Grass oder die Frage, wer was sagt


Moralische Instanzen haben wir stets in genügendem Umfang, und die wenigsten wirken bei genauerem Hinsehen besonders authentisch. Auch ein ehemaliger Ministerpräsident und Bundespräsident Wulff übte sich gern in publikumswirksamem Gesülze, ohne allerdings die eigenen Finger aus den Honigtöpfen heraus zu halten. Der größte Honigtopf von allen ist und bleibt die Öffentlichkeit - die Tatsache, vom zeitgenössischen Publikum wahrgenommen zu werden. Davon zeugen schon die Nachmittags- Talkshows in den billigen Privatsendern, in denen Unbedarfte ihre Haut zu Markte tragen.

Auch der Nobelpreisträger Grass hat seine privat- öffentliche Talkshow wieder eröffnet- ein letztes Mal, vielleicht. Jahrelang hat er uns mit seinen moralischen Appellen, in denen er sich sonnte, genervt. Man hatte gedacht, angesichts des Makels, über 60 Jahre lang verschwiegen zu haben, der Waffen-SS angehört zu haben, sei er vor Scham verstummt. Doch Scheinheiligkeit und Glamour locken nicht nur Talkshow-Gäste, sondern auch Greise vor die Kameras, die sich Nobelpreisträger nennen dürfen.

Der große Louis Begley macht in der heutigen FAZ (Nr.84, S. 27) darauf aufmerksam, dass zu denen, die nichts von der Grassschen Vergangenheit wussten, aber persönlichen Lesungen von Grass beigewohnt hatten, der innerlich so tief verwundete Paul Celan gehörte: "Und ob Grass sich überlegt hat, welche Wirkung ein solches Bekenntnis auf Celan haben würde?"- er wäre davon gelaufen, selbstverständlich.

Grass vergisst in seinem zynischen Gedicht zudem zu erwähnen, dass der irre Holocaustleugner Ahmadinedschad seit Jahren ein höchst provokantes Spiel mit Irans Atommacht treibt, Syriens Terrorregime zuspielt, sein eigenes Volk drangsaliert, Intellektuelle foltert und weltweit Terroristen unterstützt. Er spielt seine Karten bewusst am Rand einer kriegerischen Provokation aus und stellt die momentan grösste Bedrohung des Weltgleichgewichts dar. Die Bedrohung Israels durch Einsatz atomarer Waffen gehört dabei nicht nur zum ideologischen Wortarsenal, sondern ist ganz real. Dass der eitle Heuchler Grass in diesem Zusammenhang seine eigene Selbst-Inszenierung in der Öffentlichkeit aufführt und sich moralisch empört ob der Reaktionen gibt, kann nur Übelkeit hervor rufen.

Egoistisch am meisten gelesen: