Kormoran


Schönheit findet man immer nur am Rande, an der Kante des Verfalls. Es gibt ein Übersteigen in der Blüte, an der sie bricht. So brechen auch wir. Aber in diesem tiefen und unausweichlichen Augenblick, der unwiderruflich sein eigenes Vergehen ankündigt, stehen wir alle früher oder später. Vielleicht ist es eine ganze bestimmte, einzige Nacht, in der wir dahin, an den Rand der Dinge, kommen, und der Reife und dem Verfall ins Auge blicken können. Die Optionen verfallen, so wie sich Falten vertiefen- da besteht eine Korrelation. Der Mittelpunkt dieses einen Tages, dieser Nacht, Tief- und Höhepunkt zugleich.

Wenn man von hierhin weiter geht, kommt man ins Unbestimmte hinein. Man spürt das Pulsen des Blutes nicht mehr, hat aber die Taschen schwer vom Eisen, weil man sonst zerstieben könnte, in dieser antimonischen Luft. Man hat das Eisen in den Taschen, damit man nicht davon fliegt. Hier gibt es nur Bewegung und Verwandlung, in ununterbrochener Folge. Man lebt in einem weiten, unübersehbaren Atem, der einen erfüllt mit Gegenwart und wieder entläßt in Selbstgefühl. Man wird geatmet und entsteht in jedem Ausgeatmetwerden neu. Klarer, kühler Wind in zeitloser Präsenz.

Schönheit findet man auch dort, wo die Ränder überschritten sind. Die Blüte ist überstiegen, hier entfaltet sie sich neu, in Hingabe, in Andacht, in ihrem blauenden Sein. Hier gibt es kein Ende und nicht Unwiderrufliches. Es gibt nicht einmal Stillestehen. Die Tage sind verschmolzen und verschwunden- in der Kraft des reinen Seins haben sie keine Macht und keine Bedeutung. Die Nacht und ihr kühler Hauch haben dich mit sich genommen und jenseits der Klippen gehalten, als wärest du ein Kormoran, der in Auf- und Abwinden endlos streicht.

Kommentare

  1. "Schönheit findet man auch dort, wo die Ränder überschritten sind. Die Blüte ist überstiegen, hier entfaltet sie sich neu, in Hingabe, in Andacht, in ihrem blauenden Sein."

    Treffender und schöner kann man es nicht beschreiben...

    herzliche Grüße

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