Bei sich sein

Manche meinen immer, sie seien ganz und gar bei sich, stehen aber dann, wenn es darauf ankommt, in ihrem eigenen Regen, verstummen oder laufen blindlings davon. Manche sind sich sicher, laufen aber dann, wenn das Glöckchen läutet, dem erstbesten Rattenfänger nach, umnebelt von ihrer eigenen Selbstgewissheit. Ich selbst weiß von einem Mal, in dem ich sicherlich ganz bei mir war. Ich war Student, fuhr schnell auf der Autobahn, Überholspur, als hinten ein Reifen platzte. Sicher, es war ein Frontlenker, es gab eine Chance, aber es ist lange her, es war ein kleiner Wagen, und ich war keineswegs besonders erfahren. Aber im Augenblick der Todesnähe war ich ganz sicher, bremste nicht, machte den Warnblinker an, scherte sehr langsam, ausrollend nach rechts, während die Wagen hinter mir einen schützenden Korso bildeten und ebenfalls langsam ausbremsten. Erst rechts im Ausrollen bockte der Wagen, schlug aus, und stand dann still. Und erst nach dem Aussteigen wich die Sicherheit und Ruhe und mir flackerten die Knie. Aber ich war mir sicher, in diesem Augenblick nicht wie üblich vielfältig wie in einem gesplitterten Spiegel zerteilt zu sein- ich war ganz bei mir, ganz eins, ganz Gedanke.

Ein anderes Mal war ich wieder einmal darmkrank, in der Hitze des abendlichen Florenz. Ich hatte seit Tagen nichts Rechtes gegessen, es ging wie so oft im Süden nicht. Wir fuhren dennoch auf einen Hügel in die Kirche San Miniato, wo ein klassisches Orgelkonzert stattfand. Es war sehr unruhig in der Kirche, die Leute aßen sogar, Kinder rannten, manche sprachen während der Musik, die im übrigen nicht besonders ansprechend war. Ich ging in die Krypta ein paar Stufen herunter und spürte trotz oder wegen meines geschwächten Zustands eine innere Stärke, die das überstieg, was ich im Alltag gewohnt war. Unvermittelt, ohne Übergang und in größter Geistesgegenwart befand ich mich in einem rationalen, aber insofern ungewohnten Gespräch, da es rein innerlich war, aber wie mit einem lebendigen Gegenüber. Man kann sich an so etwas nicht erinnern, aber ich weiß, dass es ganz nüchtern um mein Leben ging, die einzuschlagenden Möglichkeiten, Abwege und Chancen, meine Eigenarten und Beschränkungen, aber auch Chancen. Es war eine lebhafte Diskussion, geführt in ähnlicher Dichte wie in der oben geschilderten Gefahrensituation.

Diese Dinge kann man natürlich nicht pressen, nicht eigentlich wollen oder hervor bringen. Aber im Kern geht es um diese Art vollkommener Präsenz in jeder meditativen Bemühung. Diese Ereignisse und Erlebnisse sind stets von höchster Rationalität. Es fehlt ihnen alles, was Lieschen unter Mystik oder Enlightenment verstehen mag. Man kann den Boden bereiten, dass es geschehe, natürlich. Kühlewind nannte das, den Blitz des Erkennens zur Dauer werden lassen, aber natürlich hat man während des Andauerns keinerlei Zeitgefühl. Man weiß nur, dass man ganz bei sich ist, dass man überhaupt "ganz" ist in diesem Augenblick, unzerteilt, in völliger Aufmerksamkeit, dass man real ist, dicht und zum Dialog fähig, im sanften Willen, der auch empfangend sein kann.

Kommentare

  1. das beisichsein, das sie beschreiben, ist mir nachvollziehbar, jedoch: ganz gedanke sein? hoffentlich nicht in dem sinne, dass ein gedanke das höchste sei, was es anzustreben gelte, oder?
    eine höchste rationalität, die empfinde ich ähnlich in solchen momenten. ein universum voller paradoxe wird zum logischsten, was sein kann.
    danke fürs teilen ihrer erfahrungen und mögen sie zulassen, dass der blitz des erkennens schon immer von dauer ist.

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  2. Lieber Michael,

    in diesen Geschichten, "bei sich" oder "ausser sich" ? :)

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  3. Ich verstehe, was Du meinst, Manfred. Aber außer mir bin ich eher (der Formulierung und dem Wortsinn nach), wenn ich einen Wutanfall habe, und das passt dann doch eher nicht.

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