Jüdische Exilanten, Gestapo, Geheimdienste und SS; beeindruckende historische Krimis von Philip Kerr

Während Georg Kühlewind, wie er einmal erzählte, Fan von Science-Fiction-Romanen war, habe ich es eher mit Krimis, vor allem, wenn sie einen historischen, biografischen oder landschaftlichen Hintergrund beleuchten. Bei Philip Kerr - hier auch noch der Link zu seiner eigenen Website- handelt es sich um eine ganze Reihe von historischen Kriminalromanen, deren - ziemlich gebrochener. aber unverwüstlicher - Held der Detektiv Bernie Gunther ist. Sie spielen von 1937 bis spät in die Nachkriegszeit hinein. Nicht nur, dass sämtliche Aspekte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft drastisch und ganz im Vordergrund der Geschichten einfließen, treten auch zahlreiche "Größen" der Nazis höchstpersönlich auf, eine gefährliche, intrigante, korrupte Bande. So weit ich Biografien -z.B. von Heydrich- kenne, sind die Darstellungen durchaus realistisch. Generell handelt es sich bei den Büchern um Kerr eigentlich um eine im Gewande des Krimis daher kommende historische Darstellung, so weit das eben geht- stets hart an der Grenze des Zynismus, wenn nicht darüber hinaus. Vor allem in seinen frühen Büchern (die Berlin-Trilogie um 1937-38) erscheint die Handlung als weniger komplex, dafür als in der Darstellung düster, drastisch und zuweilen sexistisch. Der frühe Kerr verwechselt gelegentlich den Zynismus seines Protagonisten mit dem Duktus des Erzählers, wobei ganz deutlich ist, dass unter dieser rauen Oberfläche Verletzlichkeit und Verletzungen liegen- auch die des Autors selbst. Man kann das natürlich zynisch nennen, wenn Kerr etwas schreibt wie:

"Dachau war kein Ort für Juden.
Im allgemeinen fand sich in Dachau das komplette Spektrum der Nazigegner, ganz zu schweigen von denen, die von den Nazis selber mit unversöhnlichem Haß verfolgt wurden. Da waren Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftler, Richter, Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer, Offiziere. Republikanische Soldaten aus dem Spanischen Bürgerkrieg, Zeugen Jehovas, Freimaurer, katholische Priester, Zigeuner, Juden, Anthroposophen, Homosexuelle, Landstreicher, Diebe und Mörder. Mit Ausnahme einiger Russen und von ein paar ehemaligen Mitgliedern des österreichischen Kabinetts waren alle deutsche Staatsbürger. Ich begegnete einem Sträfling, der Jude war. Er war auch schwul. Und, als wäre das nicht genug, war er auch noch Kommunist. Bei so viel Pech hätte er auch von einem fahrenden Motorrad springen können." (Die Berlin-Trilogie, S. 317)

Die späteren Bücher Kerrs werden, so weit sie mir bisher bekannt sind wie "The One From the Other" immer komplexer in den Handlungssträngen. Sie verfolgen z.B. die Organisation der Flucht führender Nazi-Größen nach Südamerika. Auch hier treten direkt oder indirekt reale Kriegsverbrecher wie Eichmann oder Ohlendorf auf: "‘Don’t you believe in a fresh start for Germany?’ ‘For Germany, yes. Not for people like Otto Ohlendorf. Being a bastard wasn’t a necessary condition of joining the SS, although it certainly helped. I should know. For a while, I was in the SS myself. Maybe that’s part of the reason why I’m out of step with your new Federal Republic. And maybe it’s just that I’m a bit old-fashioned. But you see, there’s something about a man who massacred a hundred thousand men, women, and children that I just don’t like. And I tend to think that the best way of getting the new Germany off to a flying start is if we just get on and hang him and his ilk.’"

Aber die Ermittlungen führen auch in den sich in den Auseinandersetzungen mit den Briten konstituierenden Staat Israel, wobei diverse Kampforganisationen und Geheimdienste eine Rolle spielen: "Then there are the Jewish organizations. The Brichah, for example. It started out as a refugee-smuggling organization but, since the establishment of the State of Israel, they’ve become much more active in the hunt for old comrades. It seems they don’t trust the Germans or the Allies to do the job. Can’t say I blame them. Oh yes, and there’s some chap in Linz who runs his own Nazi-hunting operation with private American money. Name of Wiesenthal.’"

Bei Kerr bekommt jeder sein Fett weg, seien es die Deutschen (nur zu verständlich): "If there’s one thing history has taught me to believe it is that it’s dangerous to believe in anything very much. Especially in Germany." Oder seien es die Österreicher: "All the same, if you are dead, then Vienna is probably the best place in the world to be."

Wer in Kauf nimmt, bei den früheren Büchern einem Übermaß an Zynismus zu begegnen, gewinnt im Gewand von Kriminalromanen eine Art Zeitbild der nationalsozialistischen Ära. Weichgespült oder irreal sind diese Stories jedenfalls nicht.

Kommentare

  1. Wieso vergleichst Du Dich mit Kühlewind?

    AntwortenLöschen
  2. Ätz. Ich vergleiche mich nicht im geringsten mit Georg Kühlewind, sondern Krimis mit Science- Fiction. Ich kann aber, wenn es wichtig sein sollte, gerne erklären, dass ich keinerlei Ambitionen habe, meinen Blog und meine Aufsätze mit seinen Büchern qualitativ gleich zu setzen. Ich habe ihn einfach nur gemocht.

    AntwortenLöschen
  3. Ich fand die "Berlin Trilogie" immer ganz gut, der Protagonist erinnerte mich in seinem Sarkasmus und seiner Einsamkeit etwas an Chandlers legendärer Gestalt Philipp Marlowe.
    "Das Wittgenstein-Experiment" von P.Kerr hat mir sogar noch besser gefallen.

    Wusste gar nicht, dass Kühlewind Fan von Science Fiction Romanen war, Almaas übrigends auch. Grüße.

    AntwortenLöschen
  4. Kühlewind hat das sogar begründet, aber ich kann mich an die genaue Formulierung nicht erinnern. Er meinte in etwa, gute S-F spiele ungeahnte Denkmodelle durch, durch die man die eigenen infrage stellen könne.

    AntwortenLöschen
  5. "Er meinte in etwa, gute S-F spiele ungeahnte Denkmodelle durch, durch die man die eigenen infrage stellen könne."
    Eine gute Anregung, so manche Schilderung Rudolf Steiners doch als reine Science Fiktion durchzudenken: auf der einen Seite will er mit seinem Impuls die Menscheit vor der Drei-spaltung bewahren, wobei der größte Teil die Bösen zu spielen hat, ein kleiner Teil die Guten und natürlich ein Häufchen Okkultisten. Wenn man/frau dann weiter bei R.St. liest diese Spaltung kommt, dann ist das schon zum Haare raufen?!
    Nun, ganz so schlimm bleibt es nicht, denn tatsächlich erfährt man/frau letztlich eine andere Ebene... für viele reine Scienc-Fiktion... wo Menschsein ganz neue Qualitäten entwickelt. Passend hier, wie der Dalai-Lama allen Religionen "Universialität" abspricht, die so keine Lösung der Menschheit mehr bieten können. Könnte dies nicht mit dem OriginalVideo belegt werden, reine Science-Fiktion... ...aber heilsam und "Rudi" würde zustimmend nicken?!

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Danke für Ihre Mitarbeit im Blog.

Egoistisch am meisten gelesen: