China: Lüge als mediale Staatsdoktrin

Nachdem ich bei den alten Egoisten etwas allgemein und eher in Bezug auf das Individuum über die Lüge geschrieben habe - aphoristisch, natürlich-, lässt sich das Thema in alle Richtungen erweitern. Wir leben in einer medialen Welt ("Mediated world", nach Thomas De Zengotita), d.h. einer Welt, zu deren Wirklichkeit vor allem die digitalen Medien erheblich beitragen. Damit ist gemeint, dass Medien heute nicht mehr dazu dienen, auf Wirklichkeit hinzudeuten, darüber zu berichten. In Form des Internet ist das Medium selbst zu einer Form der Wirklichkeit geworden- insbesondere für eine Generation, die damit aufgewachsen ist. Daher auch der Aufschrei, wenn das Internet kanalisiert, beschnitten, überwacht oder gar zensiert werden soll. Daher die Hoffnungen, das Internet als solches werde zu einer Demokratisierung in politisch rudimentären, zentralistischen und reaktionären Staaten führen. Das Internet erscheint so nicht nur als Informationsmedium, sondern als Ausdruck seiner Zeit in ihrer vollen Potentialität- trotz der Schattenseiten und der permanenten Kommerzialisierung. Das Medium erfindet sich immer wieder selbst, in immer neuen technischen Ausdrucksmöglichkeiten und entzieht sich so den Zensoren und politischen Interventionen.
Nicht so in China. China hat, wie durch viele Meldungen deutlich wird, nicht nur eine Armada von staatstreuen Hackern installiert, die nicht nur propagandistisch, sondern so subversiv vorgehen, dass sie eine Art digitalen Krieg gegen offene mediale Institutionen wie Google führen, sondern hat begonnen, sämtliche zeitgenössischen digital- globalen Medien durch eigene, staatstreue und eng überwachte Dienste zu ersetzen. Nun werden, wie ZDnet berichtet, nicht nur Google, nicht nur Youtube durch eigene Dienste ausgetauscht, sondern auch Mikroblogger wie Twitter, Blogs generell und sämtliche öffentliche Foren werden durch Zwangsregistrierung verstümmelt. Das geht über Zensur weit hinaus - es wird eine eigene, den Doktrinen des Staates angepasste digitale Wirklichkeit geschaffen. Viele Nachrichten - auch die über ganz aktuelle Vorkommnisse - sind für Chinesen einfach nicht mehr verfügbar. Das ist ein einmaliger, ganz außerordentlicher Aufwand, der getrieben wird, um sämtliche Nachrichten und jede kritische Regung komplett zu unterdrücken. Die Kosten werden immens sein, auch weil unzählige Schnüffler und Denunzianten beschäftigt und organisiert werden müssen. Die Wirklichkeit als solche soll der Staatsdoktrin unterworfen werden- ein Vorhaben, das angesichts der medialen Wandlungsmöglichkeiten als gewaltig erscheinen muss. Die Strafen, die unbotmäßige Blogger und Twitterer erwarten, sind Schließungen, Sperrungen, Folter und Gefängnis- je nach Willkür der Behörden. Dafür soll von den gewaltigen internen Korruptionsvorgängen im Politbüro nichts mehr in die Öffentlichkeit dringen, geschweige denn von Demokratisierungsprozessen in der arabischen Welt. Es ist ein Versuch, die "mediated world" zu unterwandern und die Lüge zur Staatsdoktrin zu erheben. Es hängt viel davon ab, in wie weit ein solcher Versuch technisch und politisch machbar sein wird- und um welchen Preis.  

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