Geistige Selbsterfahrung

Es ist merkwürdig, dass es an genau diesem Punkt so häufig hakt, selbst bei Mystikern, die durch ihre Äußerungen und Schriften beweisen, dass sie real und tatsächlich in geistigem Sinne fortgeschritten, erwacht oder gar erleuchtet sind. Aber meist erleben sie eine Art von Selbstauslöschung, eine mystische Vereinigung mit einem diffusen All-Eins, aber nicht dieses Eine, was bei Rudolf Steiner so zentral da steht:

"Wir sprechen im gewöhnlichen wachen Bewußtseinsleben von unserem Ich. Aber von diesem Ich können wir eigentlich mit dem gewöhnlichen Wachbewusstsein nur in recht uneigentlichem Sinne sprechen. Denn welche Natur und Wesenheit hat eigentlich dieses Ich? Es kann nicht erkannt werden im gewöhnlichen Wachbewusstsein. Taucht das schauende Bewußtsein in das wahre Wesen des Ich ein, dann ist das wahre Ich des Menschen willensartiger Natur. Das, was der Mensch im gewöhnlichen Bewusstsein hat, ist nur die Vorstellung des Ich." (GA 179, Seite 90)

Der reine Wille wird sehr wohl erlebt, das reine, manchmal zarteste Empfinden - etwa bei Almaas-, das Sufis und Yogis erleben konnten; es findet sich auch in ganz aktuellen Büchern. Aber der personhafte Charakter des reinen Denk-Willens spielt entweder eine untergeordnete Rolle oder wird einfach nicht bemerkt. Natürlich ist das Bewusstsein in solchen meditativen Erfahrungen peripher, nicht antipodisch- dualistisch wie im Alltagsdenken. Daher ist es auch schwierig, dergleichen zu erinnern. Aber die Imaginationen bleiben doch im Bewusstsein; ebenso die Selbsterfahrung im reinen Sein, im existentiellen Bewusstsein. Das, was man erlebt, bedingt, dass man das "Ich", das man darlebt, als eine Form erfährt, mitsamt ihrer Bedingtheit, ihrer Gewordenheit, als eine denkbare Form, der andere vorangingen und der wieder andere folgen werden. Aber es steht dem keine Auflösung in ein vages All-Eins gegenüber, sondern ein geistig Willenhaftes, das sich Ausdruck verleiht in diesen Formen. Insofern wird im Studium immer wieder deutlich, wie sehr das Erleben auch in geistiger Hinsicht doch kulturell bedingt sein muss.

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