Wo wir uns selbst nicht genügen (aus einem Brief)

Das geht, glaube ich, allen so, die wir am Schulungsweg arbeiten, dass wir gelegentlich ein schlechtes Gewissen und schlechte Gefühle über uns haben. Ich glaube, es liegt auch daran, dass wir uns recht scharf selbst anschauen. Man zieht sich ja ein Stück aus dem Persönlichkeitsgefüge heraus, schaut sich an, und sieht dann, an welchen Stellen es nicht voran geht, moralisch "bedenklich" ist, wo wir Schwächen haben, usw. Wo wir uns selbst nicht genügen.

Aber das gehört eben zum Schulungsweg, wie ich ihn verstehe, auch dazu. Vielleicht ist es sogar am Anfang der wichtigste Teil: Sich selbst objektiv anschauen zu lernen. Es ist schwieriger, als man glaubt, da sich gerade in den uns liebsten Bereichen unserer Persönlichkeit- dem Sakrosankten in uns- die größten Widersprüche und Probleme befinden. Direkt dahinter, am Schorf der Wunde, finden wir das, was Eckhart Tolle den "Schmerzkörper" nennt. Es ist das, an das wir nicht recht heran wollen, was wir mit Mühe in Jahren zu verschleiern gelernt haben, um nur nicht daran zu rühren.

In mancher Hinsicht wird es eher schlimmer, wenn sich die Wesensglieder verselbständigen. Man hat, gerade durch den Schulungsweg, manche Bereiche zu Zeiten kaum noch unter Kontrolle. Es geht ein rivchtiger Riss durch einen selbst hindurch, Gefühle und Impulse kommen und gehen.. Wenn man dem zu sehr nach gibt, kommt man auf ganz falsche Abwege. Vielleicht verlieben wir uns höchst unpassend, vielleicht wechseln wir unbesonnen die Stelle, vielleicht werden wir immer engstirniger und beharrlicher bei bestimmten Themen. Vielleicht stülpt sich das Thema regelrecht über uns und nimmt uns in Beschlag.

Vielleicht sieht man auch Andere zu scharf, zu genau, zu kritisch, vielleicht steigen auch die Ansprüche an Andere und an sich selbst über das hinaus, was man momentan schafft. Aber man kann sich auf den unbestechlichen Beobachter auch verlassen; man kann auf ihn bauen. In manchen Momenten, wenn man mit sich zur Ruhe kommt, spürt man die Kraft, die schaut und damit frei ist. Man muss sich nur wie Maria Magdalena umdrehen und auf das schauen, was schaut, nicht auf das, was geschaut wird und was vielleicht schwach und problematisch ist.

Das Harmonisieren gelingt erst nach und nach; wenn es gelingt, den "Zeugen" als dauerhafte Kraft im eigenen Rücken zu spüren (oder vor der Stirn). Aber es kommen immer noch und immer weiter eigene seelische Schichten zutage, die einem eher peinlich sind. Wenn man das ganze eigene Ungenügen richtig und voll erlebt, dann lernt man erst die Sehnsucht nach der Gnade kennen. Der christliche Weg ist so. Es ist lange Zeit ein bitteres Los, diese Relativität des eigenen Egos kennen zu lernen; zu begreifen, dass die Persönlichkeitsstruktur ein Konstrukt ist. Aber, wie gesagt, man bemerkt nur nicht, wie dabei auch die Kraft wächst, die aber nicht mehr aus den geborenen Kräften stammt, sondern ganz aus der Aktualität des Geistes.

Kommentare

  1. Bitte, was bedeutet: sich unpassend zu verlieben?

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    1. Eine sich irgendwie ausserirdisch anfühlende, jedoch nicht unpassende Vorstellung!
      Also?

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    2. Du möchtest von einem Außerirdischen entführt werden?

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  2. ... und der "Schmerzkörper", traut man sich ihn zu berühren, beginnt zu lächeln dann, mit Tränen fast in seinen Augen, Tränen der Rührung und Freude darüber endlich - ein wenig zwar erst zunächst - aber dann doch ein wahrhaftiges JA zu sich Selbst geschaut zu haben, eine erste Versöhnungsgeste, ein Weichen dieser verdunkelnden Furcht, ein erstes Regen in die ganz andere "Richtung", die neue(?) oder doch die ewige?, DER Schritt in die Befreiung durch zulassende Annahme. Wie ein Schritt durch eine Wand, die gar nicht ist, berührt man sie.

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  3. Visitenkarte aus dem Kosmos:

    http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a26581/l0/l0/F.html#featuredEntry

    Viel Glück!


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    1. Liebe Freudean, ja, immer wieder schön, diese kleinen Außerirdischen ;-)

      Erinnert mich gerade an die Eiskristall-Forschungen und Bilder des jap. Wissenschaftlers Masaru Emoto:

      http://www.wasser-symposium.ch/galerie/emoto.html

      lg - Steffen

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