Michaelisches Wirken heute


Wolf-Ulrich Klünker skizziert eine zeitgenössische Verortung michalischer Wirksamkeit in seinem Büchlein "Anthroposophie als Ich-Berührung":

"An dem Berührungspunkt von Seele und Elementarprozess, von Astralleib und Ätherleib intensiviert sich der Zusammenhang von Erlebens- (Bewusstseins-) und Lebensvorgängen. In älteren Zeiten wirkte der Erzengel Michael in dem Naturgeschehen, das der Mensch erlebte und das ihn bildete. Michael wirkte auch in dem geistesgeschichtlich aufkommenden Naturgeschehen, das (bis hin zur neuzeitlichen Naturwissenschaft) ein Bewusstsein dieses Naturgeschehens herzustellen versuchte. In dem letzteren Wirken Michaels bestand auch sein Übergang in das individuelle Denken des Menschen. Im Menschen ist Michael also allmählich vom Naturerleben in das Denkerleben übergegangen, kulturell natürlich meist unerkannt. Für die Gegenwart stellt sich die Frage, ob Michael nicht bereits an der Schwelle steht, die den Übergang vom Denkerleben zu einem neuen seelisch- elementarischen Erleben bildet. Gemeint ist damit, dass Michael vielleicht dort anzutreffen ist, wo sich im Menschen der geistig verwandelte Erlebensprozess mit dem Lebensprozess verbindet." (S. 55)

In der Tat ist das michaelische Element immer eine Art Avantgarde der geistigen Entwicklung- Michael schreitet dort voran, wo die menschliche intellektuelle Entfaltung sich vollzieht, immer gerade einen Schritt voraus, geduldig, aber energisch und kühl nach vorne weisend. Er ist kein geistiges Wesen der Offenbarung, sondern eines, das man immer nur suchen kann. Er schenkt nichts anderes als das: Diese seine unverkennbare Gebärde des Nach-vorne-Weisens. Er ist aber daher leicht aufzufinden, weil er eben nur diesen einen Schritt voran geht, der in der jeweiligen Kulturepoche zu tun ist. War er einst derjenige, der Sternenweisheit in den Naturerscheinungen vermittelte, hat er in der naturwissenschaftlichen Ära auf die intellektuelle Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Menschen verwiesen.

Heute ist das Tor wieder offen zu einer neuen Naturerkenntnis, die aber keinen schwärmerischen Zugang vermitteln möchte, sondern eine neue, ganz sachliche Erweiterung, die - zunächst in meditativer Vertiefung- über die Fokussierung der Konzentration zu einer Erfahrung eines Denkens führt, das sich als nicht mehr gespiegelt erlebt, sondern als eingebunden fließend auf der Lebensebene. Dazu ist ein Wille erforderlich, der das Denken bis an einen Punkt führt, an dem es inhaltsleer aus sich selbst besteht. Am Rand dieses "reinen Denkens", in einem so geschaffenen freien inneren geistigen Raum schimmern Imaginationen auf- nicht unbedingt in bildhafter Art und Weise, sondern auch plastisch- gestaltend.

Inmitten eines solchen inneren Raums kann, wie eine Bestätigung dieser geistigen Bemühung, die Gestalt Michaels erscheinen. Zentral und eindeutig ist die ihm eigene Aufrichtigkeit, die in der Gestalt zu empfinden ist- souverän und aufrecht, deutend, in dieser Richtung fortzuschreiten. Kühl, knapp und sachlich ist seine Erscheinung- er, der Vertreter des sich entfaltenden Intellekts, der nun auffordert, jenseits aller Mystik kraftvoll voran zu gehen und das Denken individuell fort zu entwickeln, über das Nur-Persönliche hinaus. Er fordert eine neue Naturerkenntnis, die sich zuhause fühlt in den Lebensprozessen, die das Ökologische nicht nur als Etikett in sich trägt, sondern prozessual und systemisch beweglich wird.

Kommentare

  1. Der zitierte Text ganz unmichaelisch im üblichen anthroposophischen Jargon.
    Deine Erläuterung find ich eigenständiger und michaelischer

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  2. Dieser Jargon ist tatsächlich etwas, was ich gern vermeiden möchte. Ich denke, man kann auch darauf verzichten. Dennoch- auch wenn sich Klünker "traditionell-orthodox" ausdrückt, verbreitet er nach meiner Meinung keine Phrasen. Man kann aus seinen Texten einiges heraus holen.

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  3. "wie eine Bestätigung dieser geistigen Bemühung, die Gestalt Michaels erscheinen."

    Wie meinst Du das? Was "siehst" Du da?

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    1. Na, es ist eine Art Wegmarke, und man fühlt sich bestätigt, dass man mit seinen anfänglichen Bemühungen nicht völlig daneben liegt. Die Gebärde ist eine Aufforderung, zu beginnen oder fort zu fahren. Es ist ganz kühl und rational.

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    2. Die/eine "Gestalt" ist es demnach nicht und schon gar nicht die des "Michael", wer immer das auch sein mag, sondern gleicht eher dem Betreten eines klaren aufgeräumten Zustands(?) Belebtem Licht gleich(?)

      Aber kühl und rational?? Mir scheint es eher so, dass jenes Licht mein Denken klärt, weil es wegen des Lichts klarer sieht und daher treffender denkt. Ich kann mir kaum etwas "wärmeres" vorstellen als in jenem Lichte denken zu dürfen --- . Ich glaube "rational" und kühl sind Relikte aus der Schattenwelt, um ihr entrinnen zu können, so meint das vermeintlich Subjektive in mir, wo man wissensgesteuert tastend beschreibt, was man da so mehr oder weniger logistizierend "fühlt", um es sich dann selbst vorlegen zu können, scheinleuchtend gewissermassen.

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