Schichten der Erinnerung

Bestimmte sich stetig wiederholende Erfahrungen können auch für einen simplen Anthroposophen wie mich - keinen Karma-Forscher- durchaus erhellend sein. Es gibt Muster von menschlichen Begegnungen im Leben, die zu einer bestimmten Zeit und Kultur hohe Affinität zueinander haben. Ich habe im Bekannten- und Freundeskreis sowohl Beziehungen gepflegt zu Menschen mit einer scheuen Frömmigkeit, die heute nicht mehr religiös auftritt, sondern als besondere Gründlichkeit, einem natürlichen Anstand, einer Art, Dinge sehr zu pflegen, aber ungern über im engeren Sinne moralische und religiöse Angelegenheiten zu sprechen. Ebenso gab und gibt es eine starke Gruppe, die ein starkes Unbehagen gegen religiöse Riten überhaupt, aber insbesondere gegen das Christentum in seinen Formen bewegt- ein Dauerthema, das wieder und wieder von den gemeinten Personen behandelt, besprochen, betont werden muss.

Beruflich war ich über dreissig Jahre stark beschäftigt mit Begegnungen mit Familien aus allen kulturellen und religiösen Schattierungen des Islam. Ich hatte die große Freude, auch hoch begabte, manchmal schwierige Schüler aus islamischen Kulturen fördern zu dürfen. Nicht selten habe ich mit ihnen gerade die religiösen und traditionellen Seiten besprochen, aber auch die moderne Staatsform in der Türkei behandelt. Mit ihrer geschichtlicher Unkenntnis konnte man sie an der Ehre packen, sie eventuell aus einer trotzigen Verweigerungshaltung heraus holen.

Einige sprachen früh vom Wunsch, religiöse Lehrer werden zu wollen. Manche entstammten vom Denken und Selbstgefühl eher der Nahtstelle zwischen Ost und West, der Ecke des alten Konstantinopel, Andere tief verborgenen Richtungen aus den Gebirgen des Iran. Einige wiesen ganz extreme Intelligenzquotienten auf. Alle einte die Freude, mit einem christlichen Lehrer über Aspekte des Islam zu sprechen, alle nahmen das mit der gesamten Familie mehr als wohlwollend auf. Mir war es so, als könnte ich etwas von der Gastfreundschaft zurück geben, von einer gemeinsamen Offenheit, die zwischen uns das eigentlich Vertraute war. Die hohe Bildung und eine gewisse eingeborene Kultiviertheit, die ich in diesen Schülern erlebte, machte es allerdings auch leicht.
Peinlich war eher die Voreingenommenheit einiger Kollegen, die diese mitschwingenden Fähigkeit nicht achteten. Ich war froh, einen hoch begabten, extrem zerrissenen Schüler durch die von mir hergestellte Verbindung zur Geschichte seiner Familie und seiner religiösen Gemeinschaft überhaupt zum Lernen bringen, um hoffentlich in der Folge auch sein Potential ausschöpfen zu können.

Von meiner Empfindung her hatte ich in all diesen und ähnlichen Konstellationen das Gefühl, eine Art Bringeschuld zu haben- so etwa wie eben eine erwiesene vergangene Gastfreundschaft und Toleranz endlich erwidern zu dürfen und dadurch "karmisch" passend zu handeln. Aber das ist natürlich keine Motivation, sondern ein leise mitschwingendes Gefühl. Ich selber empfand in mir übrigens diese natürliche Kultiviertheit und latente Intelligenz nicht. Die Kreuzzüge lassen grüßen.

Im Übrigen ist das ein Beispiel für viele kulturelle Schichten im eigenen Lebenslauf. Es gibt da auch ganz andere Affinitäten, wenn man aufmerksam wird. Aber es gibt auch blinde Bereiche. Ein eingeweihter Lehrer, den ich mal kannte, erzählte mir z.B. von einer Inkarnation von mir in einer heute völlig vergessenen, sehr spezifischen Kultur, von der es keinerlei Kulturzeugnisse gibt, auch wenn man gerade in den letzten Jahren einige Skelette, Dorfüberreste und spezielle Pfeilspitzen gefunden hat. Da kann man dann wenig zuordnen, wenig Bezüge herstellen, obgleich es eine seelische Schicht gibt, die davon einen gewissen Widerhall gibt. Diese Dinge darf man insgesamt natürlich nicht pressen. Aber da wir das Thema hier im Blog gerade haben, wollte ich einmal schildern, wie ich damit umgehe.

Kommentare

  1. Da Jostein mich im anderen Thread angesprochen hatte; ich kenne zwei seiner Bücher, das große Karmabuch und eines, das mehr eine Fülle von meditativen Methoden darlegt. Das letzte Buch (ich glaube, über China) kenne ich noch nicht. Von mir aus genieße ich besonders Josteins Schilderungen aus sehr alten Zeiten, d.h. Atlantis. Ich Schätze es aber sehr, dass er so weitblickend Methodisches auch behandelt, die Details aus alten Kulturen haben dagegen besondere Poesie.

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  2. Mein letzter Beitrag in anderem „Leiter“, zu dem du hinweist, ist leider noch nicht erschienen. Kannst du ihn einfädeln? Meine publizierten Bücher sind:
    1. http://tinyurl.com/8gp5xfw
    2. http://tinyurl.com/8r5txwx
    3. http://tinyurl.com/8gmnpzl

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  3. Vorhin bin ich im Netz auf die schöne Besprechung gestoßen, die Michael über eines von Josteins Büchern geschrieben hat. Vielen Dank auch dafür! (Der darin angegebene link zur Besprechung eines weiteren Buches funktioniert leider nicht.)

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  4. Ich muss übrigens die Prüfung der Kommentare beibehalten, weil tägl. Mehrfach Werbe- Spam hier abgelegt wird, sehr raffiniert, weil jedes Mal mit neuem Text und von daher nicht automatisch abzufangen.

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