Kochbücher

"Wenn Sie ein anthroposophisches Buch lesen, meinetwillen sogar wenn Sie einen Zyklus lesen, und Sie lesen ihn so, daß Ihr Lesen gleicht dem Lesen eines andern Buches, daß Ihr Lesen so abstrakt vor sich geht wie das Lesen eines andern Buches, dann haben Sie eigentlich gar nicht nötig, anthroposophische Literatur zu lesen. Da rate ich lieber, lesen Sie Kochbücher oder technische Lehrbücher oder dergleichen, denn das ist dann nützlicher, oder eine Anleitung, wie man am besten Geschäfte macht."

Rudolf Steiner, Die Anthroposophie und das menschliche Gemüt , Vier Vorträge
Wien, 27. September bis 1. Oktober 1923
—-- Artikel wurde auf meinem iPad erstellt

Kommentare

  1. Ist ein allgemeines Problem: daß man beim Lesen Krücken sucht und nicht Anregungen, sich selbst zu bewegen.

    Wenn man Texte, die als Anregungen gedacht sind, als Anweisungen behandelt (ganz egal, von wem sie sind, ob von Steiner oder sonstwem), so ist das nicht nur Zeitvergeudung, sondern gereicht darüber hinaus zur Abstumpfung gegenüber den in den jeweiligen Texten anklingenden Fragen: weil man nämlich, statt die Fragen zu verlebendigen und ihnen lebendig nachzugehen, alles in Worthülsen presst (mit ein Grund zum Beispiel, warum man bei manchen wacker über Schicksal referierenden Anthros so wenig reales Gespür für reales Schicksal findet)

    Ein von dem gleichen Steiner in anderem Zusammenhang formulierter verwandter Gedankengang:

    "Doch gibt der Gedanke der Seele die Kraft, welche sie durch eine Weltanschauung im neueren Zeitalter sucht, nur dann, wenn sie den Gedanken in seiner seelischen Entstehung erlebt. Ist der Gedanke geboren, ist er zum philosophischen System geworden, dann hat er bereits seine Zauberkraft über die Seele verloren. Damit hängt zusammen, warum der Gedanke, warum das philosophische Weltbild so oft unterschätzt wird. Das geschieht durch alle diejenigen, welche nur den Gedanken kennen, der ihnen von außen zugemutet wird, an den sie glauben, zu dem sie sich bekennen sollen. Die wirkliche Kraft des Gedankens kennt nur derjenige, der ihn bei seiner Entstehung erlebt."

    Aus "Die Rätsel der Philosophie". Eine Unterscheidung übrigens, die auch von manchen sich "philosophisch" gebenden Anthros nicht gepackt wird.

    So isses
    Raymond

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    1. Lieber Raymond,

      vielen Dank!
      »Wenn man Texte, die als Anregungen gedacht sind, als Anweisungen behandelt (ganz egal, von wem sie sind, ob von Steiner oder sonstwem), so ist das nicht nur Zeitvergeudung, sondern gereicht darüber hinaus zur Abstumpfung gegenüber den in den jeweiligen Texten anklingenden Fragen.«

      Ja.
      So isses wirklich.

      Ingrid

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  2. "Die wirkliche Kraft des Gedankens kennt nur derjenige, der ihn bei seiner Entstehung erlebt."

    Hatte erstmals ein Video mit Herrn Tolle gesehen, den letzten link von Michael. Was auffällt, das Lachen, wie über sich selbst, die Situation, die Gedanken. Schade, das Video endet gerade da, wo es interessant wird, da Herr Tolle den "Moment" vertieft. Herr Tolle hat ein besonderes geistiges Element, das wurde in der Nacht vor dem "Sehen" des Videos bewußt. Es passt obiger Gedanke von Steiner. Es ist, als bemühe sich Herr Tolle, das Entstehen seiner Gedanken dem "Publikum" zu übermitteln, wobei er über sich selbst, seinem Bemühen sogar lachen darf, ja muß, vielleicht wegen der Vergeblichkeit?! Werde weitere Videos studieren.
    Ansonsten ähnelt das Geistige Bemühen etwas den Ideen und Gedanken, da auf anderen threads die indischen Welten anklingen, fast wie im Islam, als gäbe es nichts zu tun, außer die eigene Blindheit, die angebliche, abzuwerfen. Wie erfrischend der Gedanke von Goethe,
    der wie ein Lebensmotto für mein Leben erfahrbar wurde. Das Entstehen des Gedankens hat die Tat zur Folge, unweigerlich, erweitert sich zur Gemeinschaft:

    "In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe ver-schreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt." - Johann Wolfgang Goethe

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  3. Lieber Ernst, "als gäbe es nichts zu tun, außer die eigene Blindheit, die angebliche, abzuwerfen." Ich denke, das ist in der Tat das, was Tolle versucht, und ich finde das die legitime Voraussetzung für jeden Schulungsweg, weil man sonst nicht objektiv "erfahren" kann- man muss sich selbst als Instrument der Wahrnehmung "eichen" auf Schwach- und Blindstellen. Eigentlich ist nur das Anhalten, so wie es Tolle schildert, der Anfang von allem. In Anthrohausen gibt es halt viele Sonntagsreden über höhere Erkenntnis- bei Tolle geht es um die einfachen, aber grundlegenden Dinge, die allem anderen vorangehen, sonst ist es nichts als Geschwafel.

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    1. Lieber Michael,

      ja, natürlich:
      bei Tolle geht es um die einfachen, aber grundlegenden Dinge, die allem anderen vorangehen, sonst ist es nichts als Geschwafel.
      Allerdings kann man, wenn man unbedingt will, halt auch alles, was Tolle sagt, als „Anleitung“ nehmen statt als Anregung – in welchem Fall nichts als ein weiteres „Kochbuch“ daraus würde.

      Lieber Ernst,
      danke für das Goethe-Zitat!

      Zu der Frage, ob es für eine „Tat“ unbedingt notwendig ist, „die eigene Blindheit, die angebliche, abzuwerfen“, möchte ich ein anderes Zitat dazustellen, aus dem „Faust“:
      »Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange
      Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.
      «

      Damit ist wohl auch das angesprochen, was Adam Smith in seinem Werk „Wealth of Nations“ als die „unsichtbare Hand“ bezeichnete, die den frei handelnden Menschen, der »ausschließlich seine eigene Sicherheit, seinen eigenen Nutzen im Sinn« habe, leite, »letztlich doch ein Ziel zu verfolgen, das nicht in seiner Absicht lag. Indem der Mensch seinen eigenen Nutzen anstrebt, fördert er häufig den Nutzen der Gesellschaft wirksamer, als hätte er dies beabsichtigt.«

      Wie es scheint, wirkt diese „unsichtbare Hand“ auf vielen Gebieten heute nicht mehr so wie noch in früheren Zeiten.
      Daher ist es wohl allerhöchste Zeit, die eigene Blindheit abzuwerfen.
      Dann würden wir schon weiter sehen.

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  4. Teil I: Offenkundig, mit obiger Aussage Steiners wird etwas in Frage gestellt. Ein Bedürfnis. Das gewöhnliche Bedürfnis, ein „anthroposophisches Buch“ in der Weise zu lesen, die bereits in der Lesegewohnheit eines jeweiligen Leser vorliegt. Doch , laut Steiner b e d a r f so ein Buch einer anderen Lesart. Wie und wobei erlebt man so einen Bedarf? Die Frage bedarf einer Anschauung. Der Anschauung so eines Vorganges, in dem der „Begriff“ Bedarf, will man ihn sinnerfüllt empfinden, mitspielt.

    So ein Vorgang ist bereits in Gang gesetzt. Hier tritt er auf in dem Bedürfnis, den Begriff "Bedarf" in die Anschauung zu heben. Welches Tun muss immer mitspielen, wodurch etwas als Bedürfnis auflebt? Was ist das für eine Handlung? Es ist so eine Handlung, die fragend solche Fragen bildet, mit denen dann derjenige, der da fragt, auf dem Weg zur Antwort, die Ausrichtung seiner Aufmerksamkeit lenkt. Somit ist die Handlung eine Fragehaltung. Mithin eine Haltung. Ein Halten. Ein Innehalten. Ein Innehalten worin? Es ist ein Innehalten im Handlungsablauf der alltäglichen Handlungen. Aus Vererbung und Umwelt.

    Der Schauplatz, auf dem die gewöhnliche Lesegewohnheit auftritt, das ist die Seele des Menschen. Was ist das Tun desjenigen, der innehält in der Seele des Menschen? Er anerkennt die Schaubühne. Das Stück, das geboten wird, ist die Handlung aus „Vererbung und Umwelt“. Der Oberbegriff so eines Stückes, das ist der Begriff "Drama". Andernorts spricht Steiner diesbezüglich von einem „Erkenntnisdrama“. Dabei geht es immer um Blut und Boden.

    Derjenige „da-gegen“, der in der Seele des Menschen innehaltend auftritt, er ist, was er ist, aus sich Selbst. Das bedeutet, er ist autonom. In dieser Autonomie ist er zugleich „Autor“ für eine andere Lesart. Als so ein Autor wird er im „Erkenntnisdrama der Lesegewohnheiten“ zugleich eine Rolle spielen. Die des Helden. Eines gewahrenden wie gestaltenden. Eben so eines Helden, der die Autonomie und Gestalt eines „anthroposophischen Buches“ gewahrt.

    Dabei spielt er die Rolle desjenigen Helden, der notwendig immer wiederum zugrunde geht, da er in den besonderen Rollen jeglicher Lesegewohnheiten nicht aufgeht. Aus welchem Grunde geht der Held immer wiederum zugrunde? Hier darf ich Friedrich Schiller zitieren: "Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechselungen übereinzustimmen die große Aufgabe seines Daseins ist."

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    1. Teil II: Die bisher beschriebene Fragehaltung erzeugt Innehalt. Innehaltend gewahrt man die, durch Lesegewohnheiten bereits „gegebenen“, Inhalte. Oder, anders gesagt, bereits gegangenen Schritte. Die jedoch, als bereits gegebene, längst zu Standpunkten geronnen sind. Durch so ein verharren in Standpunkten verfängt man sich im Netz längst gesponnener Gedankenfäden. Fragendes Innehalten hin-gegen, es eröffnet Raum für eine gestaltende wie gewahrende Lesart, die solche Formen erschafft, in deren Zusammenklang zugleich Zusammenhang anklingt. So ein Zusammenhang, der wiederum Anfang bezeugt. Anfang in soweit, als es „ästhetischer Erfahrung“ entspricht, in einem gewahrenden wie gestaltenden Lesen, künstlerisches Handeln, eben ein Handeln im sich ausweitenden Anfang, zu gewahren. Oder, wie Michael das in seinem Kommentar so schön sagt: „Eigentlich ist nur das Anhalten, so wie es Tolle schildert, der Anfang von allem.“

      Demjenigen Anfang, der Autonomie bezeugt. So ereignet sich die Gestaltung der notwendigen Lesart für ein „anthroposophisches Buch“. All überall, wo jemand als „Autor“ für diejenige Lesart eintritt, derer ein „anthroposophisches Buch“ b e d a r f, tritt zugleich „der Held“ in Notwendigkeit ein. Die Not wie Nötigung der Lesegewohnheiten wendend, indem er die Not zum Ton wendet.
      Not wird Note. Einem ganz bestimmten Ton. Demjenigen Ton, in dem die Stimme der Selbstbestimmung, hier die eines „anthroposophischen Buches“, ertönt. Folglich bedarf ein jegliches wie notwendiges „anthroposophisches Buch“der Stimme desjenigen Helden, der in die Seele des Menschen eintritt, indem er jegliche Lesegewohnheiten in Frage stellt.

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