Inkarnationsstörungen: Chancen und Psychiatrisierung

Auf dem bevor stehenden Psychiatrie - Kongress der Anthroposophischen Gesellschaft (Medizinische Sektion) singt man mal wieder das Hohelied der anthroposophischen Deutungshoheit, wenn schon in der Ankündigung selbstzufrieden verkündet wird:

"Die Not heutiger Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik liegt nach wie vor in dem unzureichend geklärten Verhältnis von Leib, Seele und Geist." 


Immerhin hat es einen massiven Durchbruch - sagen wir - in den letzten 40 Jahren gegeben, was die erfolgreiche -symptomatische- Behandlung von schweren Depressionen und Aufmerksamkeitsstörungen (aber auch von psychosomatischen Problemen wie dem "Reizdarm") betrifft. Hat die pharmakologische "Forschung" der medizinischen Sektion da etwas dagegen zu halten? Immerhin geht die Arroganz nicht so weit, die grassierenden Massenphänomene zu ignorieren, die bei Phänomenen wie Depressionen, Burnout, ADS und ADHS sichtbar werden. Aber man bezieht sich ausschließlich auf die gesellschaftlichen Schuldzuschreibungen, denen sich Rudolf Steiner vor fast 100 Jahren vielleicht noch zu Recht bezog, die aber heute lediglich wie ein ignorantes Mantra herunter gebetet werden:

"Seit dem 19. Jahrhundert können wir jedoch in steigendem Masse Krankheitsformen wie neurotische Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, traumatische Störungen, Aufmerksamkeitsstörungen und viele andere beobachten, die mit den Herausforderungen der gegenwärtigen Zeitsituation zusammenhängen und die Rudolf Steiner als «Kulturkrankheiten» bezeichnet: «Daher kommen die Kulturkrankheiten, Kulturdekadenzen, alle die seelischen Leerheiten, Hypochondrien, Verschrobenheiten, Unbefriedigtheiten, Schrullenhaftigkeiten und so weiter, auch alle die Kultur attackierenden, aggressiven, gegen die Kultur sich auflehnenden Instinkte. Denn entweder nimmt man die Kultur eines Zeitalters an, passt sich an, oder man entwickelt das entsprechende Gift, das sich absetzt und das sich nur auflösen würde durch die Annahme der Kultur.» Und als Möglichkeit für eine Verwandlung sieht Rudolf Steiner: «Es muss in der Welt die Möglichkeit vorhanden sein, zum Beispiel gerade für unsere Zeit, dass die Menschen zu einem gewissen spirituellen Leben kommen, dass sie Impulse für ein freies inneres, spirituelles Leben in sich entwickeln.»

Hypochondrisch? Schrullenhaft? Bereits 1970 rechnete man - so der bedeutende Psychiatrie- Soziologe Alain Ehrenberg, den ich bereits in einem Artikel zu realen Zeitgeist besprochen habe, mit 100 Millionen schwer Depressiven, das entspricht 3 Prozent der Weltbevölkerung. Seitdem sind die Zahlen regelrecht explodiert, vor allem wenn man berechtigterweise biografische Krisen wie Burnout dazu rechnet. Eine verwandte Störung - was die Verarbeitung und Ausschüttung von Botenstoffen wie Noradrenalin und Serotonin betrifft- sind die bekannten Aufmerksamkeitsstörungen (ADS, ADHS), die geschätzt 5% aller Schüler betreffen. Die ideologische Diskussionen, inwieweit die heute verfügbaren, effektiven Medikamente eingesetzt werden sollten, durchziehen ständig die Medien. Im übrigen sind sämtliche psychiatrischen und neurologischen Praxen in weitem Umkreis nicht nur ausgebucht, sondern nehmen keine Patienten mehr auf- vor allem in Bezug auf neurologische Probleme von Kindern. Ganz offensichtlich sprechen wir über Probleme, die weite Kreise der Bevölkerung betreffen, nicht nur einige verschrobene Hypochonder wie zu Steiners Zeiten. Und offensichtlich führen arrogante Abwehrreflexe gegenüber der neurologischen Forschung und Seufzer ob der bösen Zeitumstände nur ins Dornacher Wolkenkuckucksheim.
Man hat, wie Ehrenberg soziologisch belegt, innerhalb der Psychiatrie im letzten Jahrhundert eine tief gehende Wendung erlebt- ehemals psychiatrische, ausgrenzende und pathologische Haltungen sind überlebt, die Probleme sind kein Tabu mehr. Gerade erst haben sich mehrere Politiker von der Piratenpartei, bekannte Talkmaster und Autoren zu ihrer ADHS in Fernsehshows bekannt. Es sind eloquente, sprachlich gewandte, wache Zeitgenossen, weder seltsame Eigenbrötler noch psychiatrisierte Wracks. Manche nehmen die heute verfügbaren Serotonin-Hemmer, manche kommen so zurecht. Manche helfen sich mit exzessivem Sport wie Joggen, manche üben auf andere Weise Fokussierung. Es handelt sich eben um heute verbreitete "Inkarnationsstörungen", mit denen man umgehen lernen kann. So Mancher wird sich in dieser Hinsicht gerade für meditative Techniken interessieren.

Die angedeutete Haltung des Kongresses verspricht wenig Interessantes und Konstruktives für die zu beobachtenden Probleme der Zeit. In Dornach orientiert man sich an hundert Jahre alten Vorstellungsmodellen, aus deren Gerippen der Wind der Vergangenheit pfeift.

Noch einmal für die, die mich vielleicht nicht recht verstehen: Wer sind denn die, deren "Wesensglieder verschoben", deren "Ätherkopf frei geworden" ist, die einen Stolperstein auf dem Weg vorfinden und daher die Fragen nach geistiger Entwicklung, Fokussierung und Meditation stellen? Denen das "eine Lebensnotwendigkeit" wird? Nein, es sind nicht die Saturierten, Selbstzufriedenen mit den geistigen Hängebacken, denen Second-Hand-Esoterik aus dem Strohhalm reicht. Es sind die, die vielleicht überwach in ihrer Zeit stehen, manchmal von ihr überwältigt, die mit sich ringen, die eben Anlass zur Fragestellung haben. Vielleicht ist der Astralleib ein wenig ungebändigt, sei es im Kopf oder in den Gliedern. Dieses Ross muss man reiten lernen, und es wird ein Problem, eine Aufgabe für mehr als eine Generation sein. Aber auch eine Chance.

Kommentare

  1. Ach, die anthroposophische Medizin. Inmitten all dessen, auf das ich mich nicht mehr verlassen möchte (Ablehnung von Impfschutz, Schulmedizinische Medikamente fast nie, etc.), haben wir hier ein Gebiet, das ich als sehr hilfreich erlebe, um den Alltag zu bewältigen.

    Ich gebe gerne zu, dass ich RDS habe und Psoriasis, meist unterschätzte Probleme, die bis zur Berufsunfähigkeit reichen können.

    Geht man zum Anthroarzt, oder auch zum sonst ganzheitlich denkenden Mediziner, wird man hier vielleicht zum ersten Mal wirklich weiterführende Hilfe erfahren, denn man lebt ja mit seinem Anliegen nicht nur einen Monat (Anwendungsvorschrift z.B. für Cortisonprodukte), sondern lebenslang. Auch die Ernährungstherapie wird ausführlich beschrieben, mit der Möglichkeit, sich privat weiterzubilden.

    Hier allerdings mein ABER: Einfach nur Vollwertkost hilft eben nicht. Die RDS Diät muss zugleich eingehalten werden. Leider gibt es viele Vollwertkostanhänger, selbst unter guten Ärzten, die diese Tatsache leugnen, dann muss man sich das als Patient selbst auseinanderklamüsern. Ideologien helfen nicht, sondern nur eine individuell ausgeformte Diät. Wenn das das Ergebnis einer spirituellen Analyse ist, dass des Rätsels Lösung eine individuelle Ernährung ist, und worin genau die besteht, hilft das Ganze wirklich.
    Diese Diät ist balaststoffarm und daher oft normaler Schonkost näher als der ballaststoffreichen Vollwertkost mit dem vielen Vollgetreide und den Hülsenfrüchten. Damit müssen Vollwert-Freunde klarkommen. Ich bin froh über die vielseitigen fleisch- und milcharmen Rezepte, ohne die die Küche schnell langweilig werden kann.

    Etwas, was ich niemals selbst hätte tun können, ist die anthroposophische Medikamententherapie, es wurden mir eine Reihe anthroposophischer Medikamente mit auf den Weg gegeben, ich habe mir die Verschreibungszettel zum Nachbestellen auch abgeheftet. Diese können in harten Zeiten angewendet werden, im Wissen dass sie von einem Arzt verschrieben wurden, der sich jeden Abend hinsetzt und eine Meditation mache zu jedem einzelnen seiner Patienten. Das bezahlt dem auch keiner, da bin ich sicher. Nur der Dank der Patienten, die ihr Leben wieder im Griff haben, schwappt hoffentlich auch herüber.

    Anthroposophen leben schliesslich aus der selben Quelle, das darf hierbei nicht vergessen werden. Was man hineinlegt, erreicht irgendwie auch alle anderen...

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  2. Und ich frage mich manchmal ob diese Inkarnationsstörungen deshalb aus der gesunden Bahn geraten sind, weil wir diesen Seelen einen so schändlichen Empfang bereiten.

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  3. Für mich ist das ganze Leben ein einziger, langer Inkarnationsversuch, der manchmal besser, manchmal schlechter gelingt. Die Anthroposophie ist mir dabei wirklich von großer Hilfe, ich würde jedoch ganz sicher keine Therapie bei jemanden machen, der von "Menschenkunde" oder „man passt sich der Kultur an oder entwickelt ein Gift ...“ spricht. Bedauerlicherweise hält sich die A. immer noch bei den 4 Charaktertypen auf. Den Artikel der Anthroposophischen Medizin finde ich wirklich grauslich verstaubt.
    Weitaus mehr hat sich da in den letzten Jahrzehnten z.B. die Körperpsychotherapie entwickelt.. Indem sie an der Sichtbarmachung von Konditionierungen und der Auflösung von Körperblockaden arbeitet, gehen die Türen in die spirituelle Dimension, bei gleichzeitiger physischer Verankerung, oft schon von selbst auf – was ja auch ganz logisch ist.

    Friederike

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  4. Lieber Manfred,
    richtig wäre ja: gar kein Empfang, nicht einmal, wo man eigentlich konkrete Anknüpfungspunkte schaffen wollte. Und was soll man sonst wohl tun? Die Egoisten nehme ich aus, hier bin ich ja schon seit Jahren. Hier sind alle sehr nett.

    Liebe Friederike,
    ja, das ist nun eben das Problem, denn wie bildet man sich in der Hinsicht? Es ist mir schlicht zu aufwendig, für jedes einzelne Lebensproblem, zusätzlich zur Ratgeberliteratur, noch für mich alleine, anstatt mit dem Arzt gemeinsam, oder einer Gruppe oder so, die spirituelle Landschaft von ganz unter her auseinanderzufieseln. Und dann festzustellen, dass andere das längst vor mir getan haben, und sagen: das Gesetz der brüderlichen Liebe in der Esoterik... Ich weiss schlichtweg nicht mehr, wie man sich das vorstellen soll.
    Die physische Verankerung, was meinst du damit, die musste doch zwangsweise vor einem Jahr aufgegeben werden, da ist nichts mehr, und da kommt wohl auch nichts mehr.

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    1. Liebe AUI,
      ich finde das Auseinanderfieseln schon ganz wichtig. Ratgeberliteratur meinte ich nicht und bei einer Körperpsychotherapie bist Du nicht alleine – da ist eine/r, die/der mit Dir geht.
      Das ist ein Hingehen zu „Verstopfungen“, Muskelpanzern, Verletzungsbarrieren, Schutzmechanismen. Wenn diese aufgelöst werden können, nicht durch Loswerden oder Beherrschen, sondern durch Respektieren oder Annehmen, öffnen sich die Schleusen zur spirituellen Welt ganz natürlich, weil wir von Natur aus spirituell sind. Es geht gar nicht anders. In dem Falle ist ein körperliches Symptom Ausgangspunkt. Das meinte ich mit physischer Verankerung.
      Nur reden diese Therapeuten meist nicht viel von den spirituellen Welten – sie sind eher Praktiker.
      Falls Dich das weiter interessiert, google z.B. bei Focusing, Hakomi, Biodynamik, Bioenergetik....

      Friederike

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  5. Liebe Aui,

    mit Empfang meinte ich mehr das, was geöffnetere Seelen erleben, wenn sie diesen durchgerechneten Planeten betreten. Die Art wie der Mensch gesehen wird, z. B. die Schule, die ausbildet statt mehr zu fragen etc.... Ausbilden, von außen nach innen, fast ohne zu fragen wer da vor mir steht. Dieser vom Doppelgänger "verwaltete" Lügenplanet ---

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    1. Ist zumindest der netteste Planet, den ich momentan kenne..

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  6. Inkarnationsblockaden gibt es verstärkt seit Kaspar Hauser. Leider auch für die Anthroposophie. Der Leib als Müllhaufen der Seele will genauso geliebt werden wie der Geist. Golgatha - als Überwindung von Inkarnationsstörung... Dämonen austreiben alleine hilft nicht.

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  7. Ich habe so eine Ahnung, dass man auch von Exkarnationsschwierigkeiten sprechen muss. Wo ist etwas zu fest, sowohl im Körperlichen als auch im Seelischen? Wo wird es gebunden und unfrei? Wo engt es ein ( das Selbst und den Anderen)? Z.B. hat doch eigentlich alles was mit Angst zu tun hat, doch auch etwas mir Enge zu tun. Bei einer Manie liegt das Problem wohlmöglich an einer anderenStelle.
    Es gibt ja auch Aussagen, die drauf hinweisen, dass es einen "Stau im Nachtodlichen" gibt.

    In der Tat kommt da die Anthroposophie in der Psychiatriearbeit scheinbar nicht " aktuell" daher. Auf der anderen Seite geschieht ausser der deutlich verbesserten medikamentösen Behandlung in anderen " Schulen" nicht so viel Neues. Oft finde ich die Melange verschiedener " Systeme" noch am Erfolg versprechendsten.
    Wenn ich z.B. die anthroposophischen Psychiatrieeinrichtungen, auch die kleineren aus der "psychiatrischen Nachsorge", mit "normalen" anderen Einrichtungen vergleiche, brauchen sich die anthroposophischen mit Sicherheit nicht zu verstecken.

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  8. Vielleicht kann die Sektion der Medizin am Goetheanum etwas zu der gesellschaftlichen Diskussion beitragen: dürfen Psychiater gegen den Willen des Menschen therapieren?!
    Erhalte dieser Tage rundmails, in welchen diese Problematik aufgezeigt wird. Das Bundesverfassungsgericht hat in jüngsten Entscheidungen das Recht auf Krankheit hervorgehoben und eine Zwangsmedikamtierung eingeschränkt. Bin dieser Tage mit einem Autor eines Buches in Kontakt getreten, der aufzeigt, wie "destruktive" Persönlichkeiten, worunter er auch Martin Luther mit einschließt, besonders Bonaparte, die Geschichte gestalten. An dem jetzigen Thema zur Psychiatrie tauchte die Frage auf, hat es gerade das geschichtliche Christentum dahin gebracht, über den Umweg der Inquisition, Psychiatrie als gesellschaftliche Kontrolle zu etablieren. Kennen asiatische Kulturen eigentlich "Psychiatrie"?!
    Interessant ist dieser Tage das Gebet an den Fußballgott, für heute Abend in München. Es zerfällt das Gottesbild, das Christusbild... ...vielleicht erwacht es neu in uns, so wie es Steiner als Möglichkeit hinstellt... .

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