Im Traumbaum


Von Sternstaub genährt, von Licht geformt- ein Abdruck dessen, was uns im weitesten Sinn umgibt. Wir hinterlassen die Spur im Sternenstaub - eine Schrift, in der nur wir selbst uns ausdrücken, für jeden lesbar, aber unverwechselbar. Wir drücken das weiteste Rund in uns aus - vielleicht den Rand einer Galaxie-, aber wir schreiben uns zugleich bis in die DNS selbst hinein in diese unsere Leiblichkeit. Wir waren auf einem Auge blind, vielleicht beschäftigte uns ein rotierender Zwillingsstern, vielleicht lenkte uns der Mutterkuchen eines Sternennebels ab;  wir waren nicht auf der Hut. Hier, an diesem Punkt war immer unsere Schwachstelle. Und im Untergrund strömen die drängenden Strukturen unseres Erbes- der ewigen Schwächen, die eine Familie durchziehen.

Von Sternenstaub genährt, von Licht geformt- ein Produkt, ein Resultat, eine Persönlichkeit. Selbstreflektiert nur im oberen Geschoss, in dem die Fenster weit offen sind und die klare Frühlingssonne herein scheint. In den Keller, in dem vielleicht in den losen Untergrund getriebene Stelzen und Stämme das ganze Gebäude halten, dringt kein Blick. Man konzentriert sich lieber auf die äußere Fassade, stellt Blumenkästen in die Fenster und frischt den Vorgarten auf.

Manche sagen, für eine Exkursion in den Keller bräuchte man ausgesuchte Experten. Aber wer würde sich besser auskennen in diesem windschiefen Haus als ich selbst, der Bewohner?

Von Sternenstaub genährt, von Licht geformt, eingesperrt in dieses Haus, auf diesem Grundstück, in dieser Gegend- ein Heim, das mir Halt gibt, obwohl es einem strengen Sturm vielleicht nicht stand hielte. Hier bin ich, und dort ist alles andere.

Als die Knospen ausschlagen, klettere ich im Garten auf den alten Nussbaum, in dem die Eichhörnchen überwintert haben. Von hier oben hat man einen weiten Blick. Hausdach reiht sich an Hausdach, eine endlose Reihe in jeder Richtung. Träumend steige ich höher, ein funkelndes Etwas im dunkelnden Blau. Ein Lichtermeer geht an- eines dort am Boden, verteilt über einen nächtlichen Kontinent, und eines über mir. Es fühlt sich an, als sei mein Brustraum geweitet, als zögen hohe Winde hindurch, als schiene der Mond in meiner Achsel, und Jupiter stünde mir mitten auf der Stirn. Es wird kalt- Zeit, herab zu steigen und den Ofen zu entzünden. Die Nacht ist kurz, im Osten flammt die Sonne allmählich auf. Ich bin im Haus, aber ich fühle mich nicht mehr allein.

Kommentare

  1. Karl, da sind sie ja wieder, diese schönen Geschichten von dir ;-))

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    1. Ich bedanke mich, dass es Menschen gibt, die es lesen. Für mich ist es wunderbar, die Fantasie schweifen zu lassen- auch eine Art, Luft zu holen und daraus etwas zu gestalten. Es ist ein Grundbedürfnis.

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    2. Ach, gerne bitte mehr davon - vielen Dank!

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  2. Oh, was für eine schöne Traumwanderung...
    Danke...

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  3. Ja, gerne mehr davon! :-))
    m.butty

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  4. Oh, die Konjunktion als Photo! Nun: Mond/Venus/Jupiter (in der Conjunctio) wird in einer Stilrichtung indischer Astrologie "Das Blumengestirn" genannt. Es fördert die Anmut der Geste, die Sensibilität für Poesie und Wortspiel, Einsicht in zwischenmenschliche Zusammenhänge und Verworrenheit, Einsicht in die eigenen Zusammenspiele, es fördert den Exhibitionismus, auch mentaler Art (man wird "zur Einsicht" für Andere), es macht anschmiegsam, und läßt zur Unselbständigkeit tendieren, und kann auch im Sinne der Pendeleffekte des Geschicks zuerst beliebt machen, bis der Beliebte wie ein ausgelesenes Buch das Interesse der Umwelt verliert.

    Unter dem Einfluss solchen planetaren Zusammenwirkens entstandene Poesie oder Liebesbriefe sind "blumig";nämlich anschaulich, bunt und reich an Metaphorik.

    Aber es liegt mir ferne, lieber Michael, Deinen obigen meditativen Text im Zusammenhang mit meiner Schilderung der Konjunktion "Blumengestirn", -zur Zeit noch abends im Westen zu sehen-, zu bewerten. Die Meditativen Regenerarien des Egoblog sind immer so schön, daß ich, daß man, dazu eigentlich gar nichts "sagen" kann, sondern "nur" immer ein "ja" empfindet"! Auf der Höhe des Herzens.

    Egal, ob nun mit, oder ob ohne ..."Blumengestirn"! :-))
    herzlich, m.butty

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    1. Und was für ein Mond- eine empfangende schmale Sichel, sich sich unter die dominante Venus schob, gestern Abend, die ätherischen Werdekräfte in der Natur anstossend, strukturierend. Insofern passt der Begriff "Das Blumengestirn" schon. Ich sehe das nur weniger auf den Menschen bezogen.

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  5. Post scriptum: Es eignet halt astrologischer Betrachtungsweise, die ganze Spannweite einer Konstellation, wie im "Pschyrembel, klinisches Wörterbuch", von Höhen bis Tiefen durchzubetrachten! :-) Ihren Gewinn, den sie schenken, ihre Prüfungen auch, ihre Verwunschenheiten, ihre Erlösungstendenzen...
    Mundane, ephemere Situationen, so denk ich, erfassen uns Menschen auch, jedoch eben auf subtilen Ebenen. Ich wünsche Michael keineswegs, daß er dereinst als "ausgelesenes Buch" von seiner Umwelt zur Seite geleght werde. Das war ein rein astrologischer Gedanke, der im Sinne des "memento mori" immer und nur für uns alle gilt.
    Ist halt problematisch, in einem Kommentar auf zwei Dinge eingehen zu wollen, einmal das Photo der Konjunktion.
    Dann eine Poetische Betrachtung, die eine nächtliche Sternenstimmung zum Thema hat..., naja..(Errötungs-Smiley) , m.butty

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    1. "Ich wünsche Michael keineswegs, daß er dereinst als "ausgelesenes Buch" von seiner Umwelt zur Seite geleght werde"- ja, aber das ist unser aller Schicksal. Wir werden nun mal alt und finden meist nicht mehr die Sprache der Jüngeren, fallen aus der Zeit heraus. Wir sind gestaltet, haben Gestalt angenommen, gestalten selbst aber immer weniger. Ich bemühe mich, das etwas zu vermeiden, aber ausschließen kann man es nicht. Und immerhin, selbst wenn- ist es doch besser, ein offenes Buch gewesen zu sein als stets ein Buch mit sieben Siegeln, das unergiebig für die Umgebenden war.

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  6. "Und immerhin, selbst wenn- ist es doch besser, ein offenes Buch gewesen zu sein als stets ein Buch mit sieben Siegeln, das unergiebig für die Umgebenden war." So seh ich das ebenso.
    Wobei es auch hierin immer die erlöste und unerlöste Gestaltung gibt. Es gibt den Narr, der für manchen ein offenes Buch gibt, ohne es selber recht zu bemerken, es gibt den Übergang in das Reflektieren eigner "Narrheit", und dann den bescheidenen und heiteren Menschen, der als jovialer "Clown und Philosoph" in einem in ein Geben und Nehmen mit der Mitwelt freiwillig hineingeht oder sich auch ein Stück einbeziehen, hineinziehen läßt. Und dann als -ideellen- "Abschluß" dieses Bildes gibt es den Weisen, der sich zwar nicht mehr herumstumpen läßt, aber in aller Ruhe wieder verrückt wird, und bejahend wieder zum "Narren" wird, aber so weit als möglich bewußt dies verfolgt,..
    Was mich da sehr bewegt, ist Hermann van Veens Lied "Ich tanze mit dem Tod"..ist natürlich auf der Tube nicht mehr verfügbar in unserem Land.
    m.butty

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  7. :-D Am Besten sind immer die Stellen, wo ME über sein Alter spricht :-D Ich könnt mich kringeln :-D

    Aber was anderes: wo lernt man es nur, so vom Himmel zu sprechen wie ihr oben? Kann man da einen Kurs belegen?
    Warscheinlich liegt es irgendwie daran, dass man einfach den Himmel beobachtet wie es heute möglich ist, und auch Twits und Artikel mitverfolgt, dann liest man sich das irgendwie an...

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