Spaciousness

In seiner Autobiografie "Luminous Night´s Journey" - nicht eigentlich einer Autobiografie, sondern Abfolge einer fortlaufenden Initiation - beschreibt A. H. Almaas den ersten Schritt auf dem, was er den "Kristallweg" nennt. Er schildert, wie er sich nach einem anstrengenden Tag als Dozent ausruht und unversehens in einen Überblick über das gerät, was er tagsüber gesehen, getan, empfunden hat- eine Zeugenschaft des Geistes, der sich nun erlebt in einer "spaciousness": "Consciousness manifests as empty, transparent space, light and clean."

Über die Erfahrung dieser "Raumlosigkeit" schreibt Almaas: "In this spaciousness my own thoughts and feelings appear: a constellation of thoughts and subtle feelings, all related to images and impressions about my identity, about who I am." Die Selbsterfahrung - Selbstkonfrontation -, das spezifische Wesen, das man im Spiegel erblickt, nennt Almaas ein "psychic cluster":

"This psychic cluster, like a cloud in the spaciousness of mind, provides the mind with the familiar feeling of identity, an identity totally dependent on memories of my past experience." In diesem Augenblick, in dem man in die Strickmuster der eigenen Identität vordringt, ist man zugleich frei davon: Denn man erlebt sich als der, der auf das Gewordene schaut, der aktiv und damit präsent ist. Und somit erlebt man auch das "Das-bin-ich-nicht":

"Contemplating the totality of the cluster, without taking an inner position about it, I recognize that this is a mental phenomenon. On seeing this, I become distinctly aware that this is external to me. The feeling- recognition is: "this is not me."

Almaas schildert damit die erste Selbsterfahrung, auf Seite 1 seiner Autobiografie- diejenige, die aus der Begegnung mit sich selbst entspringt. Er geht darauf zu schon aus einer meditativen Haltung heraus- es handelt sich um die essentielle Erfahrung am Anfang einer Initiation nach dem 20. Jahrhundert. Es handelt sich um das reale "reine Denken", allerdings um eine spirituelle Dimension erweitert. Es ist dies der erste Schritt in einem Schulungsbuch mit 14 Stufen.

Selbstverständlich kann diese Erfahrung auch auf andere Art und Weise gemacht werden. Es kann ein Platz sein, an dem man viele Menschen Kommen und Gehen sieht, vielleicht ein Flugplatz oder ein Bahnhof. Plötzlich sieht man die Dinge in verwandeltem Licht: Man sieht, dass da ein sich entspinnendes Schicksal neben dem anderen geht, jedes ein Kosmos von Erzählungen, Erinnerungen, Schmerzen. Das eigene Selbstgefühl relativiert sich in dieser gleichzeitig aufgenommenen unendlichen Vielfältigkeit- man fühlt sich wie zurück tretend aus dem nur- Persönlichen. Avalokiteshvara. Man spürt die Güte, die jedes dieser vielen Schicksale - auch meines- begleitet.

Kommentare

  1. Sensationell, von der gewaltigen Sternenwelt mit den Konstellationen bis herab zum Bahnhof mitten im Leben.
    Ich liebe Bahnhöfe! Wenn man kein Auto hat hängt man vielleicht nochmal soviel daran. So ein Bahnhof ist ganz individuell wie die Stadt oder der Ort wo er steht, klein oder groß, glamourös oder ganz einfach. Aber du bleibst selten lange dort, selten länger als eine Stunde. Aber die Schienen führen wirklich überall hin, in die ganze Welt, und dahin fahren auch die Fahrgäste...

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  2. Ich muss gestehen, dass ich etwas neidisch bin auf Deine guten Englischkenntnisse und damit verbunden auf die Möglichkeit, die nicht übersetzten Almaas-Bücher lesen zu können. Es ist erstaunlich, wie breitgefächert sein Wissen ist, z.B. gibt es neben den vornehmlich "spirituellen" (auf deutsch vorliegenden) Büchern auch noch einige mit explizit psychologischen Themen wie z.B. Narzißmus, ("Pearl beyond prize" und "Point of existence") - auf deutsch erschienen ist übrigends auch "the void" ("Die Leere") über Objektbeziehungstheorien, leider nur noch sehr teuer bei Amazon. Ich lese gerade sein Buch über das Enneagramm, "Facetten der Einheit" (Sehr empfehlenswert sind auch die beiden Enneagrammbücher von einer Schülerin von ihm, Sandra Maitri).

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  3. "Luminous" ist nicht sehr schwer zu lesen, da es konkrete Erlebnisse wiedergibt, keine theoretischen Erörterungen. Es ist sehr aufschlussreich, wie sich A. über die Jahre und Jahrzehnte entwickelt hat. Wie kulturelle Besonderheiten eine Rolle spielen, z.B. Das "Wohlverhalten" in einer islamischen Umgebung. Er hat trotz erheblicher Fortschritte Störungen in sich, die er letztlich erst auflösen kann, als er bemerkt, dass er schwer spontan und authentisch handeln kann, dass er sich dabei schlecht und schuldig fühlt. Seine Imaginationen hat er vor allem in Gestalt von Metallen und Gesteinen. Er ist ja Physiker, aber sein Interesse lag stark bei der Entwicklungspsychologie. Das hat ihn stark geprägt. Außerdem hat er eine starke buddhistische Schulung, geht aber ( was ich soo sehr Schätze) nach einer inneren Logik vor, die sich aus der Entwicklung selbst ergibt. Für mich ist er ein Wunder, weil ich immer wieder etwas auf eine eigene Art bei ihm wiederfinde, was mich auf andere Art selbst lange beschäftigt. "Ach, das meint er!" Ein echter Schatz. Danke Für die Literaturhinweise!

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  4. In der Bücherei habe ich, wenn neue LeserInnen kamen, immer dünne Bücher empfohlen. Explizit. Sie müssen dennoch am besten gleich die allgemein übliche gute Qualität haben, damit der neue Leserkreis auch angesprochen wird, und am Ball bleibt.
    Übrigens, das Netz finde ich auch deshalb gut, weil man sich besser aussprechen kann als anderswo. Man kann einen Post fertig schreiben, und wird nicht mittendrin unterbrochen, was im richtigen Leben oft die Aussage verzerrt. Wenn jemand schneller ist als man selbst kann es höchstens sein, dass der eher zum Zug kommt, aber das ist ja keine Störung, und die Leser sehen die tatsächliche Aussage dennoch im Ganzen. Nur geblockt kann man werden.

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