Esoterik ohne Schwulst- die Erfahrung der Gegenwärtigkeit

Man kann ja bei Rudolf Steiner durchaus einzelne Sätze aus seinem Vortragswerk heraus greifen, in denen sich wie in einem Vergrößerungsglas eine ganze esoterische Haltung ohne jeden Bombast, ohne Schwulst feststellen lässt.

"Der Mensch muss das wollend sein, was er in Wirklichkeit sein kann, muß denken können über sein Wesen, wenn er es seelenhaft sein soll. Denn der Tote wird es heute schon verkündigen können als eine rechtmäßige reife Wahrheit: Die Seele ist das, was sie von sich zu denken vermag."*

Der Satz spricht die simple Tatsache an, dass der, der redlich sich selbst gegenüber und mit einiger Disziplin über das schattenhafte Alltagsdenken hinaus an die Kräfte rührt, denen das Denken entspringt - an die Dynamik des Wollens, das sich denkend selbst erlebt - bereits sich selbst in der Aktivität als geistiges Wesen erlebt. Nennen wir es "Gegenwärtigkeit", nennen wir es die Erfahrung des "Jetzt" oder des "Flow", nennen wir es "Ich-Präsenz", das ist unwesentlich. Steiner nennt es wollendes Sein, eine seelenhafte Wirklichkeit.

Wenn man ehrlich ist, erfährt man in dieser Erfahrung eine Menge. Zum Beispiel, dass man "sein" kann, dass man sich erleben kann ohne körperliche Rückmeldungen. Man emanzipiert sich bereits in diesem Augenblick der Erfahrung vom gespiegelten Bewusstsein, als reine dynamische Kraft. Es ist kein weiter Schritt, das als ersten Schritt einer werdenden Entität zu erkennen, die sich körperlich ausdrückt, aber nicht identisch mit dem Körper ist. Es ist auch kein weiter Schritt, sich in diesem Augenblick unabhängig von den Lasten einer gelebten Biografie, eines Geschlechts, einer Sprachzugehörigkeit zu erleben, ohne irgend etwas dabei zu verleugnen oder zu übergehen. Die Ehrlichkeit gebietet, dieses Erlebnis als schlichtweg human, als absolut universell zu deuten, nicht als besondere individuelle Errungenschaft.

Man tritt nur einfach in die Realität des Humanen, in das, "was er in Wirklichkeit sein kann", ein. Die Erfahrung geistiger Autonomie - und sei es nur einen Wimpernschlag lang-  wird man, wenn man sie realisiert hat, weder vergessen noch verlieren; sie trägt, da sie unabhängig von körperlicher Rückkopplung geschieht, über den Tod hinaus. Man benötigt von nun an - eingetreten in ein sich entwickelndes inneres Curriculum- auch eigentlich keine weiteren Belehrungen mehr. Wenn man am Ball bleibt, wird die Angelegenheit sich so entwickeln, wie es für einen selbst eben möglich, tragbar und er-tragbar ist. Man muss nicht mehr rennen und suchen, denn man wird diese Präsenz wieder aufsuchen und sie wird einen ebenfalls suchen. Man braucht vor allen Dingen keine "Esoterik" im üblichen schwülstigen Sinne. Es wird schwierig genug sein, diese Präsenz zu entwickeln, indem man sie z.B. in das Alltagsgeschehen integriert. Denn das innere Curriculum ist notwendig dialogisch ausgelegt- es will nicht nur gedacht und erlebt, es will gelebt sein. Man bringt es nicht selbst hervor, es ist keine Errungenschaft, es ist nur redlich; daher gibt es auch keine Eitelkeiten und Selbstbespiegelungen dabei. Das ganze Programm ist, der Spur zu folgen.

*Rudolf Steiner, GA 178 "HINTER DEN KULISSEN DES ÄUSSEREN GESCHEHENS", Zürich, 13. November 1917 

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