Solche & solche

Zweifellos, die gibt es, nicht nur im zwischenmenschlichen Umgang, sondern auch im aktiven Umgang mit Büchern: Solche und solche. Abgesehen von denen, die nur unterhalten oder belehren, ist mein Umgang gegliedert zwischen denen, die mir liegen, in denen ich gleich "drinnen" bin (aber auch schnell wieder draußen), und solchen, die mich Mühe kosten, dann aber gleich etwas anstossen, dass ich weiter denken möchte. Ich trage sie mit mir herum, ich gehe schwanger mit ihnen, sie treffen einen Punkt in mir. Dann gibt es solche, die ich ganz gut verstehe, die mich aber kalt lassen- es geht mich einfach nichts an. Es ist gut, es war vielleicht sogar informativ, aber nach ein, zwei Tagen habe ich keine Ahnung, in welchem Regal sie wohl stehen mögen. Dann gibt es solche, die mir etwas sagen, die etwas anstossen könnten, aber ich kriege sie begrifflich nie ganz genau zu fassen- sie sind Fische in meinen Händen, sie entwinden sich. Neue Anläufe, die neue Fragen ergeben. Ja, das ist etwas, aber was genau? Und wie ist dieser Begriff hier gemeint? So geht es mir mit Emmanuel Lévinas. Immer wieder wirft er mir etwas hin (momentan in: "Zwischen uns. Versuche über das Denken des Anderen"), etwas wie: "Das Antlitz, das mich ansieht, bestätigt mich."

Das ist zweifellos mein Thema, aber gleich darauf entgleitet mir der Fisch wieder, wenn Lévinas erklärt: "der numinale Glanz des Anderen macht allein das Aug-in-Aug möglich." Manchmal sind schwimmende Begriffe Anlass zum Anstoss, sie machen Platz für mich, ich kann in ihnen spazieren gehen und den Mond betrachten. Aber manchmal lassen schwimmende Begriffe einen auch in fischigem Nebel stehen, und man fragt sich, liegt es an mir, am Philosophen oder an der Übersetzerin?

Für Jelle van der Meulen, den stillen und tiefsinnigen anthroposophischen Blogger, ist Lévinas das Maß aller Dinge. Er schreibt:
"Und dann Emmanuel Lévinas, der sensitive Phänomenologe aus Paris, der Philosoph, dessen Wesen mit einer Birke im Frühling zu vergleichen ist: Alles zitterte in seinen Worten und Gesten, vibrierte innig und liebevoll, bewegte sich wie schüchterne Fingerspitzen zwischen einem Ich und einem Du. (Versuche dich mal in eine Birke im Frühling zu versetzen, und du wirst merken, wie Licht und Luft miteinander einen zarten Reigen tanzen. Na ja, über Lévinas zu schreiben, ohne nebenbei eine Liebeserklärung abzugeben, kriege ich nicht hin.)"

Vielleicht bin ich ja auch zu grob gestrickt. Ich bemühe mich. Das Zittern der Begriffe spüre ich, aber den "zarten Reigen" sehe ich noch nicht.

Kommentare

  1. "der numinale Glanz des Anderen macht allein das Aug-in-Aug möglich."

    Michael, meinst Du das ist ein Begriff? Mir wäre es ein Erleben, wenn ich ebenfalls ohne Hüllen vor meinem Auge in ein ebensolches eines Anderen blicke, dann erst verweben sich durch sich so begegnende und ineinander Hindurchschauende die Schauenden in deren eigentlichem Sein und einen sich. So würde ich das deuten.

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  2. Ich weiß schon nicht, was numinal bedeuten soll. Dann suche im Kontext des Textes, aber da ergeben sich neue Frag- würdigkeiten. Hier und da erhasche ich etwas, was mir stimmig erscheint, aber dann wird es wieder verwischt. Es war nur ein Beispiel für den Umgang mit diesen Texten.

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  3. Bei numinal musste ich auch nachschauen und bin auf göttlich und spirituell gestossen und wenn ich das damit versuche komme ich zu dem was ich da geschrieben habe, denn andernfalls würde mir kein Aug-in-Aug zustandekommen können sondern etwas eher im Sinne von Be-Gegnung und entsprechend ausgeprägtem Individuellen und da hätte man dann noch was zum Durchdringen oder besser vielleicht Hinterdringen. Das wäre mir auch ein vorbegrifflicher "Zustand" dann, das mit dem numinal.

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  4. Du hast ja recht, aber ich hänge dauernd so in den Texten fest. Sie reizen einen aber doch so weit, dass es nicht schwierig ist, stetig weiter zu lesen.

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  5. Ich verstehe genau, was gemeint ist. Ich vermisse auch sehr eine 24 Stunde-Gemeinschaft, mit der man das einüben könnte. Die dürften halt auch nicht zu spiessig sein, um mir die Teilnahme an Internetdiskussionen zu verbieten. Und ein Kartenhaus dürften die Lebensverhältnisse auch nicht sein.
    Irgendwann zwischen all der Plackerei ist das eingeschlafen, über Bord gegangen, den Abstand zwischen der Buchleserei und der Wirklichkeit, zu überwinden.
    Eine Hilfe ist trotzdem die Aufrichtigkeit dem Inhalt gegenüber, man zersplittert nicht in verschiedene Lebensbereiche, sondern bildet als Mensch eine moralische Einheit

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