und abgerissen und wieder aufgebaut haben, die dem Wind trotzten statt ihm auszuweichen und die ihre Hände in Schuld wuschen.

Was bleibt mir was habe ich was habe ich verpasst?

Am Morgen sitzen fünf Teufel auf unserer Bettkante, wenn wir gerade erwachen, wenn wir wie gewohnt die Augen öffnen, um uns kurz zu vergewissern, ob der Körper unschöne Signale von sich gibt, ob die rechte Schulter knackt, ob es in den Gedärmen fuhrwerkt. Es sind die Sorgen, zu sehr nach den Erwartungen Anderer gelebt, zu viel gearbeitet, sich selbst nicht adäquat ausgedrückt, sich selbst unglücklich gemacht und sich nicht um die Freundschaften gekümmert zu haben. Die Dinge sind vor uns vorüber gezogen, ein kurzer Film. Wie oft waren wir nicht präsent, wie oft haben wir uns mit unserem Dünkel und unseren spießigen Erwartungen selbst gehindert, wie haben wir uns verstrickt in etwas, in das wir hinein gewachsen sind, mit dem wir verbacken waren und was jetzt alles abfällt und verschwindet. Wie viel Zeit und wie viel Kraft haben wir verschwendet- an was? Wir befanden uns in stetem Galopp, mit Scheuklappen. Jetzt sieht es aus, als wären wir auf der Stelle gerannt, ohne uns zu bewegen.

Die Frage ist ja, ob man leicht gehen kann. Wir stehen da, mit etwas Luft in der Hand. Man sollte nicht denken, wie schwer die wiegen kann, so schwer wie das Hätte und Würde und Werde und Möchte, dem wir gefolgt sind. Wir haben nach vorne und nach hinten gelebt, aber selten dort, wo wir uns befanden. Wir haben die Hände in Blut gewaschen und dem Wind doch nicht widerstanden.

Nun sind die Türme versunken, die Furchen, die wir zogen, glätten sich und wir werden, langsam, leicht wie eine Feder. Wir legen unsere Träume in die Hände eines Anderen. Der Horizont liegt weit und klar. Die Fahnen stehen stramm im Wind. Die Glocke läutet wie zum Abschied, wenn der Zug auf seinen Gleisen stampfend ostwärts fährt. Nun wird es Zeit zu gehen.

(Eine kalligraphische Ergänzung zur Website Regrets of the Dying.)

Kommentare

  1. Ich bin ganz froh es zu lesen während ich gerade eine Phase vor der Palliativpflege mache, d.h. am relativ lebendige Anfang eines Einsatzes. Im Lauf der Jahre wird sich das ändern, und dann kann man mitnehmen, was man hier erarbeitet hat...
    Vielleicht auch für sich selbst einmal?

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  2. Whitney Houston tot - all mein Mitgefühl für ihr Schicksal.

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  3. Oh, immer 1:1 Betreuungssituation.
    Wenn man im Privathaushalt arbeitet, ist das aus meiner Sicht die einzig faire Arbeitsweise.

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  4. Liebe Freudean, ich habe die Nachricht heute mittag gelesen und konnte es kaum glauben. Aber es ist wahr. Es tut mir sehr leid. In meiner Jugendzeit in den 80ern war ich Fan, und auch später habe ich ihre Stimme sehr bewundert. Im Facebook habe ich heute gelesen, sie singt nun wieder mit Michael Jackson, John Lennon und Jimi Hendrix. Bei aller Traurigkeit habe ich mich dann irgendwie für sie gefreut.

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