Michaeli

Gut, das ist vielleicht eine Macke. Die Kinder derer, die noch ihre Traumata im Krieg und Nationalsozialismus abbekommen, die unter der erstickenden Gewalt der Wirtschaftswunder und Kalten Kriege gelebt und sich von daher früh - egal, was es kostet- der "Authentizität" verschrieben haben, mögen keine "Führerpersönlichkeiten"- schon gar nicht in spirituellen Belangen. Vielleicht sind die Heutigen da einfach etwas weniger belastet.

Aber es kommt noch dazu, dass es sehr früh etwas im inneren Raum gab, etwas wie eine ahnende Begegnung, wie ein stummes Versprechen. Es kam so früh, so stark und so aus ganzem Herzen, dass es wie ein Teil der Person erscheinen muss- etwas, was man mitgebracht hat und das eine innere Richtschnur gibt. Manche haben es in gefährlichen Situationen erlebt, manche geschwächt, in einer Gesundheits- oder Lebenskrise, vor allem im Übergang ins so genannte Erwachsenenalter. Manche sehen sich seitdem ohne jede Sentimentalität auf einem rosenkreuzerischen Weg, der das Versprechen der kühlen Suche nach der inneren Wahrheit, dem geistigen Erleben beinhaltet. Weder Gurus noch der Mainstream spiritueller Bewegungen rütteln an dieser inneren Orientierung. Ehrlich gesagt sucht man sich das, was man braucht, aus den Bruchstücken zusammen, findet sich aber nie wirklich in irgend einer Art von Community wieder. Man folgt eisern der inneren Spur und sondert die Sonderbarkeiten, die exzentrischen und ambitionierten Angebote heraus, die man so vorfindet. Vor allem geht man der Spur im Alltag und gegenüber der eigenen Person nach und erleidet eigentlich eine Niederlage nach der anderen. Die Selbstoffenbarungen, die man erlebt, sind meist ebenso desillusionierend wie die vorgefundene organisierte Spiritualität, die meist korrupt und selbstbezogen daher kommt.

Ein Sinn, eine Website zu diesem Thema zu machen, ergibt sich darin, Personen mit ähnlichen Interessen und in ähnlicher Lage zu finden. Diese individuellen Zugänge, die sich vor allem Künstler geschaffen haben, die konzentrierte und zugleich loslassende Präsenz, die ein Denken-in-Kraft und ein Fühlen-über-sich-hinaus erzeugen, kann man entdecken. Die, die ein Anliegen haben, die nicht mehr suchen, nicht mehr über etwas sprechen, sondern aus der Kraft heraus agieren, können den gemeinsamen, höchst individualisierten und zugleich universellen Impuls gegenseitig schauen, finden, sich darüber freuen. Die Worte sind nur ein Vehikel, um zu den verborgenen Quellen durch zu dringen, wenn man denn weiß:

"Aber in Worten zu denken ist kein Weg zu Michael. Zu Michael kommt man nur, wenn man durch die Worte hindurch zu wahren inneren Geist- Erlebnissen kommt; wenn man nicht an den Worten hängt, sondern zu wahren inneren Geist- Erlebnissen kommt. Das ist ja in der Tat das Geheimnis der modernen Einweihung: über die Worte hinaus zu kommen zum Erleben des Geistigen."

(Rudolf Steiner, Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung, GA 233a)

Kommentare

  1. Lieber Michael,
    das Zitat oben ist eigentlich nicht aus GA 233, sondern aus GA 233a "Mysterienstätten des Mittelalters, Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip", es ist der 6. Vortrag vom 13. Jan. 1924
    Der Vortrag ist nämlich nicht hier zu finden:
    http://wiki.anthroposophie.net/GA_233
    sondern hier:
    http://wiki.anthroposophie.net/GA_233a
    (unter I.)

    Gruß
    Wolfgang

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  2. Lieber Michael

    zuerst einmal, Du sprichst mir mit Deinem Blog-Eintrag voll aus dem Herzen.
    Du folgst „eisern“ Deiner inneren Spur, gibst Deinem stillen Versprechen fortlaufend eine immer tiefere Gestalt, nimmst präsent wahr, was um Dich geschieht, ohne Dich in Oberflächlichkeiten des Mainstream zu verhaken. An diesem Deinen Bemühen erlebend teilhaben zu dürfen ist schön und beflügelt das eigene Tun.
    Nun ist Dein Blog, jedenfalls bisher, nicht unbedingt ein Raum, in dem Versuche künstlerischen Ausdrucks so ohne weiteres einen Platz finden konnten, bzw. ein tieferes Lauschen zu evozieren vermögen, dennoch will ich vor dem Hintergrund Deines Sagens einen Versuch in dieser Richtung wagen. Vielleicht vermagst Du beim Lauschen in den Strom hinter die Worte hinein ein stilles Versprechen wahrzunehmen, das anders als Deines, mit diesem aber doch zusammenklingen könnte.

    Aufwärts

    In stiller Einkehr
    ein Leuchten in mir,
    beflügelt mich
    das Blau des Himmels.


    Fest geankert in mir
    trägt mich mein Blick
    in nicht geahnte Höhen,
    fängt ein den Sphärenklang
    leisen Rufens.


    Lässt unter meinen Füssen
    Wirklichkeit werden,
    was erlebend
    mein Herz umweht,
    mir zuflüstert
    tatkräftig
    ihm die Hand zu reichen!


    Des Werdens Macht
    liegt im Hier und Jetzt -
    die Sehnsucht
    ist der Atem des Schaffens,
    der im Tun seine Form findet.

    © Bernhard Albrecht, 13.09.2012

    Wenn „die Worte nur ein Vehikel sind, um zu den verborgenen Quellen durch zu dringen,“ wenn das noch tiefer zielführend für eine neu zu schaffende Webseite ... werden sollte, dann würde mich das sehr, sehr freuen.
    Ich grüsse Dich mit tiefem Respekt vor Deinen Worten,

    Bernhard Albrecht

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