Nur Grün


Nachdrücklich bleibt mir eine Kleinigkeit in Erinnerung. Wir fuhren im späten Zug, der langsam in Richtung Ostseeküste rollte. Ich stand mit einem jungen Mann am offenen Fenster, roch die nahende See und genoss den Anblick der verwandelten Vegetation, die anderen Farben, Arten und Wuchsformen. Ich rief etwas aus, wie schön das sei, und der junge Mann antwortete mir platt, er sehe "nur Grün." 

Gegenüber Musk und Literatur mag das ähnlich sein, mal sind es nur Töne, mal nur Worte. Woran mag es liegen, an mangelnder Kultur und Schulung, an gering ausgeprägten Hinterköpfen, an geistiger Faulheit, auf die Details zu achten und die Nuancen zu schätzen? An anhaltender Bereizung, Berieselung und informeller Überschwemmung?

Es liegt in allem eine Oberfläche und (nicht nur) eine Tiefe darunter. Man kann sich, wenn man selbst nur flach bleibt, ein Leben lang zwischen Oberflächen bewegen, ganz zweifellos. Eine etikettierte Welt. Es liegt eine Verzweiflung darin, die sich sogar als Lebensgenuß tarnen kann. Natürlich gibt es auch eine Etikette der Esoterik. In dem Augenblick, in dem Esoterik sinnstiftend wirken soll, wird sie funktional und stillt Bedürftigkeiten. Sie reiht sich dann ein in Angebote aus dem Wellness-Bereich und der seelischen Krücken - der ideologische Sack, der die Welt grün und stimmig macht. Für jeden korrupten Topf gibt es einen eben solchen Deckel, und es ist recht einerlei, womit er daher kommt, um das Bedürfnis zu stillen: Christus, Engel, Boddhisattvas, sie alle können dazu herhalten, den Topf schön geschlossen zu halten.

Die Kultur der Empfindung, die zarte Entfaltung des Geistes, die kritische Selbstdistanzierung- sie alle sind unter diesen Deckeln nicht zu finden.

Kommentare

  1. ... was da einem fehlt, dafür ist die Anthroposophie ja angetreten, den eigenen inneren "Boden" durch aktivierenden Geist "umgraben". Wenn man nichts "tut", dann geschieht auch nichts, wenn nichts so geschieht dann trocknet man aus und verkommt zur Müllkippe der Unterhaltungsindustrie, wie der Name schon sagt, Unter-Haltung---. Aber nicht nur durch RTL & Co. sondern auch, wenn man zu viel liest, z.B. :-)

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  2. "wenn man zu viel liest, z.B. :-)"
    hängt wohl davon ab, ob und wie das Lesen verarbeitet?! Ein "zu viel" so gibt es nicht, erst dann wird es "zu viel", wenn einseitig. Hängt aber auch davon ab, mit welchem Bildungsziel auf die Erde gekommen. Es gab eine Zeit, da las ich neben Steiner gezielt Wildwest-Romane, später auch Science-Fiktion Hefte. Sie hatten jeweils ihren eigenen Reiz und auch Kraft-Quelle. Eine gewisse Gerechtigkeit hier, die Neugierde der Zukunft dort. Sogar bei RTL finden sich "Perlen", wiewohl auch "Domian-Konsum" kann "zu viel" werden, sogar Rudolf-Steiners Werke sind aus einem gewissen Blickwinkel eine "Müllkippe der Geschichte". Kostprobe: einst werden die Menschen geschriebene Hefte finden, in der Erde, so wie die ägyptischen Hieroglyphen gefunden wurden und die Menschen werden erst nicht wissen, was das Geschriebene ist. Das passt zur "Science-Fiktion" von Steiner, Menschen werden Apparate erfinden, darüber das Schreiben-Können verlieren. Diese "Science-Fiktion", wir sind bereits Zeugen dieses Werdens. Kommt beim Schreiben, der neue oberste Glaubenswächter Roms schwächt frühere Dogmen ab, da die "Wandlung" von Brot und Wein nicht "Fleisch" und "Blut" im sinnlichen Sinne bedeutet. Vielleicht gibt es nur eine Sünde, das Stehenbleiben und auch das lässt sich nicht durchhalten, nicht durch Inkarnationen.... . Nun wollen die Juden in Berlin sich treffen, um sich zu beratschlagen. Die Justizministerin weist den Weg nach Karlsruhe - ist das Höchste Gericht tatsächlich der Ersatzort, für eigenverantwortetes Erkennen, Entscheiden und Handeln?!
    Kommt mir beim Lesen des Textes von Michael, es gibt ein denkerisches Erfassen, das gibt es nur beim Zugfahren, beim Fliegen ganz anders. Wahrscheinlich hat Steiner Recht, der einzige Schlüssel zum Leben ist "Dankbarbkeit" (stellt sich auch beim Zugfahren ein, zur Welt).

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  3. Lieber Ernst, das, was Michael da oben so schön angedeutet hat, meinst Du dass das lediglich die Früchte des/eines Lesens sind? Gibt es eine "Welt" jenseits des Lesens, oder, warum und wofür liest man (in sich) und wie will und müsste jener Bereich betätigt sein, nachdem gelesene Inhalte dort eingeflossen sind? Obgleich das, was Michael da oben beschreibt, vielleicht sogar auch ein "Lesen" wäre(?), womöglich sogar DAS LESEN(?)

    Ich denke, es gibt sowohl primäres als auch sekundäres Lesen. Und das sekundäre wird, ob man es nun bemerkt oder nicht, ab einem bestimmten "Punkt", zu viel des vermeintlich Guten. Dort, wo es "zu viel" wird keimen die wirklichen Fragen und DIE sollte man lesen lernen. Und würde man an jenem Punkte wieder sich Bücher zur Hand nehmen, kommt man aus der zweiten Reihe nicht heraus bzw. man zweifelt an seinem WAHR-nehmungs-VERMÖGEN. Dies zu schulen geht schwerlich durch ((un)menschliches) Lesen.

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  4. Provokation und Anspielungen finden immer ihre ureigenen Kanäle ;) Zur Erinnerung: Auch Anthroposophen sind keine Götter. Hochmut und Dummheit kommen vor dem Fall.

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  5. Lieber manroe,
    früher gab es ja nur den mündlichen Unterricht, von Lehrer zu Schüler. Die Upanishaden zu lesen, da staunt der gegenwärtige Mensch, die Verbundenheit mit einem Geistigen und doch sei das nur schwacher Abglanz, dieses Schrifttum zu dem früheren inneren Erleben, so Steiner. So ist Lesen, ob primär oder sekundär wie ein Herantasten, damit das Ich das Wir im Geiste wieder findet. Hatte an anderer Stelle vom Ableben des Schwiegervaters erzählt. Ein gewisses Miterleben seiner Rückschau, es betraf Sequenzen seiner Verwandten, führt zur Erkenntnis, wie die Schwelle zwischen dem sog. Jenseitigen und Diesseitigen dünner wird, damit auch "Religion" als "Gelesenes Wort", als Bibel, als Koran in Frage sich stellt, oder wie ein Steiner-Zitat kürzlich hier, das zukünftige religiöse Erleben sich nicht aus Tradition erschöpft. "Lesen" erweitert sich, oder wie eine Dame, welche beim Fernsehen gleich tiefere Zusammenhänge der Personen miterlebt. Phantasie als Vorstufe umfassenden Miterlebens. Ein Professor schrieb in einem Leserbrief zur Beschn.-Frage, Deutschland sei eben auch Vorreiter für die Welt im Rechtsleben. Das macht das Lesen spannend, dieses Verwobensein, dieses Erkennen und Voranschreiten. Vielleicht steht es um die Geisteswissenschaft (nicht AAG) besser, als es scheint.... .

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    1. Zum Thema Upanishaden nachgereicht zwei links (bin inzwischen auch Kindle-Benützer und kann mich nicht zurückhalten):

      http://www.pushpak.de

      http://archive.org/details/sechzigupanishad00deusuoft

      Viel Vergnügen beim Lesen!

      Herzlichst,
      Alexander

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  6. Sehr schöne Geschichte, Michael :-)

    Gegen Ende deines Textes allerdings, da wo du die 'Esoterik' ins Spiel bringst - wie Christus(suche), Engel und Boddhisattvas sowie Wellness, da gehe ich allerdings vorsichtiger vor in der Wahrnehmung bzw. Beurteilung.
    Wellness z.B. ist doch ansich überhaupt nichts Schlechtes, da steckt ja schon das Wort - Schönheit - drin.

    Firmen wie Weleda und andere, werben ja auch mit sehr guten Natur -und sogen. Wellnessprodukten ... Steckt hinter Wellness nicht auch ein großes Bedürfnis nach Schönheit, nach Ruhe und Duft? - in einer überaus hektischen und grauen Technozeit? Ich finde schon ...

    Naja und das mit dem Hinterkopf, keine Ahnung ... man sollte vielleicht nicht allzu streng mit den Mitmenschen sein, vielleicht hat der junge Mann im Zug irgendwann doch einen Blick, eine Empfindung für die schöne Umgebung bekommen. Vielleicht wollte er ja gerade deswegen dort an der Ostsee Urlaub machen und es kam später ... Oder es passierte nach ganz bestimmten Erlebnissen, mit ganz anderen Menschen (vielleicht verliebte er sich ja später gar und die Romantik brach dann sein Herz auf und öffnete seine Augen ;-))

    Herzliche Grüße!

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  7. Kleiner Nachtrag noch :-)

    Hatte zufällig bevor ich deine Geschichte hier las, ein kleines Liedchen von Yusuf-Islam (Cat Stevens) veröffentlicht, passt vielleicht ganz gut zu dem Thema (auch wenn er darin SEINEN Propheten besingt, daraus schöpft etc. ... - allegorisch oder interreligiös gesehen, kann man das auch anders empfinden, wie jeder halt mag:

    I Look, I See

    I look, I look, I look, I see
    I see a world of beauty
    I touch, I touch, I touch, I feel
    I feel a world around so real ... usw.

    http://waldquell.blogspot.de/2012/07/i-look-i-see-cat-stevens-yusuf-islam.html

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