Die Kräfte der Gesundung

Als ich mit sieben oder acht Jahren einmal vom Fahrrad fiel, zog ich mir eine lange Schürfwunde an Hüfte und Oberschenkel zu. Nach Schock und Schmerzen, heißer Milch und Bettruhe erlebte ich als Kind an den folgenden Tagen ein eigenartiges Wohlgefühl- der Gesundungsprozess, das Heilwerden an sich war zu verspüren, wie ein Zurückfallen in eine warme Welle, die gegen die rechte Körperseite anbrandete. Es war etwas Häusliches, etwas, das mit Ganzwerden und einer Kraft zusammenhing, der man sich fast gläubig zuwenden konnte, halbbewusst, träumerisch. Im Inneren der Sache schien es mir wie ein tätiger Schwarm Bienen zu sein, ein tätiges warmes, bebendes Lebendigsein, das mich hütete und heilte.

Nun geht mit dem Erwachsen- und Älterwerden nicht nur die träumerische Wahrnehmung zurück, vertrocknet und verebbt, sondern auch das Heilwerden an sich; der Erwachsene braucht sehr viel länger für den Prozess der Wundheilung. Dafür haben sich diese Kräfte ja metamorphosiert und sind zu Erinnerungs-, Gestaltungs-, Urteilskraft geworden. Die heilende Seite daran ist schlichtweg aus dem Fokus geraten, quasi aufgegangen in intellektuelle Fähigkeiten. Aber im meditativen Prozess kann auch der Erwachsene daran wieder anknüpfen, wenn er über sein Nur-Persönliches hinaus kommt und an den Quellgrund des Denkens, Wollens und Empfindens gelangt. In der tiefen Stille der inneren Mitternacht kommen sie aus der Peripherie der Wahrnehmung wieder heran, die wellenden, quellenden, heilenden Kräfte. Ihre Dynamik hat sich nicht verändert, aber sie wenden sich mehr an das Bewusstsein, nicht mehr an den Körper. Sie schimmern in farbiger Impulsivität und einer ihnen eigenen, sich selbst anstossenden Dynamik am Rand des Wahrnehmungsfeldes auf und dringen nach innen wie Kometen, die von der Sonne angezogen werden.

Die Gesundung ist uns nicht genommen, sie hat sich nur verlagert. Sie wartet, dort, jenseits der Räumlichkeit und Zeit, um uns zu widerfahren.

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